Dienstag, Oktober 27, 2020
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Tägliche Meldungen 2019

Dezember 2019
Umwelt
Gesundheit
Gesellschaft
Umwelt
26.12.2019 Hochschule Flensburg forscht an Veredelung von Gärprodukten für die Landwirtschaft 
19.12.2019 Umwelt überwachen und schützen: THGA-Technik gewinnt internationale Challenge 
17.12.2019 Nur wer die Meere kennt, kann nachhaltig mit ihnen umgehen 
15.12.2019 2,5 Millionen Euro für Forschungsverbund „Gute Küste Niedersachsen“ 
13.12.2019 Jade Hochschule untersucht den Umgang mit Hochwasserrisiken im Nordseeraum 
10.12.2019 Wie sich in Europa die Wasserqualität verbessern lässt / Policy Briefs bieten Handlungsempfehlungen 
07.12.2019 Eine Millionen Euro und revolutionäre Filter für mehr Umweltschutz 
05.12.2019 Grüngut? Doppelt gut fürs Klima! 
03.12.2019 Ein neues Puzzleteil im globalen Kohlenstoffzyklus 
02.12.2019 Ostsee am Scheideweg? Zukunftsszenarien zum kombinierten Effekt von Klimawandel und Nährstoffbelastung 
Gesundheit
31.12.2019 Wenn der Rücken vom vielen Sitzen schmerzt 
30.12.2019 Herzgesundheit:Cholesterin senken reicht nicht 
27.12.2019 Apps verbessern Ernährungsverhalten und die Gesundheit 
24.12.2019 Erfolgreich abnehmen – eine Typfrage: Auf energiereduzierte Mischkost setzen oder eher Kohlenhydrate einschränken? 
22.12.2019 Immer mehr Menschen sind wegen Schimmelpilzgiften in Lebensmitteln besorgt 
20.12.2019 Bewegung schützt vor Diabetes – aber wie? 
18.12.2019 Fettstoffwechsel und Diabetes: Im Takt der inneren Uhr 
14.12.2019 Jeder fünfte Beschäftigte hat zu kurze Ruhezeiten 
12.12.2019 Geschirr aus „Bambusware“ nicht für heiße Getränke oder Speisen nutzen 
11.12.2019 AWMF-Arbeitskreis diskutiert über Masernimpfpflicht und mahnt Schließung der Impflücken bei Erwachsenen an 
09.12.2019 „Zu viele sterben zu jung“ – Start der Kampagne „Kenne Dein Risiko“ 
08.12.2019 Darmkrebs-Früherkennung: Wie lange warten bis zur zweiten Darmspiegelung? 
06.12.2019 Warum Beta-Blocker Hautentzündungen verursachen 
04.12.2019 Gesellschaftlicher Lebensstil als Ursache für Adipositas bei Kindern | Neue S3-Leitlinie fordert präventive Maßnahmen 
01.12.2019 Haben Fußballprofis ein erhöhtes Demenzrisiko? 
Gesellschaft
29.12.2019 Wie ein Elfmeterschießen im Gehirn entschieden wird 
25.12.2019 Der Traum vom Hauptgewinn: Statistik-Experte erklärt, warum wir Lotto spielen 
23.12.2019 Soziologen der KU untersuchen Wechselwirkungen von Zahlen und Daten im Profifußball 
21.12.2019 Studie zu Persönlichkeit und Verhalten im Arbeitskontext 
16.12.2019 Warum wir Menschen handeln 
November 2019
Umwelt
Gesundheit
Gesellschaft
Umwelt
30.11.2019 Ökologisch intakte Flüsse sind den Deutschen Milliarden wert 
28.11.2019 CO2-Preis erhöht den Benzinpreis um weniger als einen Cent pro Liter 
26.11.2019 Wasserstofftechnologien – Ein Beitrag zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit 
23.11.2019 Wieviel Methan kommt aus dem Ozean? Neue Studie reduziert Unsicherheiten bei Emissionen des wichtigen Treibhausgases 
22.11.2019 Wasserrahmenrichtlinie auf dem Prüfstand: IGB Policy Brief empfiehlt Festhalten an den Zielen und verbesserte Umsetzung 
20.11.2019 Indoorfarm mit Dachgewächshaus: Hochschule Osnabrück erhält 3,3 Millionen Euro für neues Forschungszentrum 
17.11.2019 Besser reagieren auf extreme Wetterereignisse: Forscher entwickeln europäische Frühwarnplattform 
15.11.2019 Klimawandel: Potential von Baumpflanzungen dramatisch überbewertet 
13.11.2019 Globaler Süden leidet am stärksten unter Klimawandel und Landnutzung 
11.11.2019 Mehr Energie, weniger CO2 – 9 Millionen Euro für KWK-Forschung 
09.11.2019 Auf den Spuren der Bärtierchen: Stuttgarter Biologe ausgezeichnet 
08.11.2019 Bodentiere: 365 Tage unter Wasser // Transport von Bodenlebewesen über Fließgewässer nachgewiesen 
07.11.2019 CO2 an der Quelle besteuern 
05.11.2019 Blasentang zeigt gekoppelte Reaktionen auf Umweltveränderungen 
Gesundheit
29.11.2019 Maserninfektion löscht Immungedächtnis – Masernimpfung schützt 
27.11.2019 Verhalten der Mutter beeinflusst Oxytocin-Entwicklung beim Säugling 
25.11.2019 Wie viele Wörter kennt mein Kind? 
21.11.2019 REM-Schlaf von Patienten mit Insomnien weist erhöhte Frequenz an Aufwachereignissen auf 
19.11.2019 „Metabolische Entzündung“: Warum Menschen mit starkem Übergewicht häufiger an Typ-2-Diabetes erkranken 
16.11.2019 Gefährdungen durch körperliche Fehlbelastungen einfach ermitteln 
14.11.2019 Bin ich nicht zu alt dafür? Musiktherapie gegen Tinnitus für die Generation 65plus 
10.11.2019 Leipziger Kardiologe: Moderate Werte bei Blutdruck und Cholesterin verlängern das Leben 
06.11.2019 Schlaganfall-Reha: Entspannung besser als Laufbandtraining? 
01.11.2019 Steckt im grünen Tee ein Wirkstoff gegen Antibiotikaresistenz? 
Gesellschaft
24.11.2019 Studie: Vorzeitige Rente bleibt attraktiv 
18.11.2019 62.000 Menschen befragt: Nachhaltigkeit und Umweltschutz spielen beim Kauf der Weihnachtsgeschenke kaum eine Rolle 
12.11.2019 Studenten entwickeln einen Koffer, der automatisch auf Schritt und Tritt folgt 
04.11.2019 Schön sein hilft, reicht aber nicht 
Oktober 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
31.10.2019 Vom „Waldsterben“ in den 80ern zu den Waldschäden von heute? 
29.10.2019 Städtische Infrastrukturen fit für den Klimawandel machen. Das Projekt FLEXITILITY ist Anfang August gestartet. 
27.10.2019 Grüner und fairer 
24.10.2019 Künstliche Intelligenz in der Agrar- und Umweltwirtschaft 
21.10.2019 Forschen gegen Mikroplastik: TU Freiberg entwickelt neues Verfahren für naturbasierte Mikropartikel in Kosmetik 
19.10.2019 Weltweit erste Validierung der Aerodynamik von großen Windenergieanlagen 
14.10.2019 Ein genetischer Globetrotter schützt Meeresbakterien vor Umweltverschmutzung 
11.10.2019 TU Berlin: „Blau-grüne Straßen“ gegen Trockenstress und Sturzfluten 
09.10.2019 Neuartiges Verfahren für das Kunststoffrecycling präsentiert: Großes Industrie-Interesse an Forschungsprojekt „MaReK“ 
06.10.2019 Chemische Evolution – One Pot Wonder 
01.10.2019 Studie: Erhalt von biologischer Vielfalt erfordert Konsumwende 
Gesundheit
30.10.2019 Avatare gegen Adipositas 
28.10.2019 Überraschende Erkenntnisse zur Therapie des Herzinfarkts 
25.10.2019 Familiäres Darmkrebsrisiko: In den Genen steckt nur ein Teil der Wahrheit 
23.10.2019 Warum können wir uns nicht kitzeln? 
20.10.2019 Mehr Gesundheitskompetenz für Eltern allergiekranker Kinder 
18.10.2019 Waschmaschine verbreitete antibiotika-resistente Keime 
17.10.2019 Bessere Versorgung für diabetische Füße 
13.10.2019 Die Herz-Themen des Tages 
12.10.2019 Ist der Sehsinn der wichtigste Sinn? 
10.10.2019 Tuberkulose: Neue Einblicke in den Erreger 
08.10.2019 Forscher entschlüsseln Wirkung von Ebola-Impfstoff – Virologen der Uniklinik Köln identifizieren neue Antikörper 
03.10.2019 Dem HI-Virus auf der Spur: Forscherteam macht sichtbar, wie AIDS-Erreger sich im Körper vermehrt 
Gesellschaft
26.10.2019 Sechs Komponenten einer gesunden Familienmahlzeit 
22.10.2019 Wirkt sich die Selbsteinschätzung des schulischen Könnens doch nicht auf die Leistung aus? 
15.10.2019 Fußball und Feminismus 
07.10.2019 Starke Gleichstellungsstrategie zahlt sich aus 
05.10.2019 Tarifrunde 2020: Für mehr als 10 Millionen Beschäftigte werden neue Vergütungstarifverträge verhandelt 
04.10.2019 Strategien für eine nachhaltige Urbanisierung. Auftakt für Internationales Forschungsprojekt „EAST-CITIES“ 
02.10.2019 Wenn Zahlen lügen 
September 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
29.09.2019 TU Bergakademie Freiberg und UFZ erforschen Vulkangebiete als nachhaltige, erneuerbare Energiequelle 
26.09.2019 Weltweit erste Validierung der Aerodynamik von großen Windenergieanlagen 
25.09.2019 Städtische Infrastrukturen fit für den Klimawandel machen. Das Projekt FLEXITILITY ist Anfang August gestartet 
24.09.2019 Bundesweites Forschungsprojekt Q-INTEGRAL: OTH Regensburg forscht an Stromnetz der Zukunft für Betriebe 
22.09.2019 Statt vieler Einzelmaßnahmen sollte CO2-Bepreisung im Mittelpunkt stehen – Statement von Prof. Christoph M. Schmidt 
21.09.2019 MOSAiC-Expedition: Dr. Gunnar Spreen startet ins Eis-Abenteuer 
19.09.2019 Land unter: Steigende Hochwassergefahr durch gleichzeitige Sturmfluten und Starkniederschläge in Nordeuropa 
18.09.2019 Fraunhofer IPA und EEP der Universität Stuttgart – Studie zu industriellen Energiespeichern veröffentlicht 
17.09.2019 TU Berlin beteiligt sich an „Covering Climate Now“ 
15.09.2019 Umweltsündern auf der Spur 
14.09.2019 Wird Wasser jetzt digital? 
12.09.2019 Starkregen und Trockenheit – digitale Technologien für das Wassermanagement 
11.09.2019 Unstatistik des Monats: Verwirrung um Nitrat 
08.09.2019 Kaum Wasser unterm Kiel – Messungen im Extrembereich / Helmholtz-Forscher starten neuntägige Messkampagne auf der Elbe 
06.06.2019 Vom Satellitenbild zum Trinkwasserkonzept 
04.09.2019 1,8-Millionen-Euro-Projekt zur Anpassung des Wasserspeichers Harz an den Klimawandel startet 
02.09.2019 Klimawandel beeinflusst Überschwemmungen 
Gesundheit 
13.09.2019 Was verursacht digitalen Stress und welche Rahmenbedingungen machen besonders anfällig? 
10.09.2019 Forscher der Jacobs University finden Gadolinium aus MRT-Kontrastmitteln in Getränken aus Fast-Food-Restaurants 
07.09.2019 IFA 2019: Eine bessere Haltung am Arbeitsplatz dank neuer Sensortechnik 
05.09.2019 Ausmaß eines Herzinfarkts unabhängig von Tageszeit 
03.09.2019 Jeder Mensch hört anders gut! 
01.09.2019 Dresdner Studie zu Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen: nur wenige Betroffene suchen Hilfe bei einem Arzt 
Gesellschaft
30.09.2019 Radikale Ideen in der Hochschulbildung: Drei Projekte erhalten 650.000 Euro Förderung 
28.09.2019 Gefahren und Chancen einer neuen Währung 
27.09.2019 Digitalisierung in den Naturwissenschaften: Neue Ausschreibung für Forschungsprojekte in Niedersachsen startet 
23.09.2019 Sicherheit durch Einstimmigkeit 
20.09.2019 Acht Millionen Euro für Supercomputer an TU Dresden übergeben 
16.09.2019 Neue Studienergebnisse zur aktuellen Situation im Mittelstand – jetzt im IfM-Forschungsnewsletter 3/19 
09.09.2019 Erfolgsfaktor Mensch – Wie die Transformation von Arbeitswelten gelingt 
August 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
30.08.2019 Statement: Elektroautos gehen auch bei Rekordhitze nicht in Flammen auf 
27.08.2019 Rettungsplan für das Weltmeer 
24.08.2019 Naturtourismus in den Tropen: Wie kann Abwassermanagement verbessert werden? 
22.08.2019 Wie geht es weiter nach dem EEG? Fraunhofer ISE befragt Besitzer der frühen EEG-geförderten PV-Anlagen 
19.08.2019 Wie Meeressedimente zur Bildung von Treibhausgasen beitragen 
16.08.2019 Meeresspiegel steigt seit 50 Jahren schneller 
15.08.2019

Geplatzte Hoffnung: Keine Chance für Umweltentlastende Plastik-Zersetzung durch Bakterien 

12.08.2019 Eisvolumen an Land beeinflusst Methanaustritte am Meeresboden 
11.08.2019 Doch keine Wassermoleküle im Selektivitätsfilter von Kaliumkanälen 
07.08.2019 „Ihr ganz persönlicher Einsatz für die Umwelt“ – Citizen-Science-Projekt zum Gewässerschutz 
05.08.2019 KIT-Experte zu aktuellem Thema: Hitzewellen und Rekordtemperaturen – was bringt die Zukunft? 
01.08.2019 Trockenzeiten und Starkregen: Was der Klimawandel für die Wasserqualität in Talsperren bedeutet 
Gesundheit 
31.08.2019 DGKN: Kribbeln in Fingern und Händen – Nutzung von Smartphones und Nerven-Engpass-Syndrom 
29.08.2019 Nächtliche Schichtarbeit als Krebsauslöser: Expertengremium bestätigt wahrscheinlichen Zusammenhang 
28.08.2019 Wie das Gehirn von Menschen mit großem Allgemeinwissen aussieht 
25.08.2019 Grauer Star: Wenn die Sicht trüb wird 
23.08.2019 Lange Arbeitszeiten von Eltern erhöhen das Risiko für Übergewicht ihrer Kinder 
20.08.2019 Für Gutverdiener ist der Renteneintritt ein Gesundheitsrisiko 
17.08.2019 Listerien im Tiefkühlgemüse und Melamin in Bambusgeschirr
13.08.2019 E-Autos, Smartphones und Co. – Welche Geräte stören Funktionen von Herzschrittmachern und implantierten Defibrillatoren? 
10.08.2019 Blut ist dicker als Wasser – und strömt daher anders 
08.08.2019 Fakten: Sonne belastet etwa jeden siebten Beschäftigten 
02.08.2019  „Hepatitis ist für mehr Todesfälle verantwortlich als HIV oder Tuberkulose!“ 
Gesellschaft
26.08.2019 Vor allem Geringverdiener und gut Ausgebildete bleiben auch im Rentenalter in Beschäftigung 
21.08.2019 Höherer Rentenbeitrag würde weder Wachstum noch Beschäftigung bremsen – positive und negative Effekte heben sich auf 
18.08.2019 Immer schön absichern! Häufigkeit und Ursachen von defensiven Entscheidungen 
14.08.2019 Sorgt der Videobeweis im Fußball wirklich für mehr Gerechtigkeit? 
09.08.2019 Das Moralverständnis von Kindern näher erforschen 
06.08.2019 Neue Studie zur Bedeutung von Influencerinnen für gestörtes Essverhalten bei Mädchen und Frauen 
03.08.2019  Arbeitsgedächtnis von Schimpansen ähnelt unserem 
Juli 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
31.07.2019 Der Wert einer Idee liegt in ihrer Umsetzung 
30.07.2019 Wälder in Deutschland sind wichtige Kohlenstoffsenke 
28.07.2019 Was für unser Klima zählt: CO2-Budgets erklärt 
27.07.2019 Meeresspiegelanstieg: Eiskollaps in Westantarktis könnte durch Beschneien mit Meerwasser verhindert werden 
25.07.2019 Erste globale Analyse von Höhlentropfwasser 
23.07.2019 Neues Berechnungskonzept: Wie hoch kann der Meeresspiegel maximal steigen? 
22.07.2019 Gezielter Klimaschutz braucht faire und wirkungsvolle CO2-Steuer 
21.07.2019 CO2-Bepreisung als Innovationstreiber für klimafreundliche Technologien 
18.07.2019 5 Jahre internationale Wasserpolitik in Koblenz: Das ICWRGC feiert Jubiläum 
17.07.2019 Projektstart: Biobasierte Dünger sollen künftig Mineraldünger ersetzen 
14.07.2019 Braune Hundezecke gesucht: Uni Hohenheim forscht an eingewanderter Zeckenart 
12.07.2019 Istanbul: Erstmals beweisen Unterwasser-Messungen Erdbebengefahr 
08.07.2019 Gutes Gespür für Moskitos 
07.07.2019 Mehr Insektenvielfalt auf Äckern und Weiden 
05.07.2019 Wie Bäume das Klima retten könnten 
03.07.2019 Neuer Windatlas für Europa fertiggestellt 
02.07.2019 Forschungskooperation mit DLR-Institut: Kohlendioxid-Reduktion in industriellen Prozessen 
Gesundheit 
26.07.2019 Sensibel trotz dicker Hornhaut 
16.07.2019 Mehr Sonnenstunden erfordern mehr UV-Schutz 
09.07.2019 Kalkschulter per Ultraschall gezielt aufspüren und Schmerzen mit Stoßwellen lindern 
08.07.2019 Gießener Lungenforscher behandeln Lungenhochdruck mit einem Krebsmedikament 
01.07.2019 DDG/DGE: Essstörungen bei Diabetes können lebensgefährlich sein 
Gesellschaft
29.07.2019 Depressiv durch Facebook und Co. 
24.07.2019 Arbeitslosenversicherung bewirkt finanziellen Ausgleich zwischen Bundesländern 
19.07.2019 Wie sich Aufschieber und Macher genetisch unterscheiden 
15.07.2019 Ehrenpromotion für Ranga Yogeshwar 
10.07.2019 Wer bewältigt die tägliche Informationsflut am Arbeitsplatz besser: „Jung“ oder „Alt“? 
06.07.2019 Bissula erklärt die antike Wirtschaftsgeschichte 
04.07.2019 Berufsbegleitend für eine Ingenieur-Karriere studieren 
Juni 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
26.06.2019 Gegen globale Erderwärmung: Waldböden sind bessere Kohlenstoffspeicher als erwartet 
25.06.2019 Raus aus der Raucherecke: Frühwarnsystem für Heizkessel reduziert Feinstaub 
19.06.2019 Einfach, präzise, günstig: Neue Methode zur Erforschung des Grundwassers 
18.06.2019 Beginnende Instabilität in der Westantarktis könnte die schnellste auf dem Kontinent sein 
17.06.2019 Flussfische vertragen keinen starken Schiffsverkehr 
15.06.2019 PM des MCC: Elektroautos können erst ab 2040 die CO₂-Emissionen deutlich senken 
13.06.2019 Kohleausstieg: Nur mit CO2-Preis hilft er wirklich dem Klima 
12.06.2019 Mikroorganismen auf Mikroplastik 
11.06.2019 Badeseen in NRW: Nur geringe Antibiotika-Belastung 
08.06.2019 Neues Horizon 2020-Verbundprojekt zu Bioplastik: HAW Hamburg wirbt 8,4 Millionen Fördermittel ein 
07.06.2019 Dürrerisiken neu bewerten: Beispiel Namibia und Angola 
05.06.2019 Einkorn, Emmer, Dinkel: Weltgrößter Feldversuch & Fachtag an der Universität Hohenheim 
01.06.2019 Blitze auf dem Mond 
Gesundheit 
21.06.2019 Studie: Übergewichtig durch Videospiele? 
20.06.2019 Studie: Saunabesuche belasten den Körper wie moderates Sportprogramm 
16.06.2019 Mechanismus zum Zusammenhang von Alter, Stress und Herzinfarkt gefunden 
14.06.2019 Sport im Alter – was geht noch? 
09.06.2019 Zähneknirschen ist keine Krankheit – ernste Folgen für die Gesundheit sind aber möglich 
03.06.2019 DGP: E-Zigaretten nicht verharmlosen. Dampfen in der Schwangerschaft gefährdet das Kind 
02.06.2019 Lebensmittel im Blickpunkt: Milch ist nicht gleich Milch 
01.06.2019 Schmerzfrei dank Evolution 
Gesellschaft
24.06.2019 Kostenfreie Weiterbildung zur Digitalisierung für KMU-Mitarbeiter 
10.06.2019 Zukünftig Arbeiten – Arbeit in Zukunft 
06.06.2019 International vernetzte Hochschulen haben bessere Ergebnisse bei Forschung und Wissenstransfer 
04.06.2019 Menschliche Vorfahren haben Steinwerkzeuge mehrmals erfunden 
01.06.2019 Recht im Angebot: Wenn Gesetzgeber konkurrieren 
Mai 2019
Umwelt
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt
31.05.2019 Hochschulübergreifende Arbeitsgruppe untersucht Auswirkungen veränderter Grubenwassereinleitungen 
29.05.2019 RWI: Spitzenökonomen fordern Städte-Maut statt Fahrverbote 
28.05.2019 Vorkommen und Verbleib von Mikroplastik im Meer / Projekt MICRO-FATE startet mit Pazifik-Expedition 
27.05.2019 Eliminierung von Spurenstoffen durch nachhaltige Adsorbenzien 
25.05.2019 Universität Stuttgart benennt neue Bärtierchen-Art: Milnesium inceptum entdeckt 
24.05.2019 Vom Regen zum Hochwasser 
22.05.2019 Intelligente Energiespeicher- und -netze für sieben europäische Inseln 
21.05.2019 Submarine CO2-Speicherung in der Nordsee – Chance oder Risiko? 
20.05.2019 Unterwasser-Stromversorgung 
19.05.2019 Unkraut jäten leicht gemacht: Institut der FH Aachen entwickelt Feldroboter 
16.05.2019 Mysterium Bermuda: Geologen entdecken im Vulkangestein eine bisher unbekannte Region des Erdmantels 
15.05.2019 CO2-Steuer auf Diesel und Benzin hat positive Verteilungswirkungen 
13.05.2019 Phosphor-Recycling-Toilette »P-Bank« eröffnet auf dem Campus der Bauhaus-Universität Weimar 
12.05.2019 Drei Viertel der Flüsse weltweit durch menschliche Eingriffe in ihrem Lauf beeinträchtigt 
10.05.2019 Umsetzung der Klimaziele: Gasinfrastruktur in Deutschland vor Veränderungen 
09.05.2019 Eliminierung von Spurenstoffen durch nachhaltige Adsorbenzien 
08.05.2019 Wetterextreme im Sommer 2018 waren verbunden durch stockende Riesenwellen im Jetstream 
07.05.2019 „Crowd Oil“: Kraftstoffe aus der Klimaanlage 
06.05.2019 Neues Netzteil lässt Elektrogeräte länger leben 
04.05.2019 Masterplan Uferfiltration zur Wasserversorgung in Vietnam 
02.05.2019 Verbessertes Risikomanagement für die Geothermie 
Gesundheit 
30.05.2019 Elektrische Zahnbürsten beugen Zahnverlust vor 
26.05.2019 Klimawandel: wie sich Malaria in Europa und dem Mittelmeerraum ausbreiten wird 
03.05.2019 Erhöhtes Cholesterin im Blut: Schaden Eier der Gesundheit? 
01.05.2019 Wie wirken Omega-3-Fettsäuren? Wuppertaler Lebensmittelchemiker liefern wichtige Erkenntnisse 
Gesellschaft
18.05.2019 Öffentlichen Nahverkehr nutzen? Oft eine Frage von Kultur, Identität, Status und Prestige 
14.05.2019 Kreativität: Eine Frage der Impulsivität 
11.05.2019 Studie: Väter in Elternzeit – Unternehmen in der Verantwortung 
05.05.2019 Künstliche Intelligenz in Arbeitsprozesse integrieren 
April 2019
Umwelt 
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt 
30.04.2019 Diskussion: Zwischen Plastikwahn und Plastikvermeidung 
25.04.2019 Materialbestände und -flüsse bestimmen Energiebedarf und Klimawirkung 
24.04.2019 Natrium-Ionen-Batterien: von der Materialentwicklung bis zur technologischen Innovation 
20.04.2019 Physikalische Zauberei ermöglicht Kühlen ohne Energiezufuhr 
17.04.2019 Drei Forschungsschiffe – ein Auftrag 
15.04.2019 Plastikmüll stört Kommunikation: Bayreuther Studie zeigt Risiken für Ökosysteme auf 
14.04.2019 Pilze filtern Medikamente aus dem Abwasser 
12.04.2019 KIT-Experte zu aktuellem Thema: Putzen mit Bakterien 
10.04.2019 E. coli & Co.: Fäkalkeime in Landschaften und Fließgewässern 
07.04.2019 Continental, Deutsche Telekom, Fraunhofer ESK, MHP, Nokia: vernetztes Fahren erfolgreich getestet 
05.04.2019 Schnelle globale Energiewende könnte Millionen Menschenleben retten 
04.04.2019 Biomasse effizient umwandeln: Forscher der Universität Münster decken neuen Reaktionsmechanismus auf 
02.04.2019 Elektroautos haben perspektivisch eine deutlich bessere Klimabilanz als Diesel und Benziner 
Gesundheit 
29.04.2019 Schlaf macht den Hippocampus frei für neue Gedächtnisinhalte 
27.04.2019 Schon der Gedanke an Kaffee sorgt für einen Energie-Kick am Morgen 
26.04.2019 Individuelle Ernährung zeigt Nutzen bei Spitalpatienten 
21.04.2019 Neue Behandlungsoptionen bei chronischen Schmerzen durch Früherkennung? 
19.04.2019 Salmonellen-Infektion – Schützende Darmbakterien identifiziert 
13.04.2019 BZgA empfiehlt: Jetzt gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) impfen 
09.04.2019 Sich mental auf die Arbeit einstellen ist genauso wichtig wie das Abschalten nach Feierabend 
06.04.2019 Welcher Sport ist gut bei Arthrose? 
03.04.2019 Soziale Unterschiede in Deutschland: Mortalität und Lebenserwartung im Journal of Health Monitoring 
Gesellschaft
28.04.2019 Sinkendes Interesse: Fußball-Wettbewerbe leiden unter WM Debakel 2018 
23.04.2019 Förderung für junge Wissenschaftler 
22.04.2019 Bald ist Europawahl: Positionen der Parteien zur EU-Hochschulpolitik 
18.04.2019 Förderaufruf: Welchen Einfluss hat die Energiewende auf die Gesellschaft – und umgekehrt? 
16.04.2019 Vergangenheit trifft Zukunft 
08.04.2019 Digitalisierung „zum Anfassen“ 
01.04.2019 Gender Pay Gap: Das größte Loch auf dem Gehaltszettel von Frauen klafft in Süddeutschland 
März 2019
Umwelt 
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt 
31.03.2019 Was kostet ein Hochwasser? 
30.03.2019 Weltwassertag: Was machen eigentlich polare Stoffe im Trinkwasser? 
27.03.2019 Kostbare Ressource: Wasser 
26.03.2019 Mit künstlicher Intelligenz unterwegs im Kanalsystem 
23.03.2019 Blühende Ergänzung zum Mais: Fachtagung betont ökol. Nutzen von Wildpflanzen für Biogasanlagen 
22.03.2019 Internationaler Aktionstag gegen Staudämme am 14. März: Gewässerforschende als Experten zum Thema 
21.03.2019 FH entwickelt fliegende Roboter zur Bekämpfung der Wilderei in Südafrika 
19.03.2019 Zum Tag des Wassers am 22.3.: Digitalisierung im Wassersektor meistern mit praxisnaher Forschung 
16.03.2019 Das Geheimnis des Vakuums erstmals nachweisen 
14.03.2019 Test der Symmetrie der Raumzeit mit Atomuhren 
13.03.2019 Internationaler Aktionstag gegen Staudämme am 14. März: Gewässerforschende als Experten zum Thema 
11.03.2019 Wie Öl attraktiv für Magneten wird 
10.03.2019 Bedrohte Wildbienen – Verhungern im ländlichen Raum 
08.03.2019 9,1 Millionen Euro für trinationale Quantenforschung 
06.03.2019 Phosphor und Fernwärme aus Klärschlamm 
04.03.2019 Stellungnahme: „Der aktuelle NO2-Grenzwert ist wissenschaftlich plausibel“ 
03.03.2019 Silber-Nanopartikel in natürlichen Umgebungen untersuchen 
Gesundheit 
29.03.2019 BIBB/BAuA-Befragung 2018: Viele Beschäftigte arbeiten immer noch körperlich hart 
28.03.2019 Gedächtnis wie ein Sieb? Unter welchen Bedingungen Menschen im Alter neue Erinnerungen bilden können 
25.03.2019 Mit Tönen gegen das Tönen – Musiktherapie bei akutem Tinnitus 
24.03.2019 Luftverschmutzung verkürzt das Leben der Europäer um rund zwei Jahre 
18.03.2019 Darmvorsorge rettet Leben | Infoveranstaltung des Universitätsklinikums Ulm am 23. März 
15.03.2019 Mit der Spiegelbild-Biologie zu besseren Medikamenten 
12.03.2019 Besserer Schutz vor Darmkrebs: Vorsorge-Darmspiegelung bereits ab 50! 
09.03.2019 Darauf sollten Kontaktlinsenträger achten: Stiftung Auge gibt Tipps zur Auswahl und Pflege 
01.03.2019 Wer ein Kind möchte, braucht Folsäure! 
Gesellschaft
19.03.2019 Psychologie von Geschwistern: Letztgeborene sind keine Draufgänger 
17.03.2019 Diversity-Strategien zur erfolgreichen Personalgewinnung 
07.03.2019 Fast ein Drittel der Frauen geht später als geplant in den Ruhestand 
05.03.2019 Nur jeder zehnte Babyboomer will bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten 
02.03.2019 Beruflicher Aufstieg mit Berufsausbildung – Männer klar im Vorteil. Neuer BIBB REPORT erschienen 
Februar 2019
Umwelt 
Gesundheit 
Gesellschaft
Umwelt 
28.02.2019 BRIESE-Preis 2018: Fokus Ozeanversauerung – Großer Fortschritt bei Ostsee-pH-Monitoring und mehr 
25.02.2019 Eine für alles. Biogassystem der Zukunft 
24.02.2019 Forschergruppe der TH Lübeck untersucht Grundwasserneubildung in Zypern und Jordanien 
22.02.2019 Traktoren tanken Klimaschutz – TFZ bescheinigt Biokraftstoff Langzeit-Praxistauglichkeit 
16.02.2019 „Aktionstag Starkregen“: Fachtagung informiert über effektives Risikomanagement 
15.02.2019 BMBF-Forschungsprojekt untersucht Digitalisierung im industriellen Wassermanagement 
14.02.2019 Fütterungspläne für flexible Biogasproduktion: bis zu 50% weniger Gasspeicherbedarf 
13.02.2019 Wasserwiederverwendung in der Landwirtschaft: Fallstudien zeigen Machbarkeit 
11.02.2019 Nitratabbau im Grundwasser: Selbstreinigungskraft des Untergrunds höher als angenommen 
09.02.2019 Berühmtes „Sandhaufen-Modell“ bewegt sich wie wandernde Sanddünen 
08.02.2019 Sind sich Fische ihrer selbst bewusst? 
07.02.2019 Windenergie liefert fast drei Viertel des erwarteten Stroms 
04.02.2019 Trockene Gewässer sind unterschätzte „Player“ im Klimawandel 
01.02.2019 Der Einfluss des Klimawandels auf das Grundwasser – eine tickende Zeitbombe 
Gesundheit 
27.02.2019 Vor einer möglichen neuen Grippewelle: Was gibt es außer Impfungen? 
23.02.2019 Grippewellen im Keim ersticken 
21.02.2019 Influenzaviren von Fledermäusen könnten auf Menschen überspringen 
18.02.2019 Neue ESMT-Studie: Tägliches Mittagessen verbessert Leseleistung von Kindern um 18 Prozent 
17.02.2019 Anti-Baby-Pille beeinflusst Emotionserkennung von Frauen 
10.02.2019 Die Größe des Gehirns beeinflußt Geschmackswahrnehmung 
02.02.2019 Virtuelle Linse verbessert Röntgenmikroskopie 
Gesellschaft
26.02.2019 Kritik an Umsetzung der Energiewende nimmt zu – Bevölkerung will sozialen Ausgleich 
20.02.2019 Wie können Städte von der Vielsprachigkeit ihrer Einwohner profitieren? 
19.02.2019 Neandertaler ernährten sich wirklich hauptsächlich von Fleisch 
12.02.2019 Süße Ungeduld: Wie positive Gefühle unsere Zeitwahrnehmung beeinflussen 
06.02.2019 Roadmap zur Cybersicherheitsforschung 
05.02.2019 Betreuungswünsche vieler Eltern bleiben unerfüllt 
03.02.2019 Kieler Wissenschaftler erforschen autonomes Fahren auf Deutschlands größtem Flughafen 
Januar 2019
Umwelt 
Gesundheit 
Gesellschaft 
Umwelt 
31.01.2019 Ernährungssicherheit weltweit stärken: Bayreuther Studie zur Phosphorverfügbarkeit durch Silizium 
30.01.2019 7. Herrenhausen Science Movie Night: Kunststoff-Umweltverschmutzung: Können Biokunststoffe helfen? 
29.01.2019 Gegen die Fluten 
28.01.2019 Herrscher der kalten Gewässer 
27.01.2019 Dem Klimawandel zum Trotz: Ostsee könnte zurück in einen guten Zustand gelangen 
25.01.2019 Umweltleistungen sichtbar machen: Ein neuer Index erleichtert die Bewirtschaftung von Flüssen 
22.01.2019 Mit Eisenoxid gegen hochgiftige Stoffe – Neues Verfahren zur Grundwassersanierung 
19.01.2019 Wenn für Fischlarven die Nacht zum Tag wird 
18.01.2019 Bakterien schwärmen aus 
15.01.2019 Antibiotika in Gülle: Biogasanlage keine Barriere 
14.01.2019 Interview mit Dr. Natalia Ivleva über ihre Forschung zur Analytik von Mikroplastik 
10.01.2019 Mobilfunktechnik für die Industrie 4.0 
08.01.2019 Biodiversität – Koexistenz durch verzögerte Anpassung 
05.01.2019 Magnesium-Batterien: Aufbruch ins Post-Lithium-Zeitalter 
04.01.2019 Wo die Flüsse nicht ins Meer fließen 
03.01.2019 Internationales Umweltschutzprojekt unter Leitung der Hochschule Karlsruhe 
02.01.2019 Leuphana Wissenschaftler warnen vor Umweltproblemen durch Fassadenanstriche 
01.01.2019 Organischen Müll von Kreuzfahrtschiffen verwerten 
Gesundheit 
26.01.2019 Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar 
24.01.2019 Studie: Längere Arbeitszeiten können der Gesundheit schaden
23.01.2019 Windpocken: Wie die Impfung Ihr Kind schützt 
20.01.2019 Blutdruck und Rauchen scheinen das Risiko für eine Hirnblutung erheblich zu beeinflussen 
17.01.2019 Mit Blutgefäßen aus Stammzellen gegen Volkskrankheit Diabetes 
16.01.2019 Gesundheitsgefühl: Männer fallen hinter Frauen zurück 
13.01.2019 Gestresste Mütter – übergewichtige Kinder 
07.01.2019 Food-Scanner für die Hosentasche 
01.01.2019  Zelle für Zelle zum Durchbruch des Jahres – MDC in Berlin ist Hotspot des Forschungsgebietes 
Gesellschaft 
11.01.2019 Neue Studie: Entgelttransparenzgesetz: Nur eine Minderheit der Unternehmen ist aktiv geworden 
09.01.2019 Studierende decken Sicherheitslücken auf 
06.01.2019 In Anlehnung an Pokemon Go – Mit neuen Verkerhssicherheitsapps Leben im Straßenverkehr retten 
01.01.2019 Großeltern sind für Enkelkinder wichtig 

 


Wenn der Rücken vom vielen Sitzen schmerzt

Dipl.-Ing. Mario Steinebach Pressestelle und Crossmedia-Redaktion
Technische Universität Chemnitz

Spezielle Selbstmassage lockert verspannte Muskeln – Professur Bewegungswissenschaft der TU Chemnitz veröffentlicht Ergebnisse einer Studie in der Fachzeitschrift „Applied Ergonomics“

Ob auf dem Weg zur Arbeit, im Büro, an der Haltestelle oder in den eigenen vier Wänden – eine Gelegenheit zum Setzen ist in vielen Alltagssituationen gegeben. Und sie wird gern genutzt. Im Auto lockt die Sitzheizung, im Büro der Komfort, beim Warten ist es die Gewohnheit und zu Hause dienen Sofa und Sessel der Entspannung. „Alles andere als entspannt kann das viele Sitzen jedoch für den Rücken sein“, weiß Dr. Freddy Sichting von der Professur Bewegungswissenschaft der Technischen Universität Chemnitz. Auf den Tag summiert sitzen Menschen immer mehr: durchschnittlich sechs bis zehn Stunden. „Ganz besonders problematisch wird es insbesondere dann, wenn etwa Lkw-Fahrer ohne großartige Pause nahezu neun Stunden ununterbrochen hinterm Steuer sitzen“, so Sichting.

Das Phänomen, dass Menschen nach langem Sitzen über Rückenschmerzen oder Muskelverspannungen klagen, ist nicht neu. „Umso erstaunlicher, dass es bislang weder einen Nachweis dafür gibt, dass sich der Rücken durch langes Sitzen verspannt, noch wie Betroffene ohne großen Aufwand selbst etwas dagegen tun können“, sagt der Bewegungswissenschaftler. Zwar würden Betroffene zur Lockerung der Rückenmuskulatur teilweise Massagen nutzen, doch sei die klassische Massage für den Arbeitsalltag eher ungeeignet. „Eine flexible Alternative verspricht hier die Selbstmassage mit einer Schaumstoffrolle“, meint Sichting.

Wie jüngst in einer Studie an der TU Chemnitz gezeigt werden konnte, reichen bereits acht Minuten Selbstmassage mit einer handelsüblichen Hartschaumrolle aus, um nach viereinhalb Stunden permanentem Sitzen die dadurch steif gewordene Rückenmuskulatur wieder zu lockern. „Der Bewegungsablauf besteht darin, sich gegen die Rolle gelehnt mit dem Rücken an die Wand zu stellen und sich durch langsame Auf- und Abwärtsbewegungen selbst den Rücken zu massierten“, erläutert der Studienleiter.

Für die Studie wurden 59 Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt. Während die eine nach viereinhalb Stunden Sitzen acht Minuten lang die Selbstmassage mit der Rolle anwandte, pausierte die andere Gruppe ebenfalls acht Minuten im Stehen – allerdings ohne Massage. Bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden drei Messungen zur Steifheit der Rückenmuskulatur vorgenommen: vor dem Sitzen, nach dem Sitzen und nach der jeweiligen Pause im Stehen mit oder ohne Selbstmassage. Anhand der Ergebnisse konnte laut Sichting nicht nur erstmals nachgewiesen werden, dass langes Sitzen Rückenverspannungen hervorrufen kann. Auch zeigte sich, dass mittels der Selbstmassage die durch das Sitzen steif gewordene Rückenmuskulatur wieder gelockert werden konnte und keine Verschlechterung mehr gegenüber dem Ausgangszustand zu vernehmen war.

„Für uns war es eine große Motivation, Menschen, die lange am Arbeitsplatz sitzen müssen, mit unserer Forschung helfen zu können“, sagt Sichting. Zusammen mit Alexander Kett, der sich im Rahmen seiner Promotion intensiv mit dieser Thematik beschäftigt, führte er die Studie an der Professur für Bewegungswissenschaft durch. Zufrieden fügt Kett hinzu: „Die achtminütige Selbstmassage lässt sich flexibel in jeden Alltag integrieren und kann dem Entstehen von Rückenschmerzen nicht nur entgegenwirken, sondern auch die Voraussetzungen dafür schaffen, sie zu vermeiden.“ Von Bedeutung könne die Selbstmassage besonders für diejenigen werden, die berufsbedingt lange ohne Unterbrechung sitzen müssen. „Zum Beispiel Lkw- oder Busfahrer“, sagt Sichting, „teilweise aber auch Büroangestellte.“ Zudem hebt der Bewegungswissenschaftler hervor, „dass sich der Nutzen unmittelbar spüren lässt, da sich das wohltuende Gefühl einer klassischen Massage einstellt.“ Auch könne der Gedanke, mit solch simpler Maßnahme etwas für die Gesundheit zu tun, dazu motivieren, die Selbstmassage regelmäßig durchzuführen. „Bei anderen Therapiemaßnahmen und Trainingsinhalten setzt der gewünschte Effekt oftmals erst später ein, wodurch die Betroffenen schnell die Lust daran verlieren“, sagt Sichting und betont zugleich: „Die Selbstmassage sollte ein Teil regelmäßiger Sitzpausen sein, diese jedoch nicht ersetzen.“ Präventiv rät er dazu, lieber aller 30 bis 60 Minuten für kleine Aktivitäten kurz aufzustehen, als über Stunden am Stück sitzen zu bleiben, um dann mit der Massage entgegenwirken zu können.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Freddy Sichting, Telefon 0371 531-38823, E-Mail freddy.sichting@hsw.tu-chemnitz.de

Originalpublikation:
Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Applied Ergonomics“ veröffentlicht: Alexander R. Kett, Freddy Sichting: „Sedentary behaviour at work increases muscle stiffness of the back: Why roller massage has potential as an active break intervention“, Appl Ergon. 2020 Jan;82:102947. doi: 10.1016/j.apergo.2019.102947. Epub 2019 Sep 9. Das Manuskript ist online verfügbar unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S000368701930167X?via%3Dihub.

Quelle: IDW 

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Herzgesundheit:Cholesterin senken reicht nicht

Dr. Anke Sauter Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wissenschaftsmagazin Forschung Frankfurt handelt in der jüngsten Ausgabe „von Herzen“. Es geht um Herz-Kreislauf-Forschung, aber auch um Liebe in Zeiten des Konsums.

FRANKFURT. Ein zu hoher Cholesterinspiegel kann heutzutage medikamentös gut behandelt werden. Doch inzwischen ist bekannt, dass weit mehr Stoffwechselprozesse bei der Entstehung von Herz- und Gefäßerkrankungen im Spiel sind. Viele lassen sich über die Ernährung beeinflussen, wie Forscherinnen und Forscher in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichten. Schwerpunkt ist die Forschung im Exzellenzcluster „Cardio-Pulmonary Institute“.

Wussten Sie, dass antibakterielles Mundwasser zu Bluthochdruck führen kann? Bakterien im Speichel produzieren Enzyme, die Nitrat aus der Nahrung zu Nitrit reduzieren. In dieser Form kann der Körper es weiter in Stickoxid (NO) umwandeln. NO hat eine Schlüsselfunktion für die Gesundheit der Entdothelzellen, mit denen die Innenwände der Gefäße ausgekleidet sind. Führt man den Körper andererseits mehr Nitrate mit der Nahrung zu, z.B. in Form von Rote Beete-Saft, könnte sich das bei bestimmten Patientengruppen als blutdrucksenkend auswirken. Es gibt Studien, wonach die Gabe von nichtorganischem Nitrat und Rote Beete-Saft mit einem signifikanten Rückgang des systolischen Blutdrucks verbunden ist. Dieser Befund sollte jedoch in weiteren Untersuchungen verifiziert werden.

Eine zweite, bisher unterschätzte Verbindung ist der Schwefelwasserstoff (H2S), bekannt durch den Geruch von faulen Eiern. Im Körper wird die Synthese von H2S durch eine Reihe von Enzymen gesteuert, wobei die Cystathioninlyase (CSE) die wichtigste im Herz-Kreislauf-System ist. Bei Patienten mit beschädigten und fehlerhaft funktionierenden Endothelzellen nimmt die CSE-Aktivität ab. Der Grund dafür könnten Gefäßentzündungen sein, wie Sofia-Iris Bibli aus dem „Institute for Vascular Signaling“ von Prof. Ingrid Fleming kürzlich herausgefunden hat. Für die Therapie werden derzeit H2S-Spender entwickelt.

Und wie steht es mit Diäten, die mit Omega-3-Fettsäuren (Fischölen) angereichert sind? Zunächst hatten Studienergebnisse gezeigt, dass diese Ernährungsform allgemein vor Diabetes und Herzerkrankungen schützt. Neuere klinische Studien konnten hingegen keinen signifikanten Nutzen von Fischölergänzungen nachweisen. Ingrid Fleming zufolge liegt das daran, dass die verschiedenen Studien nicht die optimale Konzentration jeder Omega-3-Fettsäure bestimmt haben bzw. das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren, das für den Schutz erforderlich ist. Zweitens schwankt die Qualität der rezeptfreien Ergänzungsmittel auf dem Markt stark. Die Analyse der meistverkauften Fischöl-Nahrungsergänzungsmittel in den USA ergab beispielsweise einen hohen Anteil an anderen Fettsäuren. Zudem können Fischöle eine Mischung aus EPA und DHA enthalten. Schützende Effekte sind jedoch nur von EPA bekannt.

Wie Fischöle ihre entzündungshemmende Wirkung entfalten ist derzeit schwer zu beantworten. Man weiß bisher nur, dass EPA und DHA leicht in Zellen und Gewebe eingebaut werden und dadurch die Membraneigenschaften, die Übermittlung von Signalen und die Genexpression verändern. Aus EPA entsteht außerdem das entzündungshemmende Resolvin E1, das nachweislich Entzündungen in verschiedenen Krankheitsmodellen aufzulösen hilft.

Fettsäuren sind außerdem für das Herz eine wichtige Energiequelle. Mit über 75 Prozent gewinnt es den allergrößten Teil seiner Energie aus ihnen, nur zwischen 10 und 20 Prozent stammen von Glukose. Es gibt Studien, die zeigen, dass bei einigen Menschen mit Herzfehlern das Herz mehr Energie aus Glukose statt aus Fettsäuren gewinnt. Das Herz bekommt dann zwar immer noch genug Energie, kann aber trotzdem nicht mehr richtig funktionieren. „Dieser Stoffwechsel-Vorgang ist wichtig. Wir wissen aber noch nicht genau, wie und warum er abläuft“, erklärt der Pharmakologe Dr. Jiong Hu, der für seine Forschung am „Institute for Vascular Signaling“ einen Advanced Grant des Cardio-Pulmonary Institute bekommen hat.

Schließlich kann auch die Bakterienflora im Darm die Entwicklung von Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen beeinflussen. So begünstig eine Ernährung, die viel rotes Fleisch enthält, die Entstehung von Atherosklerose, denn rotes Fleisch enthält reichlich L-Carnitin, das von Darm-Mikrobiota in Trimethylaminoxid (TMAO) umgewandelt wird. TMAO begünstigt Atherosklerose. Eine vegetarische oder veganer schützt hingegen die Gefäße. Fleming vermutet, dass es künftig zur Entwicklung einer Welle von Probiotika kommen wird, die die Darmflora und die Bildung von Stoffwechselprodukten verändern sollen, um das Herz zu schützen.

Weitere Themen in der neuen Ausgabe von Forschung Frankfurt:
Vorbeugen ist besser als heilen
Interview mit dem Epidemiologen und Systemmediziner Prof. Philipp Wild, Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung, zum Einfluss von Umweltfaktoren auf die Herzgesundheit

Vom Herz zum Schmerz: Kummer als Auslöser von Krankheit und Leiden

Klappe – die zweite: Herzklappenaustausch in einer halben Stunde dank modernem Katheter-Verfahren

„Meine herzkranken Kinder haben mich gerettet“ – Porträt des Kinderkardiologen Prof. Dietmar Schranz

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2019) kann von Journalisten kostenlos bestellt werden bei: ott@pvw.uni-frankfurt.de.
Im Web: www.forschung-frankfurt.de.

Quelle: IDW 

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Wie ein Elfmeterschießen im Gehirn entschieden wird

Dr. Susanne Diederich Stabsstelle Kommunikation
Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung

Entscheidungsfindung wird durch unterschiedliche Nervenzellen gesteuert
Elfmeterschießen bei der Fußballweltmeisterschaft. Alle Augen sind auf den besten Stürmer der Mannschaft gerichtet. Er soll den entscheidenden Schuss vollbringen, möglichst am Torwart vorbei. Der Stürmer muss sich entscheiden, ob er in die rechte oder linke Torecke schießt. Im Gehirn plant er dafür bereits beide Handlungsoptionen, noch bevor er eine Entscheidung getroffen hat. Zeigt der Torwart durch seine Haltung an, dass er im entscheidenden Moment nach rechts springen wird, so wird der Stürmer bei der Bewegungsplanung im Gehirn eine vorläufige Präferenz für die linke Ecke entwickeln. Doch wie wirkt sich diese Tendenz auf die Entscheidung aus, wenn der Torwart kurz vorm Schuss seine Haltung ändert? Wird der Stürmer trotzdem nach links schießen? Und wie wird dieser Prozess auf der Ebene der Nervenzellen gesteuert? Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben diese Fragen in einer Studie mit Rhesusaffen untersucht. Sie konnten zeigen, dass für den Entscheidungsprozess zwei verschiedene Nervenzelltypen im gleichen Hirnareal zuständig sind. Eine vorläufige Tendenz für einen Handlungsplan beeinflusst dabei die schlussendliche Entscheidung und die Gewichtung beider Optionen ist schon vorher auf neuronaler Ebene sichtbar. Der Stürmer wird also wahrscheinlich auch dann nach links schießen, wenn der Torwart seine Haltung plötzlich ändert – und der Elfmeter dadurch eventuell misslingen (eLife).

Die Wissenschaftler haben zwei Rhesusaffen darauf trainiert, eine Aufgabe am Bildschirm durchzuführen. Gleichzeitig wurde die Aktivität der Nervenzellen in ihrem Gehirn gemessen. Auf dem Touchscreen erschienen kreisrunde Signale, die die Affen berühren sollten. Die Kreise zeigten sich rechts oder links, oben oder unten auf dem Bildschirm. Der Ort, wo sie erschienen, war zufällig, die Affen erhielten aber vorher in Form von kleinen Pfeilen einen Hinweis, wo das nächste Signal erscheinen könnte. Zeigten sich zum Beispiel gleichzeitig ein großer violetter Pfeil, der nach links und ein kleiner blauer Pfeil, der nach rechts wies, so war die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Signal auf der linken Seite erschien. Diese Erwartung wurde aber in unregelmäßigen Abständen durchbrochen, in dem das Signal genau gegenüber von der vorher angezeigten Richtung auftauchte oder beide Signale gleichzeitig rechts und links erschienen, die dann frei angewählt werden konnten.

Die Forscher beobachteten, dass die Affen eine Tendenz entsprechend der vorher gezeigten Richtungspfeile entwickelten. Erschien das Signal auf der erwarteten Seite, lösten sie die Aufgabe richtig und schnell. Zeigte sich das Signal wider Erwarten auf der gegenüberliegenden Seite, verlängerten sich die Reaktionszeiten und die Affen machten mehr Fehler. Hatten die Tiere die freie Wahl, zogen sie in den meisten Fällen diejenigen Signale vor, die auf der vorher angezeigten Seite erschienen, auch wenn beide Möglichkeiten objektiv betrachtet gleichwertig waren.

„Eine vorläufige Handlungstendenz beeinflusst nachfolgende Entscheidungen, auch wenn sich die Tatsachen zwischenzeitlich ändern“, sagt Lalitta Suriya-Arunroj, Erstautorin der Studie. „Auch wenn die Affen die freie Wahl hatten, entschieden sie sich für ihren vorläufig gefassten Handlungsplan. Ganz ähnlich ergeht es dem Stürmer vorm Tor. Er sieht, dass der Torwart nach rechts springen will und plant zunächst die linke Ecke. Auch wenn der Torwart im letzten Moment wieder eine neutrale Haltung einnimmt, wird er deshalb in den meisten Fällen diese Schussrichtung beibehalten und der Elfmeter wird möglicherweise abgefangen.“

Auf der Ebene der Nervenzellen konnten die Wissenschaftler zudem eine neue Entdeckung machen: Die Entscheidungsfindung und die Gewichtung zwischen mehreren Handlungsalternativen werden auf neuronaler Ebene als dualer Prozess abgebildet. Dafür zuständig sind zwei verschiedene Arten von Nervenzellen. Die erste Gruppe ist für die Kodierung des bevorzugten Ziels zuständig. So lange keine Tendenz besteht, sind sie nicht aktiv, sie regen sich erst, wenn eine Präferenz für eine Handlungsoption entsteht. Die Zellen werden dann umso aktiver, je stärker die Tendenz für diese Option wird. Die zweite Gruppe von Nervenzellen zeigt von Beginn an alle gegebenen Alternativen an. Entschieden wird danach, welche der Handlungsoptionen nicht in Frage kommt. Die Nervenzellen, die für die nicht präferierte Möglichkeit kodieren, werden umso stärker herunterreguliert, je weniger die Option in Betracht kommt. Nach dem Ausschlussprinzip bleibt schließlich diejenige Option übrig, die die beste Wahl darstellt.

„Dass für den Entscheidungsfindungsprozess zwei verschiedene Nervenzellen im gleichen Hirnareal zuständig sind, ist eine neue Erkenntnis dieser Studie“, sagt Alexander Gail, Leiter der Forschungsgruppe Sensomotorik am DPZ und ebenfalls Autor der Studie. „Die Planung wird also im Gehirn durch einen dualen Vorgang gesteuert, der sowohl starke Handlungstendenzen widerspiegelt als auch alle anderen Möglichkeiten abbildet, die durch das Ausschlussprinzip nacheinander eliminiert werden können. Dadurch ermöglicht uns das Gehirn ausbalancierte und flexible Entscheidungen. Der Stürmer vorm Tor ist somit trotz seiner ersten Präferenz in der Lage, die andere Torecke als Option nicht sofort auszuschließen, kann im letzten Moment die Schussrichtung wechseln und so möglicherweise doch noch einen Treffer landen.“

Kontakt und Hinweise für Redaktionen
Prof. Dr. Alexander Gail
Tel.: +49 (0) 551 3851-358
E-Mail: agail@dpz.eu

Dr. Sylvia Ranneberg (Kommunikation)
Tel.: +49 (0) 551 3851-163
E-Mail: sranneberg@dpz.eu

Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält außerdem vier Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 95 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Alexander Gail
Tel.: +49 (0) 551 3851-358
E-Mail: agail@dpz.eu

Originalpublikation:
Suriya-Arunroj L, Gail A (2019): Complementary encoding of priors in monkey frontoparietal network supports a dual process of decision-making. eLife 8:e47581, doi: 10.7554/eLife.47581

Weitere Informationen:
https://owncloud.dpz.eu/index.php/s/iUiJZ27wRiv4MM2
– druckfähige Bilder
https://www.dpz.eu/de/aktuelles/pressemitteilungen.html – Pressemitteilung auf der DPZ-Homepage

Quelle: IDW 

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Apps verbessern Ernährungsverhalten und die Gesundheit

Julia Wandt Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Konstanz

Studie an der Universität Konstanz bescheinigt Ernährungs-Interventionen mittels Smartphone-Apps eine positive Wirkung

Weltweit sind rund zwei Milliarden Menschen übergewichtig oder adipös. Da Übergewicht sowohl mit körperlichen als auch psychischen Gesundheitsfolgen und enormen wirtschaftlichen Kosten verbunden ist, gilt es als eines der größten Gesundheitsprobleme unserer Zeit. Psychologinnen und Psychologen der Universität Konstanz sowie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung sind in einer Überblicksarbeit zum Ergebnis gekommen, dass mobile Interventionen mittels Smartphone-Apps hier gute Dienste leisten können. Ihre Überblicksarbeit, die die aktuell verfügbaren Einzelstudien im Bereich Ernährung einschließt, bescheinigt den untersuchten Apps insgesamt einen positiven Effekt auf das Ernährungsverhalten, Körpergewicht sowie auf verschiedene körperliche Gesundheitsindikatoren wie Cholesterinwerte. Die Studie wird im Wissenschaftsjournal Obesity Reviews vorgestellt.

Die Vorteile der App-basierten mobilen Interventionen sind zahlreich
Apps, die von Menschen genutzt werden, die ihr Ernährungsverhalten ändern möchten, arbeiten häufig mit Bildern und Informationen. Die User machen beispielsweise ein Foto von ihrem Essen oder protokollieren dieses mittels App, die dann beispielsweise Rückmeldung über die Kalorien und Nährstoffe gibt. Die Vorteile der App-basierten mobilen Interventionen sind zahlreich – einschließlich der Möglichkeit, im „realen Leben“ und in „Echtzeit“ einzugreifen sowie viele Personen direkt zu erreichen. Schließlich gibt es weltweit mehr als fünf Milliarden Smartphones. Gleichzeitig besitzen App-basierte Interventionen das Potenzial, durch die Interaktivität auf individuelle, zielgruppenspezifische Bedürfnisse der User einzugehen.

In den Arbeitsgruppen Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie von Prof. Dr. Britta Renner sowie Allgemeine und Biologische Psychologie von Prof. Dr. Harald Schupp wurden 41 wissenschaftliche Interventionsstudien ausgewertet, die Ernährungs-Apps auf ihre Effektivität hin untersucht haben. Über die Einzelstudien wurden rund 6.300 Frauen und Männer in die Meta-Analyse eingeschlossen. Die Altersspanne reicht von 14 bis 68 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 41 Jahren. „Es hat sich gezeigt, dass App-basierte mobile Interventionen effektiv sind, sowohl um Ernährungsverhalten zu verändern, als auch um Gewicht zu reduzieren und ernährungsbezogene Gesundheitsparameter zu verbessern“, fassen die Autoren zusammen.

Bei Patienten wie bei gesunden Usern wirksam
Die Apps waren sowohl bei Patienten als auch bei gesunden Usern wirksam – und so für eine breite Gesundheitsförderung in ganz unterschiedlichen User-Gruppen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich auch die von den rund 30 verschiedenen Apps genutzten Strategien zur Verhaltensänderung ihrer User angeschaut. Obwohl das optische Erscheinungsbild der Apps durchaus unterschiedlich ist, nutzen diese im Wesentlichen nur vier verschiedene Strategien zur Verhaltensänderung: Ziele setzen, Feedback geben, soziale Unterstützung bereitstellen und Wissen vermitteln. Das gilt sowohl für die auf dem Markt verfügbaren kommerziellen als auch die im wissenschaftlichen Kontext entwickelten Apps, die sich in ihrer Wirksamkeit nicht systematisch unterscheiden.

Die Studie zeigt, dass mobile Interventionen ein hohes Potential haben, aber dass gleichzeitig die Möglichkeiten der mobilen Technologie noch bei weitem nicht ausgeschöpft sind.

Faktenübersicht:
• Originalpublikation: Karoline Villinger, Deborah R. Wahl, Heiner Boeing, Harald T. Schupp, Britta Renner: The effectiveness of app‐based mobile interventions onnutrition behaviours and nutrition‐related health outcomes: A systematic review and meta‐analysis. Obesity Reviews, DOI: https://doi.org/10.1111/obr.12903
• Meta-Analyse mit rund 6.300 Frauen und Männern basierend auf 41 Einzelstudien bescheinigt Interventionen durch Apps auf dem Smartphone eine positive Wirkung
• Beteiligte Arbeitsgruppen an der Universität Konstanz: Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie von Prof. Dr. Britta Renner und Allgemeine und Biologische Psychologie von Prof. Dr. Harald Schupp
• Finanziell unterstützt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: +49 7531 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de

Quelle: IDW 

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Hochschule Flensburg forscht an Veredelung von Gärprodukten für die Landwirtschaft

Torsten Haase Pressestelle
Hochschule Flensburg

In einem rund 2 Millionen Euro schweren Forschungsprojekt wollen Wissenschaftler*innen der Hochschule Flensburg zusammen mit dem regionalen Industriepartner der Bioenergie Schuby das Problem von Grundwasserbelastungen durch Gärprodukte und Güllen in den Griff bekommen.

Es ist – gerade auch in Schleswig-Holstein – eine aktuelle Problemstellung: Intensive Landwirtschaft in Verbindung mit Viehhaltung und die Produktion von Biogas führen zu einer teils übermäßigen Belastung des Grundwassers. Bedingt durch die Ausbringung von Gärprodukten und Gülle wird eine lokale Überbelastung der Böden und Grundwasserstruktur vor allem mit Nitraten verursacht. „Wir wollen eine Methode entwickeln, mit der wir die Gärprodukte so behandeln, dass sie dem Gewässerschutz Rechnung tragen und gleichermaßen ökonomisch verträglich sind“, sagt Dr. Wiktoria Vith. Die Professorin für Verfahrenstechnik leitet einen Teil des aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung geförderten Projekt „easy2clean“ an der Hochschule Flensburg.

Verringern soll die Grundwasserbelastung – Kohle. Zumindest eine kohleartige Struktur, die durch Pyrolyse entsteht. Dabei werden die festen Gärprodukte ohne Zufuhr von Sauerstoff verschwelt, wodurch sämtliche organische Überreste zersetzt werden. Zurück bleibt eine poröse Kohlenstoffstruktur. „Diese weist schwammartige Eigenschaften auf“, erklärt Vith, „und kann so eingebracht in den Boden wiederum auch die flüssigen Gärrückstände aufnehmen und verzögert die Nährstoffabgabe in den Boden“. Neben der positiven Eigenschaft, dass durch die Speicherung von Nährstoffen und Wasser die Bodenstruktur verbessert werde, könne man den überflüssigen regionalen Wirtschaftsdünger in Form der pflanzenähnlichen Kohlenstücke als Handelsprodukt überregional vertreiben, so Vith. Die Bedingungen unter welchen die geeigneten Pyrolysate entstehen und vor allem ihre Eigenschaften sollen als erstes in einem neu eingerichteten Labor untersucht werden.

Politik und Agrarbranche haben großes Interesse an solch nachhaltigen Lösungen. Doch der Teufel steckt im Detail. „Wir müssen das Produkt natürlich testen, bevor eine großtechnische Anlage zur Aufbereitung bei unserem Industriepartner errichtet wird“, sagt Vith. Eine industrielle Pyrolyseanlage für feste Gärprodukte soll in drei Jahren auf dem Gelände der Bioenergie Schuby GmbH in Schuby entstehen. Bis dahin werden Vith und ihr Team die Produkte der Pyrolyse im kleinen Maßstab testen. Welche Qualität hat es, wie verhält es sich hinsichtlich der Filtration und Speicherwirkung sind nur einige der zu klärenden Fragen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr.-Ing. Wiktoria Vith
Professorin am Fachbereich Maschinenbau, Verfahrenstechnik und Maritime Technologien

CleanMarine4.0: Projektleiterin
Telefon 0461/805 – 1576
Raum B 6
wiktoria.vith@hs-flensburg.de

Weitere Informationen:

Weitere Infos: https://hs-flensburg.de/forschung/fue/forschungsprojekte/easy2clean

Anhang
PM als pdf
https://idw-online.de/de/attachment75903

Quelle: IDW 

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Der Traum vom Hauptgewinn: Statistik-Experte erklärt, warum wir Lotto spielen

Maxie Strate Marketing & Communications
International School of Management (ISM)

Am Wochenende wird mit der spanischen Weihnachtslotterie wieder die größte Lotterie der Welt ausgeschüttet. Der Traum von „El Gordo“, dem Hauptgewinn, schweißt ganze Dörfer zu Tippgemeinschaften zusammen. Auch in Deutschland erfreut sich Lottospielen nach wie vor großer Beliebtheit, obwohl die Gewinnchance verschwindend gering ist. Prof. Dr. Jens Perret unterrichtet an der International School of Management (ISM) Statistik und Volkswirtschaftslehre und hat sich mit dem Phänomen beschäftigt.

„Lotto ist in Deutschland aus gutem Grund als Glücksspiel und nicht als Strategiespiel kategorisiert“, sagt ISM-Professor Dr. Jens Perret. „Im Gegensatz zu den unterschiedlichsten Pokervarianten kann man sich zum Beispiel durch kognitive Leistung wie Kartenzählen keinen taktischen Vorteil verschaffen, geschweige denn eine Gewinnstrategie erarbeiten.“ Um im deutschen 6aus49 einen sicheren Gewinn einzufahren, müssten 77,50 Euro investiert werden. Statistisch betrachtet führt damit ein Euro Einsatz zu einem Gewinn von 0,0645 Euro – ein deutliches Minusgeschäft.

Trotzdem spielen rund 7,3 Millionen Deutsche regelmäßig Lotto. Grund dafür sind psychologische Ansätze – und unser mathematisch-statistisches Verständnis, erklärt Perret: „Am Anfang steht der Traum, was man mit dem Gewinn alles machen kann. Allein die Möglichkeit, gewinnen zu können, führt zu einer positiven Gemütslage. Ein geschicktes, psychologisch fundiertes Marketing zielt genau auf diesen Traum des besseren Lebens ab.“ Außerdem spielt die Darstellung der Gewinnwahrscheinlichkeit eine entscheidende Rolle. Bei 6aus49 liegt diese bei 1:140 Millionen. „Die 1 suggeriert uns, wir könnten der Eine sein, der gewinnt. Anders wäre es, wenn die Wahrscheinlichkeit als Verlustchance von 139.838.159:139.838.160 ausgedrückt werden würde. Diese Zahl lässt uns glauben, die Wahrscheinlichkeit nicht zu gewinnen sei überwältigend und das Spielen zwecklos.“

Andersherum wird die verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit von 0,00000072% auf den Hauptgewinn plötzlich realistisch. „Den meisten Menschen fällt es schwer, sich große absolute Zahlen zu veranschaulichen. Ein Wert wie 140 Millionen ist nicht mehr greifbar und das Bauchgefühl übernimmt. Und intuitiv neigen wir dazu, kleine Wahrscheinlichkeiten überzubewerten“, erklärt Perret. „Unser mathematisch-statistisches Verständnis steht hinter dem Traum eines Lottogewinns zurück. Wenn der Jackpot winkt, gewinnt die Hoffnung gegen den Verstand.“

Hintergrund:
Die International School of Management (ISM) zählt zu den führenden privaten Wirtschaftshochschulen in Deutschland. In den einschlägigen Hochschulrankings rangiert die ISM regelmäßig an vorderster Stelle.
Die ISM hat Standorte in Dortmund, Frankfurt/Main, München, Hamburg, Köln, Stuttgart und Berlin. An der staatlich anerkannten, privaten Hochschule in gemeinnütziger Trägerschaft wird der Führungsnachwuchs für international orientierte Wirtschaftsunternehmen in kompakten, anwendungsbezogenen Studiengängen ausgebildet. Alle Studiengänge der ISM zeichnen sich durch Internationalität und hohe Lehrqualität aus. Projekte in Kleingruppen gehören ebenso zum Hochschulalltag wie integrierte Auslandssemester und -module an einer der rund 190 Partnerhochschulen der ISM.

Pressekontakt:
Maxie Strate
Leiterin Marketing & Communications
ISM International School of Management GmbH
Otto-Hahn-Str. 19
44227 Dortmund
tel.: 0231.97 51 39-31
fax: 0231.97 51 39-39
E-Mail: maxie.strate@ism.de

Weitere Informationen:
http://www.ism.de

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Erfolgreich abnehmen – eine Typfrage: Auf energiereduzierte Mischkost setzen oder eher Kohlenhydrate einschränken?

Christina Seddig Pressestelle
Deutsche Diabetes Gesellschaft

Gewichtsreduktion ist nicht nur für viele Diabetespatientinnen und -patienten ein wichtiges Thema. Ob sie gelingt, hängt stark von dem gewählten Ernährungskonzept ab. Elisabeth Höfler, Ernährungsexpertin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), stellt zwei Erfolgsdiäten vor. Die Stuttgarter Diätberaterin kennt schmackhafte Rezepte und gibt praktische Tipps, wie man eine Ernährungsumstellung im Alltag lange gut durchhält.

Maßgeblich für den Erfolg ist auch eine individuelle und qualifizierte Ernährungsberatung, die verschiedene Diabetes-Typen, Behandlungsformen, soziale Aspekte sowie persönliche Vorlieben berücksichtigt. Sie sollte ein wesentlicher Bestandteil der Diabetestherapie sein, fordert die DDG.

Adventsgebäck, Glühwein, Festessen – zur Weihnachtszeit kommen schnell etliche Kalorien zusammen. Im neuen Jahr fassen dann viele Menschen den Entschluss, wieder abzunehmen. Doch wie schafft man das am besten? „Zwar hat eine Reduzierung der Kohlehydrate den größten positiven Effekt auf den Blutglukosespiegel und auch auf die Gewichtsreduktion“, erklärt DDG Präsidentin Professor Dr. med. Monika Kellerer. „Doch ein ausschließlicher Fokus auf die Kohlehydrataufnahme ist nicht zielführend“. Die Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am Marienhospital Stuttgart verweist auf die aktuelle Stellungnahme der DDG zu den Empfehlungen der Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA)1 und betont, dass bei der Ernährung insgesamt auf Fettsäurezusammensetzung, Ballaststoffe und glykämische Last zu achten sei.

Elisabeth Höfler, Leiterin der Diätschule, Diät- und Ernährungsberatung am Marienhospital Stuttgart, unterstützt seit 30 Jahren Diabetespatienten bei der Gewichtsreduktion. Sie empfiehlt zwei Konzepte: die energiereduzierte Mischkost und den weitgehenden Verzicht auf Kohlenhydrate, auch bekannt als Low Carb. „Wichtig ist, dass die gewählte Ernährungsform zufrieden stellt“, betont Höfler. „Denn man muss sie lange durchhalten, damit die Kilos purzeln.“ Deshalb steht am Anfang jeder Ernährungsumstellung die Frage: Welches Konzept passt zu mir?

–> Low Carb oder energiereduzierte Mischkost? Diese Fragen helfen bei der Entscheidung
Komme ich mit wenig Brot aus, mag ich sehr viel Gemüse essen? Diese beiden Punkte sind bei Low Carb entscheidend. „Wir haben häufig Patienten, die sich ein Frühstück oder Abendessen ohne Brot nicht vorstellen können“, berichtet Elisabeth Höfler. „Auch der Verzicht auf Kartoffeln und Pasta erscheint ihnen unvorstellbar.“ In diesem Fall kommt Low Carb nicht in Frage. „Das ist dann dauerhaft nicht umsetzbar“, so Höfler. Das Gemüse sollte zudem frisch gekauft und zubereitet sein – das kann eine Veränderung im Einkaufsverhalten mit sich bringen, die ebenfalls bedacht werden sollte.
Die zentrale Frage für Berufstätige bei der energiereduzierten Mischkost lautet: Kann ich in einer Kantine zu Mittag essen, die ein Salatbuffet, viel Gemüse und Fleisch und Fisch ohne kompakte Saucen anbietet? „Wenn es in meinem Umfeld vor allem Pizza, Pasta, Döner und Burger gibt, wird es schwierig“, betont Höfler. Dann müsse man sich darauf einrichten, zu Hause vorzukochen und die Speisen in einer Transportbox mitzunehmen. „Hier gebe ich gerne den Tipp: Einmal kochen, mehrfach essen“, erklärt Höfler. Beispiel: Die doppelte Menge Lachs zubereiten, für den zweiten Teil eine Marinade aus Zitrone und Olivenöl anmischen und mit Salat in den Job mitnehmen. So entsteht aus dem warmen Gericht ein Kaltgericht fürs Büro.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Diät muss alltagstauglich sein. „Durch Einladungen, Reisen, Feiertage oder offizielle Anlässe kommt man leicht aus dem Rhythmus“, erläutert Höfler. „Man muss sich vorstellen können, am nächsten Tag wieder motiviert zum bewährten Konzept zurückzukehren und die kleinen Sünden auszugleichen.“

–> Low Carb – ein Kilo Gemüse täglich, einen Löffel sättigendes Leinöl
Und so funktioniert Low Carb: Gemüse bildet die Basis – zwischen 750 und 1000 Gramm pro Tag müssen es sein, um den Hunger zu stillen. „Sättigung kann man sich bei Low Carb nur über Gemüse verschaffen“, betont Höfler. Für die Kohlenhydratriesen Brot, Kartoffeln, Nudeln und Reis gilt: Knapp 120 Gramm pro Tag sind erlaubt. Als Proteinträger eignen sich mageres Fleisch und viel Kaltwasserfisch wie Lachs, Hering, Makrele und Thunfisch.
Was die Fette betrifft, ist Käse bis 45 Prozent Fettanteil statthaft. Ansonsten bieten sich Raps-, Oliven-, Walnuss- und Haselnussöl an. „Sehr empfehlenswert ist übrigens Leinöl, das ist ja sehr gesund und momentan wieder sehr populär“, rät Höfler. Ihr Tipp: Geflügel kurz anbraten, dazu Gemüse mit einem sättigenden Dip aus Quark, Hüttenkäse oder Joghurt anrichten, der mit Kräutern und Curry gewürzt ist und on top mit einem Teelöffel Leinöl aufwartet. Auch in leckere Brotaufstriche (siehe Rezepte unten) pro Portion einen Esslöffel Leinöl beimengen.
Süßes steht bei Low Carb nur ausnahmsweise auf der Speisekarte – einmal pro Woche etwa ein kleines Stück Obstkuchen mit Streuseln. Um den Appetit auf Süßes zu stillen, rät die Ernährungsexpertin zu klein geschnittenem Obst in Quark oder Joghurt, der mit Süßstoff versetzt wird. „Bei Getränken am besten auf zuckerfreie Varianten umsteigen“, erläutert Höfler. Wer zu Light-Varianten greift, sollte auf die Zutatenliste schauen und Fruktose meiden.

–> Energiereduzierte Mischkost: Alles ist erlaubt, aber nur bis etwa 1.500 Kilokalorien pro Tag
Das Prinzip: Man nimmt zwischen 500 und 800 Kilokalorien pro Tag weniger auf, als der Körper für Grundumsatz plus Bewegung benötigt. Den Bedarf kann man im Internet2 errechnen. Bei einer Schreibtischtätigkeit mit wenig Bewegung etwa liegt der Bedarf bei 1800 bis 2000 Kalorien täglich. „Hier ist ein Zielwert von 1500 Kalorien empfehlenswert“, so Höfler. „Viel weniger sollte es nicht sein, sonst ist dieses Prinzip nicht durchzuhalten, zumal wichtige Vitamine und Mineralstoffe fehlen könnten.“ Bei einem körperlich tätigen Handwerker beläuft sich der tägliche Energiebedarf auf 2400 bis 2800 Kalorien, er sollte 2000 Kalorien ansteuern. Achtung: Bei Frauen in den Wechseljahren sinkt der Grundumsatz auf 1700 bis 1800 Kalorien.
Ansonsten ist eigentlich alles erlaubt, sofern man in seinem „Kalorienbudget“ bleibt. Das erscheint mitunter einfacher, als es tatsächlich ist. Deshalb: Lebensmittel mit hohem Fettgehalt wie Wurst und Käse oder Speisen mit Soßen meiden, dafür bei Salat, Gemüse und magerem Fleisch reichlich zugreifen. Moderate Mengen an Süßwaren sind erlaubt, aber auch hier gilt: Besser ein Obstdessert mit Süßstoff zubereiten. Beim Kauf von Fertigprodukten sollten Konsumenten aufmerksam die Zutatenliste studieren. „Eine Fertigpizza kann den gesamten Tagesbedarf decken, unbedingt auf Größe und Belag achten“, warnt Höfler. Tipp der Stuttgarter Diätexpertin: Statt Pizza sättigende Tiefkühl-Fischgerichte wählen, die nur 500 bis 800 Kilokalorien enthalten.

–> Drei Hauptmahlzeiten einnehmen, zwölf Stunden pausieren
Ob nun Low Carb oder energiereduzierte Mischkost, auch für die Essens-Intervalle gibt es Empfehlungen. „Wir raten stark zu drei Hauptmahlzeiten“, sagt Höfler. Zwischen Frühstück, Mittag und Abendessen sollten jeweils vier bis sechs nahrungsfreie Stunden liegen und Essen zu sehr späten Zeiten vermieden werden. „Optimal ist es, über den Abend und die Nacht zwölf Stunden nahrungsfrei zu bleiben“, fügt die Expertin hinzu.

–> Gemüsesäfte: Kalorienarme Alternative zu Apfel & Co
Was die Getränke angeht, rangiert Mineralwasser ganz oben auf der Liste. „Es sollte möglichst reich an Kalzium sein, um die Knochengesundheit zu stärken“, erläutert Höfler. Der Kalziumgehalt ist auf den Etiketten deklariert. Wer Mineralwasser nicht schätzt, kann auf Kräuter- und Früchtetee ausweichen. Obstsäfte sollte man mit Wasser im Verhältnis von eins zu drei verdünnen. Hier hat DDG-Expertin Höfler einen Tipp parat: „Gemüsesäfte sind kalorienärmer als Obstsäfte – vielen schmeckt Tomatensaft ebenso gut wie Orangensaft.“ Für die benötigte Trinkmenge veranschlagt man 30 bis 35 Milliliter Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Ein 70 Kilogramm schwerer Mensch benötigt demnach 2,1 Liter pro Tag.

–> Für zehn Kilogramm Gewichtsverlust ein Jahr einplanen
Wer Low Carb oder energiereduzierte Mischkost konsequent umsetzt, wird erfolgreich Gewicht verlieren. „Anfangs sind 500 Gramm bis zu einem Kilo Gewichtsverlust pro Woche realistisch“, berichtet Höfler. Dann setzt meist eine Stagnation ein, die aber nicht frustrieren darf – Durchhaltevermögen ist gefragt. Wer mehr als zehn Kilo gesund und nachhaltig abnehmen will, sollte ein Jahr einplanen. „Ein Patient, der 160 Kilo wiegt und maximal 1.800 Kalorien täglich zu sich nimmt, kann in einem Jahr 20 bis 25 Kilo verlieren, wenn er konsequent ist“, weiß Höfler aus Erfahrung. Und: Einmal pro Woche wiegen reicht!

Ein Gewichtsverlust von 50 Kilo setzt allerdings eine fast unmenschlich hohe Motivation voraus. Bei massiver Adipositas rät die Stuttgarter Expertin daher eher zu chirurgischen Maßnahmen.

–> Informationen:
– 1) Stellungnahme des Ausschusses „Ernährung“ der DDG zum Consensus Report der ADA: Nutrition Therapy for Adults with Diabetes or Prediabetes, September 2019, Evert AB et al. Diabetes Care 2019;42:731-54.
https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Gremien/Aussch…
– Tagespläne für beide Ernährungskonzepte finden Sie hier: https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Presse/Pressem…
– Tipps für gesunde Adventsrezepte können Sie hier nachlesen: https://www.diabetesde.org/rezept-anlasse/adventsrezepte
– 2) Den Energiebedarfsrechner finden Sie hier: https://www.diabetesde.org/gesund_leben_mit_diabetes/ernaehrungswissen_diabetes_…

Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9.000 Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der fast sieben Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Geschäftsstelle
Katrin Bindeballe
Albrechtstraße 9, 10117 Berlin
Tel.: 030 3116937-55, Fax: 030 3116937-20
bindeballe@ddg.info
https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/home.html

Weitere Informationen:
https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/home.html

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Soziologen der KU untersuchen Wechselwirkungen von Zahlen und Daten im Profifußball

Dipl.-Journ. Constantin Schulte Strathaus Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Kategorien wie Torgefährlichkeit, Ballbesitz oder Raumkontrolle gehören mittlerweile zum festen Bestandteil des Profifußballs – sowohl in der Berichterstattung als auch hinsichtlich der Entscheidungen zu Spieltaktik oder Spielertransfer. Doch wie entstehen diese Werte und welche Wechselwirkungen hat die Quantifizierung des Spielgeschehens auf den Fußball und sein Umfeld? Und wie spiegelt sich darin der generelle Trend wider, Abläufe auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen in Zahlen zu übersetzen? Dieser grundlegenden Thematik gehen Soziologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) derzeit in ihrem Projekt „Accounting und transformatorische Effekte im Profifußball“ nach.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt über drei Jahre hinweg mit rund 430.000 Euro. Schon in den 1970er-Jahren wurde nicht nur von den Sportwissenschaften damit begonnen, elektronische Analysesysteme zu entwickeln und in die sportliche Praxis zu integrieren. Seit Anfang der 1990er-Jahre konnten dann auch Sportjournalisten auf eigens erhobene statistische Daten zu Spielern und Mannschaften der Bundesliga zurückgreifen. In Deutschland ermittelt ein Tochterunternehmen der Deutschen Fußball Liga (DFL) zusammen mit anderen Datendienstleistern die sogenannten „offiziellen“ Spieldaten für die erste und zweite Bundesliga zu ermitteln. Diese sind rund um die Uhr für die Firmenkundschaft zugänglich. Dazu zählen nicht nur die Fußballvereine selbst, sondern vor allem Medien der Sport- und Fußballberichterstattung.

„Die Erhebung der Daten hat Effekte, die über die bloße technische Erfassung des Spielgeschehens, seine Zergliederung in Einzelereignisse und seine Übersetzung in vermeintlich objektive Zahlen und Werte hinausgehen. Als Teil der Wirklichkeit des Profifußballs entfalten die Analyseverfahren vielfältige Wirkungen auf den Gegenstand selbst“, erklärt Prof. Dr. Robert Schmidt, Inhaber der Professur für Prozessorientierte Soziologie an der KU. So beeinflussten sie etwa Spieltaktiken, Transferentscheidungen und Vermarktungsstrategien der Fußballorganisationen, hätten Auswirkungen auf die mediale Berichterstattung, die Kommunikation unter Fußballfans und veränderten das Feld des Profifußballs, indem sie es um neue Akteursgruppen, wie etwa Sportwetten-Anbieter, erweitern.

Um den Logiken und Effekten von datengestützten Analysepraktiken auf die Spur zu kommen, will Schmidt gemeinsam mit Franziska Hodek und Max Weigelin (beide wissenschaftliche Mitarbeiter des Projektes) sowie Moritz Brinkmann (wissenschaftliche Hilfskraft) unter anderem auch vor Ort untersuchen, wie Daten bei Spielanalyse-Firmen konkret entstehen. In einem Fall etwa sind geschulte Analystinnen und Analysten damit beschäftigt, Spielereignisse anhand eines Definitionskataloges zu klassifizieren und während eines Spiels live in Datenbanken einzugeben. Wie werden von den Analysten dabei genau Spielereignisse und Körperbewegungen in Zahlen und Daten übersetzt und für die Neugestaltung und Neuorganisation der Spiel- und Trainingspraktiken und ihrer Kontexte bereitgestellt?

Schmidt, Hodek und Weigelin wollen zum einen sportsoziologische Forschungslücken schließen: „Es gilt zu klären, wie stark Accounting, Quantifizierung und Bewertung die Taktiken und Spielweisen, die Arbeit von Trainern, Managern, Medizinern und anderen Experten in den sportlichen Leitungen sowie die mediale Berichterstattung prägen“, so Schmidt. In den Blick genommen werden deshalb außerdem die Verbreitungswege von Daten und Analysen sowie Konflikte, die sich an Bewertungskriterien und Wertgrößen entzünden.

Doch auch über den Fußball hinaus erwarten sich die Eichstätter Soziologen Einblick in ein generelles sozio-kulturelles Phänomen: „Quantifizierung ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die wir in den letzten Jahrzehnten in vielen gesellschaftlichen Bereichen verstärkt beobachten können, wie Bildung, Wissenschaft oder Gesundheit“, erklärt Hodek. Dabei werde versucht, Phänomene, Geschehnisse oder Eigenschaften in Zahlen zu übersetzen, und dafür entsprechende Methoden einzusetzen. Man verspreche sich davon eine evidenzbasierte Bewertung, an der man bestimmte Entscheidungen festmachen könne. „Auf diese Weise will man etwas steuerbar machen und kontrollieren.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Für Fragen zu diesem Projekt stehen Ihnen Prof. Dr. Robert Schmidt (Professur für Prozessorientierte Soziologie, rschmidt@ku.de) sowie Franziska Hodek und Max Weigelin (wissenschaftliche Mitarbeiter der Professur für Prozessorientierte Soziologie, fhodek@ku.de; max.weigelin@ku.de) zur Verfügung.

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Immer mehr Menschen sind wegen Schimmelpilzgiften in Lebensmitteln besorgt

Dr. Suzan Fiack Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

BfR veröffentlicht neunten Verbrauchermonitor zur Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken
Salmonellen in Lebensmitteln, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Antibiotikaresistenzen sind die Gesundheits- und Verbraucherthemen, die auf der Bekanntheitsskala von Verbraucherinnen und Verbrauchern ganz oben stehen. Dennoch halten weiterhin mehr als drei Viertel der Deutschen Lebensmittel für eher sicher. Dies ist das Ergebnis des aktuellen Verbrauchermonitors – einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Das Thema Schimmelpilzgifte in Lebensmitteln ist deutlich bekannter und beunruhigt gleichzeitig mehr Menschen als in der vorherigen Umfrage im Februar 2019. Fast die Hälfte der Befragten zeigt sich darüber besorgt. „Verbraucher fürchten eher synthetisch hergestellte Stoffe als natürlich vorkommende Substanzen“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Dass die Menschen Schimmelpilzgifte in Lebensmitteln mittlerweile als ähnlich gefährlich wie Salmonellen oder Pflanzenschutzmittelrückstände ansehen, zeigt, wie schnell sich die Wahrnehmung von gesundheitlichen Risiken verändert.“
https://www.bfr.bund.de/cm/350/bfr-verbrauchermonitor-08-2019.pdf

Ob Antibiotikaresistenzen, Mikroplastik, Salmonellen oder Schimmelpilzgifte – welche gesundheitlichen Risiken sind der Bevölkerung bekannt und was beunruhigt sie? Als bevölkerungsrepräsentative Befragung liefert der BfR-Verbrauchermonitor in halbjährlichem Abstand Einsichten zu der Frage, wie die Deutschen gesundheitliche Risiken wahrnehmen. Dafür werden etwa 1.000 Personen, die in Privathaushalten leben und mindestens 14 Jahre alt sind, im Auftrag des BfR telefonisch interviewt.

Nach wie vor nehmen die Befragten eine ungesunde oder falsche Ernährung, die Klima- und Umweltbelastung sowie das Rauchen als die größten gesundheitlichen Risiken wahr. Erstmals nannten mindestens fünf Prozent der Befragten den Themenkomplex Pflege, Alter, Rente spontan als Risiko. Fragt man nach ausgewählten Themen, so führen Salmonellen in Lebensmitteln, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Antibiotikaresistenzen die Bekanntheitsskala an. Darauf folgen Mikroplastik und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln (abgefragt als Reste von Pflanzenschutzmitteln) in Lebensmitteln sowie Aluminium in Lebensmittelverpackungen oder -behältnissen.

Wie in der Vorgängerbefragung sind Antibiotikaresistenzen und Mikroplastik in Lebensmitteln immer noch die Themen, die den meisten Befragten Sorgen bereiten. Im Vergleich zur letzten Umfrage ist die Bevölkerung jedoch deutlich beunruhigter über Schimmelpilzgifte in Lebensmitteln: Hier ist die Zahl derer, die sich Sorgen machen, um 13 Prozentpunkte auf 46 Prozent gestiegen. Ähnlich viele Befragte finden beispielsweise Salmonellen in Lebensmitteln besorgniserregend. Die Thematik Listerien in Lebensmitteln, die erstmalig in dieser Umfrage aufgenommen wurde, ist nur knapp der Hälfte der Befragten bekannt.

In der Spezialausgabe des Eurobarometers zur Lebensmittelsicherheit in der EU, eine im April 2019 in 28 EU-Mitgliedsstaaten erfolgte Befragung von ca. 28.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, werden Unterschiede in der Risikowahrnehmung innerhalb der EU deutlich. Im europäischen Vergleich liegt die Sorge um Antibiotika-, Hormon- oder Steroidrückstände in Fleisch in der deutschen Bevölkerung mit 61 Prozent weit über dem europäischen Durchschnitt (44 Prozent). Hingegen zeigt Deutschland sich bei der Frage nach „Lebensmittelvergiftungen durch Bakterien“ eher weniger besorgt (22 Prozent) als die EU insgesamt (30 Prozent). Auch der aktuelle BfR-Verbrauchermonitor zeigt eine relativ geringe Beunruhigung durch Bakterien in Lebensmitteln, wie z.B. Listerien oder Campylobacter, die beide nur weniger als der Hälfte der Befragten bekannt sind.

Link zum Eurobarometer 2019 „Food Safety in the EU“,
https://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/corporate_publications/files/Euro…

Über das BfR
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.

Quelle: IDW 

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Studie zu Persönlichkeit und Verhalten im Arbeitskontext

Patricia Achter Dezernat Kommunikation
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Psychologinnen der Universität Bamberg suchen ab sofort Teilnehmende für eine Online-Befragung.
Die individuelle Beziehung zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden ist unter anderem bedeutsam für deren Wohlbefinden, Arbeitszufriedenheit und Leistung. Das bestätigen bisherige personalpsychologische Forschungsergebnisse. Sie belegen auch: Wie sich Personen in diesen Beziehungen verhalten, hängt zum einen von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Zum anderen sind Situation und Verhaltensweisen des Gegenübers entscheidend. Ab sofort beginnt ein Forschungsteam des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Bamberg gemeinsam mit der französischen Neoma Business School Reims eine Studie zu diesem Themenbereich. Das Team möchte ergründen, wie Persönlichkeit, Situation und Verhalten im Arbeitskontext miteinander zusammenhängen.

Die Forscherinnen suchen für die Online-Befragung Führungskräfte und Mitarbeitende, die mit ihren Erfahrungen dazu beitragen möchten, diese Fragestellung zu beantworten. Im Rahmen der Studie werden im Abstand von sechs Wochen zwei circa zehnminütige Online-Fragebögen ausgefüllt. Um zentrale Aspekte sowohl aus Mitarbeitenden- als auch Führungskräftesicht betrachten zu können, werden die Teilnehmenden im Verlauf der Studie gebeten, ihre Führungskraft beziehungsweise eine zufällig ausgewählte Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter zur Teilnahme einzuladen. Die Antworten sind für die Vorgesetzten oder Mitarbeitenden nicht einsehbar. Als Dank können die Teilnehmenden zwischen der Rückmeldung der Studienergebnisse, der Teilnahme an der Verlosung eines Tablets oder der Erstellung eines individuellen Persönlichkeitsprofils auswählen.

Das Forschungsteam garantiert für alle im Rahmen dieses Projekts erfassten Daten einen vertraulichen Umgang und strikte Anonymität. Die Angaben werden ausschließlich für Forschungszwecke verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Inhaltliche Rückfragen beantwortet Theresa Fehn unter der E-Mail-Adresse theresa.fehn@uni-bamberg.de oder telefonisch unter der 0951/863-1799.

Interessierte können unter folgendem Link teilnehmen: https://ww3.unipark.de/uc/JOB_Feld1/?a=7&b=0

Weitere Informationen zur Studie unter: www.uni-bamberg.de/kap

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Theresa Fehn
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik
Tel.: 0951/863-1799
theresa.fehn@uni-bamberg.de

Weitere Informationen:
https://ww3.unipark.de/uc/JOB_Feld1/?a=7&b=0 zur Onlinebefragung
http://www.uni-bamberg.de/kap für weitere Informationen zur Studie

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Bewegung schützt vor Diabetes – aber wie?

Dr. Michael Ramm Pressestelle
Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (HKI)

Jena. Ärzte raten zu mehr Bewegung, wenn sie Prädiabetes diagnostizieren. Häufig lässt sich damit der Übergang zu einer Typ-II-Diabeteserkrankung verhindern oder verzögern. Aber eben nicht immer. Ein Team um den Jenaer Systembiologen Gianni Panagiotou fand nun Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung des Darmmikrobioms eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob Sport tatsächlich vor Typ-II Diabetes schützen kann. Die Ergebnisse der mit Forscherkollegen in Hongkong gemeinsam durchgeführten Studie erschienen kürzlich im Fachjournal Cell Metabolism.

Ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung sind häufig die Ursache für eine Diabeteserkrankung. Diese kündigt sich im Fall von Typ-II-Diabetes meist an: Die Patienten haben einen dauerhaft erhöhten Blutzuckerwert ohne jedoch die für die Diabetesdiagnose festgelegten Grenzwerte zu überschreiten. In diesem Fall handelt es sich um Prädiabetes. Menschen mit Prädiabetes erhalten die ärztliche Empfehlung, regelmäßig Sport zu treiben. Häufig lässt sich die Diabeteserkrankung durch Bewegung verhindern. Ein bestimmter Anteil der Betroffenen weist jedoch eine sogenannte Trainingsresistenz auf: bei ihnen zeigt der Sport keinerlei Wirkung oder fördert gar die Entwicklung von Diabetes.

Gianni Panagiotou vom Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena und seine Kollegen von der Universität Hongkong haben das Darmmikrobiom von Patienten, die positiv auf Sport ansprechen mit dem von jenen verglichen, wo Bewegung keine Wirkung zeigt. Die Studiendaten zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom, Bewegung und Blutzuckerwerten. „Es gibt eine hohe Variabilität bei der Reaktion von Blutzuckerwerten auf sportliche Betätigung. Wir konnten herausfinden, dass diese in Abhängigkeit des Darmmikrobioms steht“, sagt Panagiotou. Dabei beziehen sich diese Unterschiede sowohl auf die Zusammensetzung des Mikrobioms als auch auf seine Funktionalität. So produziert das Darmmikrobiom von erfolgreich Therapierten mehr nützliche kurzkettige Fettsäuren während bei denen, die nicht ansprachen, eher metabolisch schädliche Verbindungen auftreten.

Die Ergebnisse wurden anhand des Darmmikrobioms von 39 Männern mit Prädiabetes gewonnen. In einem Kontrollexperiment wurde das Darmmikrobiom der unterschiedlich reagierenden Patienten aus dieser Probandengruppe auf fettleibige Mäuse übertragen. Allein das Mikrobiom derer, bei denen die Bewegungstherapie wirksam war, führte bei den Mäusen zu denselben positiven Auswirkungen.

Mit der Untersuchung des Darmmikrobioms ließe sich also voraussagen, wie gut Prädiabetiker auf Bewegung ansprechen. „Diese Erkenntnis ermöglicht es, zukünftig personalisierte Therapieansätze zu entwickeln“, so Panagiotou.

Unter dem Begriff Mikrobiom verstehen Wissenschaftler die Gesamtheit aller Mikroorganismen in einem bestimmten Raum, also beispielsweise dem Darm. Es wird vermutet, dass das Darmmikrobiom einen großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen hat. Die Bildung und Veränderung von Mikrobiomen sowie die molekularen Mechanismen ihrer Regulation sind Forschungsgegenstand des Jenaer Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“, in dem ein Teil der Studie durchgeführt wurde. Gianni Panagiotou bearbeitet das Thema zudem im Sonderforschungsbereich FungiNet und im EU-geförderten Marie Skłodowska-Curie Programm „BestTreat“, das er auch koordiniert. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden im Fachjournal Cell Metabolism veröffentlicht und von den Zeitschriften Nature und Nature Endocrinology als Forschungs-Highlight hervorgehoben.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Assoc. Prof. Dr. Gianni Panagiotou, gianni.panagiotou@leibniz-hki.de

Originalpublikation:
Liu Y, Wang Y, Ni Y, Cheung CKY, Lam KSL, Wang Y, Xia Z, Ye D, Guo J, Tse MA, Panagiotou G, Xu A (2019) Gut microbiome fermentation determines the efficacy of exercise for diabetes prevention. Cell Metabolism, https://doi.org/10.1016/j.cmet.2019.11.001.

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Umwelt überwachen und schützen: THGA-Technik gewinnt internationale Challenge

Carmen Tomlik Pressestelle
Technische Hochschule Georg Agricola

Der Sommer 2018 brach in vielerlei Hinsicht Rekorde, darunter auch einen traurigen: In vielen deutschen Seen und Flüssen kam es zu einem massiven Fischsterben. Grund dafür waren die langanhaltend hohen Temperaturen und der stetig sinkende Sauerstoffgehalt im Wasser. Damit sich solche Entwicklungen künftig besser überwachen und bestenfalls vermeiden lassen, haben Wissenschaftler der Technischen Hochschule Georg Agricola (THGA) ein neues System entwickelt. „Smart Lake“ überwacht Wasserdaten und sendet eigenständig eine Warnung an den zuständigen Techniker, wenn Grenzwerte überschritten werden.

An dem Projekt waren maßgeblich Masterstudierende aus dem Studiengang Elektro- und Informationstechnik beteiligt. Mit ihrer Idee vom intelligenten See belegten Prof. Dr. Bernd vom Berg und sein Team nun den ersten Platz in einem internationalen Wettbewerb, der „Sigfox Universities Challenge 2019″. Das digitale Erfolgsrezept heißt „Internet of Things“: Immer mehr Gegenstände des täglichen Lebens sind miteinander vernetzt und an eine globale Infrastruktur angeschlossen – vom Kühlschrank, der sich selbst befüllt, bis hin zum Autoassistenzsystem oder dem Fitnesstracker. Beim „Green IoT“ wird diese Idee noch um den Umweltgedanken erweitert, erklärt Prof. vom Berg von der THGA: „Dank modernster Technik können wir effektive Systeme zum Schutz der Umwelt aufbauen und einsetzen und somit einen wesentlichen Beitrag leisten, um Lebensräume für Tiere, Pflanzen und Menschen zu bewahren.“

So haben die Bochumer Wissenschaftler kurzerhand den See selbst smart gemacht. Im nahen Stadtparkteich installierten sie ihr spezielles Monitoring-System „Smart Lake“. Messstationen, entlang des Gewässers verteilt, erfassen seither zyklisch die Wasserparameter und übermitteln sie an zentrale Überwachungsstellen. „Dabei können wir genau festlegen, wie oft gemessen wird z.B. alle zehn Minuten, alle 12 Stunden oder einmal am Tag“, erklärt Student Philipp Krienke, der das System in seiner Bachelorarbeit entwickelt hat und jetzt weiter optimiert. „Sobald Grenzwerte überschritten werden, sendet es eigenständig eine Alarm-Mail an die Verantwortlichen. In Bochum etwa an das Tiefbauamt und ggf. dann an die Feuerwehr“, sagt der 28-Jährige.

Das Besondere ist, dass die Messwerte in einer übersichtlichen Grafik auf Smartphone oder Tablet ankommen. So lassen sich Tendenzen und Änderungen noch besser erkennen. Im Ernstfall könnte dann schnellstmöglich reagiert werden, z. B. mit der Einleitung von Frischwasser oder Sauerstoff. Und zwar bevor umweltgefährdende Situationen eintreten.

Für die Übertragung nutzen die THGA-Wissenschaftler das weltweite IoT-Netzwerk des französischen Anbieters „Sigfox“. Es ermöglicht, Objekte mit geringem Energiebedarf drahtlos mit dem Internet zu verbinden. Das praxisnahe Beispiel überzeugte jetzt auch Sigfox selbst: Bei der diesjährigen Sigfox Universities Challenge belegten die Bochumer Wissenschaftler den ersten Platz, zusammen mit einem Projekt aus Indien.

Monitoring mit unbegrenzten Möglichkeiten
Das Umweltmonitoring-System der THGA ist aber nicht nur für die Überwachung von Gewässern geeignet, sondern lässt sich universell in vielen Bereichen des aktiven Umweltschutzes einsetzen. Da die komplette Kernelektronik immer gleichbleibt, muss nur die Sensorik individuell an die Anforderungen angepasst werden. „Ursprünglich hatten wir die Technik für den Nachbergbau entwickelt, nämlich um stillgelegte Schächte zu überwachen“, erklärt Prof. vom Berg. Inzwischen überwachen die Sensoren u. a. auch Aquarien im Tierpark oder ein Wildschweingehege im Wald. Lediglich das Sigfox-Netzwerk muss vor Ort vorhanden sein. So lassen sich mit dem Bochumer System künftig die unterschiedlichsten Umweltschutzszenarien erfassen und lückenlos überwachen – auf der Erde, im Wasser oder in der Luft.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr.-Ing. Bernd vom Berg
Technische Hochschule Georg Agricola
Elektro- und Informationstechnik
Herner Straße 45
44787 Bochum
Telefon: (0234)968-3399
E-Mail: Bernd.vomBerg@thga.de

Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=2gn9yelPH4c

Quelle: IDW 

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Fettstoffwechsel und Diabetes: Im Takt der inneren Uhr

Sonja Schäche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

Abhängig von der Uhrzeit, zu der gegessen wird, verändern sich die Fettmuster im Blut und beeinflussen die Empfindlichkeit für das Hormon Insulin. Das zeigt die Publikation einer Forschergruppe um PD Dr. Olga Ramich vom DIfE im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism.

Zahlreiche physiologische Prozesse wie beispielsweise Wach- und Schlafzustand, Körpertemperatur und Blutdruck folgen einem regelmäßigen 24-stündigen Tag/Nachtrhythmus. Dieser Takt der inneren Uhr wird von einem Netzwerk von Proteinen und Genen gesteuert und kann durch Licht und Mahlzeiten beeinflusst werden. Störungen des empfindlichen Systems, z. B. durch einen Jetlag oder Schichtarbeit, können Übergewicht, Insulinresistenz und veränderte Blutfettwerte begünstigen und erhöhen das Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes.

Nicht nur was und wie, sondern auch wann
Das Team um PD Dr. Olga Ramich, Leiterin der Forschungsgruppe „Molekulare Ernährungsmedizin“ am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), erforscht die Zusammenhänge zwischen innerer Uhr, Zusammensetzung der Nahrung und Stoffwechselerkrankungen. Ramich wollte genau wissen, wie sich der Zeitpunkt der Aufnahme einer kohlenhydratreichen Mahlzeit im Vergleich zu einer fettreichen Mahlzeit auf den Fettstoffwechsel und die Blutzuckerkontrolle auswirkt. Dafür analysierte ihre Forschungsgruppe das Lipidom, also die Gesamtheit der Lipide im Blutplasma, von 29 nicht-adipösen, gesunden Männern.

„Unsere Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass sowohl Mahlzeitenkomposition als auch Tageszeit die Zusammensetzung der Fette im Blut beeinflussen. Für ein Drittel aller Lipide waren die Änderungen nach der Mahlzeit davon abhängig, ob dieselbe Mahlzeit morgens oder nachmittags gegessen wurde“, sagt Ramich. Zusammen mit den Blutlipiden veränderte sich im Laufe des Tages auch die Insulinempfindlichkeit. „Möglicherweise können die tageszeitlich bedingten Lipidmuster ein Grund dafür sein, dass unser Körper morgens empfindlicher auf Insulin reagiert als abends“, erklärt die Forscherin.

Ablauf der Studie
Die Studie bestand aus zwei jeweils vierwöchigen Ernährungsphasen. In der einen Phase nahmen die Probanden am Vormittag eine kohlenhydratreiche und am Nachmittag sowie am Abend eine fettreiche Mahlzeit zu sich. Während der anderen Phase gab es früh die fettreiche und spät die kohlenhydratreiche Kost. Nach Abschluss der jeweiligen Phase folgte ein Untersuchungstag, an dem die Studienteilnehmer in das Humanstudienzentrum des DIfE kamen und zwei Mahlzeiten zu sich nahmen – eine um 9 Uhr und die andere um 15.40 Uhr. Diese Testmahlzeiten waren der vorangegangenen Ernährungsintervention entsprechend entweder kohlenhydratreich oder fettreich. Das Forscherteam untersuchte die Fette im Blut und die Gene im Fettgewebe der Probanden vor und nach jeder Testmahlzeit.

Dynamische Analyse durch High Throughput Shotgun Plasma Lipidomics
Insgesamt analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Blut der Probanden 672 Fette aus 14 Fettklassen. Dafür nutzten sie die neue High-Throughput-Shotgun-Plasma-Lipidomics-Methode. Eine Premiere, denn bislang hat noch keine Forschungsgruppe diese Methode für Analysen des Lipidstoffwechsels in einer Diätinterventionsstudie mit Menschen verwendet. „Für uns sind derartig dynamische Analysen des humanen Lipidoms ein Meilenstein. Erstmals können wir nun genau sehen, wie sich die Fettmuster im Laufe des Tages und unter Einfluss verschiedener Mahlzeiten verändern“, freut sich die Leiterin der Forschungsgruppe. Um zu verstehen, durch welche Mechanismen die Blutfette reguliert werden, untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem die Expression der Gene des Lipidstoffwechsels im Fettgewebe.

Zeitlich abgestimmte Ernährungsempfehlungen?
Die Studie gibt neue Einblicke in die tageszeitabhängigen Mechanismen der Fettstoffwechselregulation beim Menschen und deren Zusammenhang mit der Kontrolle des Blutzuckerspiegels. „Es ist gut vorstellbar, dass das Wissen um die richtige Tageszeit für bestimmte Mahlzeiten auch in zukünftige Ernährungsstrategien zur Vorbeugung von Typ-2-Diabetes einfließt“, so PD Dr. Olga Ramich. Um zu verstehen, wie die innere Uhr im Detail mit dem Lipidstoffwechsel interagiert und dabei möglicherweise die Empfindlichkeit für das Hormon Insulin herabsetzt, sind jedoch noch weitere Studien erforderlich.

Hintergrundinformationen:
Finanzierung: Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) finanziert.

Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Das DIfE ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Es erforscht die Ursachen ernährungsassoziierter Erkrankungen, um neue Strategien für Prävention, Therapie und Ernährungsempfehlungen zu entwickeln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ursachen und Folgen des metabolischen Syndroms, einer Kombination aus Adipositas (Fettsucht), Hypertonie (Bluthochdruck), Insulinresistenz und Fettstoffwechselstörung, die Rolle der Ernährung für ein gesundes Altern sowie die biologischen Grundlagen von Nahrungsauswahl und Ernährungsverhalten. Das DIfE ist zudem ein Partner des 2009 vom BMBF geförderten Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD).
-> http://www.dife.de
-> https://www.leibniz-gemeinschaft.de
-> https://www.dzd-ev.de

Pressekontakt:
Sonja Schäche
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Tel.: +49 (0) 33200 88-2278
E-Mail: sonja.schaeche@dife.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
PD Dr. Olga Ramich
Leiterin der Forschungsgruppe Molekulare Ernährungsmedizin
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Tel.: +49 (0)33200 88-2749
E-Mail: olga.ramich@dife.de

Originalpublikation:
Kessler, K., Gerl, M. J., Hornemann, S., Damm, M., Klose, C., Petzke, K. J., Kemper, M., Weber, D., Rudovich, N., Grune, T., Simons, K., Kramer, A., Pfeiffer, A. F. H., Pivovarova-Ramich, O.: Shotgun lipidomics discovered diurnal regulation of lipid metabolism linked to insulin sensitivity in non-diabetic men. J Clin Endocrinol Metab., dgz176 (2019)
https://academic.oup.com/jcem/advance-article/doi/10.1210/clinem/dgz176/5611334

Quelle: IDW 

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Nur wer die Meere kennt, kann nachhaltig mit ihnen umgehen

Dr. Andreas Villwock Kommunikation und Medien
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Europa mit seiner langen Küstenlinie vielen Halbinseln, Randmeeren, Golfen und Buchten ist eng mit dem Ozean verzahnt. In Zeiten von Meeresspiegelanstieg und -erwärmung ist es daher wichtig zu wissen, welche Prozesse sich genau vor den Küsten und im offenen Ozean abspielen. Doch bei der Ozeanbeobachtung gibt es noch große Lücken. Das will ein internationales Konsortium aus 55 Partnern mit dem Projekt EuroSea ändern. Die EU fördert es mit insgesamt 12,6 Millionen Euro. Diese Woche startet das am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordinierte Projekt mit einer Auftakttreffen in Brüssel.

Die Ozeane liefern uns Menschen Nahrung und Sauerstoff. Sie sind Verkehrswege und Klimapuffer. Sie dienen uns als Orte der Erholung, aber oft auch als Müllkippe. Stürme, der Meeresspiegelanstieg, Flutwellen und Meeresverschmutzung bedrohen Ökosysteme und an den Küsten lebende Menschen. Das gilt besonders für Europa, das mit seinen großen Halbinseln, Nebenmeeren und Buchten eng mit dem Ozean verzahnt ist.

Doch trotz dieser immensen Bedeutung der Meere gibt es noch immer große Lücken im Wissen über Vorgänge in ihrem Inneren. Das liegt unter anderem an fehlenden oder unzureichend verknüpften Beobachtungen. Die Wissenslücken machen Abschätzungen zu aktuellen und zukünftigen Entwicklungen und damit auch Planungen für einen nachhaltigen Umgang mit den Meeren schwierig.

Ein internationales Konsortium aus 55 Partnern hat sich jetzt in dem Projekt EuroSea zusammengeschlossen, um die Ozeanbeobachtung in Europa und darüber hinaus deutlich zu verbessern. Die Europäische Union fördert das Projekt bis 2023 mit insgesamt 12,6 Millionen Euro. Diese Woche treffen sich 80 Forscherinnen und Forscher sowie Gäste aus Politik und Wirtschaft im Naturkundemuseum in Brüssel (RBINS) zur Auftaktkonferenz.

„Ziel des Projekts ist es, vorhandene Kapazitäten bei der europäischen Meeresbeobachtungssystem besser miteinander zu verbinden, bestehende Lücken zu füllen und die dabei entstehenden Daten und Informationen einfacher für Nutzer zur Verfügung zu stellen“, sagt der Koordinator Dr. Toste Tanhua vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Bei den Partnern im EuroSea-Konsortium handelt es sich vor allem um wissenschaftliche Einrichtungen in insgesamt 13 europäischen Ländern sowie in Brasilien und Kanada. Hinzu kommen internationale Institutionen und Netzwerke wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO), die Zwischenstaatliche Ozeanographische Kommission der Unesco (IOC-UNESCO), das European Marine Board oder der europäische Teil des Global Ocean Observing Systems (EuroGOOS). Auch aus der Wirtschaft konnten Partner gewonnen werden, unter anderem um Technologien und Dienstleistungen für die Ozeanbeobachtung weiterzuentwickeln und die Kontinuität nach der Projektlaufzeit sicherzustellen.

Neben der Verbesserung der Messungen direkt im Ozean legt EuroSea einen Fokus auf die Qualität und Nutzbarkeit der erhobenen Daten und auf Systeme, diese Daten für aktuelle Vorhersagedienste zu nutzen. „Dafür arbeiten wir eng mit den bestehenden marinen Datenbanken und Dateninfrastrukturen und dem EU-Projekt Blue-Cloud zusammen, um in diesen Bereichen Fähigkeiten zu verbessern und einen effizienten Datenaustausch zu erleichtern“, betont der Projektkoordinator. Die Ozeandaten sollen dem FAIR-Standard (findable, accessible, interoperable, reusable: auffindbar, zugänglich, untereinander kompatibel und wiederverwendbar) entsprechen. „Das ist leider noch nicht immer der Fall“, bedauert Dr. Tanhua.

Das Projekt baut auch auf dem Vorgängerprojekt AtlantOS auf und kooperiert mit dem daraus hervorgegangenen gleichnamigen Programm, das eine Verbesserung der Ozeanbeobachtung im gesamten atlantischen Raum zum Ziel hat. EuroSea setzt die dort begonnene Arbeit mit Blick auf die europäischen Meere einschließlich des Mittelmeers fort und intensiviert sie in diesem Bereich.

Das GEOMAR übernimmt bei EuroSea nicht nur die Gesamtkoordination, sondern ist auch an sechs der insgesamt zehn Arbeitspaketen intensiv beteiligt. Das reicht von der besseren Verknüpfung bestehender Messnetze über Datenintegration bis hin zu Forschungen zur Rolle des Ozeans im Klimawandel und der Abschätzung, wie groß die wirtschaftliche Bedeutung der ozeanischen Kohlenstoffpumpe ist. Knapp 1,8 Millionen Euro der Gesamtfördersumme gehen dafür an das Kieler Helmholtz-Zentrum.

„Wir wollen den Weg bereiten für ein nachhaltiges Ozeanbeobachtungs-System, das nicht nur der Forschung, sondern auch Nutzern wie der Fischerei, der Aquakultur, dem Küstenschutz, der Offshore-Energiegewinnung und letztendlich der Öffentlichkeit die Informationen liefert, die sie benötigen und nachfragen. Damit tragen wir auch zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen, zur UN-Dekade zur Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung sowie zur G7-Initiative Zukunft der Meere und Ozeane bei „, fasst Dr. Tanhua zusammen.

Bitte beachten Sie:
EuroSea wird gefördert von der Europäischen Union im Rahmen der Initiative „The Future of Seas and Oceans“ (Grant 862626)

Weitere Informationen:
http://www.eurosea.eu Das Projekt EuroSEA
http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
https://www.naturalsciences.be/ Das RBINS
http://eurogoos.eu/ Das European Global Ocean Observing System

Quelle: IDW 

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Warum wir Menschen handeln

Katrina Jordan Abteilung Kommunikation
Universität Passau

Der Griff zur Kaffeetasse beim Zeitunglesen am Frühstückstisch, das Betätigen des Lautstärkereglers am Radio oder der heftige Tritt auf die Bremse bei Gefahr: Der Mensch handelt permanent – oft ohne bewusst darüber nachzudenken. Warum und wie Menschen handeln oder wie sie lernen zu handeln, diesen Fragen geht eine Gruppe von Kognitionsforscherinnen und -forschern unter Leitung von Psychologie-Professor Christian Frings von der Universität Trier nach. Beteiligt ist auch Prof. Dr. Susanne Mayr, Psychologin mit Schwerpunkt Mensch-Maschine-Interaktion an der Universität Passau.

Auch ein Team der Universität Passau beteiligt sich an der DFG-Forschungsgruppe „Merkmalsintegration und -abruf in der Handlungssteuerung“: Prof. Dr. Susanne Mayr, Inhaberin des Lehrstuhls für Mensch-Maschine-Interaktion, Dr. Malte Möller und Doktorandin Ruyi Qiu untersuchen gemeinsam mit Prof. Dr. Iring Koch von der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen, wie Störgeräusche auf menschliches Handeln wirken.

Zwar kann sich ein Mensch auf ein Sprachsignal konzentrieren, selbst wenn er oder sie gleichzeitig mit weiterem akustischen Input konfrontiert wird. Psychologinnen und Psychologen sprechen hier vom „Cocktailparty-Phänomen“ – denn auch für eine Cocktailparty ist es typisch, dass Gespräche geführt werden, während eine lautstarke Geräuschkulisse ausgeblendet werden muss. Allerdings blendet das Gehirn die Störgeräusche offenbar nicht ganz aus, sondern speichert sie in Kombination mit bestimmten Ereignissen ab.

„In unserer bisherigen Forschung konnten wir zeigen, dass diese nicht-relevanten Informationen Nachwirkungen auf die Verarbeitung haben“, sagt Prof. Dr. Mayr. Die Psychologin ließ dazu die Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Experimente eine Art Hörtest machen: Zunächst sollten sie verschiedene, über Kopfhörer eingespielte Geräusche erkennen lernen und mittels Tastendruck darauf reagieren. Im eigentlichen Experiment wurde während dieser Aufgabe zusätzlich ein Störgeräusch auf dem anderen Ohr eingespielt, das zu ignorieren war. In manchen Durchgängen musste auf dieses ignorierte Geräusch später reagiert werden.

„Wir konnten beobachten, dass sich die Reaktion in diesen Durchgängen verlangsamt. Wenn ich einmal gelernt habe, etwas zu ignorieren, dann hat das Effekte auf mein späteres Verhalten, wenn sich dieser Stimulus wiederholt“, so Mayr. Im Rahmen der Forschungsgruppe geht das Team diesem Effekt auf den Grund. Es prüft spezifische Hypothesen zur Bildung und Funktionsweise dieser sogenannten Stimulus-Reaktions-Episoden und untersucht, wie diese im Gedächtnis abspeichert werden.
„Uns interessiert, wie Kontexte oder Bezüge, die mit der eigentlichen Aufgabe gar nichts zu tun haben, das Handeln beeinflussen“, sagt Prof. Dr. Mayr. Die Forschung könnte wichtige Erkenntnisse liefern, wie Fehlbedienungen von Geräten entstehen und somit beispielsweise dabei helfen, Autocockpits so zu gestalten, dass solche Fehler vermieden werden.

Die Passauer Erkenntnisse zur Rolle akustischer Reize fließen in ein Rahmenmodell ein, das verschiedene psychologische Ansätze zur Steuerung menschlichen Handelns zusammenführt. Viele Facetten menschlicher Handlungssteuerung seien in der Vergangenheit unabhängig voneinander analysiert worden, sagt Prof. Dr. Christian Frings von der Universität Trier. Das soll das neue, integrative Rahmenmodell ändern und neue Hypothesen und Vorhersagen ermöglichen, auch über das Gebiet der Handlungskontrolle hinaus.

Beteiligte und Förderung
Die Universität Trier koordiniert die ortsverteilte DFG-Forschungsgruppe. 13 etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie acht Doktorandinnen und Doktoranden forschen – verbunden durch ein virtuelles Labor in Trier – an sieben Standorten: in Aachen, Jena, Freiburg, Leiden, Passau, Würzburg und Trier.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die Gruppe für die ersten drei Jahre mit ca. 1,8 Millionen Euro.

Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an das Referat für Medienarbeit, Tel. 0851-509 1439.

Quelle: IDW 

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2,5 Millionen Euro für Forschungsverbund „Gute Küste Niedersachsen“

Mechtild Freiin v. Münchhausen Referat für Kommunikation und Marketing
Leibniz Universität Hannover

Großer Erfolg für Konsortium der Universitäten Hannover, Oldenburg und Braunschweig in der aktuellen Bewilligungsrunde des Niedersächsischen Vorab

Ökosystemstärkender Küstenschutz an der niedersächsischen Küste: Das ist das Thema eines neuen Forschungsverbundes der Leibniz Universität Hannover (Sprecherfunktion), der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und der Technischen Universität Braunschweig. Der Verbund wird mit 2,5 Millionen Euro aus dem Niedersächsischen Vorab der VolkswagenStiftung finanziert.

Seit der Mensch begonnen hat, Küstenregionen zu besiedeln, versucht er, sich vor der Kraft des Meeres zu schützen und gleichzeitig seine Ressourcen zu nutzen. Der gesammelte Erfahrungsschatz spiegelt sich heute in der Disziplin des Küsteningenieurwesens wider und ist in Generalplänen zum Küstenschutz gesetzlich verankert. Neben dem Schutz von Lebens- und Wirtschaftsräumen stellt sich heute zunehmend die Frage nach einem ökosystemstärkenden Küstenschutz, der den übergeordneten Fragen folgt: Was ist eine gute Küste, an der wir sicher vor Naturgefahren, im Einklang mit der Natur, eingebettet in die gewachsene Kulturlandschaft, verantwortungsbewusst und nachhaltig leben und wirtschaften können?

Vor diesem Hintergrund ist das Verbundprojekt „Gute Küste Niedersachsen – Reallabore für einen ökosystemstärkenden Küstenschutz an der niedersächsischen Küste“ der drei Universitäten aufgestellt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in einem integrativen Ansatz ihren Forschungsfragen nachgehen, in dem neben den Forschenden auch die zuständigen Landesbetriebe und die küstennah lebende Bevölkerung einbezogen werden. In so genannten Reallaboren werden die Küstenforschungsinstitute methodisch gemeinsam mit den lokalen Akteurinnen und Akteuren Handlungs- und Managementmöglichkeiten zum ökosystemstärkenden Küstenschutz erarbeiten und testen. Orte an der niedersächsischen Küste und auf den Inseln, die für die Einrichtung und den Betrieb von Reallaboren im Küstenschutz besonders geeignet sind, können zum Beispiel exponierte Deichabschnitte oder Deichvorländer sein. Diese werden durch ökosystemfördernde Elemente und Systeme wie Salz- oder Seegraswiesen ergänzt, um regulierende Ökosystemleistungen (Wellendämpfung oder Sedimentakkumulation) konkret vor Ort zu etablieren und gleichzeitig deren Wirkungen zu beziffern. Die wesentlichen Ziele sind, zu untersuchen, wie robuste, multifunktionale und insbesondere ökosystemstärkende Küstenschutzmaßnahmen in Reallaboren auf lange Sicht funktionieren und wie diese gleichzeitig in der Planung und Genehmigung durch die zuständigen Landesbetriebe Berücksichtigung finden sowie in der Zivilgesellschaft auf Akzeptanz stoßen.

„Durch die enge Einbindung der relevanten Behörden, der Zivilgesellschaft und führenden Forschungseinrichtungen sollen die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass die Forschung bereits während der Konzeption und Umsetzung von ergänzenden, ökosystemfördernden Maßnahmen nicht nur auf Akzeptanz treffen, sondern wechselseitig Wissen erzeugen und nach Ablauf des Projekts gegebenenfalls sogar breite Nachahmung auch über die Grenzen Niedersachsens hinaus finden“, sagt Sprecher Prof. Dr.-Ing. Torsten Schlurmann vom Ludwig-Franzius-Institut für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen (LuFI) der Leibniz Universität. Vorgesehen sind insgesamt fünf Teilprojekte, die transdisziplinär ausgerichtete Reallabore entwickeln und betreiben.

Am Verbundprojekt beteiligt sind die Leibniz Universität Hannover (Ludwig-Franzius-Institut für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen, Institut für Umweltplanung, Institut für Freiraumentwicklung), die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Ökologische Ökonomie) und die Technische Universität Braunschweig (Leichtweiß-Institut für Wasserbau, Institut für Geoökologie), die in einem engen Verbund unter anderem mit dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLWKN) und der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer zusammenarbeiten.

Für weitere Informationen steht Ihnen folgende Ansprechpartner gerne zur Verfügung:

Prof. Dr.-Ing. Torsten Schlurmann, Ludwig-Franzius-Institut für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen (LuFI), unter Telefon +49 511 762 19021 oder per E-Mail unter schlurmann@lufi.uni-hannover.de

Prof. Dr. Oliver Zielinski, Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, unter Telefon +49 442 1944 174 oder per E-Mail unter oliver.zielinski@uni-oldenburg.de

Prof. Dr.-Ing. Nils Goseberg, Leichtweiß-Institut für Wasserbau, Abteilung Hydromechanik und Küsteningenieurwesen, Technische Universität Braunschweig, unter Telefon +49 531 391 3930 oder per E-Mail unter n.goseberg@tu-braunschweig.de

Quelle: IDW 

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Jeder fünfte Beschäftigte hat zu kurze Ruhezeiten

Jörg Feldmann Pressestelle
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Beschäftigte mit verkürzten Ruhezeiten haben häufiger gesundheitliche Beschwerden und eine schlechtere Work-Life-Balance. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Die Studie zeigt ebenso, dass das Risiko größer ist, die Ruhezeiten nicht einzuhalten, je länger die Tages- beziehungsweise Wochenarbeitszeiten der Beschäftigten sind. Die Publikation baua: Bericht kompakt „Verkürzte Ruhezeiten: Auswirkungen auf die Gesundheit und die Work-Life-Balance“ fasst diese und weitere Forschungsergebnisse übersichtlich zusammen.

Das deutsche Arbeitszeitgesetz legt die Höchstgrenzen für die tägliche Arbeitszeit und die Mindestdauer für Arbeitsunterbrechungen fest. In der Regel haben Beschäftigte demnach Anspruch auf eine ununterbrochene Ruhezeit von elf Stunden. Das Gesetz lässt jedoch Verkürzungen in bestimmten Bereichen wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft oder beim Rundfunk zu. Zudem können abweichende Regelungen tarifvertraglich getroffen werden.

In der BAuA-Arbeitszeitbefragung von 2017 wurden die Beschäftigten erstmals dazu befragt, ob sie die Mindestruhezeiten einhalten. Rund 20 Prozent der Vollzeitbeschäftigten geben an, dass sie mindestens einmal im Monat von verkürzten Ruhezeiten betroffen sind. Am höchsten ist der Anteil im Gesundheitswesen: hier berichten 39 Prozent der dort Beschäftigten, dass sie mindestens einmal im Monat von verkürzten Ruhezeiten betroffen sind.

Die Auswertung zeigt: Insgesamt haben Beschäftigte mit verkürzten Ruhezeiten mehr psychosomatische Beschwerden als Beschäftigte mit mindestens elfstündigen Ruhezeiten. Dazu zählen zum Beispiel Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder emotionale Erschöpfung. Auch die Work-Life-Balance verschlechtert sich signifikant.

Die Studie der BAuA macht deutlich, dass Mindestruhezeiten nach wie vor ein wichtiges und sinnvolles Instrument des Arbeitsschutzes sind. Die Autoren empfehlen, geltende Mindeststandards auch in Zukunft beizubehalten und vor allem die Länge der Ruhezeiten beziehungsweise die Ausnahmeregelungen und Abweichungen noch stärker in den Blick zu nehmen.

„Verkürzte Ruhezeiten: Auswirkungen auf die Gesundheit und die Work-Life- Balance“; Leon Ratermann, Nils Backhaus, Corinna Brauner, Anita Tisch; Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2019; 1. Auflage; 2 Seiten; doi: 10.21934/baua:berichtkompakt20191030

Den baua: Bericht kompakt gibt es im PDF-Format zum Herunterladen im Internetangebot der BAuA unter http://www.baua.de/dok/8825610.

Forschung für Arbeit und Gesundheit
Die BAuA ist eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des BMAS. Sie betreibt Forschung, berät die Politik und fördert den Wissenstransfer im Themenfeld Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Zudem erfüllt die Einrichtung hoheitliche Aufgaben im Chemikalienrecht und bei der Produktsicherheit. An den Standorten Dortmund, Berlin und Dresden sowie in der Außenstelle Chemnitz arbeiten über 700 Beschäftigte.
http://www.baua.de

Quelle: IDW 

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Jade Hochschule untersucht den Umgang mit Hochwasserrisiken im Nordseeraum

Katrin Keller Presse & Kommunikation
Jade Hochschule – Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth

Durch den Klimawandel steigt das Hochwasserrisiko. Wissenschaftler der Jade Hochschule entwickelten in Kooperation mit internationalen Partnern Maßnahmen, um den Katastrophenschutz in der Nordseeregion Wesermarsch zu verbessern.

Oldenburg.Wesermarsch. Wie mit dem Hochwasserrisiko in verschiedenen Regionen des Nordseeraums umzugehen ist, war Thema des aktuellen Forschungsprojektes FRAMES der Jade Hochschule in Kooperationen mit dem Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) sowie Partnern in der Region und aus den Nordseeanrainerstaaten England, Belgien, Niederlande, Dänemark und Schweden. Im Fokus des europäischen Projektes stand vor allem der Umgang mit Risiken, die durch den Klimawandel verstärkt werden, wie zum Beispiel Sturmfluten bei steigendem Meeresspiegel oder Starkregenereignisse.
Anhand von Pilotgebieten prüften die Wissenschaftler_innen, wo in der Region besonderer Handlungsbedarf besteht: Im Landkreis Wesermarsch, der zu einem großen Teil unter dem Meeresspiegel liegt, wurde die Organisation und Kommunikation innerhalb des Katastrophenschutzes untersucht und in der Gemeinde Butjadingen der Informationsstand und -bedarf der Bevölkerung zum Thema Hochwasserrisikomanagement und Katastrophenschutz.
„Der technische Hochwasserschutz ist gut ausgebaut, reicht aber allein nicht aus“, erklärte Projektleiter Dr. Helge Bormann von der Jade Hochschule bei der gestrigen Abschlussveranstaltung in Brake. Der Schutz muss auch in den Bereichen hochwasserangepasste Planung, Katastrophenmanagement und Nachsorgemaßnahmen weiter verbessert werden. „Wir konnten das Bewusstsein für die Hochwasserrisiken in den am Katastrophenschutz beteiligten Organisationen und in der Bevölkerung steigern“, sagt der Wissenschaftler. „Jetzt müssen alle mit anpacken.“

Katastrophenschutz in der Wesermarsch
Für den Katastrophenschutz und die Gefahrenabwehr sind die Kommunen zuständig. „Der enge Austausch mit den regionalen Akteuren hat gezeigt, dass der Landkreis Wesermarsch in vielen Bereichen bereits sehr gut aufgestellt ist“, sagt Bormann. In einigen Bereichen könne der Katastrophenschutz jedoch noch ausgeweitet werden. Würde durch ein Hochwasser beispielsweise ein Stromausfall auftreten, hätte das enorme Auswirkungen auf die Wasserversorgung, Entwässerung, Gesundheit oder den Verkehr. Die Krankenhäuser und das Kreishaus wären durch ein Notstromaggregat versorgt. „Wir haben jedoch festgestellt, dass bisher nur eins von neun Rathäusern in den Gemeinden über eine Notstromversorgung verfügt und damit im Katastrophenfall handlungsfähig wäre“, sagt der Projektleiter. Wenn im Fall einer Hochwasserkatastrophe die Stromnetzwerke abgeschaltet würden, werden auch die Schöpfwerke nicht mehr mit Strom versorgt, sodass die Entwässerung stark eingeschränkt wäre. Zudem seien Kommunikationssysteme wie Telefone oder Internet überwiegend von der Stromversorgung abhängig. Über alternative Systeme müsse nachgedacht werden. Außerdem gebe es im Katastrophenfall große Probleme bei der Evakuierung von Pflegebedürftigen.

Eigenvorsorge als wichtiger Baustein
„Auch wenn die öffentliche Hand in der Verantwortung für den Katastrophenschutz steht, spielt die Eigenvorsorge der Bürgerinnen und Bürger eine entscheidende Rolle“, sagt die Projektmitarbeiterin Jenny Kebschull. Es könnten beispielsweise bauliche Vorsorgemaßnahmen ergriffen, Versorgungsvorräte angelegt oder Versicherungen abgeschlossen werden. Insbesondere der Verlust von Sachwerten könne durch Vorsorge und richtiges Handeln drastisch reduziert werden. Informationen von WarnApps, wie die vom Landkreis Wesermarsch genutzte KATWARN-App, können die Wetter- und Wasserstandsvorhersagen und Warnmeldungen gut ergänzen.
Insbesondere landwirtschaftliche Betriebe müssen Eigenvorsorge betreiben, um sich vor Hochwasser zu schützen. Dieser Gruppe kommt in der Wesermarsch mit 633 Rinderhaltern und über 122.000 Tieren eine besondere Bedeutung zu. Die Versorgung mit Notstrom sei für große Betriebe unabdingbar, denn ohne Strom laufen die modernen Melkmaschinen nicht und ein paar Hundert Kühe ohne moderne Technik zu versorgen sei schier unmöglich.
Die Wissenschaftler_innen und lokalen Akteure haben sowohl für alle Einwohner_innen als auch insbesondere für die Landwirte eine Handreichung zur Eigenvorsorge erarbeitet. Eine Broschüre mit allen Informationen rund um das Projekt ist ab Dezember in allen Rathäusern in der Wesermarsch und online auf der Webseite der Jade Hochschule zu finden (jade-hs.de/frames-roadmap).

Zielgruppengerechte Information der Bevölkerung – Umfrage in Butjadingen
Ein Risikobewusstsein für Hochwasser und Klimawandel ist in der Region vorhanden, ergibt eine Umfrage der Wissenschaftler_innen, an der sich 280 Einwohnerinnen und Einwohner Butjadingens beteiligt haben. Es könne jedoch bei der jüngeren Generation durch geeignete Formate noch deutlich gesteigert werden. Zielgruppengerechte Informationen zu Hochwasser und Klimawandel seien erforderlich, um das Risiko-Bewusstseins weiter zu steigern. Zu diesem Zweck veranstalteten die Projektpartner_innen unter anderem einen Hochwasserschutztag, bei dem sich rund 500 Besucher_innen informierten.
„Alle Projektpartner haben zwei Jahre lang intensiv an regionalspezifischen Lösungen im Bereich des Katastrophenschutzes gearbeitet“, sagt Landrat Thomas Brückmann. „Mein Ziel ist es, sich verändernden Anforderungen im Bereich des Katastrophenschutzes zeitnah und bedarfsgerecht zu stellen, um im Ernstfall schnell vor die Lage zu kommen.“ Auch in Anbetracht möglicher Auswirkungen des Klimawandels sei es erforderlich, den Katastrophenschutz weit nach vorne zu bringen. „Hierbei hat uns die Teilnahme an dem Projekt FRAMES wichtige Erkenntnisse gebracht.“

Über das Forschungsprojekt FRAMES
Das Projekt FRAMES (Flood Resilient Areas by Multi-layEred Safety, deutsch: Hochwasserangepasste Regionen durch Vorsorge auf mehreren Ebenen) wurde im Rahmen des Nordseeprogramms der Europäischen Union „Interreg Vb“ seit 2016 mit insgesamt 6,9 Millionen Euro gefördert. Die Jade Hochschule kooperierte mit dem Leitpartner Provincie Zuid Holland und Institutionen aus dem Nordseeraum (Niederlande, Belgien, Dänemark und Großbritannien) sowie der Universität Oldenburg und dem Oldenburgisch-Ostfriesischen-Wasserverband OOWV.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Helge Bormann, 0441 7708 – 3775, helge.bormann@jade-hs.de

Quelle: IDW 

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Geschirr aus „Bambusware“ nicht für heiße Getränke oder Speisen nutzen

Dr. Suzan Fiack Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

BfR-Bewertung: Zu hohe Freisetzung von Formaldehyd und Melamin
Ob Mehrweg-„Coffee to go“ Becher oder Tassen und Schüsseln mit Tiermotiv – der Handel bietet eine Vielzahl von Geschirr aus Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH) an, auch für Kinder. Das Material ist leicht und bruchfest. Enthält es Bambusfasern als Füllstoff, wird es häufig als „Bambusware“ beworben. „Aus gesundheitlicher Sicht sind diese Produkte jedoch nicht in jedem Fall für die Verwendung als Geschirr geeignet“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Grund ist, dass bei höheren Temperaturen gesundheitlich bedenkliche Mengen an Melamin und Formaldehyd aus dem Geschirr in Lebensmittel übergehen können. Dies ergab die toxikologische Bewertung von Daten der Landesüberwachungsbehörden sowie eigener Daten durch das BfR. „Und die Kunststoffgegenstände sind noch aus einem weiteren Grund nicht für heiße Flüssigkeiten wie Kaffee, Tee oder Babyfolgenahrung geeignet“, so Hensel weiter. Denn neben den hohen Freisetzungsmengen an Formaldehyd und Melamin zeigten Langzeittests des BfR, dass der Kunststoff im Kontakt mit heißen Flüssigkeiten angegriffen wird. Häufig löst sich aus „Bambusware“ sogar mehr gesundheitsschädliches Formaldehyd und Melamin als aus „herkömmlichen“ Melaminharz-Bechern“, so Hensel weiter. Gesundheitliche Richtwerte waren im Einzelfall bis zu 120-fach überschritten. Für kalte oder lauwarme Lebensmittel ist Geschirr aus MFH hingegen gut geeignet. Häufig werden die „Bambusware“-Produkte beworben als umweltfreundlich, biologisch abbaubar oder ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Allerdings ist MFH ein Kunststoff, der nicht biologisch abbaubar ist – auch dann nicht, wenn ihm natürliche Füllstoffe zugesetzt sind.

Link zur BfR-Stellungnahme
https://www.bfr.bund.de/cm/343/gefaesse-aus-melamin-formaldehyd-harz.pdf

Link zu aktualisierten FAQ
https://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_geschirr_und_kuechenutensilie…

Bei sogenannter „Bambusware“ handelt es sich um Geschirr aus Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH), das als Füllstoff Bambusfasern enthält.

Aus MFH-Geschirr allgemein und insbesondere aus „Bambusware“-Geschirr können sich gesundheitlich bedenkliche Mengen an Formaldehyd und Melamin lösen, wenn es mit heißen Flüssigkeiten wie Kaffee, Tee oder Säuglingsfolgenahrung gefüllt wird. Das ist das Ergebnis einer BfR-Bewertung von Daten zum Übergang von Melamin und Formaldehyd aus MFH-Geschirr in heiße flüssige Lebensmittel. Aus den „Bambusware“-Gegenständen wurden im Mittel sogar wesentlich höhere Freisetzungsmengen an Formaldehyd und Melamin gemessen als aus „herkömmlichem“ MFH-Geschirr. Zur Bewertung hat das BfR die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI) bestimmt, bei der kein gesundheitliches Risiko zu erwarten ist. Nach Berechnungen des BfR würde die Formaldehydfreisetzung aus einigen „Bambusware“-Bechern den TDI um das 30-fache für Erwachsene und das 120-fache für Kleinkinder überschreiten. Für Erwachsene, die regelmäßig Kaffee aus solchen Mehrwegbechern trinken, oder für Kleinkinder, die täglich heiße Milch, Tee oder Folgenahrung aus „Bambusware“-Bechern, -Tassen oder -Schalen zu sich nehmen, besteht damit ein gesundheitliches Risiko.

Das BfR empfiehlt daher, keine heißen Speisen oder Getränke aus „Bambusware“ zu essen oder zu trinken. Dies gilt auch für „herkömmliches“ MFH-Geschirr. Beide Materialien sind auch nicht für das Erwärmen von Lebensmitteln in der Mikrowelle geeignet. Bei der Verwendung für kalte oder lauwarme Lebensmittel besteht hingegen kein gesundheitliches Risiko.

Das BfR hat für seine Risikobewertung Daten von Landesüberwachungsbehörden aus den Jahren 2014 bis 2019 sowie eigene Ergebnisse zur Freisetzung von Melamin bzw. Formaldehyd verwendet. Als Lebensmittelsimulanz wurde 3%ige Essigsäure genutzt. Ein Großteil der Proben wurde im Rahmen des amtlichen Monitorings von Lebensmittelbedarfsgegenständen untersucht. Insgesamt lagen Ergebnisse zur Formaldehyd-Freisetzung aus 366 Bechern, Tassen und Schalen (138 aus „herkömmlichem“ MFH und 228 aus „Bambusware“) bzw. zur Melamin-Freisetzung aus 291 Gegenständen (111 aus „herkömmlichem“ MFH und 180 aus „Bambusware“) vor.

Über das BfR
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.

Quelle: IDW 

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AWMF-Arbeitskreis diskutiert über Masernimpfpflicht und mahnt Schließung der Impflücken bei Erwachsenen an

Medizin – Kommunikation Medizinkommunikation
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.

Eine Ausrottung von Masern ist nur möglich, wenn 95 Prozent der Bevölkerung immun ist – entweder nach durchlebter Erkrankung oder durch Impfung. In Deutschland ist dieser Wert leider noch nicht erreicht. Am 14. November 2019 hat der Deutsche Bundestag nun ein Gesetz verabschiedet, das eine Impfpflicht für Kinder beim Eintritt in den Kindergarten oder die Schule vorsieht. Ob eine Impflicht für Kinder gerechtfertigt und notwendig ist, haben Ärzte und Juristen des gleichnamigen Arbeitskreises der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e. V. Anfang November diskutiert. Denn Impflücken bei Masern bestehen vor allem bei nach 1970 geborenen Erwachsenen.

Masernviren sind hochansteckend und verbreiten sich über eine Tröpfcheninfektion – ein Anhusten alleine reicht für eine Ansteckung aus. Noch bevor sich der typische Ausschlag mit roten Flecken zeigt, sind Erkrankte bereits etwa drei bis fünf Tage ansteckend. Eine Maserninfektion kann schwer verlaufen, Komplikationen wie beispielsweise eine Mittelohrentzündung, Lungenentzündung oder eine gefährliche Gehirnentzündung hervorrufen und Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Zur Prävention stehen gut verträgliche hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung, die eine langfristige Immunität vermitteln. Derzeit erfolgt die Impfung hauptsächlich mit einer gegen drei oder vier Erkrankungen gleichzeitig wirkenden Vakzine: MMR (Mumps, Masern, Röteln) beziehungsweise MMRV (zusätzlich Windpocken). Ein Maserneinzelimpfstoff ist in Deutschland aktuell nicht zugelassen.

Das Gesetz des Bundesgesundheitsministeriums sieht vor, dass alle Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben und bei denen keine Kontraindikation gegen eine Masernimpfung vorliegt, beim Eintritt in eine Gemeinschaftseinrichtung (Kindertagesstätte und Schule) entweder einen ausreichenden Impfschutz gegen Masern oder eine natürlich erworbene Immunität nachweisen müssen. Für einen ausreichenden Impfschutz gegen Masern sind nach den Regelungen bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres eine Masernimpfung und bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres zwei Masernimpfungen erforderlich.
Auch bei der Betreuung durch eine Tagesmutter muss ein Nachweis über die Masernimpfung oder eine Masernimmunität erfolgen. Gleiches gilt für Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinischen Einrichtungen tätig sind wie medizinisches Personal, Erzieher, Lehrer und Tagespflegepersonen, wenn sie nach 1970 geboren sind.

Der Impfkalender der STIKO empfiehlt die erste Masernimpfung für Kinder im Alter von 11 bis14 Monaten und die zweite zwischen 15 bis 23 Monaten. „Während die Impfquote im Alter von zwei Jahren für die erste Impfung bei 95,6 Prozent liegt, beträgt sie für die zweite nur 73,9 Prozent“, sagt Dr. med. Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin und STIKO-Mitglied. Die Daten zeigten somit „mangelndes zeitgerechtes Impfen“ bei Kleinkindern, vor allem für die zweite Impfung. Wenn man jedoch die Daten aus den Schuleingangsuntersuchungen betrachte, sehe die Situation schon besser aus: 97,1 Prozent haben die erste Impfung und knapp 93 Prozent die zweite Impfung erhalten. „Wir können die Masernimpfquote bei Kindern zu Schulbeginn daher als relativ gut bezeichnen“, so der Berliner Kinderarzt. Eklatante Lücken sind allerdings bei den nach 1970 geborenen Erwachsenen zu beobachten. „Die meisten Masernfälle treten inzwischen bei den nach 1970 Geborenen auf. Hier besteht ein deutlicher Nachholbedarf für die Masernimpfung“, sagt Dr. med. Jürgen Rissland, Leitender Oberarzt am Zentrum für Infektionsmedizin/Staatliche Medizinaluntersuchungsstelle am Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar.

Dr. med. Anne Bunte, die im Jahr 2018 als damalige Leiterin des Kölner Gesundheitsamtes eine Masernepidemie managte, bestätigt diesen Aspekt. Bei den in Köln insgesamt 139 an Masern Erkrankten waren über 60 Prozent Erwachsene. Zum Gesetz merkt die Leiterin der Abteilung Gesundheit des Kreises Gütersloh an: „Die Masern-Durchimpfungsquoten bei den Kindern machen uns weniger Sorgen. Hier eine Impfpflicht zu verankern, ist eher kontraproduktiv, denn sie kann dazu führen, dass die Bereitschaft bei den anderen ‚freiwilligen‘ Schutzimpfungen zurückgeht.“ Zudem sei mit vielen juristischen Auseinandersetzungen zu rechnen. „Die im Gesetz skizzierte Rolle des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) als Kontrollinstanz oder Anbieter von Reihenimpfungen stellt die bisherige Ausrichtung als Berater der Eltern infrage“, so Bunte. Die seit Jahren zunehmend ungünstigere personelle und finanzielle Ausstattung der deutschen Gesundheitsämter stelle eine weitere Herausforderung dar.

Die Impfung gegen Masern ist wichtig, weil sie auch diejenigen schützt, die nicht geimpft werden können, wie Menschen mit Immunerkrankungen oder schwangere Frauen. Experten sprechen von „Herdenimmunität“, wenn die 95-Prozent-Quote erreicht ist. Eine gesetzliche Impfpflicht für Kinder müsse aber kritisch betrachtet werden, denn sie setze nicht da an, wo die eigentlichen Lücken sind: Bei den ungeimpften oder unvollständig gegen Masern geimpften Erwachsenen.

Die Diskutanten im AWMF-Arbeitskreis wiesen darauf hin, dass die Ärzteschaft ebenso wie Juristen den BMG-Vorstoß durchaus unterschiedlich und kritisch bewerten. Auch wurde darüber diskutiert, ob sich eine Pflicht negativ auf andere „freiwillige“ Impfungen auswirken kann. Einig waren sich die Experten, dass mehr Aufklärungsarbeit initiiert werden muss, um vor allem Erwachsene an die Impflücken zu erinnern. Instrumente für eine Verbesserung der Impfquote könnten unter anderem ein bundesweites Impfregister beziehungsweise ein Impf-Informations-System sein, in dem Impfquoten, Surveillance-Daten, KV-Leistungen und Daten zu Nebenwirkungen erfasst werden. Hilfreich wären zudem automatische Impf-Erinnerungen, verständliche Impfaufklärungsmaterialien, Argumentationshilfen für Ärzte sowie ein elektronischer Impfpass.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) bündelt die Interessen der medizinischen Wissenschaft und trägt sie verstärkt nach außen. Sie handelt dabei im Auftrag ihrer 179 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Gegründet 1962 mit dem Ziel, gemeinsame Interessen stärker gegenüber dem Staat und der ärztlichen Selbstverwaltung zu positionieren, erarbeitet die AWMF seitdem Empfehlungen und Resolutionen und vertritt diese im wissenschaftlichen und politischen Raum. Die AWMF ist Ansprechpartner für gesundheitspolitische Entscheidungsträger, wie den Gemeinsamen Bundesausschuss, und koordiniert die Entwicklung und Aktualisierung medizinisch wissenschaftlicher Leitlinien in Deutschland. Jede gemeinnützige Fachgesellschaft in Deutschland kann Mitglied werden, sofern sie sich wissenschaftlichen Fragen der Medizin widmet. Die AWMF finanziert sich vorwiegend durch die Beiträge ihrer Mitgliedsgesellschaften und Spenden.

Pressekontakt AWMF:
Dagmar Arnold
Luisenstraße 58/59
10117 Berlin
Tel.: +49-(0)711 8931-380
arnold@medizinkommunikation.org
presse@awmf.org

AWMF-Geschäftsstelle
Dennis Makoschey
Birkenstraße 67
10559 Berlin
Tel. +49-(0)30-20097777
office@awmf.org

Weitere Informationen:
http://www.awmf.org

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Wie sich in Europa die Wasserqualität verbessern lässt / Policy Briefs bieten Handlungsempfehlungen

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ

Giftstoffe aus Landwirtschaft, Industrie und Haushalten gefährden die Wasserqualität in Europa – und damit Ökosysteme und die menschliche Gesundheit. Im Projekt SOLUTIONS haben mehr als 100 internationale Wissenschaftler*innen über fünf Jahre Methoden und praktische Lösungen erarbeitet, mit denen Schadstoffe erkannt und das Risiko von Chemikaliencocktails bewertet werden können. Das soll dazu beitragen, die Schadstoffbelastung in Fließgewässern zu reduzieren. Wie die Politik diese wissenschaftlichen Ergebnisse umsetzen kann, haben die Forscher in 15 Policy Briefs beschrieben, die nun auch im Fachmagazin Environmental Sciences Europe veröffentlicht wurden.

Die im Jahr 2000 beschlossene EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) zielt darauf an, die Fließgewässer Europas zu schützen. Bis zum Jahr 2027 sind die EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, alle Gewässer in einen „guten ökologischen“ und einen „guten chemischen Zustand“ zu bringen. Noch ist das ein weiter Weg. Dies liegt zum Beispiel daran, dass einige wenige Altstoffe, für die es derzeit keine geeigneten Möglichkeiten zur Belastungsminderung gibt, zu flächendeckenden Überschreitungen der Umweltqualitätsnormen in Deutschland und Europa führen – und damit zu einem schlechten Gewässerzustand. „Gleichzeitig bleiben die täglich freigesetzten komplexen Mischungen aus Pflanzenschutzmitteln, Medikamenten und Industriechemikalien mit einem nicht zu vernachlässigendem Risiko für Mensch und Umwelt für den chemischen Zustand unserer Gewässer unberücksichtigt“, sagt UFZ-Umweltchemiker Dr. Werner Brack, der das im vorigen Jahr zu Ende gegangene Projekt SOLUTIONS koordinierte. Das derzeitige Indikatorsystem der WRRL differenziere nicht zwischen unterschiedlich belasteten Flüssen und mache die tatsächlichen Verbesserungen der Wasserqualität durch Maßnahmen nicht sichtbar. Deshalb müsse es dringend weiterentwickelt werden. Anders, so Brack, seien die Ziele der WRRL nicht zu erreichen.

Fünf Jahre forschten die Wissenschaftler aus Europa in dem von der EU mit zwölf Millionen Euro finanzierten Projekt SOLUTIONS. „Es hat sich gezeigt, dass die derzeitige Praxis, sich bei der Bewertung der chemischen Belastung auf einige wenige europaweit als prioritär definierte Stoffe und einige flussgebietsspezifische Schadstoffe zu beschränken, nicht geeignet ist, die Belastung als Ganzes zu erfassen“, bilanziert Werner Brack. Derzeit sind in der WRRL nur 45 sogenannte prioritäre Schadstoffe gelistet, die in Gewässern mit guter Wasserqualität nicht oder nur in geringem Maße vorkommen. Allerdings gelangen mehr als 100.000 chemische Substanzen in Umwelt und Gewässer. Die derzeit angewendeten Indikatoren zur Bewertung der Wasserqualität ermöglichten es nicht, Brennpunkte der Belastung zu identifizieren und geeignete Managementmaßnahmen auf den Weg zu bringen. In SOLUTIONS habe man deshalb neue Konzepte und Instrumente für die Überwachung und Reduzierung der Belastung durch komplexe Gemische entwickelt.

Wie politische Entscheidungsträger diese umsetzen können, haben die SOLUTIONS-Forscher in insgesamt 15 Policy Briefs festgehalten. So empfehlen die Wissenschaftler zum Beispiel, Stoffe in toxischen Mischungen auch bei der Priorisierung von Chemikalien im Rahmen der WRRL zu berücksichtigen. Bislang basieren die Priorisierung von Chemikalien und die Festlegung EU-weiter prioritärer und flussgebietsspezifischer Stoffen nur auf einzelnen Chemikalien. In einem anderen Policy Brief beschreiben sie, wie Nutzer die in SOLUTIONS entwickelte Toolbox RiBaTox verwenden können, um Probleme bei der Überwachung, Modellierung, Folgenabschätzung und Management von chemischen Gemischen in Oberflächengewässern zu lösen. Dabei sollten Überwachungsmethoden zum Einsatz kommen, die die komplexen Mischungen ins Visier nehmen – also effektbasierte Verfahren, bei denen repräsentative Gewässerorganismen wie Algen, Kleinkrebse, Fischembryos und geeignete Zellsysteme zeigen, wie giftig der jeweilige Chemikaliencocktail ist. Damit könnten toxische Belastungen erkannt werden, selbst wenn die zugrunde liegenden Chemikalien nicht bekannt sind oder unterhalb der analytischen Nachweisgrenze liegen. Diese Methoden sollten durch chemische Screeningverfahren mit hochauflösender Massenspektrometrie ergänzt werden, um zu sehen, welche Stoffe die Mischungen enthalten und um neu auftretende Chemikalien zu entdecken und Verschmutzungstrends in den Gewässern zu verfolgen. Damit lassen sich auch wertvolle Informationen zum Vorkommen von Stoffen sammeln, die heutzutage zwar detektiert, aber noch nicht identifiziert werden können. Um diese umfangreichen Daten zu hunderten und tausenden von Stoffen im Gewässer zur Risikobewertung der Chemikaliencocktails nutzen zu können, schlagen die Autoren zudem den Aufbau einer europäischen Dateninfrastruktur vor. Diese könne helfen, die Datenmengen zu sammeln, für Wissenschaft und Behörden zugänglich zu machen, auszuwerten und auszutauschen.

„Die Policy Briefs sollen den Entscheidungsträgern den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen erleichtern, die für den Schutz der europäischen Wasserressourcen erforderlich sind“, sagt Werner Brack. Dies sei eine wichtige Grundlage für die Gesundheit der Menschen in Europa und für gesunde Ökosysteme, die wichtige Dienstleistungen für die Bevölkerung erbringen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Werner Brack
Leiter UFZ-Department Wirkungsorientierte Analytik
werner.brack@ufz.de

Originalpublikation:
Brack (2019): Solutions for present and future emerging pollutants in land and water resources management. Policy briefs summarizing scientific project results for decision makers. Environmental Sciences Europe 2019, https://enveurope.springeropen.com/articles/10.1186/s12302-019-0252-7

Weitere Informationen:

https://www.springeropen.com/collections/solutions

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„Zu viele sterben zu jung“ – Start der Kampagne „Kenne Dein Risiko“

Davida Drescher Pressestelle
Stiftung Männergesundheit

Zu viele Männer sterben immer noch viel zu jung: 28% aller Männer noch vor ihrem 70. Lebensjahr. In der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren sind zwei Drittel aller Sterbefälle Männer, zwei Drittel aller Suizide werden von Männern begangen und zwei Drittel der Verkehrstoten sind ebenfalls männlich. Mit Veranstaltungen in ganz Deutschland und einer Kampagne auf Facebook informiert die Stiftung umfassend zum Thema Männergesundheit.

Das liegt nicht am Geschlecht: „Männer sterben viel zu früh, nicht weil sie Männer sind, sondern weil sie sich riskant verhalten“, sagt Olaf Theuerkauf, Vorstand der Stiftung Männergesundheit. „Hinzu kommt: Den meisten Männern sind ihre genetisch bedingten Risiken gar nicht bewusst. Sie wissen auch nicht, wie gefährlich anerzogene oder angewöhnte ungesunde Lebensweisen sind“.
„Kenn Dein Risiko“ – lautet deshalb das Motto der diesjährigen Kampagne. Die Stiftung Männergesundheit spricht Männer an. Sie sollen ermutigt werden, eine Bestandsaufnahme zu machen und herauszufinden, wo ihr persönliches Risiko liegt, zu erkranken.
Mit Veranstaltungen in ganz Deutschland und einer Kampagne auf Facebook informiert die Stiftung umfassend zum Thema Männergesundheit.

Auftakt der Kampagne ist der 19. November 2019 in Bautzen. Sie endet am 10. Dezember 2019, dem Tag der ungleichen Lebenserwartung.

Männer haben einen anderen Lebensstil als Frauen, sie haben aber auch eine andere gesellschaftliche Rolle. „Männer leben riskanter“, sagt Dr. Matthias Stiehler, Vorstand der Stiftung Männergesundheit. „Aber Männer wollen sich nicht selbst schaden. Hinter diesem Verhalten steckt immer der Versuch, Probleme zu lösen“.

Welche Probleme Männer haben und was sie dagegen tun können, darum geht es bei der Kampagne. Neben den klassischen Bereichen wie Ernährung und Bewegung geht es vor allem um Themen wie Burnout, die psychische Gesundheit von Jungen, Partnerschaft, aber auch Lebensqualität.

Wir laden Sie ein, über Männergesundheit zu berichten. Im Anhang finden Sie einen Terminplan der Veranstaltungen und Links zur Internetseite der Kampagne.

Als Gesprächspartner stehen Ihnen zur Verfügung:

• Prof. Dr. med. Theodor Klotz, Chefarzt an der urologische Klinik in Weiden
• Dr. Matthias Stiehler, Vorstand Stiftung Männergesundheit
• Olaf Theuerkauf, Vorstand Stiftung Männergesundheit

Kontakt:
Frau Davida Drescher
Geschäftsführerin Stiftung Männergesundheit
Claire-Waldoff-Straße 3
10117 Berlin
Email: drescher@stiftung-maennergesundheit.de
+49 30 652 126 121
oder unter: www.stiftung-maennergesundheit.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
• Prof. Dr. med. Theodor Klotz, Chefarzt an der urologische Klinik in Weiden
• Dr. Matthias Stiehler, Vorstand Stiftung Männergesundheit
• Olaf Theuerkauf, Vorstand Stiftung Männergesundheit

Weitere Informationen:
http://www.tag-der-ungleichen-lebenserwartung.de
https://www.facebook.com/stiftungmaenner/

Anhang
Hintergrundtext
https://idw-online.de/de/attachment73665

Quelle: IDW 

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Darmkrebs-Früherkennung: Wie lange warten bis zur zweiten Darmspiegelung?

Dr. Sibylle Kohlstädt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum

Zur Früherkennung von Darmkrebs haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf zwei Darmspiegelungen. Verläuft die erste Untersuchung ohne Befund, wird eine Zweituntersuchung im Abstand von zehn Jahren empfohlen. Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum untersuchten nun systematisch, wann und wie oft bei einer Zweituntersuchung Gewebeveränderungen detektiert werden. Ihr Fazit: Die Zehnjahresfrist ist in der Regel sinnvoll. Ob und bei welchen Menschen sie eventuell noch etwas verlängert werden könnte, lässt sich anhand der Datenlage noch nicht sicher sagen.

Zur Früherkennung von Darmkrebs haben gesetzlich Krankenversicherte ab dem Alter von 50 Jahren Anspruch auf einen jährlichen Test auf verborgenes Blut im Stuhl. Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, steigt mit dem Alter. Daher wird Männern ab dem Alter von 50 Jahren und Frauen ab 55 Jahren eine Darmspiegelung (Koloskopie) angeboten. Sie ist zuverlässiger als der Stuhltest und Krebsvorstufen können sofort entfernt werden. Wird bei einer ersten Darmspiegelung kein auffälliger Befund entdeckt, so empfehlen die Leitlinien zur Darmkrebsprävention eine zweite Untersuchung nach einer Frist von zehn Jahren.

Dieses Zehn-Jahres-Intervall wurde bislang allerdings im Wesentlichen durch Beobachtungen der Wachstumsraten von Darmkrebs-Vorstufen oder anhand von Abgleichen mit Krebsregisterdaten ermittelt. „Was bislang fehlte, war eine systematische Untersuchung der Entdeckungsraten relevanter Befunde bei der Folgekoloskopie, um zu ermitteln, nach welchem Zeitraum zu einer Folgeuntersuchung geraten werden sollte“, sagt Hermann Brenner, Präventionsexperte am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Sein Team führte daher nun eine so genannte Metaanalyse durch: Thomas Heisser, Erstautor der aktuellen Arbeit, fasste zusammen mit seinen Kollegen die Ergebnisse von 28 verschiedenen publizierten Einzelstudien zusammen, die ein Auftreten von Darm-Läsionen ein bis fünf Jahre (17 Studien), fünf bis zehn Jahre (16 Studien) sowie zehn und mehr Jahre (drei Studien) nach der Erstkoloskopie ermittelt hatten.

Die Wissenschaftler erfassten zunächst das Auftreten aller Arten von Darmläsionen: Bei 20,7 Prozent aller Untersuchten, deren Erstkoloskopie ein bis fünf Jahre zurücklag, wurden bei der Zweituntersuchung Läsionen entdeckt. Waren 5 bis 10 Jahre seit der Erstuntersuchung vergangen, so lag die Entdeckungsrate bei 23 Prozent, nach über zehn Jahren bei 21,9 Prozent.

Betrachteten die Wissenschaftler dagegen nur die klinisch wesentlich relevanteren fortgeschrittenen Vorstufen, so lagen die Entdeckungsraten bei 2,8 Prozent nach ein bis fünf Jahren, 3,2 Prozent nach fünf bis zehn Jahren und 7 Prozent bei über zehn Jahren.

„Die vergleichsweise hohe Rate kleinerer Gewebeveränderungen, die nur wenige Jahre nach der ersten Koloskopie gefunden wurden, lässt sich wahrscheinlich großenteils dadurch erklären, dass bei der Erstuntersuchung noch sehr kleine Veränderungen nicht entdeckt oder entfernt wurden“, sagt Hermann Brenner. „Dafür spricht auch, dass diese Rate im darauffolgenden Intervall kaum weiter ansteigt.“

Wesentlich wichtiger für die Prävention ist dagegen die Rate an fortgeschrittenen Krebsvorstufen. Sie bleibt bis zu zehn Jahre nach der Erstuntersuchung mit 2,8 Prozent und 3,2 Prozent auf einem nahezu gleichbleibend niedrigen Niveau. Das bedeutet, dass bei einer Folgekoloskopie in den ersten zehn Jahren nach einer unauffälligen Darmspiegelung nur sehr selten relevante Befunde gefunden würden. Es ist daher sinnvoll, nur in besonderen Fällen, z.B. bei erhöhtem Risiko aufgrund einer familiären Vorbelastung, zu einer früheren Folgeuntersuchung zu raten.

Für Aussagen darüber, ob bei Menschen ohne bekannte besondere Risiken die zweite Darmspiegelung möglicherweise noch weiter als zehn Jahre aufgeschoben werden kann, ist nach Ansicht der Autoren die Datenlage noch zu dünn. Hier konnten die Wissenschaftler auf nur drei Studien zugreifen. „Diese Studien schlossen auch Personen ein, deren Erstuntersuchung teilweise erheblich länger als zehn Jahre zurücklag. Um aber feststellen zu können, ob die Entdeckungsrate eventuell 12 oder 15 Jahre nach der Erstuntersuchung noch vertretbar niedrig ist – dazu sind größere Untersuchungen notwendig“, so Herrmann Brenner.

Thomas Heisser, Le Peng, Korbinian Weigl, Michael Hoffmeister, Hermann Brenner:
Outcomes at Follow-Up of a Negative Colonoscopy in the Average-Risk Population: A Systematic Review and Meta-Analysis
BMJ 2019, DOI: 10.1136/bmj.l6109

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können.
Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.
Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern.
Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Ansprechpartner für die Presse:
Dr. Sibylle Kohlstädt
Pressesprecherin
Kommunikation und Marketing
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de
E-Mail: presse@dkfz.de
www.dkfz.de

Originalpublikation:
Thomas Heisser, Le Peng, Korbinian Weigl, Michael Hoffmeister, Hermann Brenner:
Outcomes at Follow-Up of a Negative Colonoscopy in the Average-Risk Population: A Systematic Review and Meta-Analysis
BMJ 2019, DOI: 10.1136/bmj.l6109

Quelle: IDW 

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Eine Millionen Euro und revolutionäre Filter für mehr Umweltschutz

Vanessa Offermann Abteilung Hochschulkommunikation
Hochschule Heilbronn

Jennifer Niessner, Professorin der Hochschule Heilbronn, wirbt eine Millionen Euro für ihr Forschungsprojekt Bionische Filter (BiFi) bei der Carl-Zeiss-Stiftung ein. Ihr Fokus liegt auf der Verbesserung von Reinigungsfiltern für Wasser und Luft. Niessner ist in der Fakultät Technische Prozesse (TP) Professorin für die Fachgebiete Technische Physik und Strömungslehre.

Heilbronn, November 2019. Saubere Luft und sauberes Wasser sind von grundlegender Bedeutung für die Gesundheit und Lebensqualität von Mensch und Tier. Filter helfen bei der Reinigung dieser lebenswichtigen Elemente. Sie säubern die durchströmende Luft, beziehungsweise das hindurchfließende Wasser und sind somit ein wichtiger Aspekt im Umweltschutz.
Oft jedoch erzielt das Filtermaterial nicht die gewünschte Leistung. Partikel bleiben zurück, die eigentlich herausgefiltert werden sollten oder das Filtermaterial erzielt das gewünschte Ergebnis nur mit einem erheblichen Energieaufwand.
Hier setzt das Forschungsprojekt Bionische Filter (BiFi) von Projektleiterin und Professorin im Studiengang Verfahrens- und Umwelttechnik, Jennifer Niessner an. Ziel des Projektes ist die Entwicklung intelligenter bionischer Filter nach dem Vorbild biologischer Funktionen.

Wie in der Natur ergibt sich in BiFi die optimale Geometrie der Filter als Antwort auf ein Optimierungsziel. So wie sich die typische Fischform im Laufe der Evolution als die Form ergeben hat, mit der sich ein Fisch mit dem geringsten Energieeinsatz fortbewegen kann, so wird in BiFi ein Optimierungsziel für die Geometrie des Filters formuliert: minimaler Energieaufwand bei maximaler Abscheideleistung. Die Geometrie des Filters passt sich also diesen Zielen an und ergibt sich aus ihnen. Eine Einschränkung, dass in den Filtergeometrien etwa nur Fasern mit kreisförmigem Querschnitt vorkommen dürfen, gibt es dadurch nun nicht mehr.

Niessner: „Wir wollen in BiFi durch einen revolutionären Ansatz Filter intelligent machen. Die optimale Geometrie stellt sich in unseren Strömungssimulationen mit Topologieoptimierung als Antwort auf das Optimierungsziel ein. Die resultierenden Geometrien sehen wie gewachsene Strukturen aus und können dank Additiver Fertigung erstmals auch hergestellt werden. Die bionischen Filter werden bessere Abscheideleistung und Energieeffizienz haben, als alle auf dem Markt verfügbaren Produkte.“ Überprüft werden die technischen Entwicklungen in drei Leitanwendungen, nämlich in einem Luftfilter, z.B. einem Pollenfilter für Innenräume, einem Mikroplastikfilter für Waschmaschinen und einer Öl-Wasser-Membran für Kraftfahrzeuge.

Das Forscher-Team
Professorin Niessner ist Spezialistin für Strömungssimulation und wird unterstützt von Professor Uwe Gleiter. Gleiter ist Spezialist für Kunststoffverarbeitung, Werkstoffe und Werkstoffprüfung im Studiengang Mechatronik und Robotik. Er kümmert sich um die Herstellung der Filterstrukturen mittels 3D-Druck. Weiterer Projektpartner ist Professor Wendelin Schramm, aus dem Studiengang Medizinische Informatik. Er lehrt Gesundheitsökonomik und Gesundheitsmanagement und behält im Projekt die Nutzenbewertung im Auge. Eng arbeitet das interdisziplinäre HHN-Forscherteam mit Dr. Jakob Barz vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart zusammen, der das Team in Fragen der Materialauswahl und Beschichtung unterstützt.
An der Hochschule Heilbronn wird im Rahmen des Projektes BiFi ein „Zentrum für Additive Fertigung poröser Strukturen“ gegründet, in dem Vertreter aus Forschung und Industrie beteiligt sein sollen. Dadurch finden die Forschungsergebnisse Eingang in die industrielle Praxis. Gefördert wird BiFi mit einer Millionen Euro durch die Carl-Zeiss-Stiftung, die sich als Partner für visionäre und exzellente Wissenschaft im Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften versteht.

Hochschule Heilbronn – Kompetenz in Technik, Wirtschaft und Informatik
Mit ca. 8.400 Studierenden ist die Hochschule Heilbronn eine der größten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg. Ihr Kompetenz-Schwerpunkt liegt auf den Bereichen Technik, Wirtschaft und Informatik. An drei Standorten in Heilbronn, Künzelsau und Schwäbisch Hall bietet die Hochschule mehr als 50 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Die Hochschule pflegt enge Kooperationen mit Unternehmen aus der Region und ist dadurch in Lehre, Forschung und Praxis sehr stark vernetzt.

Ansprechpartnerin: Franziska Pöttgen, Forschungskommunikation,
Bildungscampus 14, 74076 Heilbronn, Telefon: 07131-504-229,
E-Mail: franziska.poettgen@hs-heilbronn.de,
Internet: http://www.hs-heilbronn.de/forschung

Pressekontakt Hochschule Heilbronn: Vanessa Offermann
Bildungscampus 14, 74076 Heilbronn Telefon: 07131-504-553,
E-Mail: vanessa.offermann@hs-heilbronn.de, Internet: http://www.hs-heilbronn.de

Über die Carl-Zeiss-Stiftung
Die Carl-Zeiss-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Freiräume für wissenschaftliche Durchbrüche zu schaffen. Als Partner exzellenter Wissenschaft unterstützt sie sowohl Grundlagenforschung als auch anwendungsorientierte Forschung und Lehre in den MINT-Fachbereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). 1889 von dem Physiker und Mathematiker Ernst Abbe gegründet, ist die Carl-Zeiss-Stiftung die älteste private wissenschaftsfördernde Stiftung in Deutschland. Sie ist alleinige Eigentümerin der Carl Zeiss AG und SCHOTT AG. Ihre Projekte werden aus den Dividendenausschüttungen der beiden Stiftungsunternehmen finanziert.

Pressekontakt
Vanessa Marquardt
Telefon: 0711-162213 -16, E-Mail: vanessa.marquardt@carl-zeiss-stiftung.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jennifer Niessner, Fakultät Technische Prozesse (TP),
Professorin für die Fachgebiete Technische Physik und Strömungslehre,
Max-Planck-Str. 39, 74081 Heilbronn, Telefon: 07131-504-308,
E-Mail: jennifer.niessner@hs-heilbronn.de, Internet: http://www.hs-heilbronn.de/bifi

Quelle: IDW 

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Warum Beta-Blocker Hautentzündungen verursachen

Johannes Seiler Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Beta-Blocker werden häufig gegen Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt. Bei manchen Patienten können sie jedoch eine entzündliche Schuppenflechte auslösen oder verstärken. Wissenschaftler der Universität Bonn und der Freien Universität Berlin haben nun eine mögliche Ursache dafür gefunden. Ihre Ergebnisse sind heute in der renommierten Fachzeitschrift „Autophagy“ erschienen.

Dass Beta-Blocker schwere Hautentzündungen verursachen können, ist schon lange bekannt. Die Ursache für dieses Phänomen war allerdings bislang weitgehend unbekannt. Die aktuelle Studie bringt jedoch Licht ins Dunkel: Demnach können Beta-Blocker augenscheinlich den Abbau defekter Zellbestandteile stören. Im Gegenzug setzen die Zellen dann Botenstoffe frei, die immunvermittelte entzündliche Reaktionen auslösen.

In diese Richtungen deuten zumindest Experimente mit Zellkulturen. Die Wissenschaftler hatten dabei einen Wirkstoff namens Propranolol unter die Lupe genommen. Unabhängig vom eigentlichen Wirkmechanismus, der Blockade von Betarezeptoren, verdankt er seine entzündungsfördernden Nebenwirkungen vermutlich der Kombination zweier Eigenschaften: „Propranolol ist fettlöslich und zugleich leicht alkalisch“, erklärt Prof. Dr. Günther Weindl vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn.

„Gelber Sack“ in der Zelle
Dank seiner Fettlöslichkeit kann der Wirkstoff Biomembranen durchqueren – das sind dünne fettähnliche Häutchen, die Zellen und manche ihrer Bestandteile umschließen. Der zweite Punkt sorgt dagegen dafür, dass Propranolol sich in saurer Umgebung positiv auflädt. In diesem Zustand kann die Substanz dann nicht mehr durch die Membran zurück.

Problematisch wird diese Kombination bei einem Vorgang, den Experten Autophagie nennen. Dabei nutzen Zellen Bläschen aus Biomembranen als eine Art „Gelben Sack“, in dem sie defekte Proteine und andere Zellbestandteile verpacken. Der Sack verschmilzt dann später mit einem zweiten Membran-Beutel, dem Lysosom. Dieses enthält zersetzende Enzyme, die den Inhalt des gelben Sacks zerlegen und die einzelnen Bausteine wieder in die Zelle abgeben – ein perfektes Recycling.

Die Flüssigkeit im Lysosom ist leicht sauer, denn nur in diesem Milieu können die Enzyme ihre Arbeit verrichten. Wenn daher ein Propranolol-Molekül per Zufall seinen Weg durch die Membran in den Beutel findet, wird es positiv geladen und sitzt in der Falle. Mit der Zeit sorgt dieser Effekt dafür, dass sich immer mehr Propranolol im Lysosom anhäuft. „Und dieser Prozess stört augenscheinlich die Autophagie“, sagt Weindl. „Das wiederum verändert eine Reihe von Prozessen in der Zelle. Als ein Resultat schüttet sie unter anderem Entzündungsbotenstoffe aus, vor allem das so genannte Interleukin-23, das hauptsächlich von Immunzellen abgesondert wird. Folge davon sind die beobachteten Hautprobleme.“

Nicht alle Beta-Blocker sind problematisch
Wie diese Prozesse auf molekularer Ebene genau zusammenhängen, wollen die Forscher nun weiter untersuchen. Schon jetzt deuten ihre Ergebnisse aber darauf hin, dass die entzündlichen Effekte vor allem bei fettlöslichen Beta-Blockern auftreten. Tatsächlich gibt es in dieser Wirkstoffgruppe auch Substanzen, die weniger gut membrangängig sind. „Wir haben sie in unseren Zellkulturen getestet“, betont der Pharmakologe. „Die Interleukin-23-Ausschüttung war bei ihnen deutlich geringer als nach Propranolol-Gabe.“

Diese Ergebnisse müssen aber noch bei lebenden Organismen verifiziert werden. Dass eine gestörte Autophagie schwere Erkrankungen auslösen kann, ist dagegen schon seit längerem bekannt. Darunter sind etwa Demenz, entzündliche Darmerkrankungen und Diabetes.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Günther Weindl
Pharmazeutisches Institut der Universität Bonn
Tel. 0228/739103
E-Mail: g.weindl@uni-bonn.de

Originalpublikation:
Gerrit Müller, Charlotte Lübow und Günther Weindl: Lysosomotropic beta blockers induce oxidative stress and IL23A production in Langerhans cells. Autophagy DOI: 10.1080/15548627.2019.1686728

Quelle: IDW 

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Grüngut? Doppelt gut fürs Klima!

Bianca Stur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Biomasseforschungszentrum

Das Projekt Grün-OPTI befasst sich mit der Optimierung der stofflich-energetischen Verwertung von Grüngut in Deutschland.

Das Projekt Grün-OPTI (FKZ-Nr.: 03KB107) des Witzenhausen-Instituts nahm sich diesem Thema etwas genauer an und thematisierte die bislang unzureichende Ausschöpfung der Potenziale von Grüngut für eine hochwertige Verwertung als Brennstoff und Kompost. Denn wie die präsentierten Projektergebnisse zeigen, steckt die Nutzung von Reststoffen aus der Garten- und Landschaftspflege noch weit hinter ihrem eigentlichen Potenzial. Zwar trennen laut einer Befragung des Witzenhausen-Instituts gut 75 Prozent der beteiligten 175 Grüngut-Kompostierungsanlagen holzige Materialien vom Grüngut und nutzen diese als Brennstoff, statt sie in die Kompostierung zu geben. Dennoch ist der Anteil des als Brennstofffraktion eingebrachten Grünguts mit 18 Prozent relativ niedrig und könnte nach Berechnungen des Forschungsinstituts auf 30 Prozent gesteigert werden.

Für ihre Analysen holten sich die Forschenden Unterstützung aus drei Praxisbetrieben. Gemeinsam bestimmten sie Faktoren, die die Menge an abgegebenen Abfällen bei Grüngut-Entsorgern beeinflussen. Aus den dabei abgeleiteten Erfolgskriterien für die Wertschöpfungskette „holziges Grüngut“ entwickelten die Forscher aus Witzenhausen praktische Handlungsempfehlungen für Entsorgungsträger.

Vor allem der Komfort und Service bei der Sammlung von Gartenabfall sollte verbessert werden, damit der Anreiz für die Abgabe von Garten- und Landschaftspflegeabfällen erhöht wird. Aussichtsreiche Möglichkeiten wären eine kostenfreie Einsammlung des Grünguts oder gut erreichbare, kostenfreie Sammelstellen mit praktischen Öffnungszeiten.

Ein nicht zu vernachlässigender Effekt der optimierten stofflich-energetischen Verwertung von Grüngut ist zudem die hohe Einsparung an Treibhausgasen: Denn durch die Erzeugung von Kompost und regenerativer Energie ließen sich bei den derzeit pro Jahr erfassten Mengen von 4,9 Millionen Tonnen Grüngut etwa 3,3 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

„Grün-OPTI“ ist ein Vorhaben des BMWi-Förderbereichs „Energetische Biomassenutzung“.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH
Werner-Eisenberg-Weg 1
37213 Witzenhausen

Thomas Raussen – Projektleiter
Telefon: +49 (0)5542 9380-15
E-Mail: t.raussen@witzenhausen-institut.de

BEGLEITVORHABEN
Diana Pfeiffer – Projektkoordination
Telefon: +49 (0)341 2434-554
E-Mail: diana.pfeiffer@dbfz.de

Bianca Stur – Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 (0)341 2434-582
E-Mail: bianca.stur@dbfz.de

Weitere Informationen:
https://www.energetische-biomassenutzung.de/projekte-partner/details/project/sho… Erfahren Sie mehr im Projektsteckbrief und Endbericht von Grün-OPTI
https://www.energetische-biomassenutzung.de/startseite/

Anhang
Pressemitteilung Grün-OPTI
https://idw-online.de/de/attachment73600

Quelle: IDW 

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Gesellschaftlicher Lebensstil als Ursache für Adipositas bei Kindern | Neue S3-Leitlinie fordert präventive Maßnahmen

Nina Schnürer Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Ulm

Egal ob Säuglinge, Kleinkinder oder Jugendliche – die Zahl der Minderjährigen, die von Übergewicht betroffen sind, hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Eine neue S3-Leitlinie zeigt nun: die Ursachen für Adipositas finden sich vor allem im Lebensstil unserer Gesellschaft. Die an der Erstellung der Leitlinie beteiligten Wissenschaftler*innen fordern daher, im Kampf gegen die Pfunde vermehrt auf verhältnispräventive statt auf verhaltenspräventive Maßnahmen zu setzen. Federführend wurde die Leitlinie von Prof. Dr. Martin Wabitsch zusammen mit Dr. Anja Moss geschrieben. Prof. Wabitsch leitet die Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie des Universitätsklinikums Ulm.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ wurde gemeinsam von 40 Expert*innen aus 16 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbeitet. Sie zeigt: weder übergewichtigen Kindern und Jugendlichen selbst noch ihren Eltern kann die Schuld an einer Adipositas gegeben werden. Vielmehr führen die sogenannten „adipogenen“ Lebensbedingungen in Konsum- und Wohlstandsgesellschaften zu einem Anstieg an extremem Übergewicht junger Menschen. „Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft und entwickelt sich auf der Basis einer biologischen Anlage“, erklärt Prof. Dr. Martin Wabitsch. „Beides ist durch das Individuum nur begrenzt beeinflussbar. Um Übergewicht in dieser Altersgruppe in Zukunft zu verhindern, müssen Gesellschaft und Politik sich dafür einsetzen, den aktuellen Lebensstil zu ändern. Eine wichtige Maßnahme wäre beispielsweise, den Zuckergehalt in unseren Lebensmitteln – vor allem in Getränken – zu reduzieren.“ Die derzeitigen Maßnahmen gegen Adipositas seien unzureichend und teilweise unpassend, da sie in erster Linie am Verhalten der Betroffenen und nicht an deren Lebensbedingungen ansetzten.
Neben tiefgreifenden Änderungen auf Bevölkerungsebene fordert die Leitlinie außerdem eine Ausweitung des ambulanten Therapieangebots. Hierbei sollten Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapien kombiniert werden. „Wir empfehlen, junge Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren Familien ambulant in ihrem gewohnten Umfeld zu betreuen“, sagt Prof. Dr. Martin Wabitsch. „Hierfür ist es aber notwendig, mehr Therapieplätze und Schulungsangebote zu schaffen, die bisher leider fehlen. Um mehr Angebote zu schaffen, sind wir vor allem auf die Unterstützung der Krankenkassen angewiesen.“ Besonders die Schulung von Kindern im Grundschulalter zeige positive Effekte. Für ältere Jugendliche, die unter extremer Adipositas leiden, müssten laut der Leitlinie jedoch neue Therapiekonzepte geschaffen werden, da bei ihnen die Erfolgsrate deutlich niedriger liege.
Eine entscheidende Rolle bei der Früherkennung und Behandlung von Übergewicht in jungen Jahren sprechen die Wissenschaftler*innen außerdem Haus- und Kinderärzt*innen zu. Deshalb sollte das Thema schon in der Ausbildung angehender Ärztinnen und Ärzte einen hohen Stellenwert einnehmen. „Ziel unserer Leitlinie ist es nicht nur, das Bewusstsein für das Gesundheitsproblem Adipositas zu stärken. Wir wollen auch eine orientierende Hilfe für alle im Gesundheitswesen und der Gesundheitspolitik Tätigen geben und Informationen zur Therapie und Prävention der Adipositas bereitstellen“, betont Prof. Dr. Martin Wabitsch.

Die Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm bietet ein intensives, ambulantes Schulungsprogramm für betroffene Kinder und deren Familien an. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.

LINK: Evidenzbasierte (S3-) Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA, AWMF-Nr. 050-002) „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“

Quelle: IDW 

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Ein neues Puzzleteil im globalen Kohlenstoffzyklus

Dr. Fanni Aspetsberger Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie

Mikrobiologinnen und -biologen der Max-Planck-Institute für terrestrische Mikrobiologie in Marburg und für marine Mikrobiologie in Bremen haben einen Stoffwechselweg entdeckt, der eine wichtige Rolle beim mikrobiellen Abbau der Algenbiomasse im Ozean spielt. Die Aufklärung der genauen Abläufe auf molekularer Ebene bis hin zum Nachweis der weltweiten Verbreitung liefern wertvolle Informationen für künftige Berechnungen der Kohlendioxid-Bilanz der Weltmeere.

Von Charles Darwin ist überliefert, dass er im „klaren blauen Wasser“ des Ozeans etwas vermutete, das noch kleiner sei als die Protozoen, die er im Mikroskop erkennen konnte. „Heute wissen wir, dass jeder Liter Ozeanwasser von Hunderten von Millionen Mikroorganismen wimmelt“, erklärt der Meeresforscher Rudolf Amann, Direktor am Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen. Sein Kollege Tobias Erb vom Schwesterinstitut in Marburg ergänzt: „Obwohl sie selbst nur Mikrometer klein sind, bestimmen sie durch ihre schiere Anzahl und ihre hohe Stoffwechselrate maßgeblich den Energiefluss und den Umsatz von Biomasse in den Weltmeeren.“

Während einzellige Algen, auch bekannt als Phytoplankton, CO2 in Biomasse umwandeln, kommen andere Mikroorganismen vor allem dann zum Zuge, wenn die Algen den fixierten Kohlenstoff ausscheiden oder – manchmal schlagartig, wie nach der sogenannten Algenblüte – absterben. Noch im Oberflächenwasser verarbeiten die Einzeller viele Tausend Tonnen der Algen-Biomasse: ein zentraler Prozess im marinen Lebenszyklus. Eine der wichtigsten Verbindungen im Ozean ist dabei die Glycolsäure, ein direktes Nebenprodukt der Fotosynthese. Diese wird von marinen Bakterien teilweise wieder in CO2 zurückverwandelt. Doch hier wurde das Bild bislang unscharf: das genaue Schicksal des Kohlenstoffs in der Glycolsäure war nicht bekannt.

Um sinnvoll einschätzen zu können, wie es um den weltweiten Kohlenstoffkreislauf steht, darf die Gleichung aber nicht zu viele Unbekannte haben. Um die Konsequenzen auf globaler Ebene und für den Klimawandel zu verstehen, ist eine genaue Kenntnis des bakteriellen Abbaus der Algen-Biomasse unabdingbar. Dazu brauchen wir jedoch Grundlagenforschung zu Lokalisierung, Rate und Umfang der Nährstoffnetze im Ozean. Was geschieht also mit dem Kohlenstoff der Glycolsäure, bei dem es global immerhin um Stoffmengen im Bereich von einer Milliarde Tonnen pro Jahr geht?

Der vergessene Stoffwechselweg
Nicht immer müssen Forscherinnen und Forscher ganz von vorne beginnen. Manchmal gibt es bereits bekannte Puzzleteile, sie müssen nur erkannt und an die richtige Stelle gelegt werden. Ein solches Teil ist der β-Hydroxyaspartat-Zyklus, der vor mehr als 50 Jahren in dem Bodenbakterium Paracoccus entdeckt wurde. Damals erfuhr der Stoffwechselweg wenig Aufmerksamkeit, seine genauen biochemischen Abläufe blieben unerforscht. Lennart Schada von Borzyskowski, Erstautor der Publikation, ist Postdoktorand in der Abteilung von Tobias Erb am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg. Er stieß im Rahmen von Literaturrecherchen auf diesen Stoffwechselweg. „Beim Betrachten des Weges fiel mir auf, dass er effizienter sein müsste als der bisher für den Abbau der Glycolsäure angenommene Prozess, und ich fragte mich, ob dieser Stoffwechselweg nicht vielleicht mehr Bedeutung besitzen könnte, als ursprünglich angenommen“, berichtet der Wissenschaftler.

Ausgestattet mit einer einzelnen Gensequenz stieß er in Datenbanken auf ein Cluster aus insgesamt vier Genen, die die Bauanleitung für vier Enzyme liefern. In Kombination miteinander waren drei der Enzyme ausreichend, um eine aus der Glycolsäure abgeleitete Verbindung weiter umzusetzen. Doch wofür war das vierte Enzym zuständig? Als Schada von Borzyskowski dieses Enzym im Labor testete, entdeckte er, dass es eine bisher unbekannte Reaktion katalysiert, eine sogenannte Iminreduktion. Durch diese vierte Reaktion schließt sich der Stoffwechselweg zu einem eleganten Kreislauf, durch den der Kohlenstoff der Glycolsäure ohne Verlust von CO2 zirkuliert werden kann.

Weltweit verbreitet, ökologisch bedeutsam
In Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Marburg gelang es, den Glycolsäure-Stoffwechsel und seine Regulation in den lebenden Mikroorganismen zu studieren. „Nun ging es darum, das Vorkommen und die Aktivität dieser Gene im marinen Lebensraum und ihre ökologische Bedeutung nachzuweisen,“ erläutert Tobias Erb. Hierfür erwies sich die Zusammenarbeit der Marburger Biochemiker mit den Meeresforscherinnen und -forschern des Bremer Max-Planck-Instituts als besonders fruchtbar, denn diese untersuchen bereits seit Jahren die marinen Lebensgemeinschaften bei Helgoland, insbesondere die Bakterienpopulationen während und nach Algenblüten. In mehreren Exkursionen auf hoher See maßen die Marburger und Bremer die Bildung und den Verbrauch von Glycolsäure während der Algenblüte im Frühjahr 2018. Und tatsächlich: Der Stoffwechselzyklus war aktiv am Stoffwechsel der Glycolsäure beteiligt.

Auch in den bakteriellen Genomsequenzen, welche die TARA Oceans-Expedition in über 10.000 Kilometern Wegstrecke auf den Weltmeeren sammelte, fanden sich immer wieder die Baupläne des Stoffwechselzyklus, und zwar im Durchschnitt 20-mal häufiger als alle anderen postulierten Abbaurouten für Glycolsäure. Der wiederentdeckte Stoffwechselweg fristet also kein Nischendasein, sondern ist im Gegenteil weit verbreitet. Diese neuen Erkenntnisse erstaunen Rudolf Amann immer noch: „Die Entdeckung der Marburger Kolleginnen und Kollegen stellt unser bisheriges Verständnis zum Schicksal der Glycolsäure auf den Kopf. Unsere Daten zeigen, dass wir den Kreislauf von Milliarden Tonnen Kohlenstoff in den Weltmeeren neu bewerten müssen.“ Tobias Erb schließt daran an: „Diese Arbeit macht uns bewusst, welche globalen Ausmaße der Stoffwechsel von Mikroorganismen annehmen kann, und zeigt uns gleichzeitig, wieviel hier noch gemeinsam zu entdecken ist.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Tobias Erb
Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, Marburg
Telefon: +49 6421 178 700
E-Mail: toerb@mpi-marburg.mpg.de

Prof. Dr. Rudolf Amann
Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, Bremen
Telefon: +49 421 2028-930
E-Mail: ra­mann@mpi-bre­men.de

Originalpublikation:
Schada von Borzyskowski, L., Severi, F., Krüger, K., Hermann, L., Gilardet, A., Sippel, F., Pommerenke, B., Claus, P., Socorro Cortina, N., Glatter, T., Zauner, S., Zarzycki, J., Fuchs, B.M., Bremer, E., Maier, U.G., Amann, R.I., Erb, T.J.: Marine Proteobacteria metabolise glycolate via the β-hydroxyaspartate cycle. Nature Vol. 575, November 2019.
DOI 10.1038/s41586-019-1748-4

Weitere Informationen:

https://www.mpi-bremen.de/Page3912.html (enthält ein kurzes Erklärvideo zur Veröffentlichung)

Quelle: IDW 

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Ostsee am Scheideweg? Zukunftsszenarien zum kombinierten Effekt von Klimawandel und Nährstoffbelastung

Dr. Kristin Beck Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Kann effektives Meeresmanagement Klimawandelfolgen so mildern, dass die Ostsee wieder einen guten ökologischen Zustand erreicht? Lassen sich zukünftige Beeinträchtigungen des Tourismus durch Rekord-Blaualgenblüten und andere Extremereignisse abwehren? Ein Team um Meeresphysiker Markus Meier vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) präsentiert jetzt eine Studie, in der verschiedene Treibhausgas- und Nährstoffbelastungsszenarien bis 2100 modelliert wurden. Nur in dem optimistischsten Szenario – Nährstoffreduktion durch eine perfekte Umsetzung des Ostsee-Aktionsplans – wird ein guter Umweltzustand erreicht und Extrem-Algenblüten trotz gehäufter Hitzewetterlagen vermieden.

Zu hohe Nährstoffeinträge sind ein großes ökologisches Problem für die Ostsee. Die Folge: Übermäßiges Phytoplanktonwachstum – insbesondere sommerliche Blaualgenblüten. Absterbende Algenblüten wiederum fördern Sauerstoffmangel im Tiefenwasser, wo nur spezielle Bakterien existieren können, nicht aber höheres Leben wie Muscheln oder Fische. Obwohl sich alle Anrainerstaaten bereits vor über 10 Jahren im Rahmen des Ostsee-Aktionsplanes (BSAP, kurz für „Baltic Sea Action Plan“) auf klar definierte Nährstoff-reduktionsziele einigten, ist die Umsetzung schleppend, und der im BSAP definierte „gute ökologische Zustand“ der Ostsee wird nicht, wie angestrebt, 2021 erreicht. Auch mehren sich Studien, die davon ausgehen, dass der Klimawandel die Überdüngungsproblematik verschärft.

Ein wichtiger Grund, den guten ökologischen Zustand zu erreichen, ist der hohe Freizeitwert der Ostsee – nicht zuletzt, weil Tourismus für die Wirtschaft in der gesamten Ostsee-Region von großer Bedeutung ist. Ob Erholungssuchende ihren Besuch am Meer attraktiv finden, wird meist nicht durch mittlere Temperaturen oder davon bestimmt, wie es um das Ökosystem Ostsee im Allgemeinen bestellt ist (was mit Hilfe von BSAP-Indikatoren gemessen wird, die einen mittleren Umweltzustand abbilden). Vielmehr sind es Extremereignisse, z.B. lang anhaltende extreme Hitzewetterlagen oder ausgedehnte Teppiche giftiger oder stinkender Algen in Strandnähe. „Bei Zukunftsanalysen von Klimawandelfolgen für die Ostsee wurden derartige Extremereignisse bislang nicht berücksichtigt“, sagt Markus Meier, Klimaexperte am IOW und Leiter der Studie, die jetzt im renommierten Fachjournal „Ambio“ publiziert wurde. „Im Fokus unserer Modellierungen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts standen also folgende Fragen: Kann die Ostsee einen guten ökologische Zustand überhaupt noch erreichen? Wenn ja, wann und unter welchen Bedingungen? Und erstmals auch: Wie verändert sich die Wahrscheinlichkeit für Extremereignisse, wie sie u.a. für die Entwicklung der Freizeit- und Tourismuswirtschaft relevant sind?“, so Meier weiter.

Das Forscherteam simulierte verschiedene Zukunftsszenarien, in denen sie drei Nährstoff-Belastungsszenarien (1. perfekte Umsetzung der BSAP-Ziele, 2. Weiterführung des Ist-Zustandes, 3. Worst-Case-Szenario mit steigender Belastung durch wachsende Bevölkerungszahlen) jeweils mit einem von zwei Treibhausgas-Belastungsszenarien (mittlere und hohe Belastung) koppelten. Analysiert wurde dabei die Entwicklung klassischer BSAP-Indikatoren, wie Sichttiefe, Nährstoffkonzentrationen und Sauerstoffmangel im Tiefenwasser. Indikatoren für Extremereignisse waren unter anderem das Auftreten sommerlicher Hitzewellen (ausgedrückt als Anzahl aufeinanderfolgender „tropischer Nächte“ wärmer als 20 °C) sowie dadurch bedingte dauerhaft hohe Oberflächenwasser-Temperaturen (über 18 °C) und Rekord-Blaualgenblüten (Anzahl der Algenblütentage pro Jahr, die jeweils höher sein muss als alle davor beobachteten). Um anhand bereits gemessener Werte die Aussagekraft der Modellierungsergebnisse einschätzen zu können, deckte der Simulationszeitraum die Jahre 1975 bis 2100 ab.

„Die Ostseeregion wird sich nach unseren Szenario-Berechnungen durch den Klimawandel deutlich verändern“, erläutert Markus Meier die Ergebnisse. „Je nachdem, welches Klimaszenario wir zugrunde legen, wird es im Hochsommer 2 – 4 °C wärmer. Für den Zeitraum 2070-2100 wird man bei hohen Treibhausgaskonzentrationen fast im gesamten Ostseebereich mit sommerlichen, durch tropische Nächte gekennzeichnete Hitzewellen rechnen müssen, die im Schnitt 2 – 3 Wochen dauern und im Extremfall sogar bis zu zwei Monate ununterbrochen anhalten.“ Diese Veränderungen spiegelten sich auch in den Wassertemperaturen wieder, so Meier weiter. So werde die Ostsee zum Ende des Jahrhunderts an der Oberfläche im Mittel um 2 – 3 °C wärmer sein und sommerliche Oberflächenwassertemperaturen über 18 °C könnten bis zu einem Monat länger auftreten als heute. „Am Beispiel von Warnemünde zeigen die Modelle schon für die nahe Zukunft bis 2050, dass im Vergleich zum heutigen Klima im Sommer deutlich häufiger neue Rekord-Wassertemperaturen an der Oberfläche auftreten werden: Je nach Szenario ist dies 200 – 400 % häufiger, als erwartet“, hebt der Meeresphysiker hervor.

Was auf den ersten Blick wie ein Plus für Ostseebesucher aussieht – zahlreiche ‚tropische Nächte‘, hohe Badetemperaturen über viele Wochen – gehört jedoch zu den Extremereignissen, die eine Beeinträchtigung des Tourismus zunehmend wahrscheinlich machen. Zum einen fördern derartige Bedingungen generell die Entwicklung von Blaualgenblüten. Markus Meier: „Rekord-Blaualgenblüten werden unseren Berechnungen zufolge zwar in allen Szenarien nach 2025 zunächst seltener, aber nur wenn eine Nährstoffreduktion strickt nach BSAP umgesetzt wird, bleiben sie dauerhaft aus.“ Und auch nur dann würden die im Rahmen des BSAP gesteckten Umweltziele – z. B. in Bezug auf Sichttiefe und Sauerstoffmangel im Tiefenwasser – noch vor 2100 für alle Teile der Ostsee erreicht.

„Machen wir dagegen weiter wie bisher oder erhöht sich die Nährstoffbelastung sogar bei hohen Treibhausgaskonzentrationen, ist die Wahrscheinlichkeit für Extremblaualgenblüten zum Ende des Jahrhunderts um 1000 % erhöht im Vergleich zum heutigen Klima. Und erreichen wir die BSAP-Umweltziele nicht, muss man mit zahlreichen weiteren negativen Folgen im Ökosystem Ostsee rechnen“, betont Meier. Außerdem sei aus Studien in anderen, vom Klima her eigentlich gemäßigten Regionen bekannt, dass extreme Hitzeereignisse und gehäufte Hitzewellen das Krankheits- und Sterblichkeitsrisiko signifikant erhöhen. „Bei uns an der Ostsee könnte dies z. B. bedeuten, dass Infektionen mit den lebensgefährlichen, Sepsis verursachenden Vibrio-Bakterien gehäuft auftreten“, erläutert Markus Meier.

„Die Ostsee steht am Scheideweg. Das ist kritisch, bedeutet aber auch, dass wir es immer noch in der Hand haben, wohin sie steuert. Über ein stringentes Meeresmanagement, für das es klare Vorgaben im BSAP gibt, und auch – selbst wenn dies schwieriger ist – über verstärke Klimaschutz-Anstrengungen können wir die Ostsee dauerhaft als Lebensraum und Reiseziel attraktiv halten“, kommentiert Markus Meier die Studienergebnisse abschließend.

Kontakt IOW Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
Dr. Kristin Beck: 0381 5197 135| kristin.beck@io-warnemuende.de
Dr. Barbara Hentzsch: 0381 5197 102 | barbara.hentzsch@io-warnemuende.de

Das IOW ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der zurzeit 95 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Bund und Länder fördern die Institute gemeinsam. Insgesamt beschäftigen die Leibniz-Institute etwa 19.100 MitarbeiterInnen, davon sind ca. 9.900 WissenschaftlerInnen. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Mrd. Euro. www.leibniz-gemeinschaft.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Markus Meier | Leiter IOW-Sektion Physikalische Ozeanographie und Messtechnik
Tel: 0381 – 5197 150 | markus.meier@io-warnemuende.de

Originalpublikation:

H.E. Markus Meier, Christian Dieterich, Kari Eilola, Matthias Gröger, Anders Höglund, Hagen Radtke, Sofia Saraiva, Iréne Wåhlström (2019). Future projections of record-breaking sea surface temperature and cyanobacteria bloom events in the Baltic Sea. Ambio, https://doi.org/10.1007/s13280-019-01235-5

Quelle: IDW 

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Haben Fußballprofis ein erhöhtes Demenzrisiko?

Dr. Bettina Albers Pressestelle der DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Eine aktuell im „The New England Journal“ publizierte retrospektive Kohortenstudie [1] untersuchte die durch neurogenerative Erkrankungen verursachte Sterblichkeitsrate bei ehemaligen Fußballprofis. Im Vergleich zur nicht-fußballspielenden Kontrollgruppe waren bei den Fußballern signifikant häufiger Fälle von Morbus Alzheimer, Parkinson sowie anderen Demenzerkrankungen aufgetreten. Die kardiovaskuläre Sterblichkeit war bei den Fußballern jedoch geringer. Die Studie wirft zahlreiche Fragen auf: Gibt es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang? Und was könnte ein solches erhöhtes Risiko medizinisch erklären?

In der retrospektiven Kohortenstudie waren 7.676 ehemalige Fußballprofis aus Schottland mit über 23.000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung in Hinblick auf Alter, Geschlecht und sozialen Status gematcht und beobachtet worden. Bei denen, die während der Studie verstarben, wurden die Todesursachen erhoben und ausgewertet. In median 18 Jahren verstarben 1.180 ehemalige Fußballprofis (15,4%) und 3.807 Menschen aus der Kontrollgruppe (16,5%) – und der Vergleich zeigte interessante Ergebnisse:

Die Gesamtmortalität war in der „Fußballergruppe“ bis zum 70. Lebensjahr geringer, dann aber in der Altersgruppe über 70 Jahren höher als in der Kontrollgruppe. Die ehemaligen Fußballprofis wiesen eine signifikant geringere Sterblichkeit an ischämischen Herzerkrankungen (p=0,02) auf als die „Nicht-Fußballer“, auch waren bei ihnen weniger an Lungenkrebs (p<0,001) verstorben. Einen deutlichen Unterschied gab es aber im Hinblick auf neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Motorneuronerkrankungen, Morbus Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen. Auffällig war, dass die Rate der durch diese Erkrankungen verursachten Todesfälle in der „Fußball-Gruppe" signifikant höher war. Insgesamt war bei 1,7% der ehemaligen Fußballer eine neurodegenerative Hauptdiagnose auf dem Totenschein vermerkt worden, aber nur bei 0,5% der Kontrollgruppe (p<0,001). Besonders häufig war bei den ehemaligen Fußballprofis der Morbus Alzheimer diagnostiziert worden: So gab es in der Fußballergruppe 64 Alzheimer-bedingte Todesfälle (0,8%), in der viel größeren Vergleichsgruppe insgesamt nur 47 (0,2%), - die Rate war also um den Faktor 4 höher. Zu diesem Ergebnis passte, dass auch mehr Studienteilnehmer in der „Fußballer-Gruppe" Demenzmedikamente einnahmen als in der Kontrollgruppe. Interessanterweise gab es keinen Unterschied im Hinblick auf die neurodegenerative Mortalität zwischen Feldspielern und Torhütern, wohl aber hinsichtlich der Medikation: Feldspielern waren häufiger als Torhütern Demenzmedikamente verschrieben worden.

Die Studie wirft verschiedene Fragen auf. Die geringere Gesamtmortalität bei den Fußballern in jüngeren Jahren und die geringere Rate an ischämischen Herzerkrankungen führen die Autoren auf den protektiven Effekt des Sports auf das Herz-Kreislauf-System zurück. Sie bieten allerdings keine Erklärung für die höheren Raten an neurodegenerativen Erkrankungen an. „Es kann spekuliert werden, ob Kopfbälle und Schädel-Hirntraumen zu einem höheren Risiko an neurodegenerativen Erkrankungen führen können, das wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert“, erklärt Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. Ähnliche Ergebnisse gibt es für Footballspieler in den USA [2]. Anhand neuropathologischer Befunde wurde die Chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) infolge von wiederholten leichten Kopfverletzungen bei verschiedenen Sportarten (Boxen, American Football, Australian Football, Rugby, Fußball, Eishockey) beschrieben. Interessant ist, dass bei der CTE eine Tauopathie gefunden wird wie bei neurodegenerativen Erkrankungen [3]“, betont Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Selbstverständlich kann die hier vorliegende retrospektive Erhebung generell keine kausalen Beziehungen nachweisen und wir sollten mit der Interpretation dieser Daten vorsichtig sein.“

Auch die Studienautoren fordern, die Fragestellung prospektiv zu untersuchen. Sie betonen, dass die vorliegende retrospektive Studie mögliche methodische Mängel aufweist, die das Matching betreffen. Auch heben sie hervor, dass die Ergebnisse keinesfalls auf Amateurfußballer übertragen werden können.

Literatur
[1] Mackay DF, Russell E, Stewart E et al. Neurogenerative disease mortality among former professional soccer players. NEJM 2019; Oct 21. doi: 10.1056/NEJMoa1908483.
[2] Mez J, Daneshvar DH, Kiernan PT, et al. Clinicopathological Evaluation of Chronic Traumatic Encephalopathy in Players of American Football. JAMA. 2017;318(4):360-370. doi:10.1001/jama.2017.8334
[3] Kulbe JR, Hall ED. Chronic traumatic encephalopathy-integration of canonical traumatic brain injury secondary injury mechanisms with tau pathology. Prog Neurobiol. 2017 Nov;158:15-44. doi: 10.1016/j.pneurobio.2017.08.003. Epub 2017 Aug 26.

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Dr. Bettina Albers
c/o albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: presse@dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 9900 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Präsidentin: Prof. Dr. med. Christine Klein
Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. med. Christian Gerloff
Past-Präsident: Prof. Dr. Gereon R. Fink
Generalsekretär: Prof. Dr. Peter Berlit
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org

Originalpublikation:

doi: 10.1056/NEJMoa1908483.

Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Quelle: IDW 

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Ökologisch intakte Flüsse sind den Deutschen Milliarden wert

Nadja Neumann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Gewässer und die darin beheimateten Tiere und Pflanzen bieten der Gesellschaft viele Vorteile. Es ist allerdings schwierig, diese Bedeutung ökonomisch zu beziffern. Forschende vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben in einem internationalen Team untersucht, wie hoch die Wertschätzung der Bevölkerung in Deutschland und drei anderen europäischen Ländern für die Renaturierung von Flüssen ist. Hochrechnungen zeigen, dass sich hierzulande die summierte Zahlungsbereitschaft für ökologisch intakte Flüsse auf 27 bis 47 Milliarden Euro pro Jahr beläuft. Das ist angesichts der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie ein positives Signal.

Die Forschenden führten in vier Ländern – Deutschland, Schweden, Norwegen und Frankreich – ein ökonomisches Auswahlexperiment durch. Dazu wurden in jedem der Länder rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohner befragt – als repräsentativer Querschnitt der jeweiligen „Online-Bevölkerung“. Die Teilnehmenden sollten für die Flüsse in ihrer Wohnumgebung bevorzugte Kombinationen von ökologisch relevanten Flussmerkmalen auswählen, mit der Maßgabe, für die Erreichung des ausgewählten Flusszustands einen bestimmten Betrag in einen Flussentwicklungsfonds einzuzahlen. Aus den Antworten konnten die Forschenden sowohl die Präferenzen der Bevölkerung für Flussmerkmale ablesen als auch die Zahlungsbereitschaft für die Verbesserung der Flüsse abschätzen.

Länderunabhängig positive Zahlungsbereitschaft für ökologische Aufwertung von Flüssen:
Die Befragten aller Länder bevorzugten Flüsse, die eine hohe Badegewässerqualität und eine hohe Artenvielfalt aufweisen und in denen charakteristische Flussfischarten wie Störe, Bachforellen oder Lachse vorkommen. Daraus kann man ableiten, dass ökologisch ausgerichtete Programme zur Renaturierung von Fließgewässern grundsätzlich positive Werte für die Bevölkerung stiften können. „Diese Ergebnisse können als Signal an die Politik gewertet werden, ihre Bemühungen zur Verbesserung der Wasserqualität und des ökologischen Zustands von Flüssen zu verstärken“, so der Erstautor der Studie, Dr. Carsten Riepe, vom IGB.

In Deutschland: 79 Euro plus für bessere Badegewässerqualität, 98 Euro minus für Ausbau der Wasserkraft:
Für eine Verbesserung der Wasserqualität von Flüssen wären die Deutschen bereit, 79 Euro pro Person und Jahr auszugeben. Von der deutschen Bevölkerung wurde als weitere Flusseigenschaft eine gute Durchgängigkeit, beispielsweise zur Gewährleistung von Fischwanderungen, besonders wertgeschätzt – etwas stärker sogar als das Auftreten bestimmter Fischarten oder die Förderung einer hohen heimischen Artenvielfalt. In Zahlen ausgedrückt: Ein Ausbau der Wasserkraft über das heutige Maß hinaus würde in Deutschland zu einem Nutzenverlust von fast 100 Euro pro Person und Jahr führen.

Würden gleich mehrere Flussmerkmale verbessert, beispielsweise über eine höhere Wasserqualität, freie Fließstrecken und die Förderung der heimischen Artenvielfalt, würde der Bevölkerung in Deutschland ein Nutzen gestiftet, der einer Zahlungsbereitschaft von 675 Euro pro Person im Jahr entspräche. Unter der Annahme von einer Person pro Haushalt würde eine ökologische Flussrenaturierung in der Wohnumgebung eines jeden der 41 Millionen Privathaushalte einen Nutzen von hochgerechnet etwa 27 Milliarden Euro pro Jahr ergeben. Wenn man die Zahlen auf alle Personen über 18 Jahre bezieht, entstünde sogar ein Nutzen, der mit 47 Milliarden Euro pro Jahr beziffert werden kann. Obwohl solche Befragungsergebnisse immer mit methodischen Unsicherheiten behaftet sind, zeigen die Zahlen doch eindrucksvoll, dass bei den Deutschen eine hohe ökologische Flussqualität auch eine sehr hohe Wertschätzung genießt und dass sich eine Flussverbesserung auch ökonomisch gesehen lohnen kann.

„Der hohe gesellschaftliche Wert, den naturnahe Flüsse aus Sicht der Menschen besitzen, kann die flächendeckende Umsetzung von Zielen der EU-Wasserrahmenrichtlinie ökonomisch begründen. Denn die ökologische Zielerreichung kostet viel Geld. Durch unsere Studie stehen Entscheidungsträgern nun Zahlen zur Verfügung, die in Kosten-Nutzen Rechnungen zur Abwägung von Investitionen in die Flussentwicklung einfließen können“, resümiert Studienleiter Robert Arlinghaus, Fischereiwissenschaftler am IGB und Professor für Integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Robert Arlinghaus
Professor für Integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
+49 (0)30 64181 653
arlinghaus@igb-berlin.de
www.ifishman.de

Originalpublikation:
Riepe, C., Meyerhoff, J., Fujitani, M., Aas, Ø., Radinger, J., Kochalski, S., Arlinghaus, R. (2019). Managing river fish biodiversity generates substantial economic benefits in four European countries. Environmental Management, 63, 759-776.

Quelle: IDW 

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Maserninfektion löscht Immungedächtnis – Masernimpfung schützt

Dr. Susanne Stöcker Presse, Informationen
Paul-Ehrlich-Institut – Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

Maserninfektionen sind nicht harmlos – sie können schwere Krankheits­verläufe verursachen, die auch tödlich enden können. Jetzt haben Forscherinnen und Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) im Verbund mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Großbritannien und den Niederlanden herausgefunden, dass Masernviren einen Teil des immunologischen Gedächtnisses über Jahre löschen. Damit werden Betroffene auch über die Maserinfektionszeit hinaus empfänglicher für Infektionen mit anderen Erregern. Über die Forschungsergebnisse berichtet Science Immunology in seiner Online-Ausgabe vom 01.11.2019.

Masern sollten längst ausgerottet sein – stattdessen nehmen sie wieder zu. In den ersten sechs Monaten 2019 wurden weltweit fast dreimal mehr Fälle gemeldet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC) spricht von einem Wiederaufleben der Masern in der Europäischen Union bzw. im Europäischen Wirtschaftsraum (EEA). Verantwortlich hierfür sind vor allem fünf Länder, darunter Deutschland, in denen Übertragungen noch endemisch – also innerhalb der Bevölkerung – stattfinden.

Schon lange ist bekannt, dass die Maserninfektion nicht nur selbst durchaus schwer und sogar tödlich verlaufen kann, sondern zusätzlich das Masernvirus das Immunsystem des Erkrankten gegenüber anderen Krankheitserregern schwächt. So kommt es bei einer Maserninfektion häufiger auch zu weiteren Infektionen wie beispielsweise bakteriell bedingten Lungen- oder Mittelohrentzündungen.

In einer kürzlich im Vereinigten Königreich (UK) durchgeführten Masern-Kohortenstudie wurde nachgewiesen, dass zehn bis 15 Prozent der Kinder noch fünf Jahre nach einer Maserninfektion Anzeichen einer deutlichen Beeinträchtigung des Immunsystems hatten, was zu einem erhöhten Auftreten sekundärer (weiterer) Infektionen führte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Prof. Veronika von Messling, bis September 2018 Leiterin der Abteilung Veterinärmedizin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, haben innerhalb des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern aus Großbritannien und den Niederlanden untersucht, welche Mechanismen zu dieser Immunsuppression führen. Hierzu analysierten sie die Rezeptorvielfalt der Immunzellen und die Entwicklung einer wichtigen Gruppe von Immunzellen für das Immungedächtnis, den B-Gedächtniszellen, bei ungeimpften Personen mit und ohne vorangegangene Maserninfektion sowie bei gegen Masern geimpften Personen. Während die genetische Zusammensetzung und Vielfalt der B-Gedächtniszellen bei Personen ohne Maserninfektion und bei geimpften Personen stabil war, fand sich bei Personen nach Maserninfektionen eine signifikante Zunahme der Mutationsfrequenz in diesen Zellen sowie ein verändertes Isotypen(Variations)-Profil. Bei etwa zehn Prozent der mit Masern infizierten Personen in der Untersuchung war die Vielfalt der Immunzellen sogar sehr stark beeinträchtigt. Zudem fand sich eine Verschiebung hin zu immunologisch unreifen B-Zellen, was auf eine beeinträchtigte B-Zellreifung im Knochenmark hinweist.

Die Ergebnisse bestätigen, dass das Immunsystem nach einer Maserninfektion quasi vergisst, mit welchen Erregern es zuvor in Kontakt gekommen war. Es kommt zu einer „Immunamnesie“. Forscherinnen und Forscher im PEI bestätigten diese Befunde im Tiermodell (Frettchen). Die Tiere wurden zunächst gegen Influenza (Grippe) immunisiert und einige Tiere mit einem mutierten Hundestaupevirus (canine distemper virus, CDV), das mit dem Masernvirus verwandt ist, infiziert. Die mit CDV infizierten Tiere verloren die meisten Antikörper gegen Influenza und hatten einen schwereren Krankheitsverlauf als nicht zuvor mit CDV infizierte Tiere, als sie zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Influenzavirus infiziert wurden.

„Die Masernimpfung ist nicht nur für den Schutz vor Masernviren wichtig, sondern schützt auch vor dem Auftreten oder schweren Verläufen anderer Infektions­krankheiten. Es schützt das Immungedächtnis, das bei Maserninfektionen schwer beeinträchtigt werden kann“, betont Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts.

Originalpublikation:

Petrova VN, Sawatsky B, Han AX, Laksono BM, Walz L, Parker E, Pieper K, Anderson CA, de Vries RD, Lanzavecchia A, Kellam P, von Messling V, de Swart RL, Russel CA (2019): Incomplete genetic reconstitution of B cell pools contributes to prolonged immune suppression after measles.
Sci Immunol Nov 1 [Epub ahead of print].
DOI: 10.1126/sciimmunol.aay6125

Weitere Informationen:

https://immunology.sciencemag.org/content/4/41/eaay6125.full – Volltext der Publikation
https://www.pei.de/DE/infos/presse/pressemitteilungen/2019/20-maserninfektion-lo… – Diese Pressemitteilung auf den Seiten des Paul-Ehrlich-Instituts

Quelle: IDW 

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CO2-Preis erhöht den Benzinpreis um weniger als einen Cent pro Liter

Martin Rothenberg Referat Hochschulkommunikation
Technische Universität Dortmund

Gemeinsame Stellungnahme von 15 Professorinnen und Professoren des Verkehrswesens zur CO2-Steuer.

Die Bundesregierung hat die in ihrem Klimaschutzprogramm geplante Umsetzung der CO2-Steuer beschlossen. Um die Preissteigerungen sozial abzufedern, wird außerdem die Pendlerpauschale erhöht. Eine Gruppe von 15 Professorinnen und Professoren des Verkehrswesens rund um Prof. Christian Holz-Rau von der TU Dortmund hat dazu eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht: Die Verkehrsplanerinnen und -planer bezeichnen die Annahmen zu den Mehrbelastungen als falsch. Demnach liege die tatsächliche Mehrbelastung der Autofahrerinnen und Autofahrer nicht wie behauptet bei knapp 10 Cent pro Liter, sondern deutlich unter einem Cent pro Liter – und das verteilt auf sechs Jahre.

Die ausführliche Stellungnahme sowie die zugrundeliegenden Berechnungen finden Sie hier:
http://www.vpl.tu-dortmund.de/cms/de/Aktuelles/Meldungen/Die-eingebildete-CO2-St…

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr.-Ing. Christian Holz-Rau
TU Dortmund, Fakultät Raumplanung
Verkehrswesen und Verkehrsplanung
christian.holz-rau@tu-dortmund.de
Telefon: 0231 755 2270 oder 0176 40 31 33 40

Quelle: IDW 

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Verhalten der Mutter beeinflusst Oxytocin-Entwicklung beim Säugling

Bettina Hennebach Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Ergebnisse aus einer epigenetischen Studie des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften und der University of Virginia deuten darauf hin, dass ein höheres mütterliches Fürsorgeverhalten das Oxytocin-System bei Babys hochreguliert.

Oxytocin gilt als das „Bindungshormon“ bei Säugetieren und Menschen, denn es stärkt Vertrauen und fördert soziale Bindungen. Es ist ein Hormon der Nähe, welches schon ganz früh in der menschlichen Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist: Seine Produktion wird angekurbelt bei Blickkontakt, Empathie oder angenehmen Berührungen. Kathleen Krol und Jessica Connelly von der University of Virginia sowie Tobias Grossmann vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun die Frage geklärt, ob das Verhalten der Mutter die Entwicklung des Oxytocin-Systems beim Säugling entscheidend beeinflussen kann. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein höheres mütterliches Fürsorgeverhalten das Oxytocin-System bei Babys hochreguliert. Kinder sind somit auf diese frühen, grundlegenden Interaktionen angewiesen, die ihnen letztendlich erleichtern, sich mit anderen zu verbinden und zu beschäftigen.

Die menschliche Kindheit markiert eine der dynamischsten und formbarsten Phasen der Entwicklung nach der Geburt und einen Punkt, an dem viele Systeme im kindlichen Körper untereinander abgestimmt werden. Welche Rolle das Hormon Oxytocin dabei spielt, war bislang unklar. „Bekannt ist sein Potenzial, frühe soziale Wahrnehmungs- und Kognitionsprozesse zu unterstützen und Entwicklungspfade für die Entstehung komplexer sozialer Verhaltensweisen zu beeinflussen.“, sagt Tobias Grossmann. „Wir haben untersucht, ob das mütterliche Verhalten die Entwicklung des Oxytocin-Systems im Säuglingsalter entscheidend beeinflussen könnte. Fortschritte in der Molekularbiologie ermöglichen es seit kurzem, das Zusammenspiel von Natur und Säuglingspflege mit epigenetischen Mitteln genau zu erforschen. Das haben wir in unserer Studie genutzt, indem wir modernste molekulare und statistische Methoden mit klassischen Methoden der Verhaltenspsychologie kombiniert haben.“

So beobachteten die Wissenschaftler eine Freispiel-Interaktion zwischen Müttern und ihren fünf Monate alten Kindern. „Beim fünf-monatigen Besuch und etwa ein Jahr später, als das Kind 18 Monate alt war, haben wir sowohl bei der Mutter als auch beim Säugling Speichel gesammelt. Um die Variabilität innerhalb des Oxytocin-Systems zu untersuchen, haben wir uns das Oxytocin-Rezeptorgen genauer angeschaut. Der Oxytocin-Rezeptor ist unerlässlich, damit das Hormon Oxytocin seine Wirkung entfalten kann.“, erklärt Kathleen Krol. Sie hat die Studie gemeinsam mit Tobias Grossmann am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig durchgeführt und arbeitet nun in Connellys Labor an der Universität von Virginia als Postdoktorandin.

„Wir fanden heraus, dass die epigenetischen Veränderungen in der DNA der Säuglinge durch die Qualität des mütterlichen Engagements vorhergesagt wurden. Haben sich Mütter in der Spiel-Interaktion mit ihren Kindern besonders eingesetzt und gekümmert, zeigte sich dies ein Jahr später an einer stärkeren Reduktion der DNA-Methylierung des Oxytocin-Rezeptorgens. Ein höheres mütterliches Engagement hat also das Potenzial, das Oxytocin-System bei menschlichen Nachkommen hochzuregulieren.“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Auf der anderen Seite fanden wir heraus, dass dieser Prozess, in dem das Oxytocin-Rezeptorgen eine entscheidende Rolle spielt, auch das Temperament von Säuglingen widerspiegeln kann, welches uns von den Eltern berichtet wurde. 18 Monate alte Kinder mit höheren Graden der Methylierung und vermutlich herunterregulierten Oxytocin-Rezeptoren waren daher temperamentvoller und weniger ausgeglichen.“

Die Ergebnisse dieser Studie sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass wir nicht nur an unsere Gene gebunden sind, sondern vielmehr das Ergebnis eines zarten Wechselspiels zwischen unseren Bauplänen und Erfahrungen. Die frühe soziale Interaktion mit unseren Betreuern, Väter ausdrücklich inbegriffen, kann unsere biologische und psychologische Entwicklung durch epigenetische Veränderungen des Oxytozinsystems beeinflussen. Diese und ähnliche Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Elternschaft für die Förderung generationenübergreifender Gesundheit.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Tobias Grossmann
+1 434 924-3651
grossmann@cbs.mpg.de

Originalpublikation:
https://advances.sciencemag.org/content/5/10/eaay0680

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Wasserstofftechnologien – Ein Beitrag zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

Charlotte Giese Stab – Wissenschaftsmanagement
Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V.

Das Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. (INP) in Greifswald arbeitet gemeinsam mit dem Institut für Vernetzte Energiesysteme e.V. des Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Oldenburg im Rahmen des Projektes 3DnanoMe 2.0 daran, die Technologie von Brennstoffzellen zu optimieren. Innerhalb von 3 Jahren soll ein Verfahren, welches für eine erhöhte Effizienz elektrokatalytischer Schichten auf Gasdiffusionselektroden sorgt, skaliert und validiert werden, mit dem Ziel, die Technologie in die Praxis zu übertragen.

Wasserstofftechnologien spielen eine große Rolle in der Energiewende. Es fehlt jedoch an effizienten und wirtschaftlichen Lösungen. „Mit Hilfe unserer Plasmatechnologie entwickeln wir ein Verfahren zur Herstellung von Elektrokatalysatoren in 3-Phasensystemen für eine nachhaltige fossilfreie Energie-Wirtschaft“, erläutert Dr. Gustav Sievers, Projektverantwortlicher am INP. In dem Projekt „3DnanoMe 2.0″ geht es um die plasmatechnische Skalierung und Validierung von Elektrokatalysatoren, die eine Umwandlung von elektrischer in chemische Energie und umgekehrt zur Speicherung bzw. Stromerzeugung ermöglichen. Weiterhin kann der erzeugte Wasserstoff und Sauerstoff auch in der chemischen Industrie eingesetzt werden.

In einem Vorprojekt wurde vom INP ein mittlerweile patentiertes plasma-basiertes Verfahren entwickelt, mit dem elektrokatalytische Schichten mit hohen Aktivitäten und hoher Stabilität hergestellt werden können. Diese katalytischen Schichten erhöhen durch eine Senkung der Aktivierungsbarriere die Geschwindigkeit chemischer Reaktionen und können, eingesetzt in Gasdiffusionselektroden oder Membran-Elektroden-Anordnungen, als gängige Produkte für elektrochemische Systeme wie Brennstoffzellen und Elektrolyseure verwendet werden.

Diese Technologie muss nun auf industriellen Maßstab skaliert und in der Brennstoffzelle und dem Elektrolyseur unter realen Bedingungen validiert werden. Hierzu wird das neue Katalysatorkonzept direkt für die Membran-Elektroden Anordnung oder Gasdiffusionelektrode umgesetzt. Nach erfolgreicher Bewertung soll eine Lizenzierung der Technologie an Unternehmen erfolgen. „Mit dem Validierungsprojekt wollen wir den Sprung aus dem Labor in die Anwendung schaffen“, so der Umweltwissenschaftler Sievers.

Das Projekt unter Leitung von Dr. Volker Brüser wird mit rund 1,4 Mio. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, Förderkennzeichen 03VP06451) gefördert. Das BMBF verfolgt im Rahmen der Hightech-Strategie 2025 „Forschung und Innovation für die Menschen“ das Ziel, die vielfältigen Anwendungspotenziale exzellenter Forschung schneller und effektiver zu identifizieren und für Wirtschaft und Gesellschaft nutzbar zu machen. Die Fördermaßnahme „Validierung des technologischen und gesellschaftlichen Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung – VIP+“ soll Forscherinnen und Forscher dabei unterstützen, Forschungsergebnisse zu validieren und die Anwendung dieser möglich zu machen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Ansprechpartner für das Projekt:
Dr. Gustav Sievers
Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. (INP)
Tel: 03834554-3861
E-Mail: sievers@inp-greifswald.de

Verbundkoordinator: Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. (INP), Greifswald
Partner: DLR-Institut für Vernetzte Energiesysteme e.V., Oldenburg

Anhang
Wasserstofftechnologien_Ein Beitrag zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit
https://idw-online.de/de/attachment73454

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Wie viele Wörter kennt mein Kind?

Thomas Richter Öffentlichkeitsarbeit
Georg-August-Universität Göttingen

Wie viele Wörter kennt mein Kind? Und wie entwickelt sich seine Sprache in den ersten Lebensjahren? Diese Fragen interessieren nicht nur die Eltern von Kleinkindern, sondern auch die Forschung. Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Oslo die App „Babylex“ entwickelt, mit der sich die frühe Entwicklung des Wortschatzes von Kleinkindern verfolgen lässt.

Babylex schätzt die Anzahl der Wörter, die ein Kind kennt, und einen Prozentwert, der den Wortschatz des Kindes mit dem von anderen Kinder gleichen Alters und gleichen Geschlechts vergleicht. Die App ist frei verfügbar und sowohl für Android- als auch für iOS-Geräte erhältlich.

Babylex berechnet die Informationen auf der Grundlage eines zweiminütigen Tests, bei dem Eltern und Forschende angeben, welche von 25 zufällig ausgewählten Wörtern das Kind bereits versteht oder hervorbringt. Die Ergebnisse lassen sich auf dem Handy speichern und die Entwicklung auf diese Weise von Monat zu Monat verfolgen. Babylex kann derzeit bei deutschen Kindern im Alter von 18 bis 30 Monaten, amerikanischen Kindern zwischen 16 und 30 Monaten und norwegischen Kindern im Alter von 16 bis 36 Monaten angewendet werden. In Zukunft sollen weitere Sprachen einbezogen werden.

Die App nutzt die kostenlose Wortdatenbank der Universität Stanford (http://wordbank.stanford.edu), die anonymisierte Vokabeldaten von Tausenden von Kindern enthält. Die Inhalte der Datenbank werden mit Hilfe von Standard-Vokabelbögen gesammelt, auf denen Eltern angeben, welche der 400 bis 600 Wörter ihr Kind bereits kennt. „Solche Fragebögen werden regelmäßig bei klinischen Beurteilungen von Kindern verwendet“, erläutert die Psychologin Prof. Dr. Nivedita Mani von der Universität Göttingen. Babylex schätzt dann die Anzahl der Wörter, die einzelne Kinder kennen, basierend auf der Überlappung zwischen den Antworten, die in die App eingegeben werden, und den Antworten in der Datenbank.

„Studien mit Kindern in der Göttinger Wortschatzinsel zeigen eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen den von der App bereitgestellten Wortschatzschätzungen und den Standard-Vokabelfragebögen, obwohl die App sehr viel weniger Zeit zum Ausfüllen benötigt“, so Mani. Weitere Informationen zur App und ihrer Verwendung sind unter http://www.babylex.eu zu finden, Informationen über die Forschung hinter Babylex unter https://osf.io/j3fec/.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Nivedita Mani
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Biologie und Psychologie
Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie
Goßlerstraße 14, 37073 Göttingen
Telefon (0551) 39-10889
E-Mail: nmani@gwdg.de
Internet: http://www.psych.uni-goettingen.de/de/lang/team

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Studie: Vorzeitige Rente bleibt attraktiv

Ulrike Bohnsack Ressort Presse – Stabsstelle des Rektorats
Universität Duisburg-Essen

Die einen gehen regulär in Rente, die anderen treten so früh wie möglich in den Ruhestand und nehmen dafür auch Abschläge in Kauf. Diese Polarisierung zeigt der neue Altersübergangsreport des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE). Untersucht wird darin, wie sich die schrittweise Anhebung der Altersgrenze auf 67 Jahre auf den Rentenzugang in Deutschland auswirkt.

Im Jahr 2017 ging mehr als jeder zweite Neurentner vor dem 65. Lebensjahr in den Ruhestand. „Die Anhebung der Regelaltersgrenze fördert die Polarisierung im Rentenzugangsalter und verschärft in der Folge die soziale Ungleichheit im Alter“, folgert der IAQ-Forscher Arthur Kaboth. „Denn wer vorzeitig in Rente geht, weil er oder sie beispielweise durch gesundheitliche Einschränkungen oder fehlende Erwerbsperspektiven quasi dazu gezwungen ist, muss geringere Rentenanwartschaften und Abschläge akzeptieren. Das bedeutet: mit weniger Geld auskommen.“

Zwar erfreut sich die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte (Rente ab 63) insbesondere bei Männern großer Beliebtheit (36,2 Prozent). Auch Frauen gehen mittlerweile häufiger auf diesem Weg in den Ruhestand (27,1 Prozent). Dennoch wurde fast jede vierte Altersrente mit Abschlägen in Anspruch genommen. „Das zeigt, dass der vorzeitige Renteneintritt nach wie vor attraktiv und für bestimmte Personen notwendig ist und alle rentenrechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden“, stellt der IAQ-Rentenexperte Prof. Dr. Martin Brussig fest.

Auf der einen Seite nehmen Übergänge in Rente aus stabiler Beschäftigung zu und spiegeln somit auch die Arbeitsmarktsituation Älterer wider, die sich in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Andererseits erreichen die verbesserten Chancen nicht alle Versicherten. Nach wie vor geht ein erheblicher Anteil aus Langzeitarbeitslosigkeit in den Ruhestand.

Der Altersübergangs-Report des IAQ veröffentlicht seit 2004 in unregelmäßiger Folge Ergebnisse des ‚Altersübergangs-Monitors‘, der von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird.

Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0157/71283308, claudia.braczko@uni-due.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Martin Brussig, IAQ, Tel. 0203/37 9-3931, martin.brussig@uni-due.de,
Arthur Kaboth, IAQ, Tel. 0203/37 9-1297, arthur.kaboth@uni-due.de

Originalpublikation:
http://www.iaq.uni-due.de/auem-report/

Quelle: IDW 

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Wieviel Methan kommt aus dem Ozean? Neue Studie reduziert Unsicherheiten bei Emissionen des wichtigen Treibhausgases

Dr. Andreas Villwock Kommunikation und Medien
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Methan (CH4) ist ein starkes Treibhausgas, das neben anthropogenen auch natürliche Quellen hat. Hier spielt auch der Ozean eine wichtige Rolle. Eine neue Studie deutscher und amerikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, die in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen ist, kann die Unsicherheiten bei den globalen ozeanischen Methanemissionen um zwei Drittel reduzieren.

Methan (CH4) ist ein starkes Treibhausgas, das für etwa 20% des anthropogenen Treibhauseffekts verantwortlich ist. Der anthropogene Einfluss auf den atmosphärischen CH4-Gehalt wird nicht nur durch direkte Emissionen, sondern auch durch klimabedingte Veränderungen des natürlichen CH4-Kreislaufs verursacht. Zu den natürlichen Quellen von Methan gehört auch der Ozean, allerdings sind bisherige Abschätzungen von Methanemissionen aus dem Ozean mit großen Unsicherheiten verknüpft.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass es noch recht wenige Messungen der CH4-Konzentrationen im Ozean gibt, und die CH4-Verteilung im Ozean sehr variabel ist. Während sich die Oberflächenkonzentrationen in biologisch unproduktiven Regionen im offenen Ozean fast im Gleichgewicht mit der Atmosphäre befinden, können sie in manchen flachen Küstengebieten mehr als 1000 Mal höher sein. Die bisherigen globalen Abschätzungen der ozeanischen Methanquelle wurden durch die Zusammenführung der Ergebnisse verschiedener regionaler Studien erstellt.

In der jetzt von amerikanischen und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Nature Communications publizierten Studie wird nun die erste globale Abschätzung der Methanemissionen aus dem Ozean vorgestellt, die auf der Zusammenstellung aller verfügbaren CH4-Daten des globalen Oberflächenozeans basiert. Daraus wurde zunächst eine globale Klimatologie des Ungleichgewichts von Methan zwischen Ozean und Atmosphäre (ΔCH4) erstellt. Diese Daten wurden dann genutzt, um zwei verschiedene maschinelle Lernmodelle (Artificial Neural Networks (ANN) und Random Regression Forest (RRF)) zu trainieren, die aus den Einzeldaten eine kontinuierliche, globale ΔCH4-Verteilungskarte berechnen. Beide Methoden nutzen Ähnlichkeiten in den Verteilungsmustern von ΔCH4 und verschiedene physikalische, chemische und biologische für Methan wichtige Parameter, deren ozeanische Verteilungen gut bekannt sind. Die daraus resultierende ΔCH4-Verteilung wurde genutzt, um den globalen CH4-Fluss aus dem Ozean zu berechnen. Diese Berechnung wurde durch eine Abschätzung des CH4-Flusses, der durch die direkte Emission von Methanblasen, die aus dem Sediment bis an die Wasseroberfläche steigen, ergänzt.

Die meisten der für die Erstellung der ΔCH4 Karten verwendeten Daten stammen aus der MEMENTO Datenbank (MarinE MethanE and NiTrous Oxide, https://memento.geomar.de), die am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel betreut wird. „MEMENTO sammelt marine Methan- und Lachgasdaten aus dem globalen Ozean, die wir interessierten Nutzern zur Verfügung stellen“, erläutert Dr. Annette Kock, Koordinatorin der Datenbank und Ko-Autorin der Studie vom GEOMAR. Derzeit enthält MEMENTO etwa 36.000 Dateneinträge für ozeanische Methanmessungen und etwa 120.000 Dateneinträge für ozeanische Lachgasmessungen aus mehr als 300 Messkampagnen.

„Die jetzt vorgelegte Studie zeigt den Mehrwert, den es hat, Daten aus einzelnen Messkampagnen in einem umfassenden, harmonisierten Datensatz zusammenzustellen“, so Dr. Kock. Die neue Abschätzung der Methanemissionen liegt zwischen 6 und12 Teragramm (Tg) CH4 pro Jahr und reduziert die Unsicherheit in der ozeanischen Methanquelle im Vergleich zu früheren Abschätzungen (5-25 Tg CH4 pro Jahr) um zwei Drittel. „Damit trägt unsere Arbeit dazu bei, das atmosphärische Budget von Methan besser zu bestimmen“, so Kock abschließend.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Annette Kock, akock@geomar.de

Originalpublikation:

Weber, T., N.A. Wiseman and A. Kock, 2019: Global ocean methane emissions dominated by shallow coastal waters, Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-019-12541-7

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Wasserrahmenrichtlinie auf dem Prüfstand: IGB Policy Brief empfiehlt Festhalten an den Zielen und verbesserte Umsetzung

Nadja Neumann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) bietet weltweit einen der fortschrittlichsten Rechtsrahmen für das Gewässermanagement. Sollten ihre Ziele und Prinzipien in Frage gestellt werden, wäre ein wirksamer Gewässerschutz in Deutschland und der Europäischen Union (EU) ernsthaft gefährdet. Verbesserungen in der Umsetzungspraxis sind jedoch dringend notwendig.
Zu diesem Urteil kommt das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Deutschlands größtes Forschungszentrum für Binnengewässer. Der jetzt veröffentlichte IGB Policy Brief erläutert Stärken und Schwächen der WRRL und zeigt Handlungsoptionen für Politik und Praxis auf.

Gemäß der WRRL sollen die Gewässer der EU bis spätestens 2027 in einen mindestens guten chemischen und ökologischen Zustand bzw. in ein gutes ökologisches Potenzial überführt werden. Seit Inkrafttreten vor 19 Jahren hat sich der Zustand der EU-Gewässer jedoch kaum nachweislich verbessert. Nach wie vor besteht bei 60 Prozent aller Gewässer in der EU Handlungsbedarf, in Deutschland sogar bei 93 Prozent der Fließ- und 73 Prozent der Stillgewässer.

„Die Gründe für diese schwache Bilanz liegen jedoch nicht in der Wasserrahmenrichtlinie selbst. Tatsächlich ist sie ein fachlich fundiertes und zielführendes Regelwerk. Die bisher sehr begrenzten ökologischen Verbesserungen weisen vielmehr auf nicht hinreichend austarierte Zielkonflikte zwischen Schutz und Nutzung und auf erhebliche Defizite in der praktischen Umsetzung hin“, erklärt Professor Mark Gessner, kommissarischer Direktor des IGB und Mitautor des IGB Policy Briefs.

Gewässerschutz als Querschnittsaufgabe in anderen Politikfeldern verankern:
Das IGB kommt zu der Einschätzung, dass dringend neue integrierende Ansätze auf Ebene der Politik, Verwaltung und Umsetzungspraxis notwendig sind. Renaturierungsprojekte müssen deutlich großflächiger geplant werden – und die durchgeführten Maßnahmen wirksamer sein. Administrative Prozesse müssen systematisch verbessert und Verfahren zur Lösung von Zielkonflikten entwickelt und etabliert werden. Hierfür ist es elementar, die nachhaltige Gewässerbewirtschaftung konsequent als Querschnittsaufgabe in allen relevanten Politikfeldern zu verankern. Dies gilt besonders für die Bereiche Landwirtschaft, Energie (u.a. Wasserkraft), Verkehr (Schifffahrt), Bergbau und natürlich für den Hochwasser- und Naturschutz.

Ohne eine konsequent nachhaltige Bewirtschaftung und ökologische Verbesserung der Gewässer können ihre vielfältigen Funktionen als Lebensraum und Schlüsselressource Europas nicht erhalten oder wiederhergestellt werden. Der Nutzungsdruck schreitet ebenso rasant voran wie Klima- und Umweltwandel, einschließlich Biodiversitätsverlust. „Deshalb muss auch über 2027 hinaus strikt an den Prinzipien und Zielen der WRRL festgehalten werden“, fasst Mark Gessner zusammen und betont gleichzeitig, dass „ungeachtet der hervorragenden Grundlage erhebliche Verbesserungen in der Anwendung der Richtlinie in der Praxis erreicht werden müssen“.

Über den IGB Policy Brief zur WRRL:
Das IGB hat sich 2019 im Rahmen des von der EU durchgeführten „Fitness Checks“ der WRRL an der Expertenkonsultation beteiligt. Der hier vorliegende IGB Policy Brief greift aus diesem Anlass sechs aus Sicht des IGB zentrale Punkte zu Stärken und Schwächen der WRRL auf und stellt diese Analyse für die öffentliche Diskussion zur Verfügung.

„Forschen für die Zukunft unserer Gewässer“ ist das Leitmotiv des IGB. Dazu gehört die objektive und evidenzbasierte Information und Beratung von Politik, Behörden, Verbänden, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und der Öffentlichkeit. Mit den IGB Policy Briefs macht das Institut forschungsbasiertes Wissen kostenfrei für die Öffentlichkeit zugänglich.

Lesen Sie hier den IGB Policy Brief zur WRRL: http://bit.ly/IGBPolicyBriefWRRL

Über das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB):
Das IGB ist das bundesweit größte und eines der international führenden Forschungszentren für Binnengewässer. Es verbindet Grundlagen- und Vorsorgeforschung, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät Politik und Gesellschaft in Fragen des nachhaltigen Gewässermanagements. Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten und die Auswirkungen des Klimawandels, die Renaturierung von Ökosystemen, der Erhalt der aquatischen Biodiversität sowie Technologien für eine nachhaltige Aquakultur. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der Region Berlin-Brandenburg und weltweit. Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft. https://www.igb-berlin.de

Medieninformationen im Überblick: https://www.igb-berlin.de/newsroom
Anmeldung für den IGB-Newsletter: https://www.igb-berlin.de/newsletter
IGB bei Twitter: https://twitter.com/LeibnizIGB
IGB bei Facebook: https://www.facebook.com/IGB.Berlin/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Johannes Graupner
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Wissenstransfer – Politik, Wirtschaft, Verbände
+49 (0)30 64 181 703
graupner@igb-berlin.de

Originalpublikation:
IGB (2019): Stärken und Schwächen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). IGB Policy Brief, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Berlin. DOI: https://dx.doi.org/10.4126/FRL01-006416484

Quelle: IDW 

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REM-Schlaf von Patienten mit Insomnien weist erhöhte Frequenz an Aufwachereignissen auf

Romy Held Pressestelle
Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)

Freiburger Forscher um den Schlafmediziner Prof. Dieter Riemann konnten nun zeigen, dass es bei Menschen, die über Ein- oder Durchschlafstörungen (Insomnie) klagen, zu Veränderungen des REM-Schlafs kommt. Der REM-Schlaf ist der Zustand im Schlaf, in dem unser Gehirn am aktivsten ist, möglicherweise sogar aktiver als im Wachzustand. Eine Meta-Analyse belegte, dass bei diesen insomnischen Störungen im Gegensatz zu depressiven Erkrankungen der REM-Schlaf leicht, aber signifikant unterdrückt ist.

Eine mikroanalytische Untersuchung der REM-Schlaf-Regulation an 100 Patienten konnte darüber hinaus zeigen, dass der REM-Schlaf von Patienten mit Insomnien durch eine erhöhte Frequenz an Aufwachereignissen und kurzen Weckreaktionen, sogenannten Mikroarousals, charakterisiert ist. Diese Mikroarousals könnten wiederum erklären, warum REM-Schlaf bei Menschen mit Insomnie, anders als bei gesunden Schläfern, eventuell als „wach“ wahrgenommen wird. Besteht nun ein Hyperarousal (Übereregtheit, Erschrecken, Angst, starke Unruhe), wie dies bei vielen Menschen mit Insomnie der Fall ist, so betrifft dies auch den REM-Schlaf, der dann wiederum durch eine erhöhte Anzahl von Mikroarousals gekennzeichnet ist, die möglicherweise wiederum bewirken, dass der REM-Schlaf als Grübelei über Schlaflosigkeit und nicht als Träumen empfunden wird. Diese im Schlaf und speziell im REM-Schlaf stattfindenden Grübeleien und Gedankenspiele führen dann am Morgen dazu, dass Menschen mit einer Insomnie ihren Schlaf primär als wach charakterisieren, obwohl sie eigentlich geschlafen haben. „Eine entsprechende Untersuchung mit REM-Schlaf-Weckungen aus unserer Arbeitsgruppe konnte diesen Befund stützen. Zusammenfassend denken wir also, dass eine Instabilität des REM-Schlafs möglicherweise erklären kann, warum viele Menschen mit Insomnie ihren Schlaf als so gestört wahrnehmen, obwohl er auf der Makrostrukturebene dies gar nicht ist. Therapeutische Ansätze hierzu werden diskutiert“, erklärt Dieter Riemann.

Pressekontakt der DGSM-Jahrestagung:
Conventus Congressmanagement & Marketing GmbH
Romy Held
Tel.: 03641/3 11 62 80
E-Mail: romy.held@conventus.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Univ. Prof. Dr. rer. soc. Dipl. Psych. Dieter Riemann
Psychologischer Psychotherapeut/ Supervisor KVT, Somnologe (DGSM)/ Behaviorial Sleep Medicine (ESRS), Abteilungsleiter für Klinische Psychologie und Psychophysiologie
Zentrum für Psychische Erkrankungen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Freiburg (https://www.uniklinik-freiburg.de/psych/team/riemann.html)
Bei Rückfragen kontaktieren Sie bitte den DGSM-Pressekontakt!

Weitere Informationen:
https://www.dgsm-kongress.de/allgemeine-informationen/presse/
Hier finden Sie diese und weitere Pressemitteilungen zur Jahrestagung der DGSM.

Quelle: IDW 

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Indoorfarm mit Dachgewächshaus: Hochschule Osnabrück erhält 3,3 Millionen Euro für neues Forschungszentrum

Julia Ludger Geschäftsbereich Kommunikation – Presse- und Informationsstelle
Hochschule Osnabrück

Am Campus Haste der Hochschule Osnabrück sollen wetterunabhängig in einer Indoorfarm mit Dachgewächshaus neue, zukunftsorientierte Kultursysteme erforscht werden. Der Clou: Das Gebäude und das auf dem Dach befindliche Gewächshaus sind über ein intelligentes Kreislaufmanagementsystem miteinander verbunden. Dies ermöglicht eine Verknüpfung der Energieströme, um so die Ressourcen- und Energieeffizienz zu steigern.

Klimawandel, Urbanisierung und Umweltverschmutzung sind nur einige Herausforderungen, denen die Agrar- und Gartenbaubranche mit innovativen Lösungen begegnen muss. Wie können Menschen in urbanen Räumen trotz dieser Herausforderungen auch zukünftig mit regional erzeugten Lebensmitteln versorgt werden? Um neue, zukunftsorientierte Kultursysteme und -räume zu erforschen, soll am Campus Haste ein neues Forschungszentrum „Agrarsysteme der Zukunft“ entstehen. Der Haushaltsausschuss des Niedersächsischen Landtags genehmigte die Bereitstellung der Fördermittel für den geplanten Bau in seiner Sitzung am 16. Oktober 2019.

„Emissionen mindern und Ressourcen effizienter einsetzen – das sind die großen Herausforderungen, die die Landwirtschaft angesichts des Klimawandels in Angriff nehmen muss“, sagt der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler. Mit dem Neubau des Forschungszentrums Agrarsysteme der Zukunft schaffen wir eine moderne Forschungsinfrastruktur, die angewandte Forschung zu zukunftsweisenden Agrarsystemen auf höchstem Niveau ermöglicht. Ich freue mich, dass wir die dynamischen Entwicklung der Hochschule Osnabrück auf diesem Gebiet vorantreiben können.“

Das geplante dreistöckige Gebäude soll aus einem Betonkubus mit einer sogenannten Indoor-Vertical-Farm sowie einem 160 Quadratmeter großen Dachgewächshaus bestehen. Die zweigeschossige Indoorfarm wird aus mehreren getrennt voneinander klimatisierbaren Anzuchtkammern und Kulturräumen sowie einem Laborraum bestehen.

Effiziente Flächennutzung und verlässliche Produktqualität
Die Vorteile dieser vertikalen Indoorfarm: Neben der effizienten Flächennutzung in der Höhe bietet sie eine verlässliche, wetterunabhängige Produktqualität, da ganzjährig die gleichen Temperaturen, die gleiche Lichtintensität und Luftfeuchtigkeit sowie die gleiche Nährstoff- und Wasserversorgung gewährleistet werden können. Der Clou: Das Gebäude und das auf dem Dach befindliche Gewächshaus sind über ein intelligentes Kreislaufmanagementsystem miteinander verbunden. „Dies ermöglicht eine Verknüpfung der Energieströme, um so die Ressourcen- und Energieeffizienz zu steigern. Konkret heißt das zum Beispiel, die überschüssige Wärme der eingesetzten LEDs der Indoorkammern zur Beheizung des Gewächshauses zu verwenden und dort neue Kulturarten speziell für die Region anzubauen“, erläutert Prof. Dr. Andreas Ulbrich, Professor für Gemüseproduktion und -verarbeitung.

„Wir wollen mit dem geplanten Forschungszentrum unseren Beitrag dazu leisten, zukunftsfähige, ressourceneffiziente und nachhaltige Lösungen für die Agrar- und Gartenbaubranche in Niedersachsen und darüber hinaus zu finden“, erklärt Hochschul-Präsident Prof. Dr. Andreas Bertram, „Wir wollen dabei innovative und vor allem auch praxisorientierte Produktionsszenarien erforschen und setzen dabei auf eine enge Kooperation mit regionalen Partnern.“

„Im neuen Versuchszentrum an der Fakultät Agrarwissenschaften und Land-schaftsarchitektur sollen nicht nur intensive, zukunftsweisende Kultursysteme optimiert, sondern auch neue Kulturarten- und räume entwickelt werden. Damit reagieren wir auf die bereits existierenden und zukünftigen globalen Herausforderungen der Agrarproduktion“, erläutert Prof. Dr. Bernd Lehmann, Vizepräsident für Forschung, Transfer und Nachwuchsförderung.

Die Gesamtkosten des Baus liegen bei rund vier Millionen Euro. Finanziert werden soll der Bau aus Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) der Förderrichtlinie „Innovation durch Hochschulen und Forschungseinrichtungen“ in Höhe von rund 1,9 Millionen Euro, Landesmitteln von rund 1,4 Millionen Euro und Eigenmitteln der Hochschule von etwa 700.000 Euro.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Ulbrich
Professor für Gemüseproduktion und -verarbeitung
E-Mail: a.ulbrich@hs-osnabrueck.de
Telefon: 0541 969-5116

Anhang
Das neue Forschungszentrum „Agrarsysteme der Zukunft“ am Campus Haste soll aus einer Indoorfarm und einem Dachgewächshaus bestehen
https://idw-online.de/de/attachment73501

Quelle: IDW 

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„Metabolische Entzündung“: Warum Menschen mit starkem Übergewicht häufiger an Typ-2-Diabetes erkranken

Christina Seddig Pressestelle
Deutsche Diabetes Gesellschaft

Mit jedem weiteren Kilogramm Körpergewicht steigt das Risiko für Typ-2-Diabetes. Insbesondere bei einem Body-Mass-Index von über 30 kg/m2 ist das Risiko sehr hoch. Die Ursache hierfür, so zeigen neuere Studien, könnten Entzündungen im Fettgewebe und eventuell auch im Appetitzentrum des Gehirns sein. Für diese Vorgänge scheinen die genetische Veranlagung, aber auch die Zusammensetzung der Darmbakterien verantwortlich zu sein. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) rät Betroffenen zu individuellen Lebensstilverbesserungen, um Körperfett abzubauen.

Aber auch gesundheitspolitische Maßnahmen wie das aktuelle Vorhaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), den NutriScore als Lebensmittelkennzeichnung in Deutschland einzuführen, seien notwendig.

In Deutschland hat jeder vierte Erwachsene starkes Übergewicht. Fast jeder zehnte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an einem Typ-2-Diabetes. Dass zwischen dieser Stoffwechselerkrankung und Übergewicht ein Zusammenhang besteht, steht mittlerweile außer Zweifel. Doch warum erkranken einige Menschen mit Adipositas an Diabetes, andere jedoch nicht? „Der Unterschied könnte in einer niederschwelligen Entzündungsreaktion bestehen, zu der es im Fettgewebe kommt“, erklärt DDG-Präsidentin Professor Dr. med. Monika Kellerer. Bei einigen Menschen entstünde diese Reaktion, bei anderen bliebe das Fettgewebe „unbehelligt“ und führe zu keinen weiteren Erkrankungsvorgängen.

Im ungünstigen Fall speichern die Fettzellen überschüssige Kalorien, wodurch die Abwehrzellen des Immunsystems aktiviert werden. Zunächst sind Makrophagen, später auch andere Immunzellen wie Lymphozyten nachweisbar. Im weiteren Entzündungsverlauf setzen die Abwehrzellen eine Reihe von Botenstoffen frei, die den Blutzuckerstoffwechsel stören. Das Hormon Insulin, dass die Glukose auf die Zellen verteilt, verliert allmählich seine Wirkung. Es kommt zur sogenannten Insulinresistenz. „Wir sprechen auch von einer ‚metabolischen Entzündung‘“, erklärt Professor Matthias Laudes, Leiter der Endokrinologie, Diabetologie und klinischen Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel, der zu diesem Thema forscht.

So zeigte der Kieler Forscher anhand von Aufnahmen in der Magnetresonanztomographie (MRT), dass es bei einigen Betroffenen auch im Hypothalamus zu einer Entzündung kommt.1 „Da sich in diesem wichtigen Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems auch das Appetitzentrum befindet, könnte dies vielleicht sogar das verminderte Sättigungsgefühl von Menschen mit starkem Übergewicht erklären“, vermutet Laudes. Auch Genvarianten beeinflussen die Entzündungsreaktion im Gehirn. Eine könnte bei der Entstehung der Adipositas beteiligt sein. Laudes sieht hier einen Zusammenhang mit Leptin – einem Hormon, das Fettzellen aussendet, um im Gehirn ein Sättigungsgefühl zu erzeugen. Die Entzündung rufe eventuell eine Leptin-Resistenz hervor. „Das würde bedeuten, dass der Sättigungsmechanismus bei Betroffenen nicht funktioniert. Sie essen mehr, bevor sie satt werden.“ Darüber hinaus wies Laudes in seinen Untersuchungen darauf hin, dass ein Mangel an bestimmten Darmbakterien ebenfalls mit einer vermehrten Entzündungsreaktion im Hypothalamus verbunden war.

„Weitere Studien würden zeigen, ob Probiotika die Entzündungsreaktion im Fettgewebe und im Gehirn und somit einen Diabetes Typ 2 verhindern könnten“, prognostiziert Laudes. Eine andere entzündungsvorbeugende Therapiemaßnahme könnte darin bestehen, die Botenstoffe der Immunzellen, das so genannte Interleukin 1 oder Interleukin 6, mithilfe von Antikörpern zu hemmen. „Erste Studien zeigen bereits, dass bei Patienten so der Glukosespiegel verbessert wird und dies sogar der vorzeitigen Verkalkung der Blutgefäße vorbeugt“, so Laudes.

Um den Teufelskreis aus falscher Ernährung und krankmachenden Stoffwechselprozessen zu unterbrechen, seien präventive Maßnahmen, die den Lebensstil der Betroffenen hinsichtlich Ernährung und Bewegung verbessern, weiterhin unabdingbar. „Allerdings müssen zudem gesundheitspolitische verhältnispräventive Maßnahmen greifen, die das Umfeld der Betroffenen gesünder machen und ihnen eine Veränderung erleichtern“, ergänzt Kellerer. Darunter fallen ökonomische Anreize wie Limo- und Zuckersteuern, die sich seit einigen Jahren weltweit immer mehr durchsetzen und ein verständliches Kennzeichnungssystem von Lebensmitteln wie den NutriScore, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aktuell in Deutschland einführen möchte.

LITERATUR:
1 Kreutzer C et al. Hypothalamic Inflammation in Human Obesity Is Mediated by Environmental and Genetic Factors. Diabetes 2017; 66: 2407-2415
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28576837

Amin, MN., How the association between obesity and inflammation may lead to insulin resistance and cancer, 2019 Mar – Apr;13(2):1213-1224. doi: 10.1016/j.dsx.2019.01.041. Epub 2019 Jan 29.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31336467

Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9.000 Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der fast sieben Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.

Kontakt für Journalisten:
Pressestelle DDG
Christina Seddig/Kerstin Ullrich
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-652, Fax: 0711 8931-167
seddig@medizinkommunikation.org

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Geschäftsstelle
Katrin Bindeballe
Albrechtstraße 9, 10117 Berlin
Tel.: 030 3116937-55, Fax: 030 3116937-20
bindeballe@ddg.info
http://www.ddg.info

Weitere Informationen:

http://www.ddg.info

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62.000 Menschen befragt: Nachhaltigkeit und Umweltschutz spielen beim Kauf der Weihnachtsgeschenke kaum eine Rolle

Thomas Kirschmeier Pressestelle
FOM Hochschule

Das Thema Nachhaltigkeit spielt beim Geschenkekauf vor Weihnachten nur eine untergeordnete Rolle. Überraschend ist vor allem, dass die jüngeren Generationen offenbar wenig Wert auf einen umwelt- und ressourcenschonenden Einkauf in der Adventszeit legen. Das ergab eine von der FOM Hochschule für Oekonomie & Management durchgeführte bundesweite Umfrage unter rund 62.000 Frauen und Männern zwischen 12 und 99 Jahren.

Unter dem Oberbegriff „Nachhaltigkeit“ hatten die Forscher die Bedeutung von umweltfreundlichen Materialien (z.B. Holz statt Plastik), die Verwendung gesundheitsschonender Lacke und Farben, Ökosiegel, biologische Herstellung und die Recyclingfähigkeit von Produkten zusammengefasst. Auf die Frage, ob diese Kriterien Einfluss auf den Geschenkekauf ausüben würden, gaben 77 Prozent der 12- bis 22-Jährigen an, das dies für sie keine Rolle spiele. Bei der Generation Y (23-38 Jahre) waren es noch 67 Prozent, bei den 39- bis 54-Jährigen immerhin noch mehr als Hälfte (55 %).

Nur 26 Prozent aller Befragten zwischen 12 und 99 Jahren gaben an, bei der Verpackung ihrer Geschenke auf umweltfreundliche Verpackungen wie zum Beispiel Recyclingpapier zu achten. Ebenfalls nur 26 Prozent aller Befragten wollen auch an Weihnachten unnötigen Müll vermeiden.

Was schenken die Deutschen?
Die Hitliste der Geschenke ist 2019 im Vergleich zu den Vorjahren relativ konstant. Jeder zweite Deutsche verschenkt zu Heiligabend Geschenkgutscheine (51 %), gefolgt von Kosmetik (46 %), Konzert- und Theaterkarten (44 %), Büchern (41 %) und Schmuck (40 %). Weit abgeschlagen liegen hingegen eher traditionelle Geschenke wie Heimtextilien und Lederwaren (jeweils 15 %) oder Hausrat bzw. Porzellan (17 %). Durchschnittlich beabsichtigt jeder Bundesbürger 2019 rund 475 Euro für Weihnachtsgeschenke auszugeben.

Weihnachtseinkauf im Internet
Persönliche Empfehlungen von Freunden und Bekannten sind die wichtigsten Informationsquellen für den Geschenkekauf (53 %), noch deutlich vor Social Media und anderen Online-Medien (21 %). Das Internet ist als Kaufplattform aber weiterhin angesagt: Bei den 23- bis 38-Jährigen geben sogar rund 90 Prozent der Befragten an, die Bestellung im Internet zu tätigen. Gut die Hälfte der Bevölkerung kauft die Geschenke aber auch noch im Fachgeschäft in der Stadt und weiß die persönliche Beratung zu schätzen.

Ältere Generation lässt sich Zeit
Der Generationenvergleich zeigt zudem Unterschiede bei der Frage, wann Geschenke gekauft werden. Hier lässt sich das Ergebnis klar auf die Formel bringen: Je jünger, desto kurzfristiger vor Weihnachten wird eingekauft, und je älter, desto mehr Zeit für Auswahl und Kauf lassen sich die Befragten. So geht jeder zweite junge Mensch erst in den letzten acht Tagen vor dem Fest auf Shoppingtour, bei den Älteren (über 38 Jahre) haben dagegen zu diesem Zeitpunkt schon rund zwei Drittel ihre Geschenke beisammen.

Zur Studie
Die FOM Weihnachtsumfrage ist eine der größten Umfragen dieser Art in Deutschland. Unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Oliver Gansser vom ifes Institut für Empirie und Statistik der FOM, beteiligten sich rund 30 Professorinnen und Professoren an der Studie. Rund 5.600 Studierende befragten im Herbst 2019 in Face-to-face-Interviews mit standardisierten Fragebögen bundesweit rund 62.000 Frauen und Männer im Alter von 12 bis 99 Jahren, quotiert nach Geschlecht und Alter.

Viele weitere Ergebnisse der Studie, zum Beispiel die Auswertung unterteilt nach Einkommensgruppen und weiteren Alterseinteilungen sowie die komplette Studie finden Sie unter http://fom.de/weihnachtsbefragung2019 zum Download.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Oliver Gansser

Quelle: IDW 

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Besser reagieren auf extreme Wetterereignisse: Forscher entwickeln europäische Frühwarnplattform

Simon Ratmann Stabsstelle Presse und Kommunikation
Universität Paderborn

Lange Trockenperioden, Waldbrände, Starkregen und Überschwemmungen im Sommer, Schneemassen im Winter: Immer wieder leiden verschiedene Regionen Deutschlands und Europas unter extremen Klima- und Wetterereignissen – und diese könnten laut Klimaforschern und Meteorologen künftig zunehmen. Im Forschungsprojekt „ANYWHERE“ entwickeln Wissenschaftler der Universität Paderborn mit einem internationalen Kollegenteam eine gesamteuropäische Plattform, die präziser auf Extremwetterlagen vorbereiten soll. Die Europäische Union fördert das noch bis Dezember laufende dreijährige Projekt mit rund 12 Millionen Euro. Beteiligt sind 31 Einrichtungen aus zwölf europäischen Ländern.

Eine Plattform mit Frühwarntools für verschiedene Nutzer
„In unserem Forschungsprojekt entwickeln wir eine europaweite Frühwarnplattform, das „ANYWHERE Multi-Hazard Early Warning System“. Damit lassen sich Klima- und Wettersituationen, die Todesfälle und massive wirtschaftliche wie infrastrukturelle Schäden nach sich ziehen können, früher als bislang vorab identifizieren“, erklärt Matthias Habdank vom Lehrstuhl „Computeranwendung und Integration in Konstruktion und Planung“ von Prof. Dr.-Ing. Rainer Koch. Er betreut das Projekt mit seinen Kollegen Dr.-Ing. Jens Pottebaum und Philipp Scholle vom Lehrstuhl für Produktentstehung unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Iris Gräßler.

Die ANYWHERE-Plattform wird derzeit an sechs ausgewählten Standorten in Spanien, Italien, Frankreich, der Schweiz, Norwegen und Finnland getestet. Sie soll Behörden, Katastrophenschutzorganisationen, Unternehmen und Bürgern künftig gebündelt eine Reihe modernster Frühwarntools zur Verfügung stellen. Mit diesen Anwendungen lassen sich der Zeitpunkt eines extremen Wetterereignisses, potentiell betroffene Orte und mögliche Auswirkungen schneller als bisher antizipieren und Schutzmaßnahmen können optimiert werden. „Unsere Plattform richtet sich bewusst an verschiedene Nutzer. Sie soll die öffentliche Gefahrenabwehr unterstützen, aber auch dem Selbstschutz von Unternehmen und Bürgern dienen“, betont Jens Pottebaum. Auf Korsika erproben die Wissenschaftler beispielsweise Frühwarntools, mit denen sich Waldbrände prognostizieren lassen. So kann die Bevölkerung schnell gewarnt werden und die Feuerwehr gezielt ihre Einsätze planen.

Hilfe im Katastrophenfall
ANYWHERE stellt nicht nur Frühwarntools zur Verfügung, die vor einem extremen Wettereignis warnen. Die Plattform bietet auch Hilfeanwendungen für den Katastrophenfall, mit denen rascher als bislang reagiert und Rettungsaktionen besser koordiniert werden können. „Für Behörden, Feuerwehr und Co. sind konkrete Sofortmaßnahmen interessant, der Bürger fragt sich, wie er sich selbst schützen kann und der Unternehmer, wie er sich so vorbereiten kann, dass sein Geschäft nicht einbricht und Arbeitsplätze gefährdet werden. Unsere Anwendungen sollen allen helfen“, so Matthias Habdank. Im italienischen Genua etwa testen die Wissenschaftler ein Tool, das sich bei Hochwasser einsetzen lässt. Mit der Anwendung können Katastrophenschutzbehörden die Eltern von Schülern informieren, dass ihre Kinder in Sicherheit sind und so verhindern, dass sich die Erwachsenen selbst in Gefahr bringen. In Katalonien wird eine Anwendung erprobt, mit der LKW-Fahrer eines Nahrungsmittellogistikers bei starkem Schneefall Routen planen können. Das Tool erfasst die aktuellen Straßenbedingungen und mögliche Staus. So gelangt das Fahrzeug schnellstmöglich an sein Ziel, das Unternehmen kann sein Geschäft aufrechterhalten und die Bevölkerung bekommt die benötigten Lieferungen.

Bereits existierende Frühwarn- und Hilfetools werden integriert
Bei ANYWHERE arbeiten Ingenieure, Informatiker, Meteorologen, Naturwissenschaftler, Geologen, Juristen und Experten anderer Fachgebiete aus ganz Europa zusammen. So können bereits existierende Frühwarn- und Hilfetools in die Plattform integriert und weiterentwickelt werden. Daneben speist sich ANYWHERE aus europaweiten Daten: „Unsere Plattform bezieht ihre Daten aus verschiedenen Quellen. Mittelfristige Wetterdaten kommen beispielsweise vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) und lokale Wetterdaten teils von örtlichen Sensoren“, erläutert Jens Pottebaum. „Wir verwenden ein offenes Schnittstellenkonzept und aktuelle Standards. So konnten bereits 300 Systeme Dritter – wie Systeme von Wetterdiensten – und damit verschiedenste Vorhersage- und Auswirkungsalgorithmen integriert werden“, ergänzt Philipp Scholle. Alle Tools der ANYWHERE-Plattform werden an die lokalen Anforderungen von Behörden und öffentlichen wie privaten Betreibern kritischer Infrastrukturen angepasst.

Den Selbstschutz fördern
Die ANYWHERE-Plattform integriert nicht nur Daten und Anwendungen Dritter. Sie kann auch selbst in bereits bestehende Frühwarnsysteme eingebettet werden und stellt ihre Daten und Algorithmen anderen Anwendungen zur Verfügung. Begleitend zur Frühwarnplattform entwickeln die Paderborner Wissenschaftler außerdem eine Wissensplattform, den „Common Information Space“ (CIS). „Es geht uns nicht nur darum, Frühwarn- und Hilfetools für Extremwetterlagen zu bündeln und weiterzuentwickeln. Es sollen auch Handlungsempfehlungen entstehen, die zeigen, wie sich die Tools bestmöglich nutzen lassen, und wir wollen die Entwicklung weiterer Anwendungen fördern – vor allem zum Selbstschutz der Bürger“, betont Matthias Habdank. Der CIS bietet Entwicklern daher Werkzeuge und Guidelines, mit denen sich weitere Frühwarn- und Hilfetools programmieren lassen.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sind Sprache und Form der Frühwarnplattform flexibel anpassbar. „Prinzipiell ist alles möglich, was web- oder cloudbasiert ist“, erklärt Jens Pottebaum. „In den Lagezentren von Behörden wird die Plattform beispielsweise als PC-Software verwendet, bei unseren lokalen Fallstudien kommen teilweise Apps zum Einsatz.“ Einige der Plattform-Tools arbeiten außerdem mit Warnmeldungen, die etwa über Twitter und den Kurznachrichtendienst Telegram verschickt werden können.

Nach Projektende werden einige der Frühwarn- und Hilfetools für Behörden, Unternehmen und Bürger kostenfrei verfügbar sein – jeweils angepasst an regionale Gegebenheiten und Anforderungen. Der Common Information Space ist dann ebenfalls frei zugänglich. Einige Ergebnisse von ANYWHERE werden außerdem in neuen Forschungsprojekten genutzt, um an einem internationalen Standard zur Nutzung von Social Media in der Gefahrenabwehr zu arbeiten (siehe dazu: www.isotc292online.org/projects/iso-22329).

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Matthias Habdank M.Sc., Fakultät für Maschinenbau, Tel.: 05251 60-2292, E-Mail: habdank@cik.upb.de; Dr.-Ing. Jens Pottebaum, Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn, Fakultät für Maschinenbau, Tel.: 05251 60-6258, E-Mail: jens.pottebaum@hni.upb.de,
Philipp Scholle, M.Sc., Heinz Nixdorf Institut, Fakultät für Maschinenbau, Tel.: 05251 60-6263, E-Mail: philipp.scholle@hni.upb.de

Weitere Informationen:
http://www.upb.de

Quelle: IDW 

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Gefährdungen durch körperliche Fehlbelastungen einfach ermitteln

Jörg Feldmann Pressestelle
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Seit Jahrzehnten stehen die Ausfalltage aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen an erster Stelle in den Statistiken für Arbeitsunfähigkeit. Ob akute Beschwerden oder Verschleißerkrankungen – Fehlbelastungen des Körpers spielen hier eine bedeutende Rolle im Erkrankungsgeschehen. Umso wichtiger ist es, Gefährdungen durch körperliche Tätigkeiten am Arbeitsplatz zu beurteilen, um die Gesundheit der Beschäftigten durch präventive Maßnahmen zu schützen. Gemeinsam mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) führte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) das Projekt „MEGAPHYS – Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen am Arbeitsplatz“ durch.

Im Rahmen des Projektes wurden insgesamt sechs Leitmerkmethoden entwickelt. Sie stehen jetzt der betrieblichen Praxis zur Verfügung, um mit ihnen Gefährdungen durch verschiedene Formen körperlicher Belastung zu ermitteln und zu beurteilen.

Die BAuA hat jetzt Band 1 des Projektes MEGAPHYS veröffentlicht. Auf rund 1.000 Seiten erläutert er die Entwicklung, Erprobung und Evaluation der Methoden, mit denen sich die Gefährdung durch verschiedene Belastungsarten des Körpers beurteilen lässt. Der Bericht beschreibt detailliert und nachvollziehbar, wie die sechs Leitmerkmalmethoden erarbeitet wurden. Es handelt sich dabei um drei weiterentwickelte Methoden zu den Belastungsarten „Manuelles Heben, Halten und Tragen von Lasten“, „Manuelles Ziehen und Schieben von Lasten“ sowie „Manuelle Arbeitsprozesse“. Neu entwickelt wurden die Methoden zu den Belastungsarten „Ganzkörperkräfte“, „Körperfortbewegung“ und „Körperzwangshaltung“. Alle haben eine umfangreiche Prüfung von Gütekriterien durchlaufen und werden zur Anwendung und zum Test in der Praxis empfohlen. Ergänzend liegt ein Konzept für eine mögliche Bewertung von Mischbelastungen über die gesamte Arbeitsschicht vor.

Die Leitmerkmalmethoden sollen auf möglichst einfache Art und Weise die wesentlichen Belastungsmerkmale dokumentieren und eine überschlägige Beurteilung ermöglichen. Dazu ist eine gute Kenntnis der zu beurteilenden Tätigkeit unabdingbar. Methodisch werden im ersten Schritt die Leitmerkmale der Tätigkeit wie beispielsweise Dauer/Häufigkeit, Lastgewicht, Körperhaltung und Ausführungsbedingungen erfasst. Anschließend wird aus den Einschätzungen der Leitmerkmale mathematisch ein Risikowert berechnet, aus dem sich die weitere Herangehensweise nach der Gefährdungsbeurteilung ergibt. Dabei bedient sich die Methode des Ampelmodells, die von Grün oder „keine Überbeanspruchung“ bis hin zu Rot oder „wahrscheinliche Überbeanspruchung“ reicht. Die Formblätter der neuen Leitmerkmalmethoden gibt es in Deutsch und in Englisch im Internetangebot der BAuA unter http://www.baua.de/leitmerkmalmethoden.

„MEGAPHYS – Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen am Arbeitsplatz. Band 1″; Dortmund, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2019; 1. Auflage; 986 Seiten; doi:10.21934/baua:bericht20190821. Den Bericht im PDF-Format gibt es zum Herunterladen im Internetangebot der BAuA unter http://www.baua.de/publikationen.

Forschung für Arbeit und Gesundheit
Die BAuA ist eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des BMAS. Sie betreibt Forschung, berät die Politik und fördert den Wissenstransfer im Themenfeld Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Zudem erfüllt die Einrichtung hoheitliche Aufgaben im Chemikalienrecht und bei der Produktsicherheit. An den Standorten Dortmund, Berlin und Dresden sowie in der Außenstelle Chemnitz arbeiten über 700 Beschäftigte.
http://www.baua.de

Originalpublikation:
http://www.baua.de/dok/8820522
Direkter Link zum Bericht „MEGAPHYS – Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen am Arbeitsplatz. Band 1″

Quelle: IDW 

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Klimawandel: Potential von Baumpflanzungen dramatisch überbewertet

Henning Zuehlsdorff Pressestelle
Leuphana Universität Lüneburg

Wissenschaftler kritisieren Vorschläge der ETH Zürich – Potential fünffach überschätzt
Kohlendioxid, das durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre gelangt, führt zu einer Erwärmung der Erde, einer Versauerung der Ozeane und einer Veränderung des Klimas. Da Bäume Kohlenstoff durch Photosynthese binden, sehen einige Wissenschaftler und Umwelt-Gruppen im millionenfachen Pflanzen von Bäumen eine Lösung für den Klimawandel. Eine Gruppe von 46 Wissenschaftlern aus aller Welt, unter ihnen Prof. Dr. Vicky Temperton von der Leuphana Universität Lüneburg, mahnt zur Vorsicht.

In einem jetzt in der amerikanischen Fachzeitschrift Science veröffentlichten Beitrag zeigen Joseph Veldman von der Texas A & M University und seine Co-Autoren, dass die jüngsten Forschungsergebnisse das Potenzial von Baumpflanzungen zur Eindämmung des Klimawandels dramatisch überbewertet haben. Sie warnen: Das Pflanzen von Bäumen an falschen Orten kann sogar Ökosysteme zerstören, die Intensität von Waldbränden erhöhen und die globale Erwärmung verschärfen.

Veldman sagte: „Während das Pflanzen von Bäumen in abgeholzten Gebieten positive Auswirkungen haben kann, zerstört es im natürlichen Grasland der Erde den Lebensraum von Pflanzen und Tieren und wird außerdem nicht genügend Kohlenstoff binden, um die Emissionen fossiler Brennstoffe zu kompensieren.“

Mit ihrem Beitrag kritisieren die Autoren einen anderen, kürzlich in Science erschienenen Artikel von Wissenschaftlern der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Diese Forscher waren von einer niederländischen gemeinnützigen Stiftung (DOB Ecology), einer Interessengruppe für das Pflanzen von Bäumen (Plant-for-the-Planet) und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert worden. Sie behaupteten, dass mit weltweiten Baumpflanzungen 205 Gigatonnen Kohlenstoff oder ein Drittel des Kohlendioxids, das seit der industriellen Revolution ausgestoßen wurde, kompensiert werden könnten.

Veldman macht klar: „Da die geschätzte Kompensation von 205 Gigatonnen Kohlenstoff so hoch war, wurde das Pflanzen von Bäumen weltweit als die beste Lösung für die Eindämmung des Klimawandels bezeichnet. Wir wissen jetzt, dass diese Annahme falsch war. “

In ihrer Kritik schreiben Veldman und seine Co-Autoren, dass die Schweizer Forschung schwerwiegende Mängel aufwies, die zu einer fünffachen Überschätzung des Potenzials neu gepflanzter Bäume für die Eindämmung des Klimawandels führten. Die ursprüngliche Studie ging unter anderem davon aus, dass Böden in Ökosystemen ohne Bäume keinen Kohlenstoff enthalten, obwohl in vielen Ökosystemen wie Savannen und Torfmooren mehr Kohlenstoff im Boden gebunden ist als in der oberirdischen Vegetation.

Die Schweizer Forscher vernachlässigten auch die Tatsache, dass Nadelwälder in gemäßigt kalten Klimazonen und Hochgebirgsregionen mehr Sonnenlicht absorbieren und mehr Wärme abgeben als baumlose Gebiete und so die globale Erwärmung eher verschärfen als mildern. Außerdem warnen die Autoren, dass das Pflanzen von Bäumen auf Wiesen und in Savannen, wie vom Schweizer Forscherteam vorgeschlagen, die Umwelt schädigt.

Veldman sagt: „Uralte Wiesen und Savannen enthalten eine immense Artenvielfalt und erbringen Dienstleistungen für die Menschheit, wie z. B. Viehfutter und Grundwasserneubildung. Wir befürchten, dass ein kurzsichtiger Fokus auf das Pflanzen von Bäumen die Anpassungsfähigkeit der Menschen an den Klimawandel verringert und gleichzeitig von den Bemühungen zur Erhaltung intakter Ökosysteme und zur Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe ablenkt. “

Co-Autorin Vicky Temperton von der Leuphana fügt hinzu: „Eine ökologische Sanierung könnte viel mehr zu natürlichen Klimalösungen beitragen, wenn wir uns nicht nur auf Wälder fokussieren, sondern uns auch um Grasland, Savannen, Buschland und Torfmoore kümmern.“

Originalpublikation:
https://science.sciencemag.org/content/366/6463/eaay7976

Quelle: IDW 

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Bin ich nicht zu alt dafür? Musiktherapie gegen Tinnitus für die Generation 65plus

Natascha Schettler-Brox Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut) DZM e.V.

Musiktherapie ist auch bei „Best agern“ sehr effektiv.
Etwa jeder vierte Mensch über 65 Jahren leidet unter Tinnitus- mit steigender Tendenz.
Dieser Alterstrend lässt sich auch in der Tinnitusambulanz am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung DZM e.V. beobachten: Seit nunmehr 15 Jahren wird die Neuro-Musiktherapie bei Tinnitus angeboten und zunehmend von Senioren angefragt und in Anspruch genommen. Dabei taucht immer wieder die Besorgnis auf „für diese Therapie bin ich doch schon zu alt, oder?“

Ausgehend von diesem Alterstrend wurde nun die „Neuro-Musiktherapie“ für chronischen Tinnitus speziell auf die Bedürfnisse der Generation 65plus abgestimmt.
Ergebnisse einer aktuellen Analyse an 140 Tinnitusbetroffenen bestätigen, dass Teilnehmer ab 65 Jahren (Durchschnittsalter 72 Jahre) davon profitieren – und sogar eine größere Chance auf Therapieerfolg erreichen, wie eine im Schnitt rund 25 Jahre jüngere Vergleichsgruppe. Insgesamt erreichten rund 80% der behandelten Senioren eine spürbare Verbesserung ihrer Tinnitussymptome.
Gerade weil sich die Best Ager überwiegend „reich, jung und fit“ (Quelle: Generali Altersstudie) fühlen, stellt ein dauerhaftes Ohrgeräusch eine deutliche Belastung dar und führt zu Einbußen in der Lebensqualität im dritten Lebensabschnitt. In der Regel sind die bisherigen Therapieangebote offen für eine sehr große Zielgruppe, richten sich aber implizit vor allem an die Gruppe der berufstätigen Erwachsenen im Alter zwischen 35 und 60 Jahren. Eine spezielle Anpassung der Therapie, wie sie am DZM e.V. angeboten wird, erhöht allerdings die Therapiechancen drastisch.

Die Tinnitusambulanz des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung bietet laufend Kompakttherapien für Patienten mit akutem und chronischem Tinnitus an. Weitere
Informationen für Patienten sind telefonisch erhältlich unter 06221 – 79 63 101 oder per E-Mail unter
tinnitusambulanz@dzm-heidelberg.de.

Das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut) DZM e. V. wurde 1995 in Heidelberg gegründet. Heute ist das DZM eines der größten musiktherapeutischen Forschungsinstitute in Europa und vereint Forschung und Praxis unter einem Dach. Das DZM ist als gemeinnützig anerkannt und finanziert sich zum überwiegenden Teil aus Spenden und Forschungsdrittmittel. Am DZM entwickeln und erforschen Musiktherapeuten, Mediziner, Musikwissenschaftler und Psychologen in interdisziplinären Projekten musiktherapeutische und musikmedizinische Konzepte zur Verbesserung der Lebenssituation erkrankter Menschen.
Außer dem Forschungsinstitut gehören eine Tinnitus- sowie eine Cochlea-Implantat-Ambulanz zum DZM.

Weitere Informationen:
Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung
(Viktor Dulger Institut) DZM e.V.
Ansprechpartner: Natascha Schettler-Brox
Maaßstraße 26
69123 Heidelberg
Telefon: +49 (6221) 83 38 60
Telefax: +49 (6221) 73 999 89
E-Mail: dzm@dzm-heidelberg.de
Internet: www.dzm-heidelberg.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Heike Argstatter
Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung
DZM e.V.
Maaßstraße 26
69123 Heidelberg
Telefon: +49 (6221) 79 63 101
Telefax: +49 (6221) 73 999 89
E-Mail: heike.argstatter@dzm-heidelberg.de
Internet: www.dzm-heidelberg.de

Quelle: IDW 

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Globaler Süden leidet am stärksten unter Klimawandel und Landnutzung

Volker Hahn Medien und Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Bis zum Jahr 2050 könnten bis zu fünf Milliarden Menschen von Wasserverschmutzung, Küstenstürmen oder unbestäubten Nutzpflanzen bedroht sein – ein Großteil davon in Entwicklungsländern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Fachmagazin Science, die von einem internationalen Forscherteam verfasst wurde. Die Forscher erstellten eine hochauflösende globale Karte, welche die Leistungen der Natur für den Menschen darstellt. Diese sogenannten Ökosystemleistungen sind durch die vom Menschen verursachte Schädigung der Ökosysteme und der Biodiversität bedroht. Die neue Karte kann helfen, politische Entscheidungen zum Schutz der Natur zu verbessern – sowohl lokal als auch global.

Der Mensch ist auf die Natur angewiesen. Wildbienen summen über einen landwirtschaftlichen Betrieb und bestäuben die dort angebauten Gemüsepflanzen. Nahegelegene Feuchtgebiete filtern Schadstoffe aus dem Abwasser und gewährleisten so sauberes Trinkwasser für die Gemeinde. Überall auf der Welt leistet die Natur einen wichtigen Beitrag für die Menschheit. Eine neue Studie mit Beteiligung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), die im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde, nutzt hochauflösende Satellitendaten um die detailreichen lokalen Analysen in eine globale Übersicht einfließen zu lassen. Mithilfe neuester Technologien und Software erstellten die Forscher eine interaktive Karte, die die Ergebnisse lokaler Untersuchungen im globalen Kontext darstellt. Die so entstandene Analyse zeigt, dass die Natur immer weniger in der Lage ist, die Menschen vor Wasserverschmutzung, Küstenstürmen oder Problemen mit der Bestäubung von Pflanzen zu schützen.

„Zum ersten Mal konnten wir darstellen, ob und wie die Ökosystemleistungen mit der Abhängigkeit der Menschen von diesen Leistungen überlappen“, erklärt Co-Autor Prof. Henrique Miguel Pereira, der die Arbeitsgruppe Biodiversität und Naturschutz bei iDiv und der MLU leitet. „Wir haben herausgefunden, dass Ökosysteme genau dort schwächer werden, wo die Menschen besonders von der Natur abhängig sind. Das ist sehr besorgniserregend – die Politik muss umgehend gegen die Schädigung der Ökosysteme vorgehen.“

Die Forscher konzentrierten sich auf drei Leistungen der Natur, von denen wir Menschen besonders profitieren: die Regulierung der Wasserqualität, der Schutz vor küstennahen Bedrohungen und die Bestäubung von Pflanzen. Mit einer Open-Source-Software, die vom Projekt Natural Capital entwickelt wurde, konnten sie Prognosen erstellen, wie sich diese Leistungen verändern könnten.

Sie fanden heraus, dass generell dort, wo die Menschen am meisten von der Natur abhängen, diese den Bedürfnissen immer weniger gerecht werden kann. Die Prognosen zeigen, dass bis zum Jahr 2050 fünf Milliarden Menschen durch Wasserverschmutzung, Küstenstürme und unbestäubte Pflanzen gefährdet sein könnten. Dabei sind diese Auswirkungen ungleich verteilt: In jedem Szenario der Wissenschaftler sind es die Entwicklungsländer, die einen Großteil der Last schultern müssen. Die Menschen in Afrika und Südasien leiden am stärksten unter den abnehmenden Beiträgen der Natur. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in diesen Regionen bekommen schon jetzt die Folgen dieser „Leistungslücke“ am eigenen Leib zu spüren, wenn die Natur ihre Leistungen nicht mehr erbringen kann: Sie sind Küstenstürmen stärker ausgesetzt, leiden unter verschmutztem Trinkwasser oder Ernteverlusten. Doch die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf einzelne Länder. Der Anstieg des Meeresspiegels aufgrund des Klimawandels wird das Risiko für die Bevölkerung küstennaher Gebiete überall auf der Erde ansteigen lassen – allein davon könnten weltweit mehr als 500 Millionen bis 2050 betroffen sein.

Angesichts der zunehmenden Globalisierung stellt die Nutzung integrierter und hochauflösender Daten eine Möglichkeit dar, den Zustand der Natur in globale politische Entscheidungen einfließen zu lassen. Die Zugänglichkeit der Informationen war den Wissenschaftlern besonders wichtig. Ein zentrales Anliegen ihrer Forschung war daher, eine hochauflösende und interaktive Karte zu erstellen, auf die online zugegriffen werden kann. Dieses Online-Tool half dem Team nicht nur dabei, die Daten auszuwerten, sondern es hilft auch dabei, komplexe und globale Daten gegenüber wichtigen Entscheidungsträgern auf eine verständliche Art und Weise darzustellen.

Das Ziel dieser Forschung – und zukünftiger Projekte, die darauf aufbauen – ist es, die Politik und Entscheidungsprozesse in Bezug auf Investitionen in die Natur mit Informationen zu versorgen. So kann anhand der Prognosen beispielsweise abgeleitet werden, dass Gebiete im Becken des Ganges oder in Teilen Ostchinas besonders geeignet sind für Investitionen in die natürlichen Ökosysteme. Der Schutz der Ökosysteme in diesen Gebieten wird zum Wohlergehen ganzer Gemeinschaften beitragen.

Das Team hofft, dass insbesondere politische Entscheidungsträger, Entwicklungsbanken und andere globale Einflussnehmer die Informationen dafür nutzen werden, die nachhaltige Entwicklung und den Naturschutz weiter voranzutreiben. Zukünftig werden die Wissenschaftler ihre Analysen auch auf andere Ökosystemleistungen ausweiten. Auch möchten sie noch besser verstehen, wo die Natur besondere gefährdete Bevölkerungsgruppen noch besser unterstützen könnte. „Wir haben die Informationen, die wir brauchen um die schlimmsten Szenarien abzuwenden und um eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft zu gewährleisten“, meint Erstautorin Dr. Becky Chaplin-Kramer, die das Projekt Natural Capital an der Stanford University leitet. „Es ist Zeit, dass wir sie auch nutzen.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Henrique Pereira
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
Tel.: +49 341 9733137
E-Mail: henrique.pereira@idiv.de

Originalpublikation:

Rebecca Chaplin-Kramer, Richard P. Sharp, Charlotte Weil, Elena M. Bennett, Unai Pascual, Adrian L. Vogl, Katie K. Arkema, Kate A. Brauman, Anne D. Guerry, Nick M. Haddad, Maike Hamann, Perrine Hamel, Justin A. Johnson, Lisa Mandle, Henrique M. Pereira, Stephen Polasky, Mary Ruckelshaus, M. Rebecca Shaw, Jessica M. Silver, Gretchen C. Daily(2019), Global Modeling of Nature’s Contributions to People. Science. DOI: 10.1126/science.aaw3372

Weitere Informationen:

http://viz.naturalcapitalproject.org/ipbes/ Interaktive Karte

Quelle: IDW 

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Studenten entwickeln einen Koffer, der automatisch auf Schritt und Tritt folgt

Claudia Ehrlich Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

Lästiges Schleppen und kippeliges Hinterherziehen von Reisegepäck könnten bald der Vergangenheit angehören: Studenten der Universität des Saarlandes wollen mit einem smarten Koffer dafür sorgen, dass Reisende in Zukunft ihre Hände für Wichtigeres frei haben. Der „Smartcase“ genannte Prototyp, den die vier Nachwuchsforscher gerade entwickeln, heftet sich an die Fersen – oder bei Rollstuhlfahrern auch an die Felgen – seines Besitzers und fährt ihm oder ihr ohne Weiteres hinterher. Möglich wird dies durch eine Kombination aus Kamera, Sensoren und einer pfiffigen Regelung und Steuerung. Mit ihrer klugen Tüftelei vertreten die Studenten ab 28. Oktober die Saar-Universität beim Wettbewerb Cosima.

Die nötigsten Habseligkeiten mit auf Reisen zu nehmen, kann eine echte Herausforderung sein. Wer Reiseunterlagen, Handgepäck und Taschen, Jacken, mitunter auch heißgeliebte Teddys oder Kekse von kleinen Mitreisenden zugleich jonglieren muss, hat alle Hände voll zu tun. Da kann ein Koffer, auch wenn er Rollen hat, zum Ballast werden – erst recht, wenn die Zeit drängt. Würde einem das Reisegepäck wie ein treuer Hund von selbst nachfolgen, wäre dies für Tausende und Abertausende von Reisenden tagtäglich eine enorme Erleichterung. „Wir denken dabei gerade auch an Menschen mit Einschränkungen wie Gehbehinderungen. Ihnen könnte solch ein intelligenter Koffer unabhängigeres Reisen möglich machen“, erklärt Joshua Summa, der Systems Engineering an der Universität des Saarlandes studiert. Gemeinsam mit seinen Studienkollegen Till Mertin, Nick Kempel und dem Informatikstudenten Joshua Arens, baut der angehende Ingenieurwissenschaftler derzeit einen intelligenten Koffer, der das Reisen künftig stressfreier machen soll.

Der „Smartcase“-Prototyp ist bereits jetzt in der Lage, sich an die Fersen einer bestimmten Zielperson zu heften, und dann konsequent ihre Verfolgung aufzunehmen. „Unser System beruht auf einer Kombination mehrerer Sensoren“, erklärt Joshua Summa. Kernstück ist eine Kamera, die denjenigen erkennt, dem sie folgen soll, und jede seiner Bewegungen erfasst. Hinzu kommen drei Ultraschallsensoren, die unter anderem permanent Entfernungen messen und so etwa dabei helfen, Hindernisse zu erkennen und ihnen, wenn nötig, auszuweichen.

Die Messdaten der Sensoren laufen in einem Mikro-Prozessor zusammen, der die Informationen auswertet, weiterarbeitet und entsprechende Befehle an die Elektromotoren der Räder des Koffers weitergibt. Dies alles haben die Studenten dem Prozessor beigebracht. „Wir haben das System so angelernt, dass es mit den Daten der Sensoren die Route permanent neu berechnen kann und entsprechende Signale an den Motor sendet“, sagt Joshua Summa.

„Die Einsatzmöglichkeiten eines solchen Sensorsystems lassen sich noch weiterdenken: etwa im Transportbereich oder in der Lagerlogistik“, erläutert Summa das weitere Potenzial der Erfindung, an der die vier Nachwuchsingenieure derzeit in den Räumen des Lehrstuhls für Mikromechanik von Professor Helmut Seidel auf dem Saarbrücker Uni-Campus arbeiten. Die Idee zum smarten Koffer hat ihren Ursprung in einer Vorlesung von Professor Seidel über Mikromechanik. Diese gilt an der Saar-Uni bereits seit Langem als Ideenschmiede für besondere Prototypen: Ein anderes Studententeam hat etwa einen kopfgesteuerten Rollstuhl entwickelt. Besonders erfolgreich war auch ein Sensorsystem gegen Falschfahrer, das in Leitpfosten eingebaut werden kann: Die Jungforscher, die dieses System entwickelt hatten, wurden mehrfach ausgezeichnet.
„Hier an der Uni haben wir ein gutes Umfeld für unsere Arbeit am Prototyp, bei Fragen können wir uns an die Professoren und ihre Teams wenden. So unterstützt uns zum Beispiel auch die Forschergruppe von Antriebstechniker Professor Matthias Nienhaus, die unter anderem auf intelligente Elektromotoren in Rädern spezialisiert ist“, sagt Joshua Summa.

Mit ihrem Prototyp „Smartcase“ nehmen die Bachelor-Studenten Joshua Summa, Till Mertin, Nick Kempel und Joshua Arens vom 28. bis 30. Oktober am Cosima-Wettbewerb in Berlin teil: Der Studentenwettbewerb, der jedes Jahr vom Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) ausgeschrieben wird, soll dazu beitragen, neue Einsatzmöglichkeiten von Mikrosystemen zu finden.
(Info über Cosima 2019: http://partner.vde.com/cosima-mems)

Weitere Pressefotos für den kostenlosen Gebrauch finden Sie unter
http://www.uni-saarland.de/pressefotos

Kontakt für die Presse: Joshua Summa, Till Mertin, Nick Kempel und Joshua Arens
Telefon: 0681-302 -2601 oder -64091, E-Mail: info@smartcase-companion.com
Prof. Dr. Helmut Seidel: Tel.: 0681/302-3979, E-Mail: seidel@lmm.uni-saarland.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Kontakt für die Presse: Joshua Summa, Till Mertin, Nick Kempel und Joshua Arens
Telefon: 0681-302 -2601 oder -64091, E-Mail: info@smartcase-companion.com

Quelle: IDW 

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Mehr Energie, weniger CO2 – 9 Millionen Euro für KWK-Forschung

Dr. Alexandra Nießen Ressort Presse – Stabsstelle des Rektorats
Universität Duisburg-Essen

Umweltfreundlich Strom und Wärme produzieren – das ist die Idee der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Das Forschungsprojekt KWK.NRW 4.0 bekommt für die Entwicklung und den Test neuer Systeme neun Millionen Euro von der EU und dem Land NRW.* Die Projektkoordination hat das Essener Gas- und Wärme-Institut, Partner ist die Universität Duisburg-Essen (UDE) mit dem Zentrum für BrennstoffzellenTechnik (ZBT) und den drei Lehrstühlen Energiewirtschaft, Energietechnik sowie Umweltverfahrens- und Anlagentechnik.

Die Kraft-Wärme-Kopplung gilt als umweltfreundliche Technik, denn mit ihr kann man gleichzeitig Strom, Wärme und Kälte erzeugen. Sie hat einen hohen Wirkungsgrad und stößt weniger Treibhausgase aus. Die Anlagen können zum Beispiel mit Gasmotoren, Turbinen, aber auch mit Brennstoffzellen betrieben werden. Diese sind sehr interessant, weil sie besonders emissionsarm sind.

Die Wissenschaftler im Verbund möchten nun neue KWK-Konzepte entwickeln und untersuchen, wie flexibel, ökologisch und wirtschaftlich zwei innovative Brennstoffzellensysteme sind: Im ersten Teilprojekt (iFlex KWK 4.0) entwickeln sie neue KWK-Versorgungskonzepte sowohl für den gewerblichen und industriellen Verbrauch als auch für städtische Quartiere. Hierfür kombinieren sie am ZBT in Duisburg eine vorhandene Phosphorsäure-Brennstoffzelle mit einer Absorptionskältemaschine, um längere Laufzeiten der Brennstoffzelle und eine bessere Wirtschaftlichkeit zu erreichen.

Für die zweite Teilstudie (Demo Hybrid-SOFC) wird beim Essener Partner Gas- und Wärme-Institut das europaweit erste Hybrid-System aus einer Festoxid-Brennstoffzelle mit nachgeschalteter Mikro-Gasturbine installiert. Dadurch wird die Stromerzeugung extrem effizient.

KWK.NRW 4.0 läuft für drei Jahre, Ende 2021 sollen erste Ergebnisse vorliegen.

*Die Mittel stammen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Redaktion: Alexandra Nießen, Tel. 0203/37 9-1487, alexandra.niessen@uni-due.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Jürgen Roes, Energietechnik, Tel. 0203/37 9-3010, juergen.roes@uni-due.de

Weitere Informationen:
http://vi.virtuelles-institut-kwk-nrw.de

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Leipziger Kardiologe: Moderate Werte bei Blutdruck und Cholesterin verlängern das Leben

Helena Reinhardt Pressestelle / Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Leipzig AöR

Dramatisch gesenkt wird das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen, wenn Blutdruck- und Cholesterin-Werte lebenslang moderat gehalten werden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, an der Prof. Dr. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, beteiligt war.

„Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen und Männern die häufigste Todesursache“, so der Leipziger Kardiologe mit Blick auf den Weltherztag am 29. September. „Das ist niederschmetternd. Denn Herzinfarkte und Schlaganfälle können durch anhaltend niedrige Werte bei Blutdruck und LDL-Cholesterin weitgehend vermieden werden. Das hat jetzt eine Studie meines Kollegen Brian Ference von der Universität Cambridge unterstrichen, an der ich mitgewirkt habe. Sie zeigt, dass schon eine geringe, aber dauerhafte Senkung von systolischem Blutdruck und LDL-Cholesterin das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko hochsignifikant senkt.“
Ausgewertet wurden die Daten von über 400 000 Briten, die in einer Biobank gesammelt sind. Die Teilnehmer waren durchschnittlich 65,2 Jahre alt; 54 Prozent waren Frauen. Bemerkenswertes Ergebnis der Studie: Werden lebenslang der LDL-Cholesterinspiegel um 39 mg/dl (1 mmol/l) und gleichzeitig der systolische Blutdrucks um 10 mmHg gesenkt, ergibt sich ein um 80 Prozent niedrigeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und ein um 68 Prozent niedrigeres Risiko für einen kardiovaskulär verursachten Tod. Schon bei dauerhafter Abnahme des Cholesterins um 15 mg/dl und des Blutdrucks um 5 mmHg halbiert sich das Erkrankungsrisiko.
„Der Knackpunkt ist, dass die Werte lebenslang niedrig sein müssen“, so Prof. Laufs. „Die Patienten, die zu uns kommen, sind aber meist schon in der fünften oder sechsten Lebensdekade oder noch älter. Dann haben Blutdruck und Cholesterin schon ein halbes Jahrhundert auf die Innenwände der Gefäße eingewirkt. Von Bedeutung ist also rechtzeitig zu messen und vor allem rechtzeitig Maßnahmen zur Blutdruck- und Cholesterin-Kontrolle zu ergreifen. Hierzu gehören an erster Stelle körperliche Aktivität und das Nicht-Rauchen, manchmal auch Medikamente.“ Vielleicht könnte schon im Kindes- und Jugendalter bei den sogenannten U-Untersuchungen auch auf diese Werte geachtet werden. Laut Prof. Laufs ist die aktuelle Studie aus Cambridge geeignet, eine solche Diskussion befeuern.

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Auf den Spuren der Bärtierchen: Stuttgarter Biologe ausgezeichnet

Andrea Mayer-Grenu Abteilung Hochschulkommunikation
Universität Stuttgart

Der Biologe Ralph Schill vom Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme der Universität Stuttgart erhält heute den renommierten Walter-Schall-Preis 2019 der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg e.V. Mit diesem Preis werden seit 1985 Wissenschaftler aus den Fachgebieten der Botanik, Geologie, Geomorphologie, Geophysik, Meteorologie, Mikrobiologie, Naturschutz, Ökologie, Paläontologie und Zoologie geehrt, die im südwestdeutschen Raum aktiv sind.

Ralph Schill befasste sich bereits an der Universität Tübingen mit Bärtierchen, die in der Lage sind einzutrocknen oder zu gefrieren, um so längere Zeiträume unbeschadet überdauern zu können. Keine andere Tiergruppe hat es geschafft, sich im Laufe der Evolution so perfekt an schnell wechselnde Umweltbedingungen anzupassen wie die nur knapp 1 mm großen Tiere. Als Schill 2003 an die Universität Stuttgart wechselte etablierte er die Bärtierchenart Milnesium inceptum als Modelorganismus und schuf damit eine der renommiertesten Bärtierchenforschergruppen weltweit. Seither entdeckte er mehrere neue Bärtierchenarten in Europa, Afrika, Amerika und auf einer pazifischen Inselgruppe. Mit dem erst dieses Jahr herausgegebene Standardwerk „Water Bears: The Biology of Tardigrades“ beschreibt er zusammen mit 25 führenden Bärtierchenforschern die Erkenntnisse von knapp zweihundert Jahren Bärtierchenforschung.

„Durch diesen Preis fühle ich mich sehr geehrt“, sagt Ralph Schill, „und es freut mich besonders, da sich bereits eines der Ehrenmitglieder der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg im 19. Jahrhundert mit den Bärtierchen beschäftigte. An der forstwirtschaftlichen Akademie zu Hohenheim und am Königlichen Polytechnikum Stuttgart, der späteren Universität Stuttgart, lehrte der Arzt und Zoologe Prof. Gustav Jäger, zu dessen Studenten auch der junge Robert Bosch zählte und in ihm einen überzeugenden Mentor fand. Jäger beschäftige sich intensiv mit der Welt im Kleinen und in seinem Buch „Die Wunder der unsichtbaren Welt“ von 1867 befasst er sich auch mit den Bärtierchen mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Anzahl der Bärtierchenarten mehr als verdoppelt. So sind der Wissenschaft derzeit über 1.200 Arten bekannt. In Baden-Württemberg wurden bisher 75 verschiedene Bärtierchenarten gefunden. Das entspricht etwa der Hälfte der Gattungen und einem Drittel der Arten, die in ganz Deutschland bisher nachgewiesen sind. Ralph Schill, der seit vielen Jahren auch in Baden-Württemberg nach neuen Arten Ausschau hält ist sich aber sicher, „Wir werden sicherloch noch einige neue, unentdeckte Arten im Ländle finden.“

Ein Vortrag von Ralph Schill und die Preisverleihung findet am 10. Oktober um 19:00 Uhr im Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Museum am Löwentor, Rosenstein 1, 70191 Stuttgart statt. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. apl. Ralph O. Schill, Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme, Pfaffenwaldring 57, 70569 Stuttgart, Tel. 0172 7304726
ralph.schill@bio.uni-stuttgart.de

Weitere Informationen:
Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, Rosenstein 1, 70191 Stuttgart, www.gesellschaft-naturkunde-wuerttemberg.de

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Bodentiere: 365 Tage unter Wasser // Transport von Bodenlebewesen über Fließgewässer nachgewiesen

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Forschende des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz haben die Verbreitungswege von bodenlebenden Milben und Springschwänzen untersucht. Mit kombinierten Feld- und Labormethoden konnten sie nachweisen, dass sich die winzigen Bodenorganismen unter anderem über Fließgewässer zu neuen Lebensräumen transportieren lassen. Einige Arten überleben dabei bis zu 365 Tage unter Wasser. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Movement Ecology“.

Etwa 5 Zentimeter können bodenlebende Hornmilben (Oribatida) aus eigener Körperkraft pro Tag zurücklegen; bei Springschwänzen (Collembola) ist es immerhin ein knapper halber Meter. „Trotz ihrer eingeschränkten Mobilität haben diese winzigen Tiere eine sehr große räumliche, zum Teil sogar weltweite Verbreitung – sie müssen demnach andere Wege für ihre Ausbreitung gefunden haben“, erklärt Meike Schuppenhauer vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz und fährt fort: „Bereits bekannt ist, dass sich Bodentiere mit dem Wind verfrachten lassen oder von anderen Tieren verbreitet werden.“

Nun hat die Doktorandin mit ihren Görlitzer Kolleg*innen Dr. Ricarda Lehmitz und Prof. Dr. Willi Xylander ein weiteres potentielles Transportmittel unter die Lupe genommen. „Wir haben untersucht, ob und wie sich Hornmilben und Springschwänze über Fließgewässer verbreiten können. Anders als bei Vögeln oder Säugetieren konnten wir diese winzigen Bodenlebewesen aber natürlich nicht einfach mit GPS-Sendern ausstatten“, erzählt Schuppenhauer.
Das Team hat daher in aufwendigen Laborversuchen etwa 200 Milben-Individuen beobachtet, um herauszufinden, ob die Tiere auf der Oberfläche von Fließgewässern treiben können und wie lange sie unter Wasser überleben. Zudem wurden bei Feldforschungen die Fähigkeit zur Neubesiedlung am „Zielort“ untersucht und knapp 300 Milben – und Springschwanz-Individuen im Fließgewässer nachgewiesen.

„Der erfolgreiche Wassertransport ist vermutlich davon abhängig, ob es den Bodentieren gelingt für einige Stunden an der Wasseroberfläche zu treiben und wie lange sie untergetaucht überleben können. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies von Art zu Art unterschiedlich ist und die Tiere in ‚Schwimmer‘ und ‚Taucher‘ eingeteilt werden können“, fasst Schuppenhauer die Versuche zusammen.

Während etwa 80 Prozent der Milbenarten über den gesamten Verlauf des Experiments permanent an der Wasseroberfläche treibend transportiert wurden, sanken einige Arten schon innerhalb weniger Stunden unter Wasser. Schuppenhauer hierzu: „Dabei gab es auch echte Überlebenskünstler unter den winzigen Bodenorganismen: Die Hornmilbenarten Carabodes subarcticus und Carabodes ornatus können mindestens 365 Tage unter Wasser überleben!“

In einem Quadratmeter Auenboden leben zwischen 3.000 und 37.000 Hornmilben. Auch Springschwänze treten in den teilweise überfluteten Gebieten mit bis zu 12.000 Individuen pro Quadratmeter auf. „Flüsse und Bäche durchziehen das ganze Bundesgebiet mit einer Gesamtlänge von 400.000 Kilometern – sie sind damit die idealen Transportwege für diese weniger mobilen Organismen!“, unterstreicht Prof. Dr. Willi Xylander die Studienergebnisse.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Meike Schuppenhauer
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Tel. 03581 4760-5572
meike.schuppenhauer@senckenberg.de

Originalpublikation:
Schuppenhauer MM, Lehmitz R, Xylander WER. 2019. Slow-moving soil organisms on a water highway: aquatic dispersal and survival potential of Oribatida and Collembola in running water. Movement Ecology. 7(1):20.
https://doi.org/10.1186/s40462-019-0165-5

Quelle: IDW 

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CO2 an der Quelle besteuern

Stephan Düppe Stabsstelle 2 – Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
FernUniversität in Hagen

Der Volkswirt Prof. Robert Schmidt (FernUniversität in Hagen) spricht sich entschieden für eine CO2-Steuer aus: Sie schafft ideale Bedingungen für Investitionen in emissionsarme Technologien. Die umfassende Festlegung von einheitlichen Preisen für alle Emissionen, insbesondere von Kohlendioxid („CO2-Steuer“) ist ein einfaches und seit Langem bekanntes ökonomisches Instrument, um den Klimawandel wirksam zu bekämpfen. Ein solcher Markteingriff ist nach seiner Ansicht berechtigt und unter Umständen sogar zwingend erforderlich. Darüber hinaus hält er eine gezielte Förderung grüner Technologien für sinnvoll. Robert Schmidt ist Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomie an der FernUniversität.

„Erstaunlich einfach und seit Langem bekannt“ ist nach den Worten von Prof. Dr. Robert Schmidt ein ökonomisches Instrument, das wirksam den Klimawandel bekämpfen kann. Damit meint der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Mikroökonomie an der FernUniversität in Hagen die umfassende Festlegung von einheitlichen Preisen für alle Emissionen, insbesondere von Kohlendioxid („CO2-Steuer“). Ein solcher Markteingriff ist seiner Ansicht nach berechtigt und unter Umständen sogar zwingend erforderlich. Darüber hinaus hält er eine gezielte Förderung grüner Technologien (z.B. erneuerbare Energien, Speichertechnologien) für sinnvoll. „Die Bereitstellung emissionsarmer Technologien hat – ähnlich wie die Senkung der Emissionen – z.T. Eigenschaften eines globalen öffentlichen Gutes!“ Wenn Deutschland eine umfassende CO2-Bepreisung einführe, könne es zudem andere Länder mit an Bord holen und so einen wichtigen Impuls in Richtung einer globalen Bepreisung geben.

Hinsichtlich der Bepreisung von CO2-Emissionen setzt Prof. Schmidt sich vehement für eine Quellenbesteuerung ein, also eine Kohlenstoffsteuer. Dabei würden die fossilen Brennstoffe direkt bei ihrer Förderung bzw. bei ihrem Import entsprechend ihrem Kohlenstoffgehalt besteuert. Schmidt: „Das ist einfacher und unbürokratischer, als riesige Zahlen von CO2-Emittenten einzeln zu erfassen. Ökonomisch ist es eigentlich egal, wo man die Steuer ansetzt. Pragmatisch ist es, wenn man wirklich an der Quelle, also bei oder möglichst direkt nach der Extraktion der fossilen Brennstoffe aus dem Erdreich sowie beim Import ansetzt. Damit kann man theoretisch eine hundertprozentige Abdeckung der CO2-Emissionen erreichen.“

Denn nicht nur Auto fahren, heizen oder Güter und Dienstleistungen verursachen durch Betrieb und Erzeugung CO2, sondern z.B. auch der energieaufwändige Bau eines Hauses („Graue Emissionen“). Hier müssten z.B. Zementgewinnung und Betonherstellung berücksichtigt werden.

Bisher nur 45 Prozent der CO2-Emissionen in der EU erfasst
Im Gegensatz zu einer solchen umfassenden CO2-Steuer sind im EU ETS, dem EU-Emissionshandel (European Union Emissions Trading System), nur die großen Emittenten wie Industrieunternehmen und Energieerzeuger erfasst und damit lediglich ca. 45 Prozent der Emissionen in der EU. Schmidt: „Wenn man nur den Energieverbrauch der Heizung besteuern würde, bliebe außer Acht, wie energieaufwändig das Gebäude hergestellt wurde. Bei einer umfassenden Kohlenstoffbesteuerung würde das alles berücksichtigt. Und wenn ein Produzent sieht, dass seine Produkte durch die Besteuerung teurer werden, wird er versuchen, kohlenstoffarm zu produzieren.“

Industrieunternehmen und Energieerzeuger könnten – und würden – die höheren Belastungen an ihre Kunden weitergeben. Schmidt: „Es ist egal, wo man die Steuer ansetzt; direkt beim Verbraucher oder in der Produktionskette. Es ist ja auch gewollt, dass das Preissignal sich entlang der Wertschöpfungskette fortpflanzt. Die Verbraucherin, der Verbraucher soll sehen: Dieses Produkt oder diese Dienstleistung ist jetzt teurer, weil da mehr CO2 ‚drinsteckt‘. Also weiche ich auf eine andere Dienstleistung oder ein anderes Produkt aus. Auf den Apfel, der nicht aus Argentinien eingeflogen wurde, sondern hier gewachsen ist.“ Und Produzenten emissionsärmerer Produkte können diese vergleichsweise billiger anbieten, und dadurch ihre Marktanteile steigern. Somit entstehen entsprechende Investitionsanreize in emissionsärmere Produktionsprozesse und Technologien. Um Wettbewerbsnachteile für die heimische Wirtschaft auszuschließen, sollte eine CO2-Bepreisung mit steuerlichem Grenzausgleich (sog. Border Carbon Adjustment – BCA) gekoppelt werden: Exporte würden vom heimischen CO2-Preis befreit und Importe damit belastet.

Da das EU ETS bereits existiert, plädiert Schmidt dafür, die CO2-Steuer zusätzlich einzuführen und die Kosten der Zertifikate an die beteiligten Firmen zurückzuerstatten, um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden: „Die Steuer wirkt dann wie ein Mindestpreis für Emissionen und ergänzt das EU ETS.“ Prof. Schmidt spricht sich entschieden für die Steuer aus und gegen eine Ausweitung des Zertifikatehandels auf bisher nicht erfasste Sektoren. „Die Steuer setzt ein stabiles Preissignal und schafft somit ideale Bedingungen für Investitionen in emissionsarme Technologien, während der Preis im EU ETS schwankt. Dabei sind sowohl unerwartet geringe als auch sehr hohe Zertifikatepreise nicht wünschenswert. Bei geringen Preisen fehlen Anreize, die Emissionen weiter zu reduzieren, sehr hohe Preise bergen konjunkturelle Risiken.“ Prof. Schmidt schlägt einen Einstiegspreis von 80 Euro pro Tonne CO2 vor, was vergleichbar ist mit der Schweizer CO2-Steuer. Die CO2-Steuer sollte im Anschluss kontinuierlich über die Zeit ansteigen.

Ein Teil der Erlöse aus der CO2-Bepreisung sollte seiner Ansicht nach für Regenwald-Schutzprogramme verwendet werden. Das hält Schmidt für noch dringender als das Abschalten von Kohlekraftwerken oder die Entschädigung von Stromkonzernen, weil so neben der Emissionsminderung auch noch ein unermesslicher Beitrag für den Erhalt der globalen Artenvielfalt geleistet würde.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Robert Schmidt robert.schmidt@fernuni-hagen.de

Weitere Informationen:
https://www.scientists4future.org/wp-content/uploads/2019/08/S4F_CO2_Preis_final… „Antworten auf zentrale Fragen zur Einführung von CO2-Preisen“ gibt Prof. Robert Schmidt zusammen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in „Diskussionsbeiträge der Scientists for Future 2, 2019, Version 1.1, doi:10.5281/zenodo.3371150″. In der Veröffentlichung geht es um „Gestaltungsoptionen und ihre Auswirkungen für den schnellen Übergang in die klimafreundliche Gesellschaft“.

Quelle: IDW 

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Schlaganfall-Reha: Entspannung besser als Laufbandtraining?

Dr. Bettina Albers Pressestelle der DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Fortschritte in der Schlaganfalltherapie führen zu einem immer besseren Überleben. Es steigt dadurch aber auch die Zahl der Patienten, die nach Schlaganfall mit bleibenden Behinderungen leben müssen. Somit kommt der Rehabilitation eine wachsende Bedeutung zu. Derzeit ist die Datenlage dazu, welche Trainingsmethode am erfolgversprechendsten ist, widersprüchlich. Das von den amerikanischen Fachgesellschaften empfohlene Ausdauertraining zeigte sich in einer aktuellen, prämierten Studie [1] gegenüber einer Entspannungstherapie als nicht überlegen. Die neuen Daten deuten darauf, dass in der Frühphase nach einem Schlaganfall „weniger vielleicht mehr“ ist.

Weltweit erleiden jährlich 10 Millionen Menschen einen Schlaganfall [2]. Davon erholt sich mindestens ein Drittel funktionell nicht wieder vollständig [3, 4]. Medikamente zur effektiven Unterstützung der Rehabilitation stehen nicht zur Verfügung – das Vorgehen der Wahl besteht in Physio- und Ergotherapie, – im Falle von Sprachstörungen – in der Logopädie sowie in neuropsychologischen Maßnahmen. Laufband-Training kann Geschwindigkeit und Ausdauer beim Gehen und Treppensteigen verbessern und einer zunehmenden Dekonditionierung vorbeugen. Zusätzlich könnte die Neuroplastizität des Gehirns gefördert und somit das Outcome verbessert werden. Daher empfiehlt die „American Heart Association/American Stroke Association“ Schlaganfallpatienten ab der subakuten Phase 3-5 x wöchentlich 20-60 Minuten aerobes Training (Ausdauertraining) bei 55-80% der maximalen Herzfrequenz [5].

Die Datenlage zu den Ergebnissen einer solchen Schlaganfall-Reha ist allerdings widersprüchlich. Manche Studien zeigten eine Verbesserung des maximalen Gehtempos oder einen Anstieg des „Barthel Index“, eines Scores zur Objektivierung von Behinderungen in grundlegenden Alltagsfunktionen. Metaanalysen lieferten dagegen uneinheitliche Ergebnisse eines körperlichen Trainings [6]. Auch die LEAPS-Studie [7] („Locomotor Experience Applied Post-Stroke“) zeigte keine Outcome-Unterschiede für die Laufband-Trainingstherapie versus eines häuslichen Übungsprogramms – allerdings wurde in dieser Studie kein aerobes Training in der Frühphase nach Schlaganfall eingesetzt. „Generell lassen sich die Studien wegen der Unterschiede im Hinblick auf Art, Intensität und Zeitpunkt des Trainingsbeginns schwer vergleichen“, erklärt Frau Prof. Dr. Agnes Flöel, Direktorin der Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Greifswald. „Insbesondere für Patienten in der Frühphase nach einem Schlaganfall bestehen Unsicherheiten, welches Training optimal ist.“

Die deutsche, multizentrische Studie „PHYS-STROKE“ („Physical Fitness Training in Patients with Subacute Stroke“) [1], die innerhalb des Center for Stroke Research Berlin (CSB) an der Charité gefördert wurde, untersuchte unter der Leitung von Frau Prof. Flöel daher randomisiert, kontrolliert und endpunktverblindet die Effekte eines aeroben Laufband-Trainings mit Beginn in der Frühphase nach einem Schlaganfall.

Die PHYS-STROKE-Studie wurde zwischen 2013-2017 an sieben deutschen, stationären Rehabilitationskliniken durchgeführt. Evaluiert wurde die Sicherheit und Effektivität der frühen Lokomotionstherapie mit dem Laufband (5-45 Tage nach dem Ereignis, median 28). 200 erwachsene Schlaganfallpatienten wurden 1:1 in zwei Gruppen randomisiert. Das mittlere Alter lag bei 69 Jahren, 41% waren Frauen. Die Patienten waren mittelschwer bis schwer betroffen (medianer National Institutes of Health Stroke Scale [NIHSS] 8 [IQR 5-12]).

Die Studiengruppe (n=105) absolvierte zusätzlich zu den Standard-Rehamaßnahmen ein aerobes Laufband-Training, die Kontrollgruppe (n=95) nahm neben den Standard-Rehamaßnahmen an Entspannungs-Einheiten teil (n=95). Jede Gruppe absolvierte das jeweilige Training fünfmal wöchentlich, jeweils 25 Minuten, über insgesamt vier Wochen. Nach dieser Zeit nahmen die Patienten weiter an der Standardtherapie teil. Primäres Outcome waren die maximale Gehgeschwindigkeit (in m/s über eine 10-m-Strecke) und Alltagsaktivität der Patienten (Barthel Index 0-100, wobei ein höherer Wert weniger Behinderung bedeutet) – gemessen drei Monate nach dem Schlaganfall. Als schwere unerwünschte Ereignisse galten kardiovaskuläre Ereignisse einschließlich erneutem Schlaganfall, Rückverlegung in ein Akutkrankenhaus und Tod. Im Ergebnis hatte das Laufband-Training nach drei Monaten nicht zur signifikanten Verbesserung des maximalen Gehtempos oder des Barthel Index geführt. Insgesamt gab es in der Laufband-Gruppe jedoch 1,8-mal mehr schwere Ereignisse (22/105 vs. 9/95 Patienten in der Kontrollgruppe) und 2,5-mal mehr Klinikaufnahmen (14/105 vs. 5/95). Zu erneuten Schlaganfällen kam es bei 8/105 vs. 3/95 Patienten, Herzinfarkte traten keine auf, dagegen kam es in der Laufband-Gruppe häufiger zu Stürzen (36/105 vs. 14/95), wenn auch ohne Knochenbrüche. In der Kontrollgruppe gab es einen Todesfall.

„Zusammenfassend war das frühe vierwöchige Laufband-Training hinsichtlich des maximalen Gehtempos und der Alltags-Fitness nach drei Monaten dem Entspannungstraining nicht überlegen“, so Prof. Martin Ebinger, Medical Park Berlin Humboldtmühle, der an der Planung und Durchführung der Studie beteiligt war. „Die vorliegenden Daten sprechen also dafür, bei mittel- bis schwer betroffenen Patienten in der subakuten Phase nach Schlaganfall aerobes Training nicht zu forcieren. Möglicherweise könnten aber leichter betroffene Patienten schon früher profitieren. Dieser Frage muss in künftigen Studien nachgegangen werden, damit konkrete Empfehlungen für diese Gruppe gegeben werden können.“

Die Arbeit vom Team des CSB [1] wurde aktuell mit dem „QUEST Award for Null Results“ vom „Berlin Institute of Health“ (BIH), einer biomedizinischen Forschungseinrichtung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin, ausgezeichnet [8]. Das „Quest Center“ des BIH hat zum Ziel, Qualität und Nutzen der medizinischen Forschung zu fördern – unter anderem durch Publikation gut durchgeführter, aber „negativer“ Studien, d. h. sogenannter NULL-Ergebnisse. Denn negative Studienergebnisse haben eine oft unterschätzte Bedeutung, sie sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Diskussion über die Effizienz verschiedener Therapieansätze. Werden negative Studienergebnisse nicht veröffentlicht, entsteht ein verzerrtes Gesamtbild in der wissenschaftlichen Literatur (Publikationsbias).

Literatur
[1] Nave AH, Rackoll T, Grittner U et al. Physical Fitness Training in Patients with Subacute Stroke (PHYS-STROKE): multicentre, randomised controlled, endpoint blinded trial. BMJ 2019; 366: l5101, doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l5101 (Published 18 September 2019)
[2] Feigin VL, Norrving B, Mensah GA. Global Burden of Stroke. Circ Res 2017; 120: 439-48
[3] Wolfe CDA, Crichton SL, Heuschmann PU et al. Estimates of outcomes up to ten years after stroke: analysis from the prospective South London Stroke Register. PLoS Med 2011; 8: e1001033
[4] Crichton SL, Bray BD, McKevitt C et al. Patient outcomes up to 15 years after stroke: survival, disability, quality of life, cognition and mental health. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2016; 87: 1091-8
[5] Billinger SA, Arena R, Bernhardt J et al. Physical activity and exercise recommendations for stroke survivors: a statement for healthcare professionals from the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke 2014; 45: 2532- 53
[6] Saunders DH, Sanderson M, Hayes S et al. Physical fitness training for stroke patients. Cochrane [7] Duncan PW, Sullivan KJ, Behrman AL et al. LEAPS Investigative Team. Body-weight-supported treadmill rehabilitation after stroke. N Engl J Med 2011; 364: 2026-36
[8] https://www.bihealth.org/de/forschung/quest-center/initiativen/null-und-replikat…
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie c/o albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
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Originalpublikation:

doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l5101

Weitere Informationen:

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Blasentang zeigt gekoppelte Reaktionen auf Umweltveränderungen

Dr. Andreas Villwock Kommunikation und Medien
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Mehr kurzzeitige Hitzewellen, langfristig Erwärmung und Versauerung, zunehmende Überdüngung und Sauerstoffarmut – marine Ökosysteme sind vielfältigen Veränderungen ausgesetzt. Ebenso vielfältig sind die Reaktionen der im Meer lebenden Organismen auf einzelne dieser Faktoren. Biologinnen und Biologen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel konnten jetzt erstmals bei einer Großalge nachweisen, dass ihre Antwort auf unterschiedliche Umweltveränderungen positiv und negativ gekoppelt sein können – was zu einer Beschleunigung oder Ausbremsung ihrer Anpassung führt. Die Studie ist jetzt in der internationalen Online-Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen.

Der Stress für marine Ökosysteme steigt. Die Erwärmung der Meere, das Absinken des pH-Wertes des Meerwassers, die Zufuhr von Nährstoffen und der Verlust von Sauerstoff setzt ihnen zu. Zwar können einzelne Faktoren für bestimmte Arten durchaus einen Vorteil bedeuten. Andere Veränderungen können den Lebensraum derselben Art aber auch empfindlich einschränken. Die unterschiedlichen Wirkungen machen die Abschätzung zukünftiger Verschiebungen der Artenvielfalt sehr schwierig. „Eine der zentralen Fragen ist, ob die Reaktionen auf verschiedene Veränderungen positiv oder negativ miteinander in Verbindung stehen oder ob sie unabhängig voneinander ablaufen“, sagt Prof. Dr. Martin Wahl, Meeresbiologe am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Biologinnen und Biologen des GEOMAR und der Universität Rostock veröffentlichen jetzt in der internationalen Online-Fachzeitschrift Scientific Reports eine Studie, die erstmals zeigt, dass bei einer Schlüsselart in Küstenökosystemen, dem Blasentang Fucus vesiculosus, Anpassungen an mehrere Veränderungen auf genetischer Ebene gekoppelt sind. „Das kann Reaktionen des Blasentangs auf Veränderungen sowohl beschleunigen als auch blockieren „, erklärt Professor Wahl, Hauptautor der Studie.

Der Blasentang Fucus vesiculosus ist eine Braunalge, die auf harten Untergründen entlang der Küsten des Nordatlantiks sowie in Nord- und Ostsee siedelt. Wie andere Algen auch spielt er in bei der Bindung von Kohlenstoff im Meer eine wichtige Rolle. Außerdem bildet er die Grundlage von Ökosystem an den jeweiligen Küstenabschnitten. In der Ostsee, aber auch in seinen anderen Verbreitungsgebieten, sind die Bestände von Fucus vesiculosus seit Beginn des 21. Jahrhunderts stark zurückgegangen. Die genauen Gründe dafür sind noch nicht endgültig geklärt.

Für ihre Studie haben die Forscherinnen und Forscher eine spezielle Versuchsanlage, die Kiel Outdoor Benthokosmen (KOB), genutzt. Sie besteht aus insgesamt zwölf Versuchskammern, in denen in kleinem Maßstab Küstenökosysteme nachgebildet werden können. Dank einer komplexen Regeltechnik sind mehrere Umweltparameter manipulierbar. Da die KOB auf einem Ponton in der Kieler Innenförde liegen und direkt mit Wasser aus der Förde versorgt werden, kommen die Umweltbedingungen innerhalb der Versuchsbecken der Natur sehr nahe.

In den Versuchskammern hat das Team über einen Zeitraum von zwölf Monaten genetisch unterschiedliche Familien des Blasentangs erhöhten Kohlendioxid-Bedingungen und daraus resultierenden niedrigeren pH-Werten im Wasser, Wärmephasen, erhöhtem Nährstoffeintrag und Phasen mit Sauerstoffarmut ausgesetzt. „Bei den einzelnen Familien handelte es sich jeweils um die Nachkommen von nur einem Elternpaar“, erklärt Professor Wahl.

Die Reaktionen auf die verschiedenen Veränderungen waren klar aneinander gekoppelt. So konnten Familien, die niedrigere pH-Werten vertrugen, auch Erwärmung und höhere Nährstoffwerte vertragen – und umgekehrt. Gleichzeitig waren genau diese Familien aber deutlich anfälliger für Sauerstoffarmut. „In der Natur könnte das bedeuten, dass eine Blasentang-Population, die sich an Überdüngung und sommerliche Hitze angepasst hat, im Herbst durch den Auftrieb von sauerstofffreiem Wasser aus der Tiefe besonders schwer geschädigt oder ganz vernichtet wird“, sagt Martin Wahl.

Insgesamt ist dem Team damit nicht nur der erste Nachweis gelungen, dass Reaktionen auf verschiedene Symptome des globalen Wandels bei einem marinen Primärproduzenten gekoppelt sein können. „Die Studie zeigt auch, dass wir in Zukunft noch Forschung benötigen, welche die Reaktionen von Organismen auf mehrere gleichzeitig oder zeitlich versetzt auftretende Umweltveränderungen untersucht. Sonst ist es schwer, belastbare Aussagen über die zukünftige Entwicklung von Ökosystemen im Meer zu treffen“, betont Professor Wahl.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Martin Wahl, mwahl@geomar.de

Originalpublikation:
Al-Janabi, B., M. Wahl, U. Karsten, A. Graiff, and I. Kruse (2019): Sensitivities to global change drivers may correlate positively or negatively in a foundational marine macroalga. Scientific Reports, https://doi.org/10.1038/s41598-019-51099-8

Quelle: IDW 

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Schön sein hilft, reicht aber nicht

Nicolas Scherger Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Die Frage ist vielleicht so alt wie die Demokratie selbst: Werden physisch attraktivere Menschen eher gewählt als ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter? Dr. Sebastian Jäckle vom Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg hat in zwei gerade erschienen Studien gemeinsam mit seinen Kollegen Thomas Metz, ebenfalls von der Universität Freiburg, sowie Prof. Dr. Georg Wenzelburger und Dr. Pascal König von der Technischen Universität Kaiserslautern herausgefunden, dass gutes Aussehen den Erfolg bei Wahlen teilweise erklären kann.

Am wichtigsten bleibe den Wählerinnen und Wählern jedoch bei ihrer Entscheidung die Parteizugehörigkeit der Kandidatin oder des Kandidaten, fügt Sebastian Jäckle hinzu.

In der ersten Studie, die in der Zeitschrift für Parlamentsfragen erschienen ist, zeigt sich, dass Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2017 sowohl von einem attraktiven Äußeren profitieren als auch davon, wenn sie auf Fotos kompetent wirken. Konkret zeigen die Modelle, dass eine Person, die von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studien für attraktiver bewertet wird als ihre direkte Wahlkreiskonkurrenz, hierdurch 3,8 Prozentpunkte Vorsprung einfahren kann. „Der positive Aspekt der Attraktivität ist zwar am stärksten, allerdings schneiden Direktkandidaten, die als kompetenter eingeschätzt werden, ebenfalls signifikant besser ab als diejenigen, denen eine geringere Kompetenz attestiert wird“, betont Jäckle. Keinen relevanten Vorteil hätte hingegen, wer sympathischer wirke.

Die zweite Studie hat dieselbe Fragestellung für die Wahlen zum US-amerikanischen Repräsentantenhaus untersucht. „In den USA ist der Effekt des Aussehens aufgrund der starken Personalisierung des politischen Lebens noch extremer. Dort beeinflusst das Erscheinungsbild die Wahl von Kongresskandidaten wesentlich stärker, hier sind bis zu elf Prozentpunkte allein aufgrund des Aussehens herauszuholen“, erläutert der Politologe den Hauptbefund seiner Studie „A Catwalk to Congress“, die in American Politics Research veröffentlicht wurde.

Angelehnt an zwei frühere Studien hat das Team um Sebastian Jäckle untersucht, ob es Verschiebungen in der Bedeutung der drei Merkmale Attraktivität, Sympathie und wahrgenommene Kompetenz zwischen den Bundestagswahlen 2013 und 2017 gab. „Es galt herauszufinden, ob sich die 2013 beobachteten Effekte verändert haben, welche Merkmale im Aussehen besonders erklärungskräftig sind und ob sie unter bestimmten Bedingungen auffallend stark zu Tage treten“, sagt Jäckle. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Effekt der Attraktivität 2017 im Vergleich zur vorherigen Wahl deutlich erhöht hat und sich das Wahlverhalten in Deutschland damit immer mehr dem in den USA annähert. Zudem weisen die Analysen darauf hin, dass das Aussehen in bestimmten Wahlkreiskonstellationen wichtiger ist als in anderen. In Wahlkreisen, in denen zwei Männer gegeneinander antreten, spiele es eine eher untergeordnete Rolle. Erlange hingegen eine Frau das Direktmandat, egal ob gegen eine andere Frau oder einen Mann, habe die Bewertung des Aussehens tendenziell einen größeren Einfluss.

Als Datengrundlage dienten für beide Studien Online-Fragebögen, in denen die Teilnehmer 30 Kandidatenpaare präsentiert bekamen, die auch in der Realität im Wahlkreis gegeneinander angetreten sind. Von diesen mussten sie unter Zeitdruck intuitiv angeben, wen von den beiden sie für attraktiver, kompetenter und sympathischer hielten. „Im Gegensatz zu der verbreiteten Praxis, vergleichsweise kleine Gruppen von Studierenden für solche Ratings heranzuziehen, wurde bei beiden Studien auf eine sehr viel größere und diversere Stichprobe von 700 beziehungsweise 5.400 Personen zurückgegriffen“, unterstreicht Jäckle.

Den Ergebnissen der Studie schreibt der Politologe durchaus eine praktische Relevanz zu, denn „es ist vergleichsweise einfach, über ein verändertes Aussehen die Attraktivitäts- und Kompetenzratings zu beeinflussen“. So ließe sich beispielsweise an das Tragen einer Brille oder von Schmuck, an bestimmte Frisuren oder Make-up sowie an professionelle Fotoshootings für die Wahlkampagne denken. „Allein hierdurch dürften in einigen Wahlkreisen ein oder zwei zusätzliche Prozentpunkte herauszuholen sein – was durchaus über Sieg oder Niederlage entscheiden könnte.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Sebastian Jäckle
Seminar für Wissenschaftliche Politik
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: 0761/203-9368
E-Mail: sebastian.jaeckle@politik.uni-freiburg.de

Originalpublikation:

Jäckle, Sebastian/Metz, Thomas/Wenzelburger, Georg/König, Pascal (2019): A Catwalk to Congress? Appearance-Based Effects in the Elections to the U.S. House of Representatives 2016, in American Politics Research. https://doi.org/10.1177/1532673X19875710

Jäckle, Sebastian/Metz, Thomas (2019): „Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast“ – Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2017, in ZParl Heft 3/2019, S. 507 – 528, https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0340-1758-2019-3-523

Weitere Informationen:

https://www.pr.uni-freiburg.de/pm/2019/schoen-sein-hilft-reicht-aber-nicht

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Steckt im grünen Tee ein Wirkstoff gegen Antibiotikaresistenz?

Karola Neubert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Eine gesundheitsfördernde Wirkung wird dem grünen Tee schon seit längerer Zeit nachgesagt. Dass er aber im Kampf gegen Antibiotika-resistente Bakterien helfen kann, ist eine neue Erkenntnis von DZIF-Wissenschaftlern an der Uniklinik Köln und Wissenschaftlern der University of Surrey. Sie haben ein natürliches Antioxidans im Tee entdeckt, das multiresistente Pseudomonas aeruginosa Bakterien in einer Studie angreifbarer machte. Die Untersuchung wurde aktuell im Journal of Medical Microbiology veröffentlicht.

Epigallocatechin (EGCG) heißt die Substanz im grünen Tee, die die Aktivität eines Antibiotikums – Aztreonam – gegen den in Krankenhäusern gefürchteten Erreger Pseudomonas aeruginosa wiederherstellen konnte und damit dessen Wachstum hemmte. P. aeruginosa kann schwere Lungeninfektionen sowie Blutvergiftungen hervorrufen und wird häufig mit Aztreonam behandelt, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen. Durch zunehmende Resistenzen gegenüber Aztreonam kann die Behandlung des Bakteriums schwierig werden.

Tee-Wirkstoff im Test
In in vitro-Versuchen analysierten die Wissenschaftler, ob EGCG die Wirkung des Antibiotikums auf das Wachstum von P. aeruginosa beeinflusst. „Wir konnten zeigen, dass Aztreonam die Bakterienvermehrung stärker hemmte, wenn EGCG mit im Kulturmedium enthalten war“, erklärt Prof. Harald Seifert, DZIF-Wissenschaftler an der Uniklinik Köln. Die Substanz aus dem Tee konnte demnach die Empfindlichkeit der Bakterien für das Antibiotikum wiederherstellen. Dieser synergistische Effekt wurde auch in vivo bestätigt, indem Wachsmottenlarven mit dem Antibiotikum – mal mit und mal ohne das EGCG – behandelt wurden. Die toxische Wirkung von EGCG erwies sich sowohl in Versuchen mit Hautzellen als auch in den Larven als gering, was für einen möglichen klinischen Einsatz in der Zukunft entscheidend sein kann. Der Wirkmechanismus ist noch nicht abschließend geklärt.

Erstautor Dr. Jonathan Betts, University of Surrey, erklärt: „Natürliche Produkte wie EGCG, die mit bereits lizenzierten Antibiotika kombiniert werden, könnten ein wichtiges Mittel sein, um die Lebensdauer eines Antibiotikums zu verlängern.“ Eine Weiterentwicklung dieser alternativen Wirksubstanz bis hin zu klinischen Studien ist geplant.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Harald Seifert und Dr. Paul Higgins
T +4922147832008
harald.seifert@uni-koeln.de
paul.higgins@uni-koeln.de

Originalpublikation:

Betts JW, Hornsey M, Higgins PG, Lucassen K, Wille J, Slquero FJ, Seifert H, La Ragione RM
Restoring the activity of the antibiotic aztreonam using the polyphenol epigallocatechin gallate (EGCG) against multidrug-resistant clinical isolates of Pseudomonas aeruginosa.
J Med Microbiol 2019 Aug 16. Doi: 10.1099/jmm.0.001060

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Vom „Waldsterben“ in den 80ern zu den Waldschäden von heute?

Dr. Michael Welling Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Neues Fachbuch zum Status und zur Entwicklung der Wälder in Deutschland vorgestellt
Seit Mitte der 1980er-Jahre wird der Waldzustand in Deutschland flächendeckend beobachtet – eine Konsequenz aus der damaligen Waldsterben-Diskussion. Zu welchen Erkenntnissen kommt das Langzeitmonitoring in Bezug auf die Ursachen und den Umfang der Waldschäden im Laufe der Zeit? Antworten auf diese und andere Fragen gibt ein neu erschienenes Fachbuch, das am 18. September 2019 im Rahmen eines internationalen Symposiums von Waldfachleuten im Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) in Berlin vorgestellt wurde.

Umweltbedingungen haben sich in den letzten 30 Jahren verändert
Gegen das in den 1980er-Jahren befürchtete „Waldsterben“ wurden erfolgreich Maßnahmen ergriffen, vor allem zur Luftreinhaltung. Die anthropogen bedingten Einträge an Schwefel konnten deutlich gemindert werden. Die Stickstoffeinträge in Wälder verringerten sich hingegen nur in geringerem Maße. Gleichzeitig wurden viele Wälder zu laubbaumreichen Beständen umgebaut. Dies hat die Humusauflagen verbessert und zu einer Verlagerung von organischer Substanz sowie von Nähr- und Schadstoffen von der Humusauflage in den oberen Mineralboden geführt. Doch heute steht der Wald mit dem Klimawandel vor einer neuen Herausforderung. „Wir erleben gerade die dramatischen Auswirkungen von Witterungsextremen: Stürme, lang anhaltende Dürreperioden, Hitze, unterbrochen von lokalen Starkniederschlägen, die Schäden an der Infrastruktur verursachen, aber den Wassermangel im Waldboden nicht auszugleichen vermögen“, sagt Dr. Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme und Mitautorin des Buches. Die würde nicht nur bei uns beobachtet, sondern quer durch Europa.

Waldschäden im Wandel
Die Daten der bundesweiten Waldzustandserhebung zeigen eine räumliche Verlagerung der Hauptschadensgebiete und -baumarten seit den 1990er Jahren. Während früher Versauerung mit seinen Folgen im Boden oder sogar direkte Rauchgasschäden zu einem Absterben der Bäume führten, sind heute vor allem Fichtenbestände in den Lagen unter 500 Metern betroffen; in der Folge kommt es bei der Fichte zu starken Borkenkäfer-Kalamitäten. In den letzten zwei Jahren ist auch die Buche vermehrt durch Trockenheit geschädigt worden; zurzeit wird das Absterben ganzer Buchenbestände beobachtet. In Eichenbeständen treten vermehrt Insektenschäden auf.

Nährstoff- und Wasserhaushalt von Waldböden
Die Waldböden spielen eine Schlüsselrolle für die Anpassung unserer Wälder an den Klimawandel. Denn für das Gedeihen von Waldbäumen sind neben Klimafaktoren wie Temperatur und Niederschlag der Nährstoff- und Wasserhaushalt der Böden entscheidend. Die anthropogen bedingte Bodenversauerung hat abgenommen, und es ist im Mittel eine leichte Erholung zu verzeichnen. Dies ist die Folge der Luftreinhaltung (Rauchgas-Entschwefelung, Katalysatoren), durch die weniger versauernd wirkender Schwefel in die Atmosphäre und von dort in die Waldökosysteme gelangt. Kalkungsmaßnahmen unterstützen die Erholung der Böden. Weiterhin auf hohem Niveau sind aber die Stickstoffeinträge, die sowohl versauernd als auch eutrophierend wirken. Dies zeigen die Waldernährungswerte und die Stickstoffbilanzen. Noch gibt es wenige Waldstandorte, die Nitratausträge aufweisen. Die Stickstoffbilanzen an den Punkten der bundesweiten Bodenzustandserhebung im Wald zeigen aber, dass die kritischen Belastungsgrenzen überschritten werden.

Auf flachgründigen Böden sowie Sand- und Kiesböden mit geringem Wasserhaltevermögen leiden die Bäume in niederschlagsfreien Perioden schneller unter Wassermangel. Bei langanhaltender Hitze und Dürre trocknen jedoch auch tiefgründige Böden aus.

Böden als Klimaschützer
Waldböden binden pro Jahr rund 0,75 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar. Zum Zeitpunkt der zweiten Bodenzustandserhebung im Wald (2006-2008) betrugen die Vorräte 1,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff im Boden. Somit sind die Vorräte im Waldboden etwa so hoch wie im Holz.

Böden als Speichermedium
Bezüglich Schadstoffen gelten Wälder als relativ unbelastet. Beim Stickstoff hat sich gezeigt, dass dies nicht ohne Weiteres stimmt. Doch wie sieht es mit den „klassischen“ Schadstoffen wie Schwermetallen und organischen Schadstoffen aus? Insbesondere Blei hat in den Humusauflagen abgenommen und wurde in den Mineralboden verlagert und dort gespeichert. Im Buch wie auf der Tagung werden erstmals auch die Ergebnisse zu organischen Schadstoffen (POP) im Rahmen der Bodenzustandserhebung vorgestellt.

Herausforderung für die Zukunft
Das Fachbuch beschreibt die vielfältigen Funktionen und Leistungen des Wald und insbesondere der Waldböden, aber auch die Risiken wie Stickstoff-Einträge und Klimawandel. Bei der begleitenden Tagung ging es im letzten Vortrag um die Frage, welche Risiken und Chancen die Forstwirtschaft bei der Anpassung der Wälder an den Klimawandel hat. Klima- und standortgerechte Baumartenwahl und Waldbehandlung unter sich schnell ändernden Bedingungen werden eine der Kernherausforderungen der Zukunft sein.

Das Buch „Status and Dynamics of Forests in Germany“, herausgegeben von Nicole Wellbrock und Andreas Bolte, Forstwissenschaftler am Thünen-Institut für Waldökosysteme, ist im Springer-Verlag als „Open access“-Publikation erschienen. Der Link zum Buch: https://www.springer.com/gp/book/9783030157326#aboutBook

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Nicole Wellbrock
Thünen-Institut für Waldökologie, Eberswalde
Tel.: 03334 3820-304
Mail: nicole.wellbrock@thuenen.de

Originalpublikation:
Wellbrock N., Bolte A. (ed): Status and Dynamics of Forests in Germany. Springer-Verlag.
https://www.springer.com/gp/book/9783030157326#aboutBook

Quelle: IDW 

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Avatare gegen Adipositas

Robert Emmerich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Neue Therapien gegen starkes Übergewicht: Unter Leitung der Uni Würzburg erforscht ein Verbundprojekt Methoden der virtuellen Realität, um die Körperwahrnehmung von Betroffenen positiv zu beeinflussen.

Adipositas, also die krankhafte Form von Übergewicht, ist weit verbreitet: 20 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sind davon betroffen. Auch global gesehen ist Adipositas ein Problem: Deutlich erhöhtes Übergewicht steht auf Platz sechs der häufigsten Todesursachen.

Menschen mit Adipositas befinden sich oft in einer Art Kriegszustand mit ihrem Körper. Viele Betroffene verlieren den Glauben daran, abnehmen zu können. Diese Unzufriedenheit kann sich auch auf das soziale Leben und die Psyche auswirken.

Fünf Hochschulen und zwei Firmen sind beteiligt
Das sind gute Gründe, nach neuen Therapiemöglichkeiten zu forschen. Dieses Ziel verfolgen Professor Marc Erich Latoschik und Juniorprofessorin Carolin Wienrich von der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg gemeinsam mit dem Team von Professor Mario Botsch von der Universität Bielefeld. Beteiligt sind außerdem Gruppen der TU München, der HTW Berlin und der FH Gera sowie die Unternehmen brainboost GmbH und The Captury GmbH.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Projekt ViTraS in den kommenden drei Jahren mit rund 2,5 Millionen Euro; davon fließt fast eine Million an die JMU. ViTraS steht für „Virtual Reality Therapy by Stimulation of Modulated Body Perception“.

Psychische Aspekte bleiben oft untergeordnet
„Für starkes Übergewicht gibt es verschiedene Ursachen. Dazu zählen zum Beispiel Lebensgewohnheiten, sozio-kulturelle, psychische oder genetische Faktoren“, erläutert Latoschik, der an der JMU den Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion leitet. „Bislang stehen Diäten, die Änderung der Lebensgewohnheiten oder die operative Verkleinerung des Magens als Therapieoptionen im Vordergrund. Die psychischen Ursachen und Folgen bleiben oft untergeordnet.“

Viele Menschen mit Adipositas zeigen Veränderungen der Wahrnehmung ihres Körpers, was die therapeutische Arbeit erschwert. Manche schwerwiegenden körperlichen Veränderungen, zum Beispiel der Organe, können nur schwer wahrgenommen werden. Darüber hinaus spielt die äußere Form des Körpers in so gut wie allen sozialen Situationen eine Rolle. Menschen mit Adipositas vermeiden daher häufig soziale Situationen mit Konsequenzen für das Wohlbefinden. Hier wollen die Forschungsteams ansetzen.

Realistisches Bild des Körpers vermitteln
„Die Patientinnen und Patienten sollen zunächst ein realistisches Bild ihres eigenen Körpers erhalten, kein von außen beeinflusstes, wertendes Bild“, erläutert Wienrich, die an der JMU die Juniorprofessur für Mensch-Technik-Systeme innehat. „Dazu erschaffen wir ein exaktes virtuelles Abbild der betroffenen Person, einen sogenannten Avatar.“

Um diesen Avatar so lebensecht wie möglich zu gestalten, werden Patientinnen und Patienten mit 120 Kameras aus verschiedenen Perspektiven fotografiert. Das Team der Universität Bielefeld setzt daraus ein realitätsgetreues Abbild des Körpers zusammen, das danach im virtuellen Raum agieren kann – gesteuert vom Patienten selbst.

Akzeptanz durch Konfrontation
Die Konfrontation mit dem eigenen Körper in der virtuellen Welt kann zu Beginn ungewöhnlich sein – und auch negative Gefühle hervorrufen. „Man muss seine gewohnten Komfortzonen verlassen und lernen, das virtuelle Abbild als den eigenen Körper zu akzeptieren“, so Wienrich. „Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, können die Möglichkeiten der virtuellen Umgebung zum Einsatz kommen. Darin können wir zum Beispiel Situationen konstruieren, die dabei helfen können, Teufelskreise aus der realen Welt zu durchbrechen.“

„Diese Gegenüberstellung in auch unangenehmen Situationen in der virtuellen Welt ist in der Psychologie eine etablierte Methode“, erläutert Latoschik. „Hier in Würzburg erforscht auch die klinische Psychologie virtuelle Welten, um Phobien, beispielsweise Spinnenangst, durch individuelles Training im Simulator zu behandeln. Diese Ansätze kommen dann direkt in der Hochschulambulanz für Psychotherapie zum Einsatz.“

Therapiemöglichkeiten im virtuellen Raum
Nachdem das eigene Abbild im virtuellen Raum geschaffen wurde, lassen sich unterschiedliche Therapieansätze verwirklichen. Dazu zählt zum Beispiel die Möglichkeit, den Avatar beliebig zu verändern. Zurückliegende Ereignisse, wie ein schleichender Gewichtsanstieg über viele Jahre, lassen sich in der Rückschau aufarbeiten. Aber auch die Aussichten einer erfolgreichen Therapie können vor Augen geführt werden.

„Ändern wir das Erscheinungsbild oder das Auftreten des Avatars, kann sich das messbar auf die reale Person auswirken“, sagt Latoschik. So könnten Bilder aus dem Innenleben des Körpers konstruiert werden, die verdeutlichen, wie sich eine krankhafte Gewichtszunahme auf Körperorgane auswirkt – und wie eine Therapie hier positive Ergebnisse liefern kann.

„Kaum einer von uns kann sich seinen eigenen Körper 20 oder 30 Jahre in der Zukunft vorstellen. Wenn wir die Zeit in der virtuellen Realität vorspulen, erhalten wir ganz neue An- und Einsichten über uns selbst und die möglichen Konsequenzen unseres Handelns“, so der JMU-Professor.

Virtuelle Gruppentherapien als Option
Die virtuelle Welt lässt einen nahezu unbegrenzten Freiraum für Anwendungen und Erfahrungsmöglichkeiten. „Losgelöst vom realen Körper könnten sich Menschen mit einer frei wählbaren Erscheinungsform weltweit in virtuellen Gruppentherapien austauschen. Sonst negativ wahrgenommene Körperbilder treten hier in den Hintergrund“, erläutert Wienrich.

Wichtig ist dem JMU-Team, dass in diesem Projekt Grundlagenforschung und anwendungsreife Ansätze kombiniert werden. „Forschungen mit virtuellen Umgebungen sind in der Wissenschaft und in Unternehmen etabliert“, führt die Professorin aus. „Wir verbinden die erprobten Aspekte mit neuen technischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Fragestellungen.“

Gamification: Elemente aus Spielen einsetzen
Das Projekt ViTraS verbindet Aspekte der interaktiven Computergrafik, Kognitionsforschung und Informatik. Es setzt auch auf Gamification – also auf die Nutzung von Elementen aus Computerspielen. „Dabei interessieren uns vor allem Fragen zu Spielemechaniken und zur Motivierung der Teilnehmenden. Das macht das Projekt auch für Studierende interessant“, sagt Latoschik. Studierende mit einem passenden fachlichen Hintergrund können über eine wissenschaftliche Mitarbeit oder Praktika in die Forschungen eingebunden werden.

Preisgekrönt schon kurz nach dem Projektstart
Das Deutsche Institut für Virtual Reality (DIVR) hat das Konzept von ViTraS schon kurz nach dem Start des Projekts ausgezeichnet. Im Rahmen der „DIVR Science Awards“ erhielt ViTraS den Preis in der Kategorie „Best Impact“. Insgesamt hatte es 49 Bewerbungen gegeben. Der Preis wurde am 23. Mai 2019 beim „VR Science und Business Day“ des „Places VR Festival“ in Gelsenkirchen verliehen.
Von Jörg Fuchs

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Marc Erich Latoschik, Universität Würzburg, T +49 931 31-85871, marc.latoschik@uni-wuerzburg.de

Weitere Informationen:

http://hci.uni-wuerzburg.de/projects/vitras/ Verbundprojekt ViTraS
https://www.divr.de/divr-award-2019-ein-rueckblick/ DIVR Science Awards 2019

Quelle: IDW 

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Städtische Infrastrukturen fit für den Klimawandel machen. Das Projekt FLEXITILITY ist Anfang August gestartet.

Helke Wendt-Schwarzburg Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
inter 3 Institut für Ressourcenmanagement

Der Klimawandel wird bereits jetzt in Form von Extremwetterereignissen spürbar. Häufige Starkregen und lange Phasen von Trockenheit und Hitze in diesem Jahr sind ein Beispiel dafür. Davon sind zunehmend städtische Infrastrukturen wie die Wasser- oder Energieversorgung, betroffen. inter 3 koordiniert das jetzt gestartete Projekt „Flexible Utility – Mit sozio-technischer Flexibilisierung zu mehr Klimaresilienz und Effizienz in der städtischen Infrastruktur“, kurz „Flexitility“. Im Projekt wird untersucht, wie durch Flexibilität im Einsatz von Infrastrukturleistungen besonders hohe, kurzzeitige Leistungsnachfragen vermindert und eine klimaresiliente Stadtentwicklung unterstützt werden können.

Ein höherer Wasserverbrauch in Trockenperioden zum Bewässern von Gärten, ein höherer Stromverbrauch durch Klimaanlagen bei Hitze oder überflutete Abwassersysteme bei Starkregen – das sind nur ein paar Herausforderungen, die die Versorgungsinfrastrukturen in Städten und Gemeinden zu bewältigen haben.

„Für städtische Versorgungsinfrastrukturen stellt das sich verändernde Klima eine deutliche Belastung dar“, sagt Dr. Shahrooz Mohajeri, Projektleiter bei inter 3. „Der Wasserverbrauch ist zum Beispiel seit Jahren rückläufig, doch in heißen Sommermonaten kann die Spitzenlast auf das Zwei- bis Dreifache ansteigen“.

Um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen, stehen Städte und Gemeinden vermehrt vor der Entscheidung: Infrastrukturen teuer ausbauen oder beispielsweise mit erheblichem technischem und organisatorischem Aufwand die Ver- und Entsorgungsinfrastruktur dezentralisieren. Im Projekt Flexitility wird daher eine dritte Möglichkeit als potentielle Alternative zum Aus- und Umbau betrachtet: die Flexibilisierung des Infrastruktur- und Ressourceneinsatzes.

Testen unter realen Bedingungen
In Flexitility soll einerseits untersucht werden, inwieweit die Unternehmen bei der Versorgung ihrer Kund*innen technisch flexibler werden können. Andererseits richtet sich der Blick auf die Abnehmer, also Haushalte, Gewerbe und Industrie. Welche Möglichkeiten eines flexiblen Konsumverhaltens gibt es bei den Verbraucher*innen, um die Nachfrage zu „glätten“, also den Verbrauch in Spitzenzeiten zu senken und die Phasen geringer Nachfrage zu reduzieren? Was hindert die Verbraucher*innen daran, ihr momentanes Verbrauchsverhalten an bestehende Infrastrukturkapazitäten anzupassen?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wird – orientiert an realen Bedingungen – konkret erprobt, wie die Umgestaltung des Versorgungssystems aussehen könnte. Ein wichtiger Punkt hierbei ist die aktive Beteiligung von Bürger*innen sowie die Einbindung von Städten und Infrastrukturbetreibern, insbesondere in der Region Anhalt. In diesem „Reallabor Anhalt“ wird modellhaft erforscht, wie Flexibilisierungen der Versorgung und des Verbrauchs vonstattengehen können. Daraus lässt sich Handlungswissen ableiten, das für Wissenschaft und Politik in Zukunft ein wichtiger Wegweiser sein kann.

Die Stadt der Zukunft ist an den Klimawandel angepasst
Das Projekt Flexitility wird im Rahmen der Fördermaßnahme „Umsetzung der Leitinitiative Zukunftsstadt“ vom Bundeministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Es hat zum Ziel, Akteure auf kommunaler Ebene zu befähigen, besser mit den Risiken des Klimawandels umzugehen. Durch das Erkennen und Heben technischer und gesellschaftlicher Potentiale der Flexibilisierung von Versorgungsinfrastrukturen und Verbrauchsverhalten soll die Klimaresilienz von Städten gestärkt werden. Im Umkehrschluss wird damit auch die Vulnerabilität von Unternehmen und der regionalen Wirtschaft gesenkt.

Neben inter 3 gehören der Verein Energieavantgarde Anhalt e.V als Träger eines Reallabors in der Region Anhalt, die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik, und die co2online gGmbH zum Verbund. Als Praxispartner sind die Stadt Bitterfeld-Wolfen mit der Stadtentwicklungsgesellschaft mbH, der Herzberger Wasser- und Abwasserzweckverband, die Dessauer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH, die Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen GmbH und die Köthen Energie GmbH an dem Projekt beteiligt.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter https://www.inter3.de/de/projekte/details/article/flexible-utility-staedtische-v…

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Shahrooz Mohajeri, E-Mail: mohajeri@inter3.de; Tel.: +49(0)30 34 34 74 40

Weitere Informationen:

https://www.inter3.de/de/projekte/details/article/flexible-utility-staedtische-v… Kurzdarstellung des Projekts

Anhang

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https://idw-online.de/de/attachment73133

Quelle: IDW 

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Überraschende Erkenntnisse zur Therapie des Herzinfarkts

Christine Vollgraf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.

Nach einem Herzinfarkt oder bei einer instabilen Angina pectoris ist die blutplättchenhemmende Behandlung mit Prasugrel für die Patienten besser als mit Ticagrelor. Zu diesem unerwarteten Ergebnis kommt die vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und dem Deutschen Herzzentrum München finanzierte, industrie-unabhängige Studie ISAR-REACT 5, die jetzt auf dem ESC Kongress in Paris vorgestellt wurde.

Nach einem Jahr kam es in der mit Prasugrel behandelten Patientengruppe zu weniger Herzinfarkten, Schlaganfällen und Todesfällen als in der Patientengruppe, die Ticagrelor erhielt. „Auch das Risiko für Blutungen war mit Prasugrel nicht erhöht“, sagt Studienleiterin Professor Stefanie Schüpke vom Deutschen Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München (TUM). „Das ist eine sehr gute Nachricht für die Patienten.“ Aufgrund vorangegangener Studien zur Vorbehandlung bei einer bestimmten Form des Herzinfarkts hatten die Wissenschaftler erwartet, dass Ticagrelor als Gewinner aus dem direkten Vergleich mit Prasugrel hervorgeht.

Beide Medikamente gehören zu den Blutplättchenhemmern, die Ärzte nach einem akuten Koronarsyndrom (ACS) standardmäßig verordnen. Akutes Koronarsyndrom ist ein Oberbegriff für schwerwiegende Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Dazu gehören der Herzinfarkt und die instabile Angina pectoris. Bei Letzterer treten wie bei einem Herzinfarkt drückende, einschnürende Schmerzen im Brustraum auf, andere Kriterien für einen Infarkt fehlen jedoch.

Die Plättchenhemmer sollen verhindern, dass die Blutplättchen verklumpen und erneut Blutgerinnsel in den vorgeschädigten Herzkranzgefäßen bilden. Bislang empfehlen die Behandlungs-Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie Prasugrel und Ticagrelor gleichermaßen. „Welches der beiden Medikamente besser ist, wussten wir bislang nicht, da der direkte Vergleich in einer ausreichend großen ACS-Population über ein Jahr fehlte“, erklärt die DZHK-Forscherin Stefanie Schüpke. Diese Lücke wird nun von den Ergebnissen der ISAR-REACT 5-Studie geschlossen. An der Studie beteiligten sich 23 Zentren in Deutschland und Italien, insgesamt wurden 4.018 Patienten mit einem ACS untersucht.

Die Prasugrel-basierte Strategie ist der Ticagrelor-basierten Strategie überlegen
In die Studie wurde das gesamte Spektrum von Patienten mit ACS eingeschlossen: 41 Prozent der Studienteilnehmer wurden mit der Diagnose Herzinfarkt mit ST-Streckenhebung (STEMI) aufgenommen, 46 Prozent mit einem Herzinfarkt ohne ST-Strecken-Hebung (NSTEMI) und 13 Prozent der Studienteilnehmer mit einer instabilen Angina pectoris. Der NSTEMI unterscheidet sich vom STEMI unter anderem durch das Fehlen einer bestimmten Hebung in einem Abschnitt des EKGs, der ST-Strecke. Bei allen Patienten war eine Untersuchung mit dem Herzkatheter geplant.

Die Studienteilnehmer wurden zufällig einer Therapie mit Prasugrel oder Ticagrelor zugeordnet. Patienten mit Ticagrelor-Therapie erhielten das Medikament schon bevor die Ärzte ihr Herz mit dem Katheter untersuchten. Mit Prasugrel wurden nur Patienten mit einem STEMI medikamentös vorbehandelt. Aufgrund früherer Studienerkenntnisse erhielten Patienten mit NSTEMI und instabiler Angina pectoris Prasugrel erst nachdem die Herzanatomie bekannt war. Bei älteren Patienten (ab 75 Jahren) und Patienten mit einem Gewicht unter 60 kg wurde die Erhaltungsdosis von Prasugrel von 10 auf 5 mg pro Tag reduziert.

Die Mehrzahl der Patienten (84 %) wurde mit einer perkutanen Koronarintervention behandelt, 2 Prozent erhielten eine Bypass-Operation und 14 Prozent der Patienten wurden konservativ behandelt.

Nach einem Jahr trat der Endpunkt Tod, erneuter Herzinfarkt oder Schlaganfall seltener bei mit Prasugrel behandelten Patienten auf (6,9 %) im Vergleich zu Patienten, die Ticagrelor erhalten hatten (9,3 %). Gleichzeitig war das Risiko für Blutungen mit der Prasugrel-basierten Strategie nicht erhöht.
Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, sowohl bei einem STEMI als auch bei einem NSTEMI und einer instabilen Angina pectoris Prasugrel zu bevorzugen.

Komfortabler und günstiger
Obwohl die beiden Substanzen eine Hemmung der Blutplättchen bewirken, sind sie chemisch ganz unterschiedlich aufgebaut. Ticagrelor ist ein reversibler Plättchenhemmer, dessen Wirkung schneller nachlässt als die von Prasugrel. Ticagrelor muss daher zweimal täglich eingenommen werden, was den Patienten etwas mehr Therapietreue abverlangt. Prasugrel ist hingegen ein irreversibler Plättchenhemmer. Es reicht, ihn einmal täglich einzunehmen. Außerdem ist Prasugrel mittlerweile als Generikum erhältlich und damit günstiger als Ticagrelor.

Relevanz der Studie für die Praxis
Die Studie löst das Dilemma, welches Medikament Ärzte Millionen von Patienten, die jährlich ein ACS erleiden, verordnen sollten. Außerdem erlaubt sie eine Individualisierung der Plättchen-hemmenden Therapie. Sie unterstützt das Konzept, zunächst die Diagnose ACS mittels Herzkatheter zu sichern und vermeidet so, dass Patienten Medikamente erhalten, die sie gar nicht benötigen. Darüber hinaus untermauern die Daten die Sicherheit einer reduzierten Prasugrel-Dosis bei Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko.

Professor Thomas Eschenhagen, Vorstandsvorsitzender des DZHK, lobt nicht nur die hohe Qualität und die klaren Ergebnisse der Studie: „Die ISAR-REACT 5-Studie ist in meinen Augen ein gutes Beispiel für klinische Studien, die das DZHK fördern sollte: Wissenschaftliche Fragestellungen, die unmittelbaren Nutzen für die Patientenversorgung haben, die aber sonst niemand fördern würde. Der Vergleich von zwei (zu Studienbeginn) noch unter Patentschutz stehenden Medikamenten wäre weder vom Bundesministerium für Bildung und Forschung noch von einem der Hersteller finanziert worden. Deswegen hat sich das DZHK entschlossen, diese Studie zu unterstützen, und wie man heute sieht, hat sich das mehr als gelohnt.“

Der Diskutant der Studie, Professor Gilles Montalescot vom Hospital Pitie-Salpetriere in Paris, bezeichnete die Studie als Meilenstein, die die klinische Praxis und die Behandlungsempfehlungen beeinflussen wird.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Stefanie Schüpke, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München, schuepke@dhm.mhn.de

Originalpublikation:
Ticagrelor or Prasugrel in Patients with Acute Coronary Syndromes.
Schüpke S, Neumann FJ, Menichelli M, Mayer K, Bernlochner I, Wöhrle J, Richardt G, Liebetrau C, Witzenbichler B, Antoniucci D, Akin I, Bott-Flügel L, Fischer M, Landmesser U, Katus HA, Sibbing D, Seyfarth M, Janisch M, Boncompagni D, Hilz R, Rottbauer W, Okrojek R, Möllmann H, Hochholzer W, Migliorini A, Cassese S, Mollo P, Xhepa E, Kufner S, Strehle A, Leggewie S, Allali A, Ndrepepa G, Schühlen H, Angiolillo DJ, Hamm CW, Hapfelmeier A, Tölg R, Trenk D, Schunkert H, Laugwitz KL, Kastrati A; ISAR-REACT 5 Trial Investigators. N Engl J Med. 2019 Sep 1. DOI: 10.1056/NEJMoa1908973

Weitere Informationen:
https://dzhk.de/aktuelles/news/artikel/ueberraschende-erkenntnisse-zur-therapie-…

Quelle: IDW 

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Grüner und fairer

Dr. Corinna Dahm-Brey Presse & Kommunikation
Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Eine Steuer auf Kohlendioxid und andere Schadstoffe wirkt doppelt: Sie kann die Emissionen verringern und soziale Ungleichheiten ausgleichen, zeigt eine Studie des Oldenburger Wirtschaftsexperten Christoph Böhringer.

In Diskussionen um die CO2-Steuer ist immer wieder der Vorwurf zu hören, eine pauschale Abgabe auf Treibhausgas-Emissionen sei sozial ungerecht – da sie ärmere Haushalte überproportional belasten würde. Doch tatsächlich könnten Haushalte mit niedrigem Einkommen in manchen europäischen Ländern finanziell von einer CO2-Steuer profitieren – wenn die Einnahmen zu gleichen Anteilen auf alle Haushalte zurückverteilt werden. Das zeigt eine neue Studie unter Leitung des Oldenburger Volkswirtschaftlers Prof. Dr. Christoph Böhringer, die soeben in der Fachzeitschrift Economics of Energy & Environmental Policy erschienen ist.

Zusammen mit Kollegen vom Basque Center for Climate Change in Leioa (Spanien) und vom Massachusetts Institute of Technology in Boston (USA) untersuchte Böhringer, welche wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen eine grüne Steuerreform in Spanien haben würde. Die vorgeschlagene Steuer betrug 40 Euro pro Tonne CO2 in allen Sektoren, die nicht vom Emissionshandel der EU abgedeckt werden. Dazu kam eine Steuererhöhung für fossile Brennstoffe, um die spanische Steuer an den EU-weiten Durchschnitt von 1,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts anzugleichen. Außerdem wurden Abgaben auf Luftschadstoffe wie Stickoxide und Schwefeldioxid erhoben. Die zusätzlichen Steuereinnahmen wurden direkt an alle Haushalte mit einer gleich hohen Pauschalzahlung zurückverteilt.

Das Ergebnis: „Diese Maßnahmen führen zu einer deutlichen Senkung der Emissionen, ohne einzelne Bevölkerungsgruppen ökonomisch übermäßig zu belasten“, berichtet Böhringer. Der Studie zufolge fallen die Kohlendioxid-Emissionen um zehn Prozent, der Ausstoß an Stickoxiden könnte sich um 13 Prozent reduzieren, der an Schwefeldioxid um 20 Prozent. Die Forscher erwarten Einnahmen von 7,3 Milliarden Euro, was einer Rückzahlung von 400 Euro pro Haushalt entsprechen würde. Bei der unteren Hälfte der Einkommen dürften die Rückzahlungen die Steuer ausgleichen: Die Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen erhalten demnach eine Netto-Zuwendung von 203 Euro, die reichsten Haushalte zahlen netto 599 Euro pro Jahr.

Die Umweltsteuer verspricht demnach eine doppelte Dividende: Umweltbelastungen würden sich ebenso verringern wie die Steuerlast für Geringverdiener. Die Forscher erwarten, dass ein ähnliches Steuermodell auch in anderen Ländern funktionieren würde.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christoph Böhringer, Tel.: 0441/798-4102, E-Mail: christoph.boehringer@uol.de

Originalpublikation:
Christoph Böhringer, Xaquin Garcia-Muros, Mikel González-Eguino: „Greener and Fairer: A Progressive Environmental Tax Reform for Spain“, Economics of Energy & Environmental Policy, Vol. 8, No. 2., S. 141ff, DOI: 10.5547/2160-5890.8.2.cboh

Weitere Informationen:
https://uol.de/wipol
https://www.iaee.org/en/publications/eeeparticle.aspx?id=283

Quelle: IDW 

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Sechs Komponenten einer gesunden Familienmahlzeit

Nicole Siller Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Fernseher aus, sich Zeit lassen beim Essen, kein Streit bei Tisch: Wissenschaftler*innen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Mannheim haben Studien zur Qualität von Familienmahlzeiten ausgewertet. Ihre Ergebnisse können Eltern und Erziehungsberechtigten als Leitfaden dienen, um die Ernährungsgesundheit ihrer Kinder zu fördern. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift Health Psychology erschienen.

Häufige Familienmahlzeiten sind gut für eine gesunde Ernährung von Kindern. So konnten die Wissenschaftler*innen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Mannheim bereits in der Vergangenheit zeigen, dass Kinder, in deren Familien häufiger zusammen gegessen wird, einen geringeren Body Mass Index (BMI) haben und sich insgesamt gesünder ernähren. Ungeklärt war jedoch bislang, was Familienmahlzeiten so besonders für die kindliche Ernährung macht. „Familienmahlzeiten führen nicht per se zu einem besseren Essverhalten. Soziale, psychologische und Verhaltensaspekte spielen eine wichtige Rolle“, sagt Erstautorin Mattea Dallacker vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Dazu legen die Wissenschaftler*innen nun eine Metaanalyse von Studien vor, die sich mit den qualitativen Aspekten von Familienmahlzeiten beschäftigen. Insgesamt sechs Komponenten stehen in korrelativem Zusammenhang mit einer besseren Ernährungsgesundheit von Kindern: Eine gute Atmosphäre bei den Mahlzeiten zählt ebenso dazu wie gesunde Lebensmittel. Auch ernähren sich diejenigen Kinder gesünder, die bei der Zubereitung der Mahlzeiten mit einbezogen werden oder deren Eltern durch ihr eigenes Ernährungsverhalten mit gutem Beispiel vorangehen. Darüber hinaus sind die Dauer der Mahlzeit sowie das Ausschalten des Fernsehers weitere wichtige Komponenten. „Wie eine Familie gemeinsam isst, ist genauso wichtig oder sogar wichtiger als die Häufigkeit der gemeinsamen Mahlzeiten“, kommentiert Co-Autor Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die Ergebnisse. Das Alter der Kinder – ob Kleinkind oder bereits Heranwachsende*r – sowie der soziale und ökonomische Hintergrund der Familie hatten keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Die Metaanalyse untersuchte insgesamt 50 Studien mit über 29.000 Proband*innen aus aller Welt, die sich mit dem Zusammenhang eines oder mehrerer Komponenten von Familienmahlzeiten und der Ernährungsgesundheit von Kindern beschäftigen. Als Indikatoren für die Ernährungsgesundheit wurden der BMI als indirektes Maß für Körperfett und Übergewicht sowie die Ernährungsqualität herangezogen, gemessen an den pro Tag konsumierten Portionen an gesunden und ungesunden Lebensmitteln.

Der berichtete Zusammenhang zwischen Familienmahlzeiten und der Ernährungsgesundheit ist klein. Dennoch spielen Familienmahlzeiten nach Ansicht der Wissenschaftler*innen eine wichtige Rolle in der Adipositasprävention. „Um Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen sind vielfältigste Maßnahmen notwendig. Familienmahlzeiten sind eine Möglichkeit. Sie bieten die Chance, auf kindliche Essgewohnheiten unmittelbar und frühzeitig einzuwirken“, sagt Jutta Mata, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim. Im Hinblick auf die vielfältigen Familienmodelle, die es in modernen Gesellschaften gibt, erscheinen die Ergebnisse unabhängig von spezifischen Konstellationen. Beispielsweise mache es keinen Unterschied, ob nur ein oder zwei Elternteile bei den Familienmahlzeiten anwesend sind.

In weiteren Studien gilt es herauszufinden, ob sich die Aussagen beispielsweise mit Blick auf die Nutzung von Smartphones oder Tablets während Mahlzeiten oder auf andere Kontexte wie Schulessen verallgemeinern lassen.

Originalpublikation:

Dallacker, M., Hertwig, R., & Mata, J. (2019). Quality matters: A meta-analysis on components of healthy family meals. Health Psychology. Advance online publication. doi:10.1037/hea0000801

Dallacker, M., Hertwig, R., & Mata, J. (2018). The frequency of family meals and nutritional health in children: A meta-analysis. Obesity Reviews, 19(5), 638-653. doi:10.1111/obr.12659

Weitere Informationen:
https://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2019/10/sechs-komponenten-einer-gesunde…

Quelle: IDW 

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Familiäres Darmkrebsrisiko: In den Genen steckt nur ein Teil der Wahrheit

Dr. Sibylle Kohlstädt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum

Wenn es um das familiär erhöhte Darmkrebsrisiko geht, wurde die Rolle der Gene überschätzt. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in einer aktuellen epidemiologischen Studie. Vermutlich wiegen andere Risikofaktoren wie etwa familiäre Ernährungsgewohnheiten schwerer als bislang angenommen. Das hat Konsequenzen für künftige Berechnungen des individuellen Risikos sowie auch für Empfehlungen, die daraus resultieren.

Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung weltweit. Wissenschaftler gehen derzeit davon aus, dass die Erkrankung zu 35 Prozent erblich bedingt ist. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählt eine familiäre Vorbelastung. Zudem haben Forschende in den letzten Jahren rund 100 winzige Genvariationen identifiziert, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind (Einzelnukleotid-Polymorphismen, Single nucleodid polymorphisms, SNPs) und die das Risiko für Darmkrebs beeinflussen. Aktuelle Ergebnisse der DKFZ-Wissenschaftler um Hermann Brenner und Korbinian Weigl legen nun aber nahe, dass diese SNPs einen deutlich geringeren Anteil des familiär erhöhten Darmkrebsrisikos erklären als bisher angenommen.

Die DKFZ-Forscher haben zunächst die gängigen statistischen Verfahren geprüft, mit deren Hilfe dieser Anteil geschätzt wird. Dabei sind ihnen eine Reihe von Schwächen bei der Kalkulation aufgefallen, die in der Summe zu einer deutlichen Überschätzung führen. „Insbesondere gingen die bislang gängigen Verfahren davon aus, dass die familiäre Häufung letztendlich zu einhundert Prozent genetisch bedingt ist“, sagt Korbinian Weigl, Erstautor der Studie. „Davon ausgehend berechneten sie dann, welcher Anteil hiervon durch die bislang bekannten Genvarianten erklärt werden kann.“

Das Team um Brenner und Weigl wertete die Daten von 7.927 Probanden einer Fall-Kontroll-Studie aus – darunter 4.447 Patienten mit Darmkrebs und 3.480 gesunde Personen, die als Kontrollgruppe dienten. „Wir haben eine neue Berechnungsmethode entwickelt, die nicht von vornherein von der Grundannahme ausgeht, dass das familiäre Risiko komplett durch die Genetik bedingt ist“, erklärt Studienleiter Hermann Brenner. Mit dieser Methode werteten die Forscher dann die Daten ihrer Probanden aus.

Tatsächlich war der Einfluss der SNPs nach dieser Methode wesentlich geringer als angenommen. Während bisherige Berechnungen den bislang bekannten Genvarianten einen Anteil von 9,6 bis 23,1 Prozent am familiär erhöhten Darmkrebsrisiko zusprachen, resultieren die neuen Berechnungen der DKFZ-Forscher in einem geschätzten Einfluss der SNPs, der zwischen 5,4 und 14,3 Prozent liegt.

„Die Ergebnisse passen sehr gut zu den Ergebnissen einer anderen DKFZ-Studie, die letztes Jahr publiziert wurde“, erklärt Brenner. Dabei hatte sich gezeigt, dass bei Halbgeschwistern von Darmkrebspatienten das Risiko selbst zu erkranken ebenso erhöht ist wie bei „echten“ Geschwistern. „Das legt nahe, dass gemeinsame Risikofaktoren, etwa spezielle Ernährungsgewohnheiten, Rauchen oder ein Bewegungsmangel eine deutlich größere Rolle spielen als bisher angenommen.“

Für die künftige Einschätzung des individuellen Darmkrebsrisikos bedeutet das aber auf keinen Fall, dass die Genvarianten, die mit einem erhöhten Risiko assoziiert werden, bedeutungslos geworden sind. „Vielmehr zeigt unsere Studie, wie wichtig es ist, sowohl genetische als auch andere Risikofaktoren in der Familie gleichermaßen zu betrachten, um zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen“, so Weigl. Oder anders ausgedrückt: Wer nur wenige auffällige Genvarianten in seinem Erbgut trägt, darf sich nicht in Sicherheit wiegen, wenn etwa sein Lebensstil die Gefahr für Darmkrebs erhöht. Umgekehrt, muss Darmkrebs trotz ungünstiger Genetik kein Schicksal sein, wenn das individuelle Verhalten das Risiko senkt. In jedem Fall ist es ratsam, die sehr effektiven Möglichkeiten der Darmkrebsvorsorge zu nutzen.

Weigl K, Chang-Claude J, Hsu L, Hoffmeister M, Brenner H. Establishing a valid approach for estimating familial risk of cancer explained by common genetic variants. International Journal of Cancer 2019, DOI: 10.1002/ijc.32664

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können.
Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.
Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern.
Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Ansprechpartner für die Presse:
Dr. Sibylle Kohlstädt
Pressesprecherin
Kommunikation und Marketing
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de
E-Mail: presse@dkfz.de
www.dkfz.de

Originalpublikation:
Weigl K, Chang-Claude J, Hsu L, Hoffmeister M, Brenner H. Establishing a valid approach for estimating familial risk of cancer explained by common genetic variants. International Journal of Cancer 2019, DOI: 10.1002/ijc.32664

Quelle: IDW 

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Künstliche Intelligenz in der Agrar- und Umweltwirtschaft

Arne Dessaul Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

Die Folgen des Klimawandels auf unsere Umwelt sind vielfältig: Ernteausfälle, Einschränkungen in der Schifffahrt durch Niedrigwasser, Überschwemmungen und Sturmschäden in den Städten sind nur einige, die das Leben seit einigen Jahren immer stärker beeinträchtigen. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum (RUB) arbeiten an digitalen Anwendungen, die es verschiedenen Akteuren leichter machen sollen, anstehenden Wetterereignissen besser begegnen zu können.

Dr. Benjamin Mewes und Dr. Henning Oppel vom Lehrstuhl für Ingenieurhydrologie und Wasserwirtschaft setzen in ihrem gemeinsamen Projekt „Okeanos“ auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Während sich Benjamin Mewes auf die bewässerte Landwirtschaft konzentriert, beschäftigt sich Henning Oppel damit, wie man Hochwasserereignisse besser vorhersagen kann.

Landwirte könnten viel Wasser einsparen
Weltweit gesehen ist die Landwirtschaft der größte Frischwasserverbraucher. „Die Entscheidung, wann und wieviel sie ihre Böden wässern, fällen die meisten Landwirte aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Fachwissens“, so Mewes. Doch auf diese Weise werden viele Hunderttausende Liter der wertvollen Ressource verschwendet.

Abhilfe schaffen könnte eine Computeranwendung, die alle für die Bewässerung wichtigen Faktoren betrachtet und daraus eine Handlungsempfehlung ableitet – oder besser noch, gleich selbst die Bewässerungsanlagen steuert.

Autonom handelnde Software-Einheiten
Mewes Lösung basiert auf einem von ihm entwickelten Agenten-basiertem Bodenwassermodell. Agenten sind autonom handelnde Software-Einheiten, die auf Basis eines Regelwerks Entscheidungen treffen und durch ihre Interaktion untereinander komplexe Systeme und Verkettungen darstellen können.

„Das Modell ist dynamisch, kann sich an individuelle Gegebenheiten anpassen und bietet somit jedem Landwirt eine auf ihn zugeschnittene Bewässerungsstrategie“, erklärt Mewes die Vorzüge.

Präzisere Hochwasserwarnungen ermöglichen
Mit einem wasserwirtschaftlichen Problem ganz anderer Art beschäftigt sich Henning Oppel. Er möchte präzisere Hochwasserwarnungen möglich machen. Auch er setzt dabei auf maschinelles Lernen.

Denn wenn man wissen will, wie sich der Wasserstand eines Flusses ändern wird, reicht es nicht, sich nur die lokalen Prozesse am Ort, für den eine Hochwasservorhersage benötigt wird, anzuschauen. Man muss stattdessen viele Tausend Quadratkilometer betrachten, die das Einzugsgebiet des Flusses definieren, und die ganz unterschiedliche Oberflächen wie Asphalt, Waldboden oder Kiesflächen enthalten können – auf allen bewegt sich das Wasser mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Interessant für Versicherungen und Hochwassermeldedienste
„Diese Vielzahl von aktiven Prozessen macht die Anwendung einer einzelnen Prozessgleichung schwer. Maschinelles Lernen eröffnet uns aber die Möglichkeit, neue Prozessbeschreibungen zu erarbeiten und bestehende Konzepte zu ergänzen“, sagt Oppel.

Von einem verbesserten Angebot in Form einer App könnten viele verschiedene Zielgruppen profitieren: Hochwassermeldedienste, Versicherungen, Feuerwehr oder Technischer Hilfsdienst, um nur einige zu nennen.

Ausführlicher Beitrag im Wissenschaftsmagazin Rubin
Einen ausführlichen Beitrag zu dem Thema finden Sie im Wissenschaftsmagazin Rubin. Texte auf der Webseite und Bilder aus dem Downloadbereich dürfen unter Angabe des Copyrights für redaktionelle Zwecke honorarfrei verwendet werden.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Benjamin Mewes
Lehrstuhl für Ingenieurhydrologie und Wasserwirtschaft
Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 25896
Mail: benjamin.mewes@rub.de

Dr. Henning Oppel
Lehrstuhl für Ingenieurhydrologie und Wasserwirtschaft
Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 25874
Mail: henning.oppel@rub.de

Weitere Informationen:
https://news.rub.de/wissenschaft/2019-09-25-wasserwirtschaft-kuenstliche-intelli…

Quelle: IDW 

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Warum können wir uns nicht kitzeln?

Hans-Christoph Keller Abteilung Kommunikation, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hat die Mechanismen von Kitzligkeit im Gehirn der Ratte genauer erforscht

Kitzligkeit ist ein auf vielen Ebenen mysteriöses Phänomen. Wir wissen nicht, warum wir uns nicht selbst kitzeln können, obwohl diese Frage bereits 350 v. Chr. von Aristoteles aufgeworfen wurde. Wir wissen ebenso wenig, warum Kinder sich oft heftig wehren, wenn sie gekitzelt werden, nur um nach mehr zu verlangen, sobald mit dem Kitzeln aufgehört wird. Wir wissen auch nicht, warum die reine Annäherung einer kitzelnden Hand ohne Berührung bereits Lachen hervorruft.

Lachen im Gehirn?
Frühere Arbeiten zeigten, dass Ratten mit „Lachen“ im Ultraschallbereich reagieren, wenn sie von Menschen gekitzelt werden. Dieses „Lachen“ wird durch den somatosensorischen Kortex, die größte taktile Repräsentation im Gehirn, vermittelt. Ältere Modelle der Suppression durch Selbstberührung gingen davon aus, dass diese darauf basiert, dass das Gehirn zwischen Selbstberührung und der Berührung durch Andere unterscheiden kann. In ihrer Studie schlagen die Forscher*innen einen einfacheren Mechanismus vor. Sie fanden heraus, dass Vokalisationen, also das Lachen, ebenso wie die Aktivität des somatosensorischen Kortex, während einer Selbstberührung wie etwa dem Putzen, unterdrückt werden, aber während der Berührung und dem Kitzeln durch die Wissenschaftler*innen verstärkt werden. Wenn Selbstberührung und „Fremd“-Berührung zur selben Zeit passieren, sind Vokalisationen und Aktivität des somatosensorischen Kortex ebenso unterdrückt, was darauf hindeutet, dass das Gehirn der Ratte hier nicht zwischen Selbstberührung und der Berührung durch Andere unterscheidet. Wenn beim gleichzeitigen Gekitzeltwerden und dem Selbstkitzeln pharmakologisch blockiert wird, dass die Neuronen weniger aktiv sind, dann bleibt die Empfindung des Gekitzeltwerdens.

Ratten kitzeln zurück
Des Weiteren wurden Ratten trainiert, selbst Kitzel-Interaktionen zu initiieren. Erstaunlicherweise brachen die Ratten diese Initiation des Kitzelns manchmal vorzeitig ab und zeigten Fluchtverhalten, Schreckstarre und für gewöhnlich mit negativen Emotionen assoziierte Vokalisationen, nachdem sie die Kitzel-Interaktion initiiert hatten. Diese rätselhafte Ambivalenz des Kitzelns (Stichwort Nervenkitzel) gleicht dem Verhalten, das auch Kinder zeigen. Die ForscherInnen haben zudem herausgefunden, dass eine tief liegende Schicht des somatosensorischen Kortex bei der Eigen-Initiation aktiviert wird, noch bevor die Kitzel-Interaktion beginnt.
Fazit

Diese neuen Erkenntnisse legen nahe, dass wir uns nicht selbst kitzeln können, weil die Selbstberührung eine „inhibitorische Bremse“ im somatosensorischen Kortex aktiviert. Zudem ist die Ambivalenz in Bezug auf Kitzeln offenbar eine Verhaltensreaktion, die von Ratten und Menschen gleichermaßen gezeigt wird. Zuletzt zeigt die Studie, dass im somatosensorischen Kortex nicht nur die Berührung, sondern auch die Erwartung gekitzelt zu werden, repräsentiert ist.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Michael Brecht, 

Humboldt-Universität zu Berlin
Bernstein Center for Computational Neuroscience
Tel.: 030 2093- 6718
Mail: michael.brecht@bccn-berlin.de
Web: https://www.bernstein-network.de/de/forschung/Portraits/a-d/brecht

Originalpublikation:
Ishiyama S., Kaufmann, L.V. & Brecht M., Behavioral and cortical correlates of self-suppression, anticipation and ambivalence in rat tickling. Current Biology. 2019; 29.
https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.07.085

Weitere Informationen:
https://www.youtube.com/watch?v=iBnHVC5q4hw
https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2019/nr-19926

Anhang
PM HU Ratten kitzeln
https://idw-online.de/de/attachment73169

Quelle: IDW 

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Wirkt sich die Selbsteinschätzung des schulischen Könnens doch nicht auf die Leistung aus?

Philip Stirm Referat Kommunikation
DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Es ist unter Lehrkräften sehr verbreitet, das Bild, das Schülerinnen und Schüler von ihren eigenen Fähigkeiten haben, zu stärken, um dadurch ihre Leistungen zu verbessern – zum Beispiel mit einem aufmunternden „Du bist doch gut in Deutsch!“. Auch in der Forschung finden sich viele Belege für diesen Ansatz. Eine neue Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation stellt diese Annahme nun für den Grundschulbereich und bezogen auf die Lesekompetenzen in Frage. Mit weiterentwickelten statistischen Methoden konnte kein Effekt des sogenannten akademischen Selbstkonzeptes auf die schulische Leistung gefunden werden.

Das akademische Selbstkonzept ist eine subjektive Einschätzung der eigenen Fähigkeiten durch die Schülerinnen und Schüler. Es wird durch mehrere Faktoren beeinflusst, zum Beispiel den sozialen Vergleich, die Erziehung sowie die Rückmeldungen und Leistungsbewertungen der Lehrkräfte, und kann sich auf verschiedene thematische Bereiche beziehen, etwa die Fähigkeiten in Mathematik oder im Lesen. Viele bisherige Studien, darunter auch Arbeiten am DIPF, haben auf einen positiven Effekt des Selbstkonzeptes auf die schulischen Leistungen hingewiesen – vor allem bei Schülerinnen und Schülern auf der weiterführenden Schule, aber auch im Grundschulbereich. All diese Untersuchungen stützten sich auf eine bestimmte statistische Methode: das Cross-Lagged-Panel-Modell. Hier setzt die neue Studie an. „Inzwischen stehen weiterentwickelte methodische Ansätze zur Verfügung, die wir im Grundschulbereich und mit Blick auf das Lesen eingesetzt haben“, so Dr. Jan-Henning Ehm, der Leiter der Untersuchung.

Bei einem Cross-Lagged-Panel-Modell misst man bei einer Untersuchungsgruppe zunächst zu mehreren Zeitpunkten die Ausprägung von zwei Variablen – in diesem Fall „Selbstkonzept im Lesen“ und „Leseleistung“. Die ermittelten Werte und ihre Entwicklung im Verlauf der Zeit werden dann über statistische Analysen miteinander in Beziehung gesetzt, um sich unter anderem ein Bild vom Einfluss des Selbstkonzepts auf die Leistungsentwicklung zu machen. Problem bei dieser Methode ist aber, dass man bei der Entwicklung der Variablen nicht genau zwischen Veränderungen, die sich innerhalb einer Person abspielen (intraindividuell), und Unterschieden zwischen den Personen, also dem Verhältnis zueinander (interindividuell), unterscheiden kann. „Um genauere Aussagen zu den Effekten zwischen zwei Variablen treffen zu können, müsste man sie aber den Veränderungen innerhalb einer Person zuordnen“, erläutert Dr. Ehm. Das ermöglichen nun die genannten neueren Methoden, darunter das Random-Intercept-Cross-Lagged-Panel-Modell. Mit ihnen kann man die Unterschiede zwischen den Personen isolieren und sich auf die intraindividuellen Veränderungen konzentrieren.

Mehr als 2.000 Kinder nahmen an vierjähriger Längsschnittstudie teil
Die neuen Methoden wendete das DIPF-Team auf Daten an, die bei 2.009 Kindern aus 90 Klassen an 36 Grundschulen in Baden-Württemberg erhoben worden waren. Bei ihnen waren in der ersten, zweiten, dritten und vierten Klasse das Leseselbstkonzept und die Leseleistung gemessen worden: das Selbstkonzept mithilfe eines von den Kindern beantworteten Fragebogens und die Leistungen anhand eines standardisierten Kompetenztests sowie über die Einschätzungen der Lehrkräfte. Die Daten stammen aus dem vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg geförderten Forschungsprojekt „Schulreifes Kind“, das die Effekte eines Förderprogramms zur Unterstützung beim Übergang in die Schule langfristig untersucht hat. Das Ergebnis der aktuellen Auswertung ist eindeutig, wie der Bildungsforscher darlegt: „Mit den erweiterten Modellen konnten wir keinen Effekt vom Selbstkonzept auf die Entwicklung der Leseleistung feststellen.“

Trotz der Ergebnisse warnt Ehm davor, den pädagogischen Wert eines positiven akademischen Selbstkonzeptes nun gänzlich in Frage zu stellen, da es beispielsweise auch im Zusammenhang mit der Motivation und dem Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler stehe. Zugleich verdeutlicht er: „Wenn man das Selbstbild der schulischen Fähigkeiten stärkt, sollte man nicht unbedingt erwarten, damit direkt zu besseren Leistungen beizutragen.“

Um diese Ergebnisse zu erhärten, bräuchte es nun weitere Untersuchungen in anderen fachlichen Bereichen, an der weiterführenden Schule und mit mehr Messzeitpunkten. Besonders belastbare Aussagen würde eine Studie unter experimentellen Bedingungen erlauben, bei der das Selbstkonzept gezielt beeinflusst wird. Denn wie sich gezeigt hat, können weiterentwickelte Methoden und Forschungs-Designs die Perspektive auf bestehende Befunde erweitern.

Pressekontakt:
Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, stirm@dipf.de, http://www.dipf.de

Über das DIPF:
Das DIPF ist das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation mit Standorten in Frankfurt am Main und in Berlin. Es will dazu beitragen, Herausforderungen im Bildungswesen zu bewältigen, den Zugang zu Bildung zu erleichtern und die Qualität von Bildung zu verbessern. Dafür unterstützt das Institut Schulen, Kindertagesstätten, Wissenschaft, Verwaltung und Politik mit empirischer Forschung, wissenschaftlichen Infrastrukturen und Wissenstransfer.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Jan-Henning Ehm, DIPF, +49 (0)69 24708-723, Ehm@dipf.de

Originalpublikation:

Ehm, J.-H., Hasselhorn, M., Schmiedek, F. (2019). Analyzing the Developmental Relation of Academic Self-Concept and Achievement in Elementary School Children: Alternative Models Point to Different Results. Developmental Psychology. Advance online publication. DOI: 10.1037/dev0000796

Weitere Informationen:
http://www.dipf.de – Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

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Forschen gegen Mikroplastik: TU Freiberg entwickelt neues Verfahren für naturbasierte Mikropartikel in Kosmetik

Luisa Rischer Pressestelle
Technische Universität Bergakademie Freiberg

Vor allem im Meer verbreitet sich Mikroplastik immer mehr. Welche Auswirkungen das auf Lebewesen und den Menschen haben kann, ist noch nicht langfristig erforscht. Die Professur Strömungsmechanik und Strömungsmaschinen der Technischen Universität Bergakademie Freiberg will in den kommenden Jahren gemeinsam mit Wissenschaftlern der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der TU München sowie drei Industriepartnern ein innovatives Verfahren zur Herstellung neuer biobasierter und bioabbaubarer Mikropartikel entwickeln.

Die umweltfreundlichen Mikropartikel sollen umweltschädliches Mikroplastik in Shampoos und anderen Kosmetika ersetzen. Im Projekt „Bioshampoo“ wird die vollständige Prozesskette von der Konzeption des Verfahrens, der Partikelentwicklung, der Integration in ein Endprodukt (Shampoo) und der abschließenden Untersuchung der Bioabbaubarkeit nach Einleitung in den Wasserkreislauf untersucht.

Als „Mikroplastik“ werden Plastikpartikel mit einer Größe von wenigen Nanometern bis hin zu einigen Millimetern bezeichnet. Erdölbasiertes Mikroplastik ist aktuell noch in vielen Kosmetikprodukten enthalten. In Kläranlagen können diese Kleinstpartikel nur schwer abgebaut oder abgefiltert werden.

Beim geplanten Verdüsungsverfahren wird das aus Naturstoffen gewonnene Ausgangsmaterial zunächst aufgeschmolzen und die Schmelze anschließend über ein eingeleitetes Gas mit hoher Geschwindigkeit durch eine Düse gedrückt. Die Schmelze zerfällt dabei in einzelne Tröpfchen, aus denen sich nach der Erstarrung überwiegend sphärische Teilchen bilden. Diese sollen in der Kosmetik die gleiche Funktion wie Mikroplastik übernehmen, allerdings erwarten die beteiligten Wissenschaftler, dass die naturbasierten Mikropartikel viel einfacher und schneller aus dem Abwasser entfernt werden können.

Das Projekt wird im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) mit einer Gesamtsumme von zirka 1,1 Millionen Euro gefördert. In der Projektbeantragung und -durchführung wurden und werden die Wissenschaftler außerdem durch die innoscripta GmbH München unterstützt.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr.-Ing. habil. Rüdiger Schwarze, Tel.: +49 (0)3731 39 2486, E-Mail: Ruediger.Schwarze@imfd.tu-freiberg.de

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Mehr Gesundheitskompetenz für Eltern allergiekranker Kinder

Stefan Zorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Medizinische Hochschule Hannover

Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert Präventionsverbund mit 2,2 Millionen Euro / Professorin Dr. Marie-Luise Dierks leitet Teilprojekt an der MHH

Mehr als die Hälfte der Deutschen hat nach eigener Einschätzung Schwierigkeiten, mit der Flut an Gesundheitsinformationen umzugehen und sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. Das ist problematisch, stehen doch die sogenannte Gesundheitskompetenz und die individuelle Gesundheit in unmittelbarem Zusammenhang. Welche Bedingungen im Einzelnen dafür sorgen, ob Menschen gut und richtig informiert sind, will eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschungsgruppe jetzt am Beispiel frühkindlicher Allergieprävention herausfinden. Die DFG-Gruppe HELICAP (Health Literacy in Early Childhood Allergy Prevention) an den Standorten Hannover, Magdeburg, Regensburg und Freiburg wird mit insgesamt 2,2 Millionen Euro gefördert. 320.000 Euro davon gehen an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Das Teilprojekt unter der Leitung von Professorin Dr. Marie-Luise Dierks, Public-Health-Expertin am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, untersucht die Frage, wo sich Eltern allergiekranker Kinder und solche mit erhöhtem Risiko für eine Allergie informieren und wer sie in ihren Entscheidungen beeinflusst. Mit den gewonnenen Erkenntnissen sollen Empfehlungen dazu entwickelt werden, wie geeignete Informationsmaterialien aussehen müssten, um die elterliche Gesundheitskompetenz zu fördern.

„Immer mehr Kinder leiden unter Allergien – mit hoch bleibender und teils steigender Tendenz“, sagt Professorin Dierks. Dabei sei es für betroffene Eltern nicht einfach, sich richtig zu informieren. Mangelnde Qualität vor allem von digitalen Quellen, Missverständnisse und Mythen erschwerten richtige Entscheidungen zur Vorbeugung. Gerade die ersten zwei bis drei Lebensjahre seien jedoch prägend für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems. „Beim Thema Allergieprävention kommt hinzu, dass sich die wissenschaftlichen Empfehlungen schnell ändern. Gute Informationen können aber nur entwickelt werden, wenn wir wissen, wie Eltern mit Empfehlungen umgehen und welchen Ressourcen sie vertrauen“, gibt Jonas Lander zu bedenken, wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Teilprojektes. So gehe der Trend derzeit von der Vermeidung allergieauslösender Stoffe hin zur frühzeitigen Konfrontation mit Allergenen wie etwa Tierhaaren, Nüssen oder Gräserpollen.

Das Team um Professorin Dierks will in den kommenden drei Jahren 16 Gruppendiskussionen an den vier Studienstandorten zusammenstellen und Mütter und Väter persönlich befragen. Damit die Ergebnisse aussagekräftig sind, sollen etwa 130 teilnehmende Eltern aus möglichst unterschiedlichen sozialen, sprachlichen und kulturellen Bevölkerungsgruppen kommen. Während sich das Teilprojekt Hannover um die elterlichen Sichtweisen kümmert, tragen die anderen drei Teams das Wissen von Gesundheitsexperten wie Ärzten und Hebammen zusammen, werten nationale und internationale klinische Leitlinien zur Allergieprävention aus und bewerten, welche Präventionsmaßnahmen aus wissenschaftlicher Sicht effektiv sind.
Die Förderdauer der DFG-Forschungsgruppe ist zunächst auf drei Jahre befristet. „Wenn wir eine Anschlussförderung erhalten, wollen wir den Umgang von Eltern mit Gesundheitsinformationen zu Allergien und deren Präferenzen repräsentativ für Deutschland erheben“, sagt Professorin Dierks. Diese Befragung könnte auf Basis der ersten Ergebnisse online erfolgen.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professorin Dr. Marie-Luise Dierks, dierks.marie-luise@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-4458.

Ein Foto ist beigefügt. Es zeigt Professorin Dr. Marie-Luise Dierks und Jonas Lander (Wissenschaftlicher Mitarbeiter), die im DFG-Projekt HELICAP Eltern allergiekranker Kinder zu mehr Durchblick im Informationsdschungel verhelfen wollen. Sie können es kostenfrei nutzen, wenn Sie als Quelle „MHH / Karin Kaiser“ angeben.

Diese Presseinformation finden Sie auch auf www.mhh.de.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professorin Dr. Marie-Luise Dierks, dierks.marie-luise@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-4458.

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Weltweit erste Validierung der Aerodynamik von großen Windenergieanlagen

Lisa Bösch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES

Weltweit zum ersten Mal prüft das Fraunhofer IWES die Aerodynamik für Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von mehr als fünf Megawatt (MW). In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) mit 4 Mio. Euro geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekt „HighRe“ werden die aerodynamischen Eigenschaften der Windenergieanlage AD 8 am Standort Bremerhaven mit einer Leistung von acht MW und einem Rotordurchmesser von 180 Metern vermessen und mit aufwendigen Modellen verglichen. Dies ermöglicht erstmals eine Untersuchung, ob die bisher verwendeten Modellberechnungen auch für große Windenergieanlagen, die in Zukunft vor allem Offshore gebaut werden sollen, noch gültig sind.

In dem Projekt „HighRe“ (Aerodynamik bei hohen Reynoldszahlen für große Offshore-Windenergieanlagen der Zukunft) werden in Kürze aufwendige Messungen des Wind-feldes und der aerodynamischen Reaktion der Windenergieanlage durchgeführt. Durch diese detaillierten Erkenntnisse der realen Windbedingungen vor und an einer Wind-energieanlage wird es erstmals möglich sein, die genaue aerodynamische Wirkung auf die Rotorblätter bei so großen Dimensionen zu analysieren und zu verstehen. Das Windfeld wird mit drei sich überlappenden LiDAR-Laser-Scannern vor der Windenergieanlage abgetastet und mit weiteren Windmessungen vor und hinter der Anlage ergänzt. Gleich-zeitig werden Sensoren auf der Anlage und an den Rotorblättern installiert, um auch diese Bedingungen präzise zu erfassen.

Bereits im Vorfeld des Projekts „HighRe“ konnte das Fraunhofer IWES zeigen, dass es erhebliche Abweichungen in der Modellierung gierender Windenergieanlagen unter schräger Anströmung gibt. Das dafür verwendete Modell wurde vor fast 20 Jahren an wesentlich kleineren Anlagen entwickelt. Bei einer großen Anzahl von Modellen der Windenergieaerodynamik verhält es sich ähnlich: Grundlage für die Modellberechnungen sind kleine Anlagen. Um dies auszugleichen, greift man zunehmend auf Methoden der numerischen Strömungssimulation (engl. „Computational Fluid Dynamics“ – CFD) zurück. Die Genauigkeit dieser Methoden konnte bisher jedoch auch nur an kleinen Modellanlagen überprüft werden. Durch das HighRe-Projekt ändert sich dies nun völlig. „Das Projekt „HighRe“ ist eine große Chance für die Windenergieforschung und die Windenergieindustrie. Die Sicherheit und Genauigkeit in der Windenergieaerodynamik kann mit diesem Projekt an die reale Anlagenentwicklung angepasst werden. Die Potenziale für die Windenergieindustrie sind enorm“, fasst der Projektleiter Dr. Bernhard Stoevesandt die Aussichten des Projekts zusammen.

Das Fraunhofer IWES sichert Investitionen in technologische Weiterentwicklungen durch Validierung ab, verkürzt Innovationszyklen, beschleunigt Zertifizierungsvorgänge und erhöht die Planungsgenauigkeit durch innovative Messmethoden im Bereich der Windenergie.

Kontakt: Dr. Bernhard Stoevesandt, Tel.: +49 4417985011
E-Mail: bernhard.stoevesandt@iwes.fraunhofer.de, www.iwes.fraunhofer.de

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Waschmaschine verbreitete antibiotika-resistente Keime

Johannes Seiler Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Antibiotika-resistente Erreger können über Waschmaschinen verbreitet werden. Das haben Hygieniker der Universität Bonn für ein Kinderkrankenhaus nachgewiesen, in dem mehrfach ein Klebsiella oxytoca-Typ auf Neugeborene übertragen wurde. Glücklicherweise kam es zu keiner gefährlichen Infektion. Quelle war eine handelsübliche Waschmaschine, in der Kleidungsstücke der Neugeborenen gewaschen wurden. Dieser Fall lässt aufhorchen, zumal auch in Haushalten mit zu pflegenden Personen antibiotika-resistente Bakterien über die Waschmaschine übertragen werden könnten. Die Ergebnisse sind nun im Journal „Applied and Environmental Microbiology“ veröffentlicht.

Auf der Neugeborenen-Station eines Kinderkrankenhauses in Deutschland wurde bei routinemäßigen Hygiene-Screenings vermehrt das Bakterium Klebsiella oxytoca festgestellt. Das Bakterium kann zu Magen-Darm- und Atemwegsinfektionen sowie im schlimmsten Fall zur tödlichen Sepsis führen. In diesem besonderen Fall konnten gängige Antibiotika gegen diesen Erreger nur eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr eingesetzt werden. Nachdem immer wieder Neugeborene mit dem Keim besiedelt und intensive Hygieneinterventionsmaßnahmen erfolglos waren, zog das Krankenhaus das Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (IHPH) des Universitätsklinikums Bonn hinzu. „Glücklicherweise war es zu keinen gefährlichen Infektionen bei den Babys gekommen“, sagt Dr. Daniel Exner, Hygienebeauftragter Arzt der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Bonn.

Um der Quelle und möglichen Verbreitungswegen auf die Spur zu kommen, wurden mehrfach Umgebungsproben im Patienten- und Personalbereich und vermuteten Risikoorten mit den Proben der Neugeborenen verglichen. „Dieser Klebsiella oxytoca-Typ war so einzigartig, dass er bisher in dieser Form noch nicht in der Datenbank des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Gramnegative Krankenhauserreger erfasst war“, sagt Dr. Dr. Ricarda Schmithausen, Leiterin des One Health-Fachbereiches am IHPH. Diese Besonderheit war ein Vorteil, weil sich dadurch der Verbreitungsweg eindeutig nachvollziehen ließ. Weder Eltern noch das Pflegepersonal hatten die Bakterien übertragen.

Verbreitung über Mützchen und Söckchen auf die Neugeborenen
„Der Klebsiella oxytoca-Typ war eindeutig im Spülfach und am Türgummi einer Waschmaschine im Keller nachzuweisen, mit der die handgestrickten Söckchen und Mützchen der Babys auf der Station gewaschen wurden“, sagt Prof. Dr. Dr. Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universitätskliniken Bonn. Über die Kleidung wurden die Keime auf die Neugeborenen übertragen.

Nachdem die Waschmaschine entfernt wurde, wurden auch keine weiteren Besiedelungen der Frühchen nachgewiesen. „Das zeigt eindeutig, dass wir die Klebsiella-Quelle gefunden haben“, fasst Schmithausen das Ergebnis zusammen. „Es handelt sich um einen Sonderfall.“ Normalerweise sind in Krankenhäusern spezielle Waschmaschinen und Waschverfahren im Einsatz, die bei hohen Temperaturen und mit Desinfektionsmitteln waschen, oder ausgewiesene Wäschereien bereiten die Wäsche extern auf. Auf der Frühgeborenen-Station handelte es sich bei dem etwas länger zurückliegenden Fall dagegen um eine handelsübliche Waschmaschine. „Wir haben uns entschieden, diesen Fall aufzuarbeiten, um auf mögliche Probleme mit resistenten Bakterien, die nun auch weiter in das häusliche Umfeld vordringen, aufmerksam zu machen“, sagt Schmithausen.

In Studien wurde bereits beschrieben, dass sich antibiotika-resistente Bakterien in Waschmaschinen einnisten können. „Wir haben jedoch erstmals nachgewiesen, dass es durch eine Waschmaschine auch zur Übertragung von antibiotika-resistenten Keimen auf den Menschen kommen kann“, berichtet Prof. Exner. Dieses Resultat habe unter anderem auch Konsequenzen für den häuslichen Bereich. Denn aus Umweltschutzgründen gehe bei üblichen Haushaltsmaschinen der Trend zu niedrigeren Temperaturen deutlich unter 60 Grad. Dies sei im Prinzip eine sehr positive Entwicklung, weil dadurch Energie eingespart und das Klima geschont werde, so die Forscher.

Sofern jedoch pflegebedürftige, ältere Menschen mit offenen Wunden oder Blasenkathetern oder auch jüngere Menschen mit eiternden Verletzungen oder Infektionen im Haushalt lebten, sollte die Wäsche bei höheren Temperaturen – zum Beispiel 60 Grad – gewaschen werden, um die Übertragung von gefährlichen Keimen zu vermeiden. In den Augen der Hygieniker ist dies eine wachsende Herausforderung, da die Zahl der in Familien versorgten Pflegebedürftigen ständig zunimmt.

Neue Studie: Probanden gesucht
Diesen Übertragungsweg möchte das Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit noch genauer untersuchen. Die Wissenschaftler suchen deshalb Haushalte mit Personen, die zuvor aufgrund einer Besiedelung mit multiresistenten Erregern stationär isoliert wurden und Interesse haben, sich an einer Studie zur Übertragung von antibiotika-resistenten Keimen über Waschmaschinen zu beteiligen. Interessierte können sich an Dr. Daniel Exner wenden (E-Mail: daniel.exner@ukbonn.de).

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. med. Dr. agr. Ricarda Schmithausen
Oberärztin, Fachbereich One Health
Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (IHPH)
Universitätsklinikum Bonn
Tel. 0228/287-13452
E-Mail: Ricarda.Schmithausen@ukbonn.de

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Martin Exner
Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit (IHPH)
Universitätsklinikum Bonn
Tel. 0228/287-15520 oder -15521
E-Mail: martin.exner@ukbonn.de

Originalpublikation:
Ricarda M. Schmithausen, Esther Sib, Martin Exner, Sylvia Hack, Claudia Rösing, Patrick Ciorba, Gabriele Bierbaum, Michael Savin, Sally F. Bloomfield, Martin Kaase, Anja Jacobshagen, Stefanie Gemein, Jürgen Gebel, Steffen Engelhart, Daniel Exner: The washing machine as a reservoir for transmission of extended spectrum beta-lactamase (CTX-M-15)-producing Klebsiella oxytoca ST201 in newborns, Applied and Environmental Microbiology, DOI: 10.1128/AEM.01435-19

Quelle: IDW 

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Bessere Versorgung für diabetische Füße

Britta Widmann Kommunikation
Fraunhofer-Gesellschaft

Menschen mit Typ2-Diabetes leiden oftmals an schlecht heilenden, infizierten Wunden an den Füßen. Bisher dauert es jedoch zwei Tage, um über eine Bakterienkultur die Erreger samt ihrer Resistenzen zu identifizieren, die die Wunde infizieren – und somit ein wirksames Antibiotikum zu finden. Mit Hilfe eines neuartigen Schnelltests von Fraunhofer-Forscherinnen und -Forschern funktioniert dies künftig in einer Stunde.

Fast tausend Menschen erkranken Tag für Tag in Deutschland an Diabetes – mehr als 90 Prozent davon an Typ2-Diabetes. Und das mit steigender Tendenz: Sowohl in Europa als auch weltweit nehmen die Erkrankungszahlen zu. Zu den Begleiterkran- kungen bei Typ2-Diabetes gehört unter anderem eine Schädigung von Nervenzellen: Die Betroffenen verlieren das Gefühl in den Extremitäten und ziehen sich häufig schlecht heilende Wunden zu. Diese Wunden werden oft mit verschiedenen Erregern infiziert. Ärzte behandeln daher üblicherweise mit Antibiotika. Das Problem: Nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen jeden Erreger, es treten mittlerweile viele Resistenzen auf. Die Mediziner nehmen aus diesem Grund einen Abstrich der Wunde und lassen im Labor eine Bakterienkultur anlegen. Diese gibt Aufschluss über die Art der Erreger ebenso wie über die vorhandenen Resistenzen. Allerdings dauert es zwei Tage, bis ein solches Ergebnis vorliegt. Kritisch ist das unter anderem in Indien, wo die Anreise zum nächsten Krankenhaus oftmals sehr lange dauert und die meist nicht-stationäre Behandlung vielfach erst nach einigen Wochen angepasst werden kann. Auch fördert eine Behandlung mit Breitbandantibiotika oder nicht wirkungsvollen Antibiotika langfristig die weitere Ausbildung von Resistenzen.

Eine Stunde statt zwei Tage
Ein neuartiger Schnelltest ermöglicht es Medizinern, von Anfang an auf das passende Antibiotikum zu setzen. Entwickelt haben ihn Forscherinnen und Forscher der Fraunhofer-Institute für Zelltherapie und Immunologie, Institutsteil Bioanalytik und Bioprozesse IZI-BB (Potsdam) und für Elektronische Nanosysteme ENAS (Chemnitz) gemeinsam mit der Firma BiFlow Systems GmbH und Partnern in Indien im Projekt MIDARDI. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF und das Indo-German Science & Technology Centre IGSTC fördern das Vorhaben. »Mit unserem Schnelltest lässt sich innerhalb von einer Stunde bestimmen, welche Bakterien die Wunde besiedeln und welche Resistenzen sie aufweisen – und somit bereits direkt zu Beginn der Behandlung das passende Antibiotikum auswählen«, sagt Dr. Harald Peter, Gruppenleiter am Fraunhofer IZI-BB.

Statt wie bisher eine Bakterienkultur anzulegen und zu beobachten, wie die Bakterien auf verschiedene Antibiotika reagieren, analysiert der Schnelltest die DNA der Bakterien. Der Arzt nimmt einen Abstrich der Wunde und gibt die Wundflüssigkeit auf den Eingangsbereich der etwa Smartphone-großen Kartusche. Im Inneren werden die Bakterien extrahiert, ihre DNA freigelegt und zerteilt. Auf einem Biosensor, der in der Kartusche integriert ist, befinden sich spezielle Fängermoleküle: Sie bilden das passende Gegenstück zu den Erbgutsträngen der Bakterien bzw. des mutierten Erbguts, das bestimmte Resistenzen hervorruft. Passt ein Erbgutstrang zu einem bestimmten Fänger, bindet dieses DNA-Stück daran, während die Erbgutstränge an allen anderen Fängern durch einen Spülgang entfernt werden. Das Leuchten der fluoreszenzmarkierten bakteriellen DNA verrät, an welchen Fängermolekülen das Erreger-Erbgut gebunden hat – und somit auch, um welche Erreger es sich handelt und welche Resistenzen diese aufweisen.

Das Forscherteam vom Fraunhofer ENAS hat Teile der aufwändigen Probenvorbereitung der DNA-Stränge entwickelt. »Wir haben beispielsweise dabei geholfen, dass die DNA der Erreger in Stücke passender Länge verdaut werden und somit an die immobilisierten Fängermoleküle binden kann«, erläutert Andreas Morschhauser, Gruppenleiter am Fraunhofer ENAS. Die BiFlow Systems GmbH stellte die Kartusche bereit, die sowohl den Biochip aufnimmt als auch das gesamte Probenhandling realisiert. Sie sorgten unter anderem dafür, dass die Flüssigkeiten wie gewünscht durch den Chip bewegt werden – etwa indem elektrisch gesteuert Gas erzeugt wird, das wiederum eine Membran wie einen Ballon aufbläst und somit die Flüssigkeit weiterpumpt. Die Kolleginnen und Kollegen des Fraunhofer IZI-BB konzipierten den Biochip. »Auf 5×5 Millimetern können wir – wenn nötig – bis zu 400 unterschiedliche Fängerstränge unterbringen, in Abständen von weniger als hundert Mikrometern«, beschreibt Dr. Peter den Biosensor.

Auch für andere medizinische Analysen geeignet
Der Schnelltest ist keineswegs auf infizierte Wunden beschränkt. So lässt er sich auch bei Blutvergiftungen oder im Veterinärbereich für eine Mastitis – also eine Milchdrüsenentzündung – bei Milchkühen einsetzen. Nötig ist nur ein anderer Biochip mit angepassten Fängermolekülen. »Innerhalb von etwa zwei Wochen können wir den Biochip an eine andere Fragestellung anpassen«, konkretisiert Dr. Peter. Auch kann der Schnelltest für alle Arten von Proben ausgelegt werden, sei es Wundflüssigkeit, Blut, Urin oder Kot. In etwa zwei bis drei Jahren, so schätzen die Experten, könnte der Schnelltest auf dem Markt sein.

Weitere Informationen:
https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2019/oktober/bessere-ver…

Quelle: IDW 

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Fußball und Feminismus

Hans-Christoph Keller Abteilung Kommunikation, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin

Ethnographische Studie zu Geschlechtergerechtigkeit auf dem Platz
Fußball, ein Männersport? Was lange selbstverständlich war, wird zunehmend bezweifelt. Die Geschlechterverhältnisse sind in Bewegung geraten und Frauen fordern ihren Platz auf dem Rasen. Dr. Friederike Faust vom Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin hat eine feministische Frauenfußballorganisation bei ihren lokalen und internationalen Aktivitäten begleitet und darüber eine ethnografische Studie erstellt. Ihre Arbeit zeigt die Chancen, aber auch Grenzen, die entstehen, wenn die vermeintlichen Gegensätze Fußball und Feminismus aufeinandertreffen.

„Das Hauptproblem ist, dass an der Definition, was Fußball eigentlich ist, kaum zu rütteln ist. Feministische Positionen – es gibt nicht nur eine – wollen nicht nur, dass Frauenfußball genauso anerkannt ist wie Männerfußball und dass dabei alles genau gleich läuft. Es gibt ganz andere Konzepte, nämlich das Leistungsprimat, die Gewalt gegen den eigenen und gegen andere Körper, diese Wiederholung patriarchialer Gesellschaftsstrukturen radikal in Frage zu stellen“, so die Wissenschaftlerin.

Weitere Informationen
Ein Interview mit Friederike Faust zum Thema finden Sie hier: https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2019/nr-19924/view

Publikation
Friederike Faust: Fußball und Feminismus. Eine Ethnografie geschlechterpolitischer Interventionen. Budrich UniPress, 2019. 344 Seiten. Kart. 36,00 Euro (D), 37,10 Euro (A) ISBN 978-3-86388-819-0.

Kontakt

Dr. Friederike Faust
Institut für Europäische Ethnologie
Humboldt-Universität zu Berlin (HU)
Tel.: 030 2093-70868
f.faust@hu-berlin.de

Weitere Informationen:
https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2019/nr-19924/view

Anhang
PM HU Fußball und Feminismus
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Quelle: IDW 

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Ein genetischer Globetrotter schützt Meeresbakterien vor Umweltverschmutzung

Sven-David Müller Stabsstelle Presse und Kommunikation
Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Privatdozent Dr. Jörn Petersen vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH und dem Karlsruhe Institute of Technology (KIT) haben ein einzigartiges Plasmid, pLA6_12, identifiziert, das mit einhundertprozentiger Sequenzidentität in verschiedenen Arten der Bakteriengruppe Roseobacter vorkommt.

Erste Untersuchungen zeigen, dass das Plasmid die Toleranz der marinen Bakterien gegenüber Umweltverschmutzungen, in diesem Fall gegen das hochgiftige und krebsauslösende Chromat (CrO42-), um das Zwanzigfache erhöht und somit einen wichtigen evolutionären Vorteil bietet. Ihre Ergebnisse publizierten die Forscher in dem renommierten Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Horizontaler Gentransfer durch Plasmide
Plasmide, ringförmige, doppelsträngige DNA-Moleküle, die unabhängig vom Bakterienchromosom in der Bakterienzelle vorkommen, werden von Bakterien unter anderem für den horizontalen Gentransfer genutzt. Dabei werden DNA-Informationen von einer Bakterienzelle an die andere mittels eines Injektionsmechanismus weitergegeben. Eine große Rolle spielt dieser Austausch von genetischen Informationen zum Beispiel bei der Antibiotikaresistenz. Während jedoch über die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen viele Details bekannt sind, ist der natürlich vorkommende Plasmidtransfer noch weitestgehend unerforscht. „Die hier entdeckte hundertprozentige Sequenzidentität des Plasmids, das wir in Isolaten unterschiedlicher geographischer Herkunft und verschiedener Genera isoliert haben, ist bisher einzigartig“, fasst PD Dr. Jörn Petersen die Ergebnisse zusammen.

Ocean´s Thirteen – Ein Proteobakterium mit 13 Replikons
Die komplette Erbgut-Entschlüsselung des neu beschriebenen Bakteriums Marinibacterium anthonyi La 6 führte zu einer weiteren verblüffenden Beobachtung. Mit einem Chromosom und zwölf Plasmiden ist der Stamm La 6 der Rekordhalter unter den Proteobakterien, wobei seine Genomorganisation ähnlich komplex ist wie die der Pflanzen und Tiere. Mit 6,8 Millionen Bausteinen verfügt Marinibacterium zudem über das größte Genom innerhalb der Familie der Rhodobacteraceae. Unter den dutzend Plasmiden entpuppte sich das kleinste Element von gerade einmal 7.053 Basenpaaren, pLA6_12, als das Spannendste. Es enthält ein hochkonserviertes Rückgrat und eine austauschbare Kassette von Genen, die unter bestimmten Umweltbedingungen überlebenswichtig sind.

Einzigartigkeit von pLA6_12
Das neu entdeckte Plasmid pLA6_12 repräsentiert eine bisher nicht bekannte Klasse mobiler genetischer Elemente in der Roseobacter-Gruppe. Mikroorganismen nutzen diese Elemente, um mittels horizontalen Gentransfers schnell und unkompliziert DNA auszutauschen. Analysen der vorliegenden Studie haben gezeigt, dass der jetzt identifizierte Plasmid-Typ nur in der marinen Roseobacter-Gruppe vorkommt. Einzigartig dabei ist, dass das Plasmid pLA6_12 in identischer Form in drei verschiedenen Arten der Rhodobacteraceae vorliegt. Obwohl der Austausch von Plasmiden die Grundlage für die Entstehung multiresistenter Krankenhauskeime ist, wurde der natürliche Transfer eines hundertprozentig identischen Plasmids über die Artgrenze hinaus bisher überraschenderweise noch nie beschrieben.Experimentell wurde in der vorliegenden Publikation nachgewiesen, dass das Plasmid pLA6_12 die Toleranz gegen das hochgiftige Chromat um das Zwanzigfache erhöhen kann. Damit ermöglicht es seinem Träger das Überleben in stark kontaminierten Habitaten.

Unentdeckte Talente: Roseobacter unter der Lupe
Bakterien der Roseobacter-Gruppe gehören zu den Alphaproteobacteria, genauer der Familie der Rhodobacteraceae. Sie repräsentieren eine der häufigsten marinen Bakteriengruppen und leben in allen Weltmeeren. Obwohl sie eine zentrale Rolle im globalen Kohlenstoff- und Schwefelhaushalt spielen, werden sie erst seit einem knappen Jahrzehnt intensiv erforscht. Durch ihren ungewöhnlich vielseitigen Stoffwechsel rücken sie immer mehr in den Fokus der Wissenschaft, da sie großes Potential für biotechnologische Anwendungen besitzen.

Das Leibniz-Institut DSMZ ist Partner im Sonderforschungsbereich „Roseobacter (TRR 51)“, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird und dessen Ziel es ist, ein systembiologisches Verständnis dieser bedeutenden Gruppe von Meeresbakterien zu erlangen. „Durch die Erforschung der Roseobacter-Gruppe haben wir bereits grundlegende Antworten zu evolutionsbiologischen Fragestellungen erhalten. Über neue Erkenntnisse zur genetischen Organisation der Bakterien hinaus erwarten wir, dass auch biotechnologisch nutzbare Ergebnisse erzielt werden“, so PD Dr. Jörn Petersen.

Originalpublikation:
A marine plasmid hitchhiking vast phylogenetic and geographic distances. Petersen J, Vollmers J, Ringel V, Brinkmann H, Ellebrandt-Sperling C, Spröer C, Howat AM, Murrell JC, Kaster AK. Proc Natl Acad Sci U S A. 2019 Sep 23. pii: 201905878. doi: 10.1073/pnas.1905878116. [Epub ahead of print]

DSMZ-Pressekontakt:
Sven-David Müller, Pressesprecher des Leibniz-Instituts DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Tel.: 0531/2616-300
E-Mail: sven.david.mueller@dsmz.de

Über das Leibniz-Institut DSMZ
Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH ist die weltweit vielfältigste Sammlung für biologische Ressourcen (Bakterien, Archaeen, Protisten, Hefen, Pilze, Bakteriophagen, Pflanzenviren, genomische bakterielle DNA sowie menschliche und tierische Zellkulturen). An der DSMZ werden Mikroorganismen sowie Zellkulturen gesammelt, erforscht und archiviert. Als Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft ist die DSMZ mit ihren umfangreichen wissenschaftlichen Services und biologischen Ressourcen seit 1969 globaler Partner für Forschung, Wissenschaft und Industrie. Die DSMZ ist als gemeinnützig anerkannt, die erste registrierte Sammlung Europas (Verordnung (EU) Nr. 511/2014) und nach Qualitätsstandard ISO 9001:2015 zertifiziert. Als Patenthinterlegungsstelle bietet sie die bundesweit einzige Möglichkeit, biologisches Material nach den Anforderungen des Budapester Vertrags zu hinterlegen. Neben dem wissenschaftlichen Service bildet die Forschung das zweite Standbein der DSMZ. Das Institut mit Sitz auf dem Science Campus Braunschweig-Süd beherbergt mehr als 69.701 Kulturen sowie Biomaterialien und hat 198 Mitarbeiter. www.dsmz.de

Über die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 95 selbständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen – u.a. in Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 20.000 Personen, darunter 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Milliarden Euro. www.leibniz-gemeinschaft.de

Quelle: IDW 

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Die Herz-Themen des Tages

Prof. Dr. Michael Böhm Pressesprecher
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V.

Am zweiten Tag der DGK Herztage 2019 in Berlin können wir Ihnen spannende Ergebnisse aus der Telemedizin, der Behandlung von Vorhofflimmern und der Entwicklung der Herzinfarkt-Häufigkeit in Deutschland mitteilen. Zu dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie werden vom 10. bis zum 12. Oktober mehr als 3.500 Teilnehmer erwartet, die die neuesten Forschungsergebnisse aus der Herz-Kreislauf-Medizin und ihre Umsetzung in der Patientenversorgung diskutieren.

Erfahren Sie hier mehr über unsere Themen des Tages:
Telemonitoring senkt die Sterberate bei Herzschwäche-Patienten deutlich

Einer Analyse von Krankenkassendaten zufolge sinkt die Sterblichkeit bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz durch eine intensive telemedizinische Betreuung um fast ein Drittel. Tendenziell profi-tieren vor allem ältere Patienten von dem telemedizinischen Versorgungsprogramm AOK-Curaplan Herz Plus. Eine Auswertung der Daten wurde heute im Rahmen der Herztage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie vorgestellt.

Hier geht es zur Pressemitteilung: http://dgk.org/pressemitteilungen/dgk-herztage-2019/aktuelle-pressemitteilungen/…

Herzinfarkt-Patienten werden immer älter
In den letzten 17 Jahren hat sich das Alter, in dem Patienten zum ersten Mal einen Herzinfarkt erleiden, im Schnitt um acht Jahre nach hinten verschoben. Experten sehen darin einen Erfolg der medikamentösen Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Zunahme der Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren machen weitere Anstrengungen in der Prävention aber dennoch unabdingbar.

Hier geht es zur Pressemitteilung http://dgk.org/pressemitteilungen/dgk-herztage-2019/aktuelle-pressemitteilungen/…

Vorhofflimmer-Ablation: Je früher desto besser?
Eine interventionelle Behandlung von Vorhofflimmern ist wirksamer als eine medikamentöse Therapie. Große Studien haben das mehrfach eindrucksvoll belegt. Neue Daten deuten außerdem darauf hin, dass Patienten von einer frühzeitigen Ablation zu profitieren scheinen.

Hier geht es zur Pressemitteilung: http://dgk.org/pressemitteilungen/dgk-herztage-2019/aktuelle-pressemitteilungen/…

Interventionelle Behandlung von Vorhofflimmern – was neue Devices leisten können
Die Zahl der Herzrhythmus-Ablationen in Deutschland steigt auf 100.000 pro Jahr. Die Eingriffe wer-den an immer mehr Zentren durchgeführt, die zum Teil nur sehr geringe Fallzahlen nachweisen können. Neue Innovationen beschleunigen und vereinfachen die Durchführung der Eingriffe

Hier geht es zur Pressemitteilung: http://dgk.org/pressemitteilungen/dgk-herztage-2019/aktuelle-pressemitteilungen/…

Medienkontakt:
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie
Pressesprecher: Prof. Dr. Michael Böhm (Homburg/Saar)
Pressestelle: Kerstin Kacmaz, Tel.: 0211 600 692 43, Melissa Wilke, Tel.: 0211 600 692 13
Telefonnummer während der DGK-Herztage (10.10.-12.10.2019): 030 / 2065-1912
presse@dgk.org

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK) mit Sitz in Düsseldorf ist eine gemeinnützige wissenschaftlich medizinische Fachgesellschaft mit mehr als 10.000 Mitgliedern. Sie ist die älteste und größte kardiologische Gesellschaft in Europa. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulären Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder und die Erstellung von Leitlinien. Weitere Informationen unter www.dgk.org

Weitere Informationen:
http://www.dgk.org/presse

Quelle: IDW 

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Ist der Sehsinn der wichtigste Sinn?

Christina Glaser Referat II/2 – Media Relations & Communications
Universität Regensburg

Welcher Sinn würde Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie ihn verlieren würden? Diese Frage hat der Regensburger Psychologe Fabian Hutmacher in einer Umfrage gestellt. Der Großteil der Befragten antwortete: Der Sehsinn. Das deckt sich mit der Anzahl an Forschungspublikationen, die zur Wahrnehmung mit den verschiedenen Sinnesmodalitäten veröffentlicht wurden: Etwa dreiviertel der Aufsätze beschäftigen sich mit dem visuellen Sinn. Der bedeutendste Sinn scheint also der Sehsinn zu sein – sowohl in westlichen Gesellschaften als auch in der Forschung. Aber wieso ist das so? Das wollte Fabian Hutmacher genauer wissen. Seine Erkenntnisse sind in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology erschienen.

In Zeiten von Tablets und Smartphones ist der visuelle Sinn zweifelsfrei von großer Bedeutung. Aber kann man wirklich sagen, dass der Sehsinn der wichtigste Sinn ist? „Ganz so einfach ist es wahrscheinlich nicht“, findet Fabian Hutmacher. „Denn man muss erst mal festlegen, woran man die Wichtigkeit festmacht. Unsere Gesellschaft ist beispielsweise gut darauf ausgerichtet, blinde Menschen zu unterstützen. Jemand der blind ist, kommt daher meist relativ gut im Alltag zurecht. Aber stellen Sie sich vor, Sie hätten keinen Tastsinn mehr. Sie würden zum Beispiel nicht merken, wann Sie beim Hinsetzen die Sitzfläche des Stuhls erreichen und Sie könnten keinen Schmerz empfinden. Tatsächlich haben Menschen, die keine Schmerzen wahrnehmen können, eine geringere Lebenserwartung. Das gilt für Blinde nicht. Für das Überleben in unseren heutigen Gesellschaften ist der Tastsinn also vielleicht sogar wichtiger als der Sehsinn. Das bedeutet nicht, dass der Sehsinn definitiv nicht der wichtigste Sinn ist, aber es bedeutet, dass man über den Begriff der Wichtigkeit zumindest diskutieren kann.“

Der visuelle Sinn gilt nicht nur als der wichtigste, sondern auch als der komplexeste Sinn, denn die Areale im Gehirn, die für die visuelle Verarbeitung zuständig sind, scheinen viel größer zu sein, als die Bereiche für die Verarbeitung von Reizen in anderen Sinnessystemen. Doch auch hier ist es nicht so leicht, erklärt Fabian Hutmacher: „Untersuchungen aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben gezeigt, dass die Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen weniger strikt getrennt als vielmehr sehr vernetzt verarbeitet werden – und dass scheinbar auf die Verarbeitung visueller Informationen spezialisierte Hirnareale auch bei der Verarbeitung anderer Sinneseindrücke eine wichtige Rolle spielen.“ Komplexität lässt sich daneben auch anders definieren, zum Beispiel anhand der Größe des Sinnesorgans – hier übertrumpft der über die ganze Körperoberfläche verteilte Tastsinn alle anderen Sinne – oder anhand der Anzahl verschiedener Sinnesrezeptoren. „Im Auge haben wir nicht so viele verschiedene Rezeptoren, nur Stäbchen für das Sehen im Dunklen und drei verschiedene Arten von Zapfen für das Farbsehen. Für das Riechen hingegen gibt es hunderte verschiedene Rezeptoren. Das heißt wiederum nicht unbedingt, dass das Riechen komplexer ist, als das Sehen. Es zeigt aber, dass es andere Kriterien gibt, nach denen man die Komplexität gewichten könnte“, so Hutmacher.

Daher ist sich Fabian Hutmacher sicher: Die Wichtigkeit und die Komplexität des Sehsinns können nicht die einzigen Gründe dafür sein, dass sich die Forschung so eingehend mit ihm beschäftigt, während die anderen Sinnesmodalitäten – also Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – eher am Rande behandelt werden. Eine weitere Erklärung könnte strukturell-methodischer Natur sein. Zum einen ist die Untersuchung der anderen Sinne meist aufwändiger. „Es ist zum Beispiel schwieriger, kontrolliert einen Geruch darzubieten als ein Bild zu zeigen“, erklärt Hutmacher. Zum anderen könnte der sogenannte Matthäus-Effekt greifen, nach dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben. „Wer Forschungsgelder beantragt, muss begründen, wozu er die Mittel benötigt. Da es bereits viel Forschung zum Visuellen gibt, schätzen die Geldgeber dieses Thema als wichtig ein. Themen, die bisher nicht stark im Fokus der Wissenschaft waren, erscheinen dagegen als weniger relevant, da sie ja bisher nicht so intensiv erforscht wurden.“

Noch eine Erklärung für die Dominanz des Sehsinns in der Forschung hat Fabian Hutmacher ausgemacht – eine kulturelle: „Wir leben in einer sehr visuell geprägten Kultur. Überall gibt es Bildschirme, beispielsweise als Smartphones, Fernseher oder Infoscreens. Gerade der digitale Wandel hat das Visuelle in den letzten Jahren noch stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.“ Interessanterweise aber ist die Dominanz des Visuellen weder eine historische noch eine kulturelle Konstante. Zum einen lässt sich zeigen, dass sich die Dominanz des Visuellen in westlichen Gesellschaften schon seit dem Mittelalter und nicht erst mit der Erfindung von Smartphones verstärkt hat. Zum anderen gibt es nicht-westliche Kulturen, in denen eben nicht dem Sehen, sondern anderen Sinnen der erste Platz in der Hierarchie der Sinne eingeräumt wird.

Seine hohe Relevanz möchte Fabian Hutmacher dem Sehsinn nicht absprechen. Auch für ihn spielt das Visuelle eine große Rolle: „Ich lese extrem viel und arbeite den Großteil des Tages am Computer.“ Trotzdem plädiert er dafür, in der Forschung auch die anderen Sinne stärker zu beachten. „Wer wissen möchte, wie beispielsweise das Gedächtnis für Sinneswahrnehmungen funktioniert, sollte nicht unbedingt alle Erkenntnisse aus der Untersuchung des visuellen Gedächtnisses ableiten.“

Auch in Zukunft möchte Fabian Hutmacher die Sinnesmodalitäten erkunden, auch wenn die Menschen oft sehr auf das Rationale und Intellektuelle bedacht sind. „Die sinnliche Qualität, die die Welt ja hat, wird manchmal etwas stiefmütterlich behandelt. Die Reichhaltigkeit und Detailliertheit dessen, was wir sinnlich wahrnehmen und abspeichern, finde ich sehr spannend.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Fabian Hutmacher
Am Institut für Experimentelle Psychologie
Universität Regensburg
Tel.: 0941 943-3317
E-Mail: fabian.hutmacher@ur.de

Originalpublikation:
Fabian Hutmacher „Why Is There So Much More Research on Vision Than on Any Other Sensory Modality?“ Frontiers in Psychology 2019.
DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.02246

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TU Berlin: „Blau-grüne Straßen“ gegen Trockenstress und Sturzfluten

Stefanie Terp Stabsstelle Kommunikation, Events und Alumni
Technische Universität Berlin

In Großstädten wie Berlin leiden Straßenbäume trotz Extremniederschlägen unter Dauerstress durch Dürreperioden – Wassermanagement muss neu gedacht werden

Der Herbst ist da und bringt endlich Regen mit sich. Doch die Folgen des diesjährigen Extremsommers werden uns auch die nächsten Jahre noch beschäftigen, befürchten Wissenschaftler*innen. Nach dem zweiten Sommer mit ungewöhnlich hohen Temperaturen und langanhalten Trockenperioden waren die Auswirkungen auf die Straßenbäume im Berliner Stadtbild deutlich zu erkennen. Gleichzeitig führten zwei Extremniederschläge zu rapiden Überflutungen ganzer Straßenzüge ohne den Dürrestress der Bäume zu mindern, da die klassische Stadtentwässerung für die möglichst rasche Ableitung des Wassers sorgt, was die Kanalisation in dieser Extremsituation überlastet und die Gewässer mit Schmutzfracht belastet. Abhilfe könnte eine Umstrukturierung des urbanen Wassermanagements schaffen, das die umgehende Ableitung von Regenwasser verhindert, das Wasser für die Bewässerung nutzt und damit eine Anpassung an den lokalen Klimawandel ermöglicht. Das mit 2,5 Millionen Euro geförderte BMBF-Verbundvorhaben „BlueGreenStreets“ will durch eine Neudefinition und sogenannte Multikodierung von Straßenräumen dieses Dilemma auflösen.

„Schon Ende Juli schien in vielen Straßenzügen der Herbst Einzug gehalten zu haben, wenn man in die Kronen von Stadtbäumen schaute: Gelbes Laub, kahle Äste und fallende Blätter“, sagt Dr.-Ing. Björn Kluge vom Fachgebiet Ökohydrologie und Landschaftsbewertung der TU Berlin. „Unsere Straßenbäume zeigen zunehmend deutliche Schäden.“ Dies lasse sich zum einen auf die geringen Niederschläge 2018 und 2019 zurückführen, mit nur 376 Litern beziehungsweise in 2019 bisher nur 323 Litern pro Quadratmeter, während der langjährige Durchschnitt bei 580 Litern pro Quadratmeter liege, zum anderen auch auf die deutliche Zunahme der „Sommertage“ mit über 25° C und der „heißen“ Tage mit über 30° C. Gleichzeitig wurde Berlin in diesem Sommer von gleich zwei Jahrhundert-Extremniederschlägen mit Regenmengen von rund 30 Litern pro Quadratmeter in nur 20 Minuten überflutet. Und auch in anderen wachsenden Städten besteht die Gefahr, dass es durch die Bebauung und damit den Verlust wichtiger Grünflächen zu mehr Überflutungen kommt.

Förderung von Versickerung und Verdunstung durch intelligente Lenkung
„Bei gleichzeitiger, extremer Trockenheit im Wurzelraum der Stadtvegetation erzeugen Extremniederschläge urbane Sturzfluten, welche in kürzester Zeit abfließen, die Gewässer belasten, die Nutzung des Verkehrsraumes einschränken und zu Gebäude- und Infrastrukturschäden führen, während die Straßenbäume auf dem Trockenen sitzen“, erklärt Prof. Dr. Eva Paton, die das Fachgebiet leitet. Diese Extremniederschläge minderten also den Dürrestress der Bäume keineswegs. Grund sei eine nicht angepasste Gestaltung der Stadt, denn das Wasser werde nach klassischer Stadtentwässerung so schnell wie möglich aus der Stadt abgeleitet. „In der zukünftigen Stadtentwicklung brauchen wir eine intelligente Lenkung, um Niederschläge und Überflutungsereignisse durch dezentrale Versickerung und Verdunstung in temporären wie dauerhaften Retentionsräumen deutlich abzupuffern“, erklären die Wissenschaftler*innen. Diese Räume könnten Parkflächen, Straßenräume, Mulden, Baumscheiben, Baumrigolen- und Fassadenbegrünungssysteme sowie eine Kombination aus diesen Elementen sein. Stadtbäumen und grünen Fassaden würde durch diese Zwischenspeicherung im Boden deutlich mehr Wasser zur Verfügung stehen. Das hätte mannigfaltige positive Wirkungen auf den urbanen Raum zur Folge: Entlastung der Kanalisation, weniger Schmutzfracht für die Gewässer, höhere Baumvitalität und damit geringere Baumpflegekosten sowie eine deutlich höhere Verdunstung mit stärkerem Kühlungseffekt an heißen Tagen.

„Diese Art der Wassernutzung ist allerdings derzeit aus rechtlicher Sicht bisher nur sehr eingeschränkt genehmigungsfähig“, so Björn Kluge. Es müsse also zunächst eine Anpassung der gängigen Verwaltungspraxis stattfinden. Unter anderem müsse der Grundwasserschutz berücksichtigt sowie die zu erwartenden Nutzen durch Untersuchungen und Risikoabschätzungen validiert werden. Diese Untersuchungen sowie die Nutzung von Synergien und die Möglichkeiten der Verknüpfung und Implementierung untersucht das Forschungs- und Entwicklungs-Verbundvorhaben „BlueGreenStreets“, das soeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Fördermaßnahme „RES:Z – Ressourceneffiziente Stadtquartiere für die Zukunft“ für drei Jahre bewilligt wurde. An dem mit rund 2,5 Millionen Euro geförderten Projekt ist die TU Berlin mit zwei Teilprojekten beteiligt. Das Fachgebiet Ökohydrologie des Instituts für Ökologie untersucht die Verdunstungsleistung von Stadtbäumen und Fassadengrün und führt Messungen zu deren Verdunstungsleistungen durch, um den Wasserbedarf und potenziell mögliche Verdunstungsmengen abzuleiten. Die Daten werden für die Modellierung zur Ableitung der Auslegung und der Effekte von sogenannten „Blau-Grünen Straßen“ mit integriertem Stadtgrün und Wasserflächen im Stadtraum genutzt. Das Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft des Instituts für Bauingenieurwesen identifiziert und untersucht verkehrliche Belastungs-Hotspots im Straßenraum und erprobt Reinigungsverfahren.

Entwickelte Tools werden mit kommunalen Partnern erprobt
Das Gesamtprojekt untersucht die Wirksamkeit von Planungsinstrumenten und Regelwerken zu grünen städtischen Infrastrukturen, urbaner Wasserwirtschaft, dem Sanierungsmanagement von Straßen und Kanälen, und der Verkehrs- und Freiraumplanung und entwickelt diese weiter. Straßenräume sollen so zukunftsfähig gestaltet werden und damit zu Multitalenten in Stadtquartieren werden. Die entwickelten Planungsvorschläge und Tools werden mit kommunalen Partnern unter anderem in Berlin, Hamburg und Neuenhagen, Bochum, Solingen mit den Stadtakteuren in Pilotstraßen erprobt. Die Übertragbarkeit auf andere Kommunen soll anschließend durch modellhafte Lösungsvorschläge zur Integration von Stadtgrün im Straßenraum gewährleistet werden.

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:
Prof. Dr. Eva Paton
Dr. Björn Kluge
Dr. Thomas Nehls
TU Berlin
Fachgebiet Ökohydrologie & Landschaftsbewertung
Tel.: 030/314-73536, -73535
E-Mail: eva.paton@tu-berlin.de, bjoern.kluge@tu-berlin.de, thomas.nehls@tu-berlin.de
Website: http://www.oekohydro.tu-berlin.de/menue/forschung/laufende_forschungsprojekte/

Quelle: IDW 

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Tuberkulose: Neue Einblicke in den Erreger

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Forscher der Universität Würzburg und des spanischen Krebsforschungszentrums haben neue Erkenntnisse über den Erreger der Tuberkulose gewonnen. Die in Nature veröffentlichte Arbeit liefert die Grundlage für einen neuen Ansatzpunkt in der Antibiotikatherapie.

Tuberkulose ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, die über den Luftweg übertragen wird und hauptsächlich die Lunge befällt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jedes Jahr geschätzte 1,7 Millionen Menschen weltweit an einer solchen Infektion. Zudem trägt ein Viertel der Weltbevölkerung eine Form der Tuberkulose in sich, die über lange Zeit im Verborgenen schwelt. Sie zeigt zunächst keine Symptome, kann aber zu einem späteren Zeitpunkt ausbrechen.

Nanomaschinen in der Zellhülle
Bei einer Ansteckung scheidet der Erreger der Tuberkulose, das Mycobacterium tuberculosis, über sogenannte Typ VII-Sekretionssysteme eine Vielzahl an spezialisierten Effektorproteinen aus. Diese kleinen, aus Proteinen bestehenden Nanomaschinen in der Zellhülle sorgen dafür, dass das Mycobacterium beispielsweise die Immunabwehr bekämpfen oder die Aufnahme von Nährstoffen sicherstellen kann, um sich im Wirt zu vermehren. Die Funktionsweise dieser zentralen Sekretionssysteme ist bisher wenig verstanden.

Wissenschaftlern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und vom spanischen Krebsforschungszentrum CNIO (Centro Nacional de Investigaciones Oncológicas) ist es jetzt gelungen, die molekulare Struktur dieser Nanomaschinen zu entschlüsseln. Federführend bei diesen Arbeiten war Dr. Sebastian Geibel, der eine vom Elitenetzwerk Bayern finanzierte Arbeitsgruppe am Institut für Molekulare Infektionsbiologie leitet und gleichzeitig mit dem Rudolf-Virchow-Zentrum der JMU affiliert ist. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature haben die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlicht.

Messungen bei Tiefsttemperaturen
Die Arbeitsgruppe um Sebastian Geibel hat in den vergangenen fünf Jahren intensiv daran gearbeitet, eine dieser Sekretionsmaschinen stabil zu rekonstituieren und die empfindliche Probe für Messungen am Kryo-Elektronenmikroskop vorzubereiten. Dazu müssen die Proteinkomplexe zunächst unter definierten Bedingungen schockgefroren werden.

In Zusammenarbeit mit der spanischen Arbeitsgruppe um Oscar Llorca, die in Madrid in einem aufwendigen Verfahren dreidimensionale Karten des Proteinkomplexes generierte, konnten die Würzburger Forscher ein Model der Molekülstruktur erstellen. Es gelang, wichtige Elemente der Nanomaschine zu identifizieren, die die Transportpore formen, als auch Elemente zu bestimmen, die chemische Energie in Bewegung umwandeln und dadurch den Transport der Effektorproteine durch die Pore antreiben.

Neuer Ansatz für neue Wirkstoffe
Die Erkenntnisse der Forscher führen zu einem tieferen Verständnis der Funktionsweise von Type VII-Sekretionssystemen. Da es momentan noch keinen umfassenden Impfschutz gegen Tuberkulose gibt und gleichzeitig immer mehr Tuberkulose-Erreger Resistenzen gegen gängige Antibiotika entwickeln, schaffen die Erkenntnisse der Forscher die Grundlage für die Entwicklung neuer Wirkstoffe in der Antibiotikatherapie.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Sebastian Geibel, NWG Mykobakterielle Sekretionssysteme, Lehrstuhl für Molekulare Infektionsbiologie I (Prof. Dr. Jörg Vogel), T: +49 931 31-84590, sebastian.geibel@uni-wuerzburg.de

Originalpublikation:
Architecture of the mycobacterial type VII secretion system. Nikolaos Famelis, Angel Rivera-Calzada, Gianluca Degliesposti, Maria Wingender, Nicole Mietrach, J. Mark Skehel, Rafael Fernandez-Leiro, Bettina Böttcher, Andreas Schlosser, Oscar Llorca & Sebastian Geibel. Nature, 9. October 2019, DOI 10.1038/s41586-019-1633-1.

Weitere Informationen:
https://www.nature.com/articles/s41586-019-1633-1 Link zur Originalpublikation

Quelle: IDW 

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Neuartiges Verfahren für das Kunststoffrecycling präsentiert: Großes Industrie-Interesse an Forschungsprojekt „MaReK“

Annika Borchers Pressestelle
Hochschule Pforzheim

Es sind deutliche technische Fortschritte erforderlich, um den Kunststoffverbrauch in Deutschland und auf der Welt zu reduzieren. Daher fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Forschungsarbeiten im Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt“. Im Rahmen des Forschungsprojekts „MaReK – Markerbasiertes Sortier- und Recyclingsystem für Kunststoffverpackungen“ wird dazu an der Hochschule Pforzheim eine neue Möglichkeit der Sortierung von Abfällen untersucht. Das Konsortium lud Ende September zu einem internationalen Workshop ein, um die bisher erreichten Ergebnisse darzustellen und über die weitere Umsetzung zu diskutieren.

Zukünftig wird für Kunststoffverpackungen in Deutschland eine Recyclingquote von 63 Gewichts-% gefordert. Es sind deutliche technische Fortschritte erforderlich, wenn diese gesetzliche Vorgabe im Jahr 2022 erreicht werden soll. In Europa werden derzeit lediglich 6% des Kunststoffverbrauchs durch Rezyklate gedeckt. Weltweit werden derzeit knapp 10% aller Verpackungen rezykliert, weit überwiegend jedoch nicht als gleichwertige Verpackung, sondern in Anwendungen mit geringerer Qualität. Viele Kunststoffe finden ihren Weg in die Umwelt und letztlich in die Ozeane. Daher fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Forschungsarbeiten im Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt“. Im Rahmen des Forschungsprojekts „MaReK – Markerbasiertes Sortier- und Recyclingsystem für Kunststoffverpackungen“ wird dazu an der Hochschule Pforzheim eine neue Möglichkeit der Sortierung von Abfällen untersucht, um hochwertige Rezyklate aus Kunststoffabfällen herzustellen. An dem Projekt arbeiten neben dem Institut für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim (HS PF) die drei Unternehmen Polysecure GmbH, Werner & Mertz GmbH, Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH sowie das Institut für Mikrostrukturtechnologie des KIT mit. Das Projektkonsortium untersucht einen auf Fluoreszenz-Markern basierenden Ansatz zur Erkennung von Kunststoffverpackungen.

Das Konsortium lud Ende September zu einem internationalen Workshop ein, um die bisher erreichten Ergebnisse darzustellen und das durch den Projektpartner Polysecure entwickelte Sortierverfahren anhand einer Demonstrator-Sortieranlage zu präsentieren. Rund vierzig internationale Vertreter von Industrieunternehmen, großen Markenherstellern sowie von Forschungseinrichtungen und auch Abfallwirtschaftsbehörden folgten der Einladung. „Wir sind überwältigt von desr Resonanz, denn zahlreiche große Unternehmen und weitere wichtige Partner für die Realisierung unseres Ansatzes haben ihr Interesse ausgedrückt und Umsetzungsmöglichkeiten mit uns diskutiert“, so der Tagungs- und Projektleiter Dr. Claus Lang-Koetz, Professor für Nachhaltiges Technologie- und Innovationsmanagement an der HS PF. Er leitet zusammen mit seinem Kollegen Professor Dr. Jörg Woidasky das Verbundvorhaben.

Der Veranstaltungsort waren die Technika des Projektpartners Polysecure in Freiburg: „Nachdem wir erst kürzlich die neuen Technikumsräume hier in Freiburg beziehen konnten, war dieser Workshop eine einmalige Gelegenheit, neben dem Unternehmen auch die von uns entwickelte Sortiertechnik zu präsentieren“, so der Polysecure-Geschäftsführer Jochen Moesslein. „Bereits die ersten Versuche mit unserem neuen Fallrohr-Identifikationskonzept haben überzeugende Ergebnisse gezeigt, und das konnten alle Workshop-Teilnehmer direkt miterleben!“

Neben der Demonstration der „Tracer-Based Sorting“ (TBS)-Sortiertechnik, bei der eigens entwickelte anorganische Leuchtstoffe durch Infrarotstrahlung angeregt werden und so die auszusortierenden Verpackungen zum Leuchten bringen, wurden weitere Prozesse des Tracer-Based Sorting wie die Markerproduktion selbst sowie die Integration des Markers auf und in den Verpackungen vorgestellt. Anschließend wurde in vier hochkarätig besetzten Arbeitsgruppen über wichtige Fragen für die weitere Umsetzung diskutiert. Unter anderem interessierte das Forschungskonsortium in den Diskussionsrunden die Einschätzung der Stakeholder zu verschiedenen Anwendungskonzepten sowie Treibern und Hemmnissen der Technologie. Wichtige Ergebnisse waren dabei neben der Einsetzbarkeit der TBS-Technologie zur Trennung von Lebensmittel- von Nicht-Lebensmittelverpackungen auch die Kennzeichnung schlecht verwertbarer Verbundverpackungen oder die weitere Auftrennung von einzelnen Polymersorten.

Da es sich beim Tracer-Based Sorting um eine komplexe Innovation handelt, die wert-schöpfungskettenübergreifend erhebliche Auswirkungen haben wird, ist es wichtig, schon in einer frühen Phase der Innovation die Einflussgruppen einzubeziehen. Die Besucher vertraten die Bereiche Herstellung, Handel und Entsorgung sowie Verwaltung und bildeten damit ein hervorragendes Forum, um neben technischen auch organisatorische und politische Fragestellungen zur Umsetzung zu diskutieren. Neben zahlreichen Teilnehmern aus Deutschland nahmen Stakeholder aus Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Australien am englischsprachigen Stakeholder-Workshop teil.

Informationen zur Technologie:
Grundlage der im Projekt MaReK untersuchten Möglichkeit der Sortierung von Abfällen ist die Tracer-Based-Sorting-Technologie. Sie wurde vom Projektpartner Polysecure GmbH entwickelt und soll es ermöglichen, Kunststoffverpackungen gezielt in hochwertige sortenreine Fraktionen zu separieren, um ein qualitativ höherwertiges Recycling zu ermöglichen. Darauf basierend wird im Projekt MaReK die Entwicklung und Erprobung einer Kombination aus Verpackungs-kennzeichnung und eines darauf abgestimmten Sortierverfahrens verfolgt. Dabei werden der Kunststoffverpackung oder dem Etikett bereits bei der Herstellung fluoreszierende Markerpartikel beigemischt. Der Marker ist unter natürlichen Umständen für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar, nur bei speziell definierter Anregung im Infrarotbereich wird er sichtbar. In der Verwertung können dann mit einer speziell auf die Marker abgestimmten TBS-Sortiermaschine markierte Artikel aus dem Abfallstrom identifiziert und abgetrennt werden. So können hochwertige, sortenreine oder sogar typenreine Stoffe für die Verwertung aussortiert werden. Damit leistet die TBS-Technologie einen erheblichen Beitrag zur Ausweitung des werkstofflichen Recyclings.

Informationen zum Projekt:
Das Projekt MaReK (Markerbasiertes Sortier- und Recyclingsystem) wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ (FONA3) in der Fördermaßnahme „Plastik in der Umwelt“. Betreut wird das Projekt vom Projektträger Jülich (Projektträgerschaft Ressourcen und Nachhaltigkeit) im BMBF-Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt“ im Rahmen der Leitinitiative „Green Economy“, Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung – (FONA³).

Projektpartner sind:
• Hochschule Pforzheim, Institut für Industrial Ecology INEC (Pforzheim) (Projektleitung)
• Polysecure GmbH (Freiburg)
• Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (Köln)
• Werner & Mertz GmbH (Mainz)
• KIT Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Mikrostrukturtechnologie (Karlsruhe)
• Assoziierter Partner: Umwelttechnik BW GmbH (Stuttgart)

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Professor Dr. Claus Lang-Koetz, claus.lang-koetz@hs-pforzheim.de
Professor Dr. Jörg Woidasky, joerg.woidasky@hs-pforzheim.de

Weitere Informationen:

http://www.hs-pforzheim.de/marek

Quelle: IDW 

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Forscher entschlüsseln Wirkung von Ebola-Impfstoff – Virologen der Uniklinik Köln identifizieren neue Antikörper

Christoph Wanko Unternehmenskommunikation und Marketing
Uniklinik Köln

rVSV-EBOV heißt der noch neue Impfstoff, der aktuell im Kampf gegen das meist tödliche Ebola-Virus eingesetzt wird. Seit 2018 haben ihn bereits über 200.000 Menschen erhalten. Wie genau der Impfstoff wirkt, war bislang jedoch nur teilweise bekannt. Wissenschaftler um Univ.-Prof. Dr. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln und der Medizinischen Fakultät, konnten die durch rVSV-EBOV ausgelöste Antikörperantwort nun im Detail entschlüsseln. Ihre Erkenntnisse sind heute (7.10.19) im renommierten Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlicht worden.

Nach der dramatischen Ebola-Epidemie von 2013 bis 2016 in Westafrika grassiert das Virus nun seit 2018 in der Demokratischen Republik Kongo. Seitdem ist es zu über 2.100 Todesfällen gekommen und die Zahl der Opfer sowie Neuinfektionen steigt täglich. Um die Epidemie einzudämmen setzen Mediziner den rekombinanten Lebendimpfstoff rVSV-ZEBOV ein, der abgeschwächte vesikuläre Stomatitis-Viren (VSV) mit dem Hüllprotein des Ebola-Virus vom Zaire-Stamm (ZEBOV) kombiniert.

Wissenschaftler um Prof. Klein konnten nun zeigen, wie das Immunsystem auf die Impfung reagiert und Antikörper gegen das Ebola-Virus bildet. Die Untersuchungen erfolgten mit der Unterstützung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in enger Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Marburg, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und des Weizmann-Instituts für Wissenschaften in Israel.

In ihrer Arbeit zeigten die Forscher, dass die Impfung eine große Bandbreite an verschiedenen Antikörpern gegen das Ebola-Virus hervorruft, die unterschiedliche Stellen auf dem Hüllprotein des Virus erkennen. Viele der untersuchten Antikörper wiesen zudem sehr gute Neutralisations-Eigenschaften auf. Diese sind in der Regel besonders wichtig, um vor Infektionen zu schützen. Ausgesprochen wirkungsstark waren dabei die Antikörper 3T0331 und 4T0243. Diese konnten Ebola-Viren unter Zellkultur-Bedingungen deutlich effizienter neutralisieren als andere Antikörper, die zurzeit therapeutisch eingesetzt werden.

Des Weiteren entdeckten die Wissenschaftler, dass bestimmte Antikörper bei allen untersuchten und geimpften Personen in sehr ähnlicher Weise auftraten. Dafür hat das Team von Prof. Klein, dem auch die Erstautoren Doktorandin Stefanie Ehrhardt und Post-Doc Dr. Matthias Zehner angehören, die sogenannten B-Zellen untersucht, die für die Bildung der Antikörper verantwortlich sind. „Die spezifischen B-Zellen im Blut der geimpften Personen haben wir mittels eines markierten Ebola-Hüllproteins sichtbar gemacht und jede einzelne Zelle genau analysiert“, so Dr. Zehner. „Die Ähnlichkeit bestimmter Antikörper zwischen den geimpften Personen ist sehr beeindruckend, da jeder Mensch eine fast unbegrenzte Anzahl an verschiedenen Antikörpern produzieren kann. Zudem ähneln sie auch den Antikörpern, die in Ebola-Überlebenden gefunden wurden, was unterstreicht, dass der Impfstoff zu einer der Virus-Infektion ähnlichen Antikörperantwort führt“, erklärt Stefanie Ehrhardt.

Die Forscher verdeutlichen mit ihrer Arbeit darüber hinaus, dass therapeutische Antikörper auch effektiv aus geimpften Personen entwickelt werden können. „Das ist besonders bei schwerwiegenden Ausbrüchen in Gebieten mit schlechter Infrastruktur von Bedeutung. Wenn zuvor eine Studie mit einem Impfstoff gegen den Erreger durchgeführt wurde, kann versucht werden, direkt aus diesen Personen neutralisierende Antikörper zu isolieren. Diese können dann zum Schutz und zur Therapie der Infektion eingesetzt werden“, erklärt Prof. Klein abschließend.

Kooperationspartner der Studie:
• Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
• Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg
• Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rehovot, Israel
• Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
• Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)
• Universitätsklinikum Frankfurt

Für Rückfragen:
Anja Schattschneider
Redakteurin / Pressereferentin
Stabsabteilung Unternehmenskommunikation und Marketing
Telefon: 0221 478-5548
E-Mail: presse@uk-koeln.de

Originalpublikation:
Polyclonal and convergent antibody response to, Ebola virus vaccine rVSV-ZEBOV, Stefanie A. Ehrhardt und Matthias Zehner*, Verena Krähling, Hadas Cohen-Dvashi, Christoph Kreer, Nadav Elad, Henning Gruell, Meryem S. Ercanoglu, Philipp Schommers, Lutz Gieselmann, Ralf Eggeling, Christine Dahlke, Timo Wolf, Nico Pfeifer, Marylyn M. Addo, Ron Diskin, Stephan Becker and Florian Klein

https://doi.org/10.1038/s41591-019-0602-4

Quelle: IDW 

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Starke Gleichstellungsstrategie zahlt sich aus

Sebastian Hollstein Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena gehört im Bereich Gleichstellung zu den drei führenden Universitäten Deutschlands. Das geht aus dem bundesweiten „Hochschulranking nach Gleichstellungsaspekten 2019″ des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) hervor. Das Ranking vergleicht 292 Hochschulen, darunter 63 Universitäten, nach Kennzahlen zur Gleichstellungssituation in verschiedenen Bereichen. Mit zehn von zwölf Punkten bildet die Universität Jena gemeinsam mit den Universitäten Bielefeld und Potsdam die Spitzengruppe des Universitätsrankings.

Hervorragend sind in Jena beim Gleichstellungsranking vor allem die Ergebnisse in den Bereichen Promotionen und hauptberufliches wissenschaftliches Personal sowie die Steigerung des Frauenanteils am hauptberuflichen wissenschaftlichen Personal und an den Professuren gegenüber dem Jahr 2012.

„Diese Platzierung ist eine erneute Bestätigung dafür, dass wir mit unserer jüngst durch das Sachverständigengremium des Professorinnenprogramms von Bund und Ländern prämierten Gleichstellungsstrategie und den damit verbundenen Bemühungen um Chancengleichheit den richtigen Weg eingeschlagen haben“, sagt Prof. Dr. Uwe Cantner, der Vizepräsident für wissenschaftlichen Nachwuchs und Gleichstellung der Universität Jena. „Um die Bedeutung dieses Themas als Grundprinzip unserer Universität herauszustellen und wirkungsvoll agieren zu können, haben wir die Bemühungen auf diesem Feld als Führungs- und Querschnittsaufgabe verankert, in die die gesamte Universität einbezogen ist – und das zahlt sich aus, wie das Ranking belegt. Basierend auf gleichstellungsorientierten Konzepten der Studien- und Personalentwicklung und einem vielfältigen Beratungs- und Förderangebot für Frauen, in den Bereichen, in denen sie bisher unterrepräsentiert sind, wird die positive Entwicklung von allen Hochschulangehörigen getragen, die für Fairness und Chancengerechtigkeit in ihren Studien- und Arbeitsumfeld sensibel sind und sich in ihrem Team und Kollegium sowie in ihrer Lehre und Personalführung dafür einsetzen.“ Die erfolgreiche Gleichstellungsarbeit der Friedrich-Schiller-Universität lasse sich nicht zuletzt sehr gut an stetig verbesserten Ergebnissen in vorangegangenen Rankings ablesen.

Das CEWS-Hochschulranking erscheint seit 2003 im Zweijahres-Rhythmus. Es berücksichtigt das Fächerprofil der Hochschulen, zeigt bundesweite Entwicklungen im Gleichstellungsbereich auf und hat sich als Bestandteil der Qualitätssicherung für Gleichstellung etabliert. Das aktuelle Ranking basiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes 2017.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Uwe Cantner
Vizepräsident für wissenschaftlichen Nachwuchs und Gleichstellung der Universität Jena
Fürstengraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 930400
E-Mail: vpwiss.nachwuchs@uni-jena.de

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Chemische Evolution – One Pot Wonder

LMU Stabsstelle Kommunikation und Presse
Ludwig-Maximilians-Universität München

Vor dem Leben kam die RNA: LMU-Forscher zeigen, wie auf der Ur-Erde die vier verschiedenen Buchstaben dieses Erbgut-Alphabets aus simplen Vorläufermolekülen entstehen konnten – unter denselben präbiotischen Bedingungen.

Auf geothermalen Feldern wie im hier Yellowstone-Nationalpark könnten auf der Ur-Erde erste RNA-Moleküle, die Vorboten des Lebens, entstanden sein. Foto: imago / Westend61
Auf geothermalen Feldern wie im hier Yellowstone-Nationalpark könnten auf der Ur-Erde erste RNA-Moleküle, die Vorboten des Lebens, entstanden sein. Foto: imago / Westend61

Die Evolution hat eine Vorgeschichte: Bevor sich auf dem damals noch jungen Planeten das Leben formen konnte, müssen vor gut vier Milliarden Jahren die ersten einfachen Bausteine entstanden sein, die seine Entstehung in Gang setzten. Unter welchen Bedingungen und auf welchem Wege fügten sich solche Moleküle zusammen, aus denen sich komplexere informationstragende Einheiten bilden konnten, die sich selbst vervielfältigen – Vorläufer des heutigen Erbmaterials? Wissenschaftler um den LMU-Chemiker Professor Thomas Carell können nun einen weiteren, wenn nicht den entscheidenden Schritt in dieser chemischen Evolution erklären, die der biologischen Stammesgeschichte vorausgegangen ist. Davon berichten sie im renommierten Fachmagazin Science.

Thomas Carell und sein Team schlagen in ihrer neuen Arbeit eine Kaskade chemischer Reaktionen vor, in der die vier verschiedenen Bausteine des Erbmoleküls RNA allesamt unter identischen präbiotischen Bedingungen entstehen können: die Ursuppe – sozusagen in einem Topf gekocht. Bislang gab es zwei konkurrierende Modelle, die unterschiedliche geochemische Settings auf der frühen Erde voraussetzten. Eines führt zum Bau der sogenannten Pyrimidine, der Buchstaben C (Cytosin) und U (Uracil) im RNA-Alphabet, das andere zu A (Adenin) und U (Uracil). Den Reaktionsweg zu diesen Purinen hatte Carells Team schon in einer früheren Arbeit beschrieben. Jetzt haben die Münchner Chemiker, wenn man so will, eine Synthese geschafft.

Danach reichten einfachste chemische Zutaten und Reaktionsbedingungen, wie sie auf der Erde vor Millionen von Jahren etwa auf geothermalen Feldern mit vulkanischer Aktivität im Untergrund oder aber auch in flachen Teichen zu finden gewesen sein dürften, um die Synthese sogenannter Nukleoside, der direkten Vorstufen für die Purine und Pyrimidine, über eine ganze Reihe von Reaktionsschritten in Gang zu halten. Ausgangsstoffe dafür waren in den Versuchen, die die präbiotischen Bedingungen nachstellen sollten, so einfache Substanzen wie Ammoniak, Harnstoff und Ameisensäure. Auch brauchte es Salze wie Nitrite und Carbonate sowie Metalle wie Nickel, die in großen Mengen in der Erdkruste vorhanden sind. Angetrieben wurde die Kette der chemischen Reaktionen lediglich von Nass-Trocken-Zyklen, wie sie durch hydrothermale Quellen oder auch Dürre- beziehungsweise Regenperioden entstehen können.

Thomas Carell spricht von einem „Durchbruch“. Interessant sei, wie vergleichsweise homogen die Reaktionsbedingungen für die einzelnen Schritte der Synthese seien. Es reichten schon geringe Fluktuationen physikalischer Parameter wie eine gelinde Erwärmung beziehungsweise Abkühlung oder der Wechsel zwischen einem leicht sauren und einem leicht basischen Reaktionsmilieu. „Es gibt wenige komplexe Moleküle, die sich in so engen Reaktionsbändern herstellen lassen“, sagt der LMU-Chemiker. Solche einfachen Rahmenbedingungen, so folgert er, ließen es umso plausibler erscheinen, dass diese Reaktionskaskaden und damit ein entscheidender Schritt der chemischen Evolution auf der frühen Erde haben stattfinden können.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Thomas Carell
Chair of Organic Chemistry – Nucleic Acid Chemistry
LMU
Tel.: +49 / 89 / 2180-77750
E-Mail: thomas.carell@cup.uni-muenchen.de

Originalpublikation:
Sidney Becker, Jonas Feldmann, Stefan Wiedemann, Hidenori Okamura, Christina Schneider, Katharina Iwan, Antony Crisp, Martin Rossa, Tynchtyk Amatov, Thomas Carell:
Unified prebiotically plausible synthesis of pyrimidine and purine RNA ribonucleotides
Science 2019

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Tarifrunde 2020: Für mehr als 10 Millionen Beschäftigte werden neue Vergütungstarifverträge verhandelt

Rainer Jung Abt. Öffentlichkeitsarbeit
Hans-Böckler-Stiftung

Service des WSI-Tarifarchivs
Tarifrunde 2020: Für mehr als 10 Millionen Beschäftigte werden neue Vergütungstarifverträge verhandelt – Die Kündigungstermine

Die Tarifrunde 2019 geht in die Schlussphase: In einigen Bereichen wird in den verbleibenden Wochen und Monaten des Jahres noch verhandelt. Dazu gehören zum Beispiel die chemische Industrie und das Versicherungsgewerbe sowie die von der DGB-Tarifgemeinschaft geführten Verhandlungen für die Leiharbeit.

Zeitgleich laufen bereits in vielen Branchen die Vorbereitungen für die Tarifrunde 2020. Insgesamt verhandeln die DGB-Gewerkschaften im nächsten Jahr für mehr als 10 Millionen Beschäftigte neue Vergütungs-tarifverträge. Hierzu gehören u. a. die großen Tarifbereiche Metall- und Elektroindustrie und der öffentliche Dienst (Bund und Gemeinden).

Wann in welchem Bereich die gültigen Tarifverträge auslaufen, zeigt der tarifliche Kündigungsterminkalender, den das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung jetzt vorlegt. Einige ausgewählte Beispiele (in Klammern: Beschäftigtenzahlen, gerundet auf volle Tausender):

Dezember 2019:
-Leiharbeit (980.000)
-Systemgastronomie (80.000)

März:
– Metall- und Elektroindustrie (3.780.000)

April:
– Bauhauptgewerbe (633.000)
– Volkswagen AG (115.000)
– Hotel- und Gaststättengewerbe Bayern (157.000)

Mai:
– Deutsche Post AG (140.000)
– Hotel- und Gaststättengewerbe Weser-Ems (Oldenburg), Nordrhein-Westfalen (142.000)

Juni:
– Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (64.000)

August:
– öffentlicher Dienst Bund und Gemeinden (2.712.000)

September:
– Dachdeckerhandwerk (88.000)

Oktober:
– Maler- und Lackiererhandwerk (123.000)

November:
– Privates Verkehrsgewerbe Bayern (128.000)

Dezember:
– Gebäudereinigerhandwerk (460.000)
– Bewachungsgewerbe verschiedene Regionen (153.000)

In einigen Branchen wird im kommenden Jahr nicht verhandelt, weil die Verträge bis ins Jahr 2021 gelten. Dies gilt z. B. für den Groß- und Außen- und den Einzelhandel sowie den öffentlichen Dienst der Länder. Der ausführliche Überblick im Anhang der pdf-Version dieser PM (Link unten) informiert über die Kündigungstermine in zahlreichen weiteren Branchen bis Ende des Jahres 2020. In der Tabelle wird auch ausgewiesen, wie viele Beschäftigte in den jeweiligen Tarifbereichen tätig sind.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Thorsten Schulten
Leiter WSI-Tarifarchiv
Tel.: 0211 / 77 78-239
E-Mail: Thorsten-Schulten@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211 / 77 78-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Originalpublikation:
Die PM mit Tabellen-Anhang (pdf):
https://www.boeckler.de/pdf/pm_ta_2019_10_04.pdf

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Strategien für eine nachhaltige Urbanisierung. Auftakt für Internationales Forschungsprojekt „EAST-CITIES“

Dr. Elisabeth Hoffmann Presse und Kommunikation
Technische Universität Braunschweig

Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. In wenigen Ländern schritt die Urbanisierung in den letzten Jahren so voran wie in China. Diese rasante Entwicklung birgt große Chancen – wie eine Verbesserung des Lebensstandards – hat jedoch auch negative Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen und die Umwelt. Hier setzt das internationale Forschungsprojekt „EAST-CITIES – Establishing and Achieving Sustainability Targets in Eastern Chinese Cities“ an. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und China unter Leitung der Technischen Universität Braunschweig und der Tongji University, Shanghai, wollen gemeinsam die nachhaltige Entwicklung von Stadtregionen untersuchen.

Die Urbanisierung Chinas kann als eines der größten Projekte der Menschheit angesehen werden. Noch nie zuvor waren so viele Menschen in Städten und städtischen Regionen beheimatet. Noch nie zuvor haben so viele Menschen in so kurzer Zeit eine so deutliche Verbesserung ihres Lebensstandards und ihrer sozioökonomischen Möglichkeiten erlebt. Gleichzeitig führt die fortschreitende und rasante Urbanisierung in China zu ökologischen Problemen, die mit einer Minderung der Lebensqualität einhergehen. Die Forscherinnen und Forscher wollen neue Ansätze für eine nachhaltige Stadtentwicklung entwickeln, die auf einem besseren Verständnis regionaler Siedlungsformen am Übergang von Stadt zu Land und ihren Wechselwirkungen fußen.

Das interdisziplinäre EAST-CITIES-Forschungsteam der Tongji University Shanghai, der Technischen Universität Braunschweig, der Leibniz Universität Hannover (LUH) sowie GESIS Leibniz Institut für Sozialwissenschaften konzentriert sich gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern in China auf die ganzheitliche Entwicklung von „mittelgroßen“ Stadtregionen von bis zu 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Stadtregion Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong wurde als Forschungsgebiet ausgewählt. Mit ihren rund 5 Millionen Einwohnern ist die Stadt eine sogenannte sekundäre Großstadt. In ihrem unmittelbaren Einzugsbereich leben weitere 2,5 Millionen Einwohner. Für die nächsten Jahre wird noch ein Bevölkerungszuwachs von über 1 Million Menschen erwartet.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen fachübergreifend Strategien entwickeln, um unerwünschten sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen aktueller Urbanisierungsmuster entgegenzuwirken. Dazu wird im Forschungsprojekt das Know-how für die vielfältigen, komplexen, maßstabs- und sektorübergreifenden Herausforderungen zusammengeführt. Unter anderem nachhaltige Architektur und Stadtplanung, nachhaltige Mobilität in Stadtregionen und Ressourcenmanagement, urbane Produktion und Landwirtschaft. Die Forschungsarbeiten schließen dabei die verschiedenen städtischen und ländlichen Siedlungstypen und die miteinander verbundenen Infrastruktursysteme und Landschaften ein. „Bislang wurden in der Stadtforschung sehr stark die Mega-City-Regionen mit über 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner fokussiert. Dabei wachsen in China insbesondere die vielen mittelgroßen Städte mit 5 bis 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner besonders stark. Indem wir uns nun mit dem Beispiel Qingdao ganz bewusst den mittelgroßen Städten und insbesondere der Stadt-Land-Problematik widmen, schließen wir eine Lücke in der Betrachtung nachhaltiger Regionen“, so die Projektleiterin der Forschungsgruppe in Deutschland, Prof. Dr. Vanessa Miriam Carlow vom Institute for Sustainable Urbanism (ISU).

Erste Ergebnisse der laufenden Forschungstätigkeiten werden im Rahmen einer gemeinsamen Projektwoche vom 8. bis 12. Oktober 2019 vor Ort vorgestellt und diskutiert. Eine Delegation aus 15 Forscherinnen und Forschern der TU Braunschweig und des L3S Research Centers der Leibniz Universität Hannover wird nach Shanghai und Qingdao reisen und gemeinsam mit ihren chinesischen Partnerinnen und Partnern das Untersuchungsgebiet erkunden.

Das Forschungsprojekt „EAST-CITIES – Establishing and Achieving Sustainability Targets in Eastern Chinese Cities“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Derzeit in der Definitionsphase (2019-2020) beträgt die Fördersumme bei Bewilligung im geplanten Projektzeitraum von 2020 bis 2024 ca. 3,5 Millionen Euro. Übergeordnete Fragestellung und Ziel des fünfjährigen Projektes ist die Entwicklung von Strategien, um Wachstum und Entwicklung von negativen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen zu entkoppeln.

Projektteam
Das deutsche Projektteam besteht aus drei Forschungsclustern: Mitgliedern des Forschungsschwerpunkts Stadt der Zukunft der TU Braunschweig, des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik und des L3S Forschungszentrum der Leibniz Universität Hannover. Hinzu kommt ein Projektteam in China aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Tongji University Shanghai: College of Architecture and Urban Planning (CAUP), Tongji Clean Energy Automotive Engineering Center, School of Automotive Studies, College of Environmental Science and Engineering, UNEP TONGJI Institute of Environment for Sustainable Development, School of Transportation Engineering, Department of Comprehensive Transportation Information and Department of Transportation Management Engineering.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Vanessa Miriam Carlow
Technische Universität Braunschweig
Institute for Sustainable Urbanism (ISU)
Pockelsstr. 3
38106 Braunschweig
Tel.: 0531 391-3537
E-Mail: eastcities@tu-braunschweig.de
http://www.eastcities.org

Weitere Informationen:
http://www.eastcities.org

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Dem HI-Virus auf der Spur: Forscherteam macht sichtbar, wie AIDS-Erreger sich im Körper vermehrt

Lavinia Meier-Ewert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Photonische Technologien e. V.

Einem Forscherteam um Prof. Christian Eggeling vom Leibniz-Institut für Photonische Technologien, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Oxford ist es gelungen, mit höchstauflösender Bildgebung millisekundengenau sichtbar zu machen, wie das HI-Virus sich zwischen lebenden Zellen verbreitet. Mit superauflösender STED-Fluoreszenzmikroskopie liefern die Forschenden erstmals einen direkten Beweis dafür, dass der AIDS-Erreger zum Vervielfältigen ein bestimmtes Lipidmilieu schafft. „Wir haben eine Methode geschaffen, um zu erforschen, wie sich die Vermehrung potentiell verhindern lässt“, so Eggeling. Die Ergebnisse veröffentlichten sie am 2. Oktober 2019 in Science Advances.

In den Fokus nahmen die Forschenden die Schleuse, durch die das HI-Virus (Human Immunodeficiency Virus/ Erworbenes Abwehrschwäche-Syndrom) wieder aus der Zelle heraustritt, nachdem es sie infiziert hat: die Plasmamembran der Wirtszelle. Als Marker diente ihnen dabei das Protein Gag, das die Vorgänge bei der Reifung des Virus koordiniert. „Dort, wo sich dieses Protein sammelt, laufen die entscheidenden Prozesse ab, die dazu führen, dass die Viren sich freisetzen und weitere Zellen infizieren“, erläutert Christian Eggeling. Um diese zu entschlüsseln, haben sich die Forschenden die Diffusion an diesem Ort der Knospung – des „budding“ – des Viruspartikels angesehen. Sie fanden heraus, dass nur bestimmte Lipide mit dem HI-Virus wechselwirken. Zwar waren diese Lipide prinzipiell schon vorher bekannt, aber das Forscherteam konnte diese Wechselwirkung erstmals direkt an der lebenden und infizierten Zelle nachweisen.

Angriffspunkt, um die Vermehrung des Virus zu verhindern
„Damit haben wir einen potentiellen Angriffspunkt, an dem antivirale Medikamente ansetzen könnten“, so Christian Eggeling. „Zu wissen, welche Moleküle das HI-Virus braucht, um aus der Zelle herauszutreten und sich zu vervielfältigen, ist eine entscheidende Voraussetzung, um zu erforschen, wie sich dies verhindern lässt. Mit unserer Technik können wir das jetzt direkt und live verfolgen.“ Mit seinem Team will Eggeling nun Antikörper entwickeln, die genau diese Moleküle angreifen – und so die Verbreitung des Virus unterdrücken.

„Wir wollen diese Antikörper nicht nur in medizinischer Hinsicht untersuchen, sondern herausfinden, wie man ihre biophysikalische Wechselwirkung nutzen kann, um ihre Wirksamkeit zu verstärken“, umschreibt Eggeling sein Forschungsprogramm. „Dazu analysieren wir biologische Vorgänge – nämlich die Interaktion von Zellen und Molekülen – mithilfe physikalischer Parameter wie Diffusion.“ Vor einem guten Jahr ist der Physiker von Oxford nach Jena gewechselt. Neben seiner Professur für „Superresolution Microscopy“ an der Universität leitet er am Leibniz-IPHT die Forschungsabteilung „Biophysikalische Bildgebung“. Er führt zudem noch seine Arbeitsgruppe in der MRC Human Immunology Unit und am Wolfson Imaging Centre des Weatherall Institute of Molecular Medicine der Universität Oxford.

Um auf kleinster, molekularer Ebene zu verstehen, wie Krankheiten entstehen, kombiniert Christian Eggeling räumlich superauflösende Fluoreszenzmikroskopie-Techniken mit Methoden, die es ermöglichen, die Bewegung markierter Moleküle in Echtzeit zu verfolgen. So können er und sein Forscherteam einzelne Moleküle – etwa in Zellmembranen – in lebenden Zellen räumlich und zeitlich untersuchen. „Das ermöglicht es uns, zelluläre Mechanismen auf molekularer Ebene zu enthüllen, die für bisherige Untersuchungsmethoden viel zu schnell sind und auf viel zu kleinen räumlichen Skalen ablaufen.“

Neue superauflösender Fluoreszenzmikroskopietechniken hat Christian Eggeling zuvor bereits am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in der Gruppe von Stefan W. Hell erforscht. Stefan Hell erhielt dafür zusammen mit Eric Betzig und William E. Moerner im Jahr 2014 den Nobelpreis für Chemie. In Jena möchte Eggeling nun in enger Zusammenarbeit mit Biologen und Medizinern herausfinden, wie man diese Methoden nutzen kann, um Krankheiten frühzeitiger und genauer zu erkennen und möglicherweise sogar zu verhindern.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Christian Eggeling
Friedrich-Schiller-Universität Jena // Institut für Angewandte Optik und Biophysik sowie Leibniz-Institut für Photonische Technologien // Leiter der Forschungsabteilung Biophysikalische Bildgebung

+49 3641 206-401 (Leibniz-IPHT); +49 3641 9-47670 (Universität)
christian.eggeling@leibniz-ipht.de; christian.eggeling@uni-jena.de

Originalpublikation:
C. Favard, J. Chojnacki, P. Merida, N. Yandrapalli, J. Mak, C. Eggeling, D. Muriaux: HIV-1 Gag specifically restricts PI(4,5)P2 and cholesterol mobility in living cells creating a nanodomain platform for virus assembly. In: Science Advances 2019, 5. 

DOI: 10.1126/sciadv.aaw8651

Weitere Informationen:
https://www.leibniz-ipht.de/institut/presse/aktuelles/detail/christian-eggeling-…

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Wenn Zahlen lügen

Katharina Vorwerk Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Wirtschaftswissenschaftler der Universität Magdeburg veröffentlichen Studie zur Flüchtlingskriminalität
Deutsche Staatsbürger sind seit 2015 nicht häufiger Opfer von schweren Straftaten wie Körperverletzung, Sexualdelikten oder Raub geworden, für die Flüchtlinge als Tatverdächtige polizeilich erfasst sind. Das hat eine Studie der Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Michael Kvasnicka und Yue Huang (M.Sc.) von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg nachgewiesen.

Wurde in der bisherigen Forschung die allgemeine Kriminalitätsrate herangezogen, schließt die in der Magdeburger Studie verwandte Opferstatistik korrekterweise solche Delikte aus, die nicht von Flüchtlingen gegen deutsche Staatsbürger verübt wurden. Darunter sind Straftaten von Deutschen gegen Deutsche, von Flüchtlingen gegen Flüchtlinge sowie Delikte von Deutschen gegen Flüchtlinge.

„Detaillierte und aussagekräftige Daten sind bei so einem gesellschaftlich relevanten Thema äußerst wichtig“, sagt die Wissenschaftlerin Yue Huang, „denn falsche oder schlechte Daten können zu falschen oder irreführenden Befunden führen, die die öffentliche Meinung verzerren und auch zu gefährlicher Voreingenommenheit beitragen.“ In der Studie wurden Sonderauswertungen der polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts und der Asylbewerberleistungsstatistik der 16 Statistischen Landesämter in Deutschland ausgewertet.

Die Wissenschaftler haben in ihrer Studie auch potenzielle Einflussfaktoren wie die Alters-, Geschlechts- und Unterbringungsstruktur regionaler Flüchtlingsgruppen betrachtet. Dabei zeigte sich, dass eine dezentralisierte Unterbringung von Asylbewerbern die allgemeine Kriminalitätsrate reduziert.

„Wir wollen mit dieser Studie auch einen methodischen Beitrag leisten“, betont Prof. Dr. Michael Kvasnicka, „und aufzeigen, wie unterschiedlich die Schlussfolgerungen sein können, je nachdem, ob detailliertes und aussagekräftiges Datenmaterial verwandt wird oder nicht.“
Drei Jahre lang forschen die Wirtschaftswissenschaftler im Forschungsprojekt „Deutschland und die Flüchtlingskrise im Jahr 2015″ zu den Themen Gewalt gegen Ausländer und Kriminalität durch Ausländer, Spendenverhalten, Wahlergebnisse und Immobilienmärkte. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und gemeinsam mit dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. durchgeführt.

Die Studie in englischer Sprache steht kostenlos und öffentlich zum Download zur Verfügung unter: http://link.ovgu.de/paperhuangkvasnicka

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Michael Kvasnicka, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Tel.: +49 391 67-58739, E-Mail: michael.kvasnicka@ovgu.de

Originalpublikation:
http://link.ovgu.de/paperhuangkvasnicka

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Studie: Erhalt von biologischer Vielfalt erfordert Konsumwende

Ruth Birkhölzer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesamt für Naturschutz

Deutschland importiert jährlich über 200 Millionen Tonnen Rohstoffe und Produkte direkt von außerhalb der Europäischen Union. Deren Anbau, Abbau und Herstellung haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Natur in den Erzeugerländern. Dabei handelt es sich häufig um Länder des Globalen Südens. Neue Untersuchungen des Bundesamts für Naturschutz (BfN) kommen zu dem Schluss, dass ein wirksamer Schutz von biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen weltweit nur gelingt, wenn sich der Konsum im Globalen Norden umfassend verändert. Die Studie „Sustainable Consumption for Biodiversity and Ecosystem Services“ wurde heute auf einer Konferenz im Bundesumweltministerium in Berlin vorgestellt.

Der Konsum in Deutschland ist insbesondere mit den Importen von Soja, Palmöl, Baumwolle und Steinkohle sowie Eisen-, Kupfer- und Aluminiumerzen wesentlicher Mitverursacher des Raubbaus an der Natur anderer Länder. Als weiteres Produkt mit gravierenden Nebenwirkungen steht der heutige Lithiumabbau. Der Anbau von Soja für Tierfuttermittel zur Deckung des deutschen Fleischkonsums erfolgt in Monokulturen auf riesigen Flächen, hauptsächlich in den USA und in Brasilien. Die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in den Anbauregionen sind gravierend und die lokale Bevölkerung leidet unter dem Verlust wichtiger ökologischer Leistungen und den gesundheitlichen Folgen des hohen Einsatzes von Pestiziden.

Die Analysen des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz zeichnet für die drei Importgüter Lithium, Soja und Baumwolle nach, wie durch ihren An- bzw. Abbau Lebensräume verloren gehen: So werden Regenwälder für neue landwirtschaftliche Flächen abgeholzt, riesige Monokulturen geschaffen, chemische Düngemittel und Pestizide kommen übermäßig zum Einsatz und offene Wasserflächen gehen verloren.

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass sich das Konsumverhalten der Menschen im Globalen Norden ändern muss. „Mit unseren Importen nutzen wir in Europa zwei bis dreimal so viel produktives Land wie uns innerhalb unserer Grenzen zur Verfügung steht. Dieser Teil unseres ökologischen Fußabdrucks wird bisher viel zu wenig beachtet“, sagt BfN-Präsidentin Prof. Dr. Beate Jessel. „Um die Natur weltweit wirksam zu schützen, müssen wir wesentliche Konsumtrends umdrehen. Dazu zählen etwa: weniger Fleischverzehr, Slow statt Fast Fashion, weniger motorisierter Individualverkehr.“

Als Politikmaßnahmen empfehlen die Expertinnen und Experten des IÖW etwa, öffentlichen und nichtmotorisierten Verkehr in Städten zu fördern, den Fleischkonsum mit steuerlichen und regulatorischen Maßnahmen zu reduzieren sowie Kampagnen für die Etablierung einer „Slow Fashion“-Kultur durchzuführen. Verbraucherinnen und Verbraucher müssten stärker über die Auswirkungen ihres Konsumverhaltens auf die Natur informiert und die Forschung nach alternativen, umweltschonenden Rohstoffen verstärkt werden.

Die Studie „Sustainable Consumption for Biodiversity and Ecosystem Services – The cases of cotton, soy and lithium“ steht auf der BfN-Website zum Download bereit:
https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/internationalernaturschutz/Dokumente/Sustainabl…

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Radikale Ideen in der Hochschulbildung: Drei Projekte erhalten 650.000 Euro Förderung

Melisa Berktas Corporate Communications & Public Relations
Jacobs University Bremen gGmbH

Gesucht waren innovative und bahnbrechende neue Ideen für die künftige Hochschulbildung: In einem internationalen Wettbewerb hatten die Jacobs Foundation und die Jacobs University Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachrichtungen zur Teilnahme aufgefordert. 650.000 Euro stellte die Jacobs Foundation zur Förderung wegweisender Forschungsprojekte im Anschluss an die „B3 – Bildung Beyond Boundaries“ Konferenz bereit. Jetzt wurde das dritte und letzte Vorhaben bewilligt.

„Hands-On 4.0: Individualized Applied Education in the Digitalization Age“ lautet der Titel des dritten Forschungsprojekts, das nach der B3-Konferenz gefördert wird. Es zielt ab auf eine individualisierte Ausbildung, die sowohl die Interessen als auch das vorhandene Wissen und die Persönlichkeit des Lernenden berücksichtigt. Entwickelt wurde es von den Professoren Andrea Censi (ETH Zürich), Ralf Bachmayer (Universität Bremen), Andreas Birk und Francesco Maurelli (beide Jacobs University). Ebenfalls gefördert wird das Projekt „Developmental Adaptive Learning Support for Physics Students“ von Dr. Jürgen Fritz, Professor für Biophysik an der Jacobs University sowie ein Vorhaben von Dr. Henrik Bellhäuser von der Johannes Gutenberg Universität Mainz mit Namen „AMIGO“ (Algorithmic Method for Intelligent Group Formation).

Insgesamt 30 Vorschläge gingen bei der Jury unter Führung der Züricher Jacobs Foundation ein. Der Wettbewerb geht zurück auf die internationale „B3 – Bildung Beyond Boundaries“ Konferenz an der Jacobs University im November 2018. „Die Diskussion mit den Teilnehmern hatte uns bestärkt, im Rahmen eines Wettbewerbes nach radikalen Ideen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu suchen“, sagt Simon Sommer, Co-Geschäftsführer der Jacobs Foundation. Die Zusammenarbeit internationaler und interdisziplinärer Teams soll gefördert, der Schwerpunkt auf eine evidenzbasierte Bildungsforschung gelegt werden.

„Als Experimentierraum dient der Campus der Jacobs University gemeinsam mit den Studierenden und Professorinnen und Professoren“, so Pablo Zerm, Mitglied des Management Boards der Jacobs University. „Das ist sicherlich das Besondere: Es geht nicht nur um die Entwicklung von Ideen, sondern auch um die ganz konkrete Implementierung und wissenschaftliche Auswertung.“

Über die Jacobs University Bremen:
In einer internationalen Gemeinschaft studieren. Sich für verantwortungsvolle Aufgaben in einer digitalisierten und globalisierten Gesellschaft qualifizieren. Über Fächer- und Ländergrenzen hinweg lernen, forschen und lehren. Mit innovativen Lösungen und Weiterbildungsprogrammen Menschen und Märkte stärken. Für all das steht die Jacobs University Bremen. 2001 als private, englischsprachige Campus-Universität gegründet, erzielt sie immer wieder Spitzenergebnisse in nationalen und internationalen Hochschulrankings. Ihre mehr als 1400 Studierenden stammen aus mehr als 100 Ländern, rund 80 Prozent sind für ihr Studium nach Deutschland gezogen. Forschungsprojekte der Jacobs University werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder aus dem Rahmenprogramm für Forschung und Innovation der Europäischen Union ebenso gefördert wie von global führenden Unternehmen.
Für weitere Informationen: www.jacobs-university.de
Facebook | Youtube | Twitter | Instagram | Weibo

Weitere Informationen:
https://jacobsfoundation.org/
https://www.jacobs-university.de/b3

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TU Bergakademie Freiberg und UFZ erforschen Vulkangebiete als nachhaltige, erneuerbare Energiequelle

Luisa Rischer Pressestelle
Technische Universität Bergakademie Freiberg

Kann man Wasser sicher in tief liegende aktive Vulkangebiete pumpen, um erneuerbare Wärme und Strom zu erzeugen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine am 26. September in der Nature Communications veröffentlichte Studie der TU Bergakademie Freiberg, des CSIC und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung aus dem Forschungsprojekt HIGHER. In diesem untersuchen die Wissenschaftler/innen sogenannte superheiße geothermische Systeme. Sie sind eine neue Form der tiefen Geothermie und oft in vulkanischen Gebieten zu finden.

Die Technologie ist vor allem durch ihren potentiell hohen Energieertrag interessant, der herkömmliche Systeme um den Faktor zehn übersteigt. Noch steht die Forschung aber am Anfang und vor großen wissenschaftlichen und technologischen Herausforderungen. Zudem ist unklar, wie sich solche Systeme über wirtschaftlich interessante Zeiträume verhalten und ob sie sicher betrieben werden können.

Einen ersten Schritt zur Erforschung der Systeme haben nun die TU Bergakademie Freiberg, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und das Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC) in Spanien mit ihrem Projekt HIGHER (finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Japan Society for the Promotion of Science) gemacht.

In verschiedenen Versuchen haben sie erstmals analysiert, wie sich die Rückführung kalten Wassers in die Tiefe, auf den Druckanstieg und die Abkühlung des Gesteins und damit auf die Erdbebenaktivität (Seismizität) auswirkt. Ein grundlegendes Verständnis der induzierten Seismizität bei tiefengeothermischen Anwendungen ist zentral für die sichere und nachhaltige Nutzung der geothermischen Technologie.

Mit modernsten Computersimulationen, basierend auf der von den Forschern selbst entwickelten Software OpenGeoSys, haben sie die komplexen physikalischen Vorgänge in der Erdkruste erstmals beschrieben und wichtige Erkenntnisse gewonnen, wie superkritische geothermische Systeme in Zukunft sicher betrieben werden können, um eine saubere und nachhaltige erneuerbare Energiequelle zu erschließen.

OpenGeoSys ist eine open source-Forschungsplattform, die in Kooperation mit verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen vom UFZ geleitet wird. Die TU Freiberg und das UFZ wollen ihre Kooperation in der umwelt-geowissenschaftlichen Zusammenarbeit zukünftig weiter ausbauen.

Die Ergebnisse haben die Wissenschaftler/innen in einer Studie veröffentlicht, die am 26. September auch im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature Communications publiziert wurde. Zum Fachartikel: https://www.nature.com/articles/s41467-019-12146-0.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Francesco Parisio, Tel.: +49 3731 39-2492, und Prof. Olaf Kolditz (UFZ), Tel.:+49 341 235-1281

Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41467-019-12146-0

Weitere Informationen:
https://tu-freiberg.de/fakultaet3/gt/bodenmechanik/forschung/aktuelle-projekte/d…

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Gefahren und Chancen einer neuen Währung

Friederike Mannig Pressestelle
Frankfurt University of Applied Sciences

Prof. Dr. Michaela Hönig von der Frankfurt UAS stellt Studienergebnisse zu neuer Facebook-Währung Libra im Deutschen Bundestag vor

Libra – so lautet der Name einer Internetwährung, die das Unternehmen Facebook im Jahr 2020 auf den Markt bringen will. Doch was bedeutet dies für den internationalen Finanzmarkt? Welche Vorteile und welche Risiken hätte Libra? Um diese Fragen zu beantworten, hat Prof. Dr. Michaela Hönig, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwirtschaft und Asset Management an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), eine Studie zum Thema „Libra – Gefahr einer digitalen Parallelwelt“ durchgeführt. Unterstützt wurde das Projekt von der DekaBank in Frankfurt. Die Ergebnisse, die gemeinsam mit 15 Studierenden aus den Studiengängen Betriebswirtschaftslehre, International Finance und Wirtschaftsinformatik erarbeitet wurden, wurden am 25. September 2019 in einer Anhörung im Ausschuss „Digitale Agenda“ im Deutschen Bundestag vorgestellt.

„Viele Fragen zu Libra sind aktuell noch offen. Das bezieht sich auf den Anleger- und Datenschutz, die Verhinderung von Datenbetrug, das Aufsichtsrecht, die Regulierung sowie die Verhinderung von organisierter Kriminalität auf der Plattform“, so Hönig, die am Fachbereich Wirtschaft und Recht der Frankfurt UAS lehrt und forscht. „Insbesondere haben wir uns die Frage gestellt, wie der Wert des angedachten Stable Coins, also des möglichst stabilen Wechselkurses, von Libra garantiert werden kann.“ Sollte die Währung große Verwendung finden, könnte sie die Einlagenbildung und das Geschäftsmodell der traditionellen Banken untergraben. Das wiederum könnte deren Zahlungsverkehrsgeschäft und Prozesse an den Finanzmärkten stören. „Ohne eine Regulierung kann eine systemische Gefahr für den Finanzsektor entstehen“, warnt Hönig. „Die Libra Association könnte so durch die Eins-zu-eins-Deckung in kurzer Zeit zu einer der weltweit größten Vermögensverwalter und somit zu einem ‚too big to fail‘-Akteur werden. Sie müsste entsprechend wie ein vergleichbares Kreditinstitut oder ein Zahlungsverkehrsdienstleister dieser Größenordnung reguliert und aufsichtsrechtlich überwacht werden“, führt Hönig in ihrer Stellungnahme aus.

Gemeinsam kamen die Studierenden und Hönig zu dem Ergebnis, dass Facebook angesichts der grenzüberschreitenden Verbreitung von Libra zusammen mit Notenbanken und Aufsichtsbehörden Lösungen entwickeln muss. Facebook würde bei einer großen Nutzung von Libra zu einem systemrelevanten Intermediär und Finanzmarktinfrastrukturanbieter fungieren und diese Funktion birgt Rechts-, Liquiditäts-, Kredit- und IT-Risiken. „Das ist aus meiner Sicht der einzige, zukunftsfähige Weg für Facebook. Dennoch wissen wir aktuell nicht, wie die staatliche Kontrollfähigkeit in der digitalen Welt gewährleistet werden soll“, betont Hönig. Aus ihrer Sicht gehe dies nur in einer globalen Regulierung und weit über die Beteiligung von G7 oder G20 hinaus.

Weitere Informationen zum Fachbereich Wirtschaft und Recht unter http://www.frankfurt-university.de/fb3.

Die Präsentation der Ergebnisse im Ausschuss „Digitale Agenda“ des Deutschen Bundestages können Sie in Kürze im Stream unter www.bundestag.de ansehen. Mehr zur Berichterstattung sowie die Stellungnahme von Prof. Dr. Michaela Hönig finden Sie zudem unter https://www.bundestag.de/ada#url=L2Rva3VtZW50ZS90ZXh0YXJjaGl2LzIwMTkva3czOS1wYS1….

Weitere Informationen zum Studierenden-Projekt unter http://www.youtube.com/watch?v=354IgTFRyls.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 3: Wirtschaft und Recht, Prof. Dr. Michaela Hönig,
E-Mail: hoenig@fb3.fra-uas.de

Quelle: IDW 

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Digitalisierung in den Naturwissenschaften: Neue Ausschreibung für Forschungsprojekte in Niedersachsen startet

Jens Rehländer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
VolkswagenStiftung

Wie verändern digitale Prozesse wissenschaftliche Disziplinen, ihre Methoden und ihr Selbstverständnis? Welche Chancen zur Weiterentwicklung bisheriger Forschung und zur Erschließung neuer Felder in den Naturwissenschaften gibt es? Antworten erhoffen sich das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die VolkswagenStiftung durch die neue Ausschreibung „Digitalisierung in den Naturwissenschaften“, die aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab der VolkswagenStiftung finanziert wird. Insgesamt stehen 18 Mio. Euro zur Verfügung.

Mit der Digitalisierung sind Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen: Dazu gehören Weiterentwicklung und Einsatz von Computertechnologien der neuesten Generation in der Forschung, die Vernetzung verschiedener Technologien bis zum Aufbau von vernetzten Räumen, die Nutzung von Daten auf weit verbreiteten Endgeräten sowie Entwicklung und Nutzung von spezifischen forschungsbezogenen Algorithmen und Anwendungen.

Die Ausschreibung zielt auf die Förderung von Projektteams, die sich interdisziplinär mit Aspekten der Digitalisierung zur Bearbeitung originär naturwissenschaftlicher Fragestellungen befassen und gleichzeitig den Transfer neu gewonnenen Wissens im Blick haben. Forschungsansätze, die digitale Methoden verwenden, sollen genauso gefördert werden wie die Entwicklung neuer digitaler Methoden, sowohl bei der Hardware als auch bei der Software. Im Rahmen der Ausschreibungsreihe wurden bereits die Lebenswissenschaften sowie die Geistes- und Kulturwissenschaften adressiert – zwei weitere Ausschreibungsrunden für die Sozial- beziehungsweise Ingenieurwissenschaften sind bereits in Planung.

Björn Thümler, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur: „Die Kooperation der Naturwissenschaften mit anderen Fächern auf dem Gebiet der Digitalisierung verspricht einen besonderen Erkenntnisgewinn und bietet ein hohes Innovations- und Transferpotenzial. Die Forschungsergebnisse haben das Potenzial, neue Anwendungen und Wertschöpfungsmöglichkeiten zu erschließen.“

„Mit dieser Ausschreibung bieten wir den naturwissenschaftlichen Forscherinnen und Forschern die Chance, ihre bisherigen Vorhaben gezielt um neue Methoden und Techniken zu erweitern. Das verspricht einen erheblichen Kreativitätsschub für die niedersächsische Wissenschaft“, sagt Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung.

Die Teams, die sich in der Regel aus drei bis fünf Professuren/Arbeitsgruppen zusammensetzen sollen, können bis zu 1 Mio. Euro für bis zu drei Jahre Projektlaufzeit beantragen. Stichtag für Antragsskizzen ist der 3. Dezember 2019, als Stichtag für Vollanträge (nur nach Aufforderung) ist der 29. April 2020 geplant. Antragsberechtigt sind promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler niedersächsischer Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Bibliotheken und Archive sowie wissenschaftliche Museen und Sammlungen. Mit Blick auf das relativ junge Forschungsfeld sollen ausdrücklich auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit einbezogen werden.

Details zu der Ausschreibung finden Sie auf den Websites vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung: https://www.volkswagenstiftung.de/unsere-foerderung/unser-foerderangebot-im-uebe…

NIEDERSÄCHSISCHES VORAB:Nach § 8 Abs. 2 der Satzung der VolkswagenStiftung setzt sich das „Vorab“ aus drei Teilen zusammen: Es umfasst zum einen den Gegenwert der jährlichen Dividende auf nominal 77,3 Millionen Euro VW-Aktien, der der VolkswagenStiftung aus der Beteiligung des Landes Niedersachsen an der Volkswagen Aktiengesellschaft zusteht, ferner den Ertrag aus der Anlage von 35,8 Millionen Euro aus einem Vertrag mit dem Land Niedersachsen von 1987 sowie zehn Prozent der übrigen zur Verfügung stehenden Fördermittel.

Weitere Informationen zum Niedersächsischen Vorab finden Sie unter https://www.volkswagenstiftung.de/vorab.

INFORMATIONEN ZUR VOLKSWAGENSTIFTUNG:Die VolkswagenStiftung ist eine eigenständige, gemeinnützige Stiftung privaten Rechts mit Sitz in Hannover. Mit einem Fördervolumen von insgesamt etwa 150 Millionen Euro pro Jahr ist sie die größte private deutsche wissenschaftsfördernde Stiftung und eine der größten Stiftungen hierzulande überhaupt. Ihre Mittel vergibt sie ausschließlich an wissenschaftliche Einrichtungen. In den mehr als 50 Jahren ihres Bestehens hat die VolkswagenStiftung rund 33.000 Projekte mit insgesamt mehr als 5,1 Milliarden Euro gefördert. Auch gemessen daran zählt sie zu den größten gemeinnützigen Stiftungen privaten Rechts in Deutschland.

Weitere Informationen über die VolkswagenStiftung finden Sie unter https://www.volkswagenstiftung.de/stiftung/wir-ueber-uns.

NEWSLETTER DER VOLKSWAGENSTIFTUNG ERHALTEN:Der Newsletter der VolkswagenStiftung informiert regelmäßig (etwa einmal pro Monat) über aktuelle Förderangebote, Stichtage, Veranstaltungen und Nachrichten rund um die Stiftung und um geförderte Projekte. Haben Sie Interesse an unserem Newsletter? Dann folgen Sie diesem Link: https://www.volkswagenstiftung.de/newsletter-anmeldung

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
VolkswagenStiftung

Niedersächsisches Vorab
Dr. Franz Dettenwanger
Telefon: 0511 8381 217
E-Mail: dettenwanger@volkswagenstiftung.de

Weitere Informationen:
https://www.volkswagenstiftung.de/unsere-foerderung/unser-foerderangebot-im-uebe…

Details zur Ausschreibung.
https://www.volkswagenstiftung.de/vorab Weitere Informationen zum Niedersächsischen Vorab.
https://www.volkswagenstiftung.de/aktuelles-presse/presse/digitalisierung-in-den… Die Pressemitteilung im Internet.

Quelle: IDW 

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Weltweit erste Validierung der Aerodynamik von großen Windenergieanlagen

Lisa Bösch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES

Weltweit zum ersten Mal prüft das Fraunhofer IWES die Aerodynamik für Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von mehr als fünf Megawatt (MW). In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) mit 4 Mio. Euro geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekt „HighRe“ werden die aerodynamischen Eigenschaften der Windenergieanlage AD 8 am Standort Bremerhaven mit einer Leistung von acht MW und einem Rotordurchmesser von 180 Metern vermessen und mit aufwendigen Modellen verglichen. Dies ermöglicht erstmals eine Untersuchung, ob die bisher verwendeten Modellberechnungen auch für große Windenergieanlagen, die in Zukunft vor allem Offshore gebaut werden sollen, noch gültig sind.

In dem Projekt „HighRe“ (Aerodynamik bei hohen Reynoldszahlen für große Offshore-Windenergieanlagen der Zukunft) werden in Kürze aufwendige Messungen des Wind-feldes und der aerodynamischen Reaktion der Windenergieanlage durchgeführt. Durch diese detaillierten Erkenntnisse der realen Windbedingungen vor und an einer Wind-energieanlage wird es erstmals möglich sein, die genaue aerodynamische Wirkung auf die Rotorblätter bei so großen Dimensionen zu analysieren und zu verstehen. Das Windfeld wird mit drei sich überlappenden LiDAR-Laser-Scannern vor der Windenergieanlage abgetastet und mit weiteren Windmessungen vor und hinter der Anlage ergänzt. Gleich-zeitig werden Sensoren auf der Anlage und an den Rotorblättern installiert, um auch diese Bedingungen präzise zu erfassen.

Bereits im Vorfeld des Projekts „HighRe“ konnte das Fraunhofer IWES zeigen, dass es erhebliche Abweichungen in der Modellierung gierender Windenergieanlagen unter schräger Anströmung gibt. Das dafür verwendete Modell wurde vor fast 20 Jahren an wesentlich kleineren Anlagen entwickelt. Bei einer großen Anzahl von Modellen der Windenergieaerodynamik verhält es sich ähnlich: Grundlage für die Modellberechnungen sind kleine Anlagen. Um dies auszugleichen, greift man zunehmend auf Methoden der numerischen Strömungssimulation (engl. „Computational Fluid Dynamics“ – CFD) zurück. Die Genauigkeit dieser Methoden konnte bisher jedoch auch nur an kleinen Modellanlagen überprüft werden. Durch das HighRe-Projekt ändert sich dies nun völlig. „Das Projekt „HighRe“ ist eine große Chance für die Windenergieforschung und die Windenergieindustrie. Die Sicherheit und Genauigkeit in der Windenergieaerodynamik kann mit diesem Projekt an die reale Anlagenentwicklung angepasst werden. Die Potenziale für die Windenergieindustrie sind enorm“, fasst der Projektleiter Dr. Bernhard Stoevesandt die Aussichten des Projekts zusammen.

Das Fraunhofer IWES sichert Investitionen in technologische Weiterentwicklungen durch Validierung ab, verkürzt Innovationszyklen, beschleunigt Zertifizierungsvorgänge und erhöht die Planungsgenauigkeit durch innovative Messmethoden im Bereich der Windenergie.

Kontakt: Dr. Bernhard Stoevesandt, Tel.: +49 4417985011
E-Mail: bernhard.stoevesandt@iwes.fraunhofer.de, www.iwes.fraunhofer.de

Quelle: IDW 

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Städtische Infrastrukturen fit für den Klimawandel machen. Das Projekt FLEXITILITY ist Anfang August gestartet.

Helke Wendt-Schwarzburg Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
inter 3 Institut für Ressourcenmanagement

Der Klimawandel wird bereits jetzt in Form von Extremwetterereignissen spürbar. Häufige Starkregen und lange Phasen von Trockenheit und Hitze in diesem Jahr sind ein Beispiel dafür. Davon sind zunehmend städtische Infrastrukturen wie die Wasser- oder Energieversorgung, betroffen. inter 3 koordiniert das jetzt gestartete Projekt „Flexible Utility – Mit sozio-technischer Flexibilisierung zu mehr Klimaresilienz und Effizienz in der städtischen Infrastruktur“, kurz „Flexitility“. Im Projekt wird untersucht, wie durch Flexibilität im Einsatz von Infrastrukturleistungen besonders hohe, kurzzeitige Leistungsnachfragen vermindert und eine klimaresiliente Stadtentwicklung unterstützt werden können.

Ein höherer Wasserverbrauch in Trockenperioden zum Bewässern von Gärten, ein höherer Stromverbrauch durch Klimaanlagen bei Hitze oder überflutete Abwassersysteme bei Starkregen – das sind nur ein paar Herausforderungen, die die Versorgungsinfrastrukturen in Städten und Gemeinden zu bewältigen haben.

„Für städtische Versorgungsinfrastrukturen stellt das sich verändernde Klima eine deutliche Belastung dar“, sagt Dr. Shahrooz Mohajeri, Projektleiter bei inter 3. „Der Wasserverbrauch ist zum Beispiel seit Jahren rückläufig, doch in heißen Sommermonaten kann die Spitzenlast auf das Zwei- bis Dreifache ansteigen“.

Um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen, stehen Städte und Gemeinden vermehrt vor der Entscheidung: Infrastrukturen teuer ausbauen oder beispielsweise mit erheblichem technischem und organisatorischem Aufwand die Ver- und Entsorgungsinfrastruktur dezentralisieren. Im Projekt Flexitility wird daher eine dritte Möglichkeit als potentielle Alternative zum Aus- und Umbau betrachtet: die Flexibilisierung des Infrastruktur- und Ressourceneinsatzes.

Testen unter realen Bedingungen
In Flexitility soll einerseits untersucht werden, inwieweit die Unternehmen bei der Versorgung ihrer Kund*innen technisch flexibler werden können. Andererseits richtet sich der Blick auf die Abnehmer, also Haushalte, Gewerbe und Industrie. Welche Möglichkeiten eines flexiblen Konsumverhaltens gibt es bei den Verbraucher*innen, um die Nachfrage zu „glätten“, also den Verbrauch in Spitzenzeiten zu senken und die Phasen geringer Nachfrage zu reduzieren? Was hindert die Verbraucher*innen daran, ihr momentanes Verbrauchsverhalten an bestehende Infrastrukturkapazitäten anzupassen?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wird – orientiert an realen Bedingungen – konkret erprobt, wie die Umgestaltung des Versorgungssystems aussehen könnte. Ein wichtiger Punkt hierbei ist die aktive Beteiligung von Bürger*innen sowie die Einbindung von Städten und Infrastrukturbetreibern, insbesondere in der Region Anhalt. In diesem „Reallabor Anhalt“ wird modellhaft erforscht, wie Flexibilisierungen der Versorgung und des Verbrauchs vonstattengehen können. Daraus lässt sich Handlungswissen ableiten, das für Wissenschaft und Politik in Zukunft ein wichtiger Wegweiser sein kann.

Die Stadt der Zukunft ist an den Klimawandel angepasst
Das Projekt Flexitility wird im Rahmen der Fördermaßnahme „Umsetzung der Leitinitiative Zukunftsstadt“ vom Bundeministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Es hat zum Ziel, Akteure auf kommunaler Ebene zu befähigen, besser mit den Risiken des Klimawandels umzugehen. Durch das Erkennen und Heben technischer und gesellschaftlicher Potentiale der Flexibilisierung von Versorgungsinfrastrukturen und Verbrauchsverhalten soll die Klimaresilienz von Städten gestärkt werden. Im Umkehrschluss wird damit auch die Vulnerabilität von Unternehmen und der regionalen Wirtschaft gesenkt.

Neben inter 3 gehören der Verein Energieavantgarde Anhalt e.V als Träger eines Reallabors in der Region Anhalt, die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik, und die co2online gGmbH zum Verbund. Als Praxispartner sind die Stadt Bitterfeld-Wolfen mit der Stadtentwicklungsgesellschaft mbH, der Herzberger Wasser- und Abwasserzweckverband, die Dessauer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH, die Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen GmbH und die Köthen Energie GmbH an dem Projekt beteiligt.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter https://www.inter3.de/de/projekte/details/article/flexible-utility-staedtische-v…

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Shahrooz Mohajeri, E-Mail: mohajeri@inter3.de; Tel.: +49(0)30 34 34 74 40

Weitere Informationen:

https://www.inter3.de/de/projekte/details/article/flexible-utility-staedtische-v… Kurzdarstellung des Projekts

Anhang

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https://idw-online.de/de/attachment73133

Quelle: IDW 

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Bundesweites Forschungsprojekt Q-INTEGRAL: OTH Regensburg forscht an Stromnetz der Zukunft für Betriebe

Dipl. Journalistin, MBA Diana Feuerer Hochschulkommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

Die Forschungsstelle für Energienetze und Energiespeicher der OTH Regensburg ist an dem aktuell gestarteten, deutschlandweiten Forschungsprojekt „Q-INTEGRAL“ beteiligt. Ziel
ist ein zuverlässiges Blindleistungsmanagement im Stromnetz. In ihrem Teilprojekt forscht die
OTH Regensburg im Speziellen an einem internen Blindleistungsmanagement für Betriebe.
Das Bundeswirtschaftsministerium fördert „Q-INTEGRAL“ mit insgesamt 1,9 Millionen Euro.

Wie kommt auch künftig zu jeder Zeit Strom aus unseren Steckdosen – auch trotz der unbeständigen Stromgewinnung aus erneuerbaren Energiequellen? Der Schlüssel dazu ist ein zuverlässiges, sogenanntes Blindleistungsmanagement in unserem Stromnetz. Dazu ist aktuell ein neues Forschungsprojekt mit Namen „Q-INTEGRAL“ an der Forschungsstelle für Energienetze und Energiespeicher (FENES) der OTH Regensburg unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Brückl mit vielen weiteren Partnern gestartet. „Q-INTEGRAL“ wird drei Jahre vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Das Projektvolumen beträgt insgesamt rund 1,9 Millionen Euro. Die OTH Regensburg erhält rund 370.000 Euro.

Die OTH Regensburg widmet sich im Forschungsprojekt der Teilaufgabe, wie ein Netz geplant werden kann, welches den künftigen Herausforderungen gewachsen ist. Es sollen verschiedene Optionen analysiert werden, auf welche Art im Netz Blindleistung kostengünstig und effizient bereitgestellt und in der Netzplanung berücksichtigt werden kann, zum Beispiel durch Erneuerbare Energie-Anlagen oder betriebliche Kompensationsanlagen. Gemeinsam mit der KBR Kompensationsanlagenbau GmbH erarbeitet die OTH Regensburg dafür außerdem ein internes Blindleistungsmanagement für Betriebe, welches in einem Feldtest umgesetzt wird.

Kooperationspartner des Forschungsprojekts „Q-INTEGRAL“ sind das Institut für Hochspannungstechnik und Elektrische Energieanlagen (elenia) der Technischen Universität Braunschweig und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Weitere Industriepartner und Netzbetreiber sind: Siemens AG, Scada International A/S, Baywa r. e. Wind GmbH, 50Hertz Transmission GmbH, WEMAG Netz GmbH, E.DIS Netz GmbH und Thüringer Energienetze GmbH & Co. KG.

Quelle: IDW 

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Sicherheit durch Einstimmigkeit

Dr. Barbara Laaser (Pressestelle) Öffentlichkeitsarbeit/Pressestelle
Westfälische Hochschule

Das NRW-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, fördert mit insgesamt 1,8 Millionen Euro zwei Konsortien aus Hochschulen, Städten, der Fraunhofer-Gesellschaft und Unternehmen der Informationstechnik. Entstehen sollen Blockchain-Reallabors, die als Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft diese besondere Technik des sicheren Datenaustauschs entwickeln, erproben und zur Nutzungsreife führen will. Die Westfälische Hochschule ist unter der Leitung von Prof. Norbert Pohlmann über das Institut für Internetsicherheit an beiden Projekten beteiligt mit insgesamt rund 430.000 Euro an Fördermitteln.

Gelsenkirchen/Düsseldorf. Die Westfälische Hochschule beteiligt sich unter der Leitung von Prof. Norbert Pohlmann vom Institut für Internetsicherheit an zwei aufeinander aufbauenden nordrhein-westfälischen Projekten des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie. Ziel ist, einen sicheren und damit verlässlichen Datenaustausch zwischen Behörden, Betrieben sowie Bürgerinnen und Bürgern mithilfe der Blockchain-Technologie aufzubauen. Das Besondere an dieser Technik ist, dass Daten nicht zentral und damit angreifbar gespeichert werden, sondern auf mehrere Rechner und Server verteilt werden und ihre Richtigkeit nur bestätigt wird, wenn sich alle beteiligten Maschinen einstimmig dafür aussprechen. „Die dezentrale Verarbeitung führt dazu, dass die aufgezeichneten Daten extrem sicher und vertrauenswürdig sind, da eine nachträgliche Änderung technisch so gut wie unmöglich ist“, erläutert Pohlmann, dessen Institut für Internetsicherheit (IfIS) bereits Erfahrung mit der Blockchain-Technologie hat. Das Ifis steuert den beiden Entwicklungsgruppen aus Hochschulen, Behörden und Unternehmen der Informationstechnik neben Methoden der Blockchain-Technik konkrete Anwendungen zum sicheren Umgang mit Zeugnissen, Qualifikations- und Leistungsnachweisen bei, die in der Hochschule zum Teil zentral, zum Teil dezentral ausgestellt werden und duch Blockchain-Sicherheit digital zur Verfügung gestellt werden können. Studierende und Absolventen können ihre Nachweise dadurch elektronisch führen, ohne Studienbescheinigungen oder Zeugnisse kopieren und beglaubigen lassen zu müssen.
Neben der Westfälischen Hochschule (sowie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule und der Fachhochschule in Aachen sowie der Ruhr-Universität in Bochum) sind die Städte Gelsenkirchen und Aachen als „Nutzer“ beteiligt und vertreten die Seite der Behörden. Sie wollen in einer digitalisierten Welt über Blockchains im Verbund mit den kommunalen Rechenzentren beispielsweise das Nachweis- und Bescheinigungsmanagement zwischen der Kommunalverwaltung und Betrieben vereinfachen. Für Bürgerinnen und Bürger geht es um Bewohnerparkausweise, Einwohnermeldebescheinigungen oder Führerscheine. Antragsteller können dank der Blockchain-Technik sicher sein, dass die Dokumente echt sind und nachträglich nicht geändert werden können. Neben dem einfacheren digitalen Zugriff für beide Seiten sollen zugleich Transaktionskosten auf dem Papierweg für Behörden, Firmen und Bürger gesenkt werden. Aus dem „Reallabor“ soll bereits im kommenden Jahr Verwaltungswirklichkeit werden.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Norbert Pohlmann

Quelle: IDW 

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Statt vieler Einzelmaßnahmen sollte CO2-Bepreisung im Mittelpunkt stehen – Statement von Prof. Christoph M. Schmidt

Sabine Weiler Kommunikation
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

RWI-Präsident Christoph M. Schmidt zum Klimakabinett: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Politik dem Preissignal noch nicht hinreichend traut. Sie setzt den CO2-Preis daher viel zu vorsichtig an und verwässert ihn mit einem Sammelsurium an Maßnahmen.“

„Die Beschlüsse des ,Klimakabinetts‘ zeigen, dass die Bundesregierung in der Klimaschutzpolitik ernsthaft um geeignete Schritte bemüht ist, die teilweise in die richtige Richtung weisen. Der angekündigte „große Wurf“ ist das Paket aber nicht. Denn dies misst sich ja nicht an der Fülle der Einzelmaßnahmen oder deren Volumen, sondern daran, ob das Paket dafür sorgt, dass die in Europa bis 2030 verbindlich zugesagte Emissionsreduktion wirksam und kosteneffizient erreicht wird.

Hier ist leider Skepsis angebracht. Denn um diese beiden Ziele zu verbinden, müsste ein hinreichend ambitionierter CO2-Preis das zentrale Leitinstrument für eine erfolgreiche Reduktion der Treibhausgasemissionen sein. Er könnte das entscheidende Koordinationssignal darstellen, mit dem die Politik einen glaubwürdigen Rahmen setzt, die Entscheidungen über einzelne Maßnahmen, Verhaltensanpassungen und Investitionen aber weitgehend den Bürgern und Unternehmen überlässt.

Die Ergebnisse der heutigen Verhandlungen zeigen, dass die Politik dem Preissignal noch nicht hin-reichend traut. Sie setzt den Einstieg daher viel zu vorsichtig an, verwässert das Preissignal mit einem Sammelsurium an Maßnahmen und bürdet sich selbst zu viele Detailentscheidungen auf. Da-bei nimmt sie erhebliche Mitnahmeeffekte in Kauf und konterkariert sogar an einigen Stellen das Preissignal – etwa bei der Erhöhung der Pendlerpauschale. Das macht den Klimaschutz unnötig teuer.

Ermutigend finde ich zwar, dass neben vielen Einzelmaßnahmen im Beschluss davon die Rede ist, dass es weitere Schritte in Richtung einheitlicher und europäischer CO2-Bepreisung geben soll. Doch noch bleibt die aus volkswirtschaftlicher Sicht völlig verfehlte sektorspezifische Perspektive auf die Klimapolitik weiter bestehen. Es bleibt also nur zu hoffen, dass der CO2-Preis künftig eine weitaus stärkere Rolle spielen wird als in den aktuellen Entscheidungen.“

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt ist Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum.

Ansprechpartner/in:
Sabine Weiler (Pressestelle), Tel. 0201/8149-213

Quelle: IDW 

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MOSAiC-Expedition: Dr. Gunnar Spreen startet ins Eis-Abenteuer

Kai Uwe Bohn Hochschulkommunikation und -marketing
Universität Bremen

Es ist der bedeutendste wissenschaftliche Einsatz seiner Karriere: Dr. Gunnar Spreen vom Institut für Umweltphysik der Universität Bremen nimmt an MOSAiC teil, der größten Arktisexpedition aller Zeiten. Am 20. September 2019 legt er in Tromsø (Norwegen) zu monatelangen Forschungen im ewigen Eis ab.

Etwas aufgeregt ist er schon, der Leiter der Arbeitsgruppe „Fernerkundung der Polarregionen“ im Institut für Umweltphysik (IUP) der Universität Bremen. Schließlich geht es nach monatelanger Vorbereitung jetzt endlich los: Dr. Gunnar Spreen gehört zu der ersten Gruppe von insgesamt 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Besatzungsmitgliedern, die bei MOSAiC – der bislang bedeutendsten Arktisexpedition aller Zeiten – dabei sind.

Drift in Richtung Europa
„Dass sich ein Forschungsschiff einfrieren lässt, um dann über tausende Kilometer im Eis über den Nordpol hinweg Richtung Europa zu driften, hat es bislang nie gegeben“, erläutert der 43-Jährige die außergewöhnliche Mission. Für die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heißt das, einerseits über Wochen in Dunkelheit und Kälte auszuharren – andererseits aber auch, genug Zeit für Experimente und Forschungen zu haben, die man erstmals unter diesen Bedingungen machen kann. „Denn bisher hat noch niemand die Gegebenheiten vor Ort über einen langen Zeitraum in der arktischen Polarnacht erforscht. Alle bisherigen – wesentlich kürzeren – Expeditionen fanden überwiegend in der hellen Jahreszeit statt“, sagt Gunnar Spreen.

Das Expeditionsprojekt hat die Abkürzung MOSAiC für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“, auf Deutsch „Multidisziplinäres driftendes Observatorium zur Erforschung des arktischen Klimas“. Driften wird das deutsche Forschungsschiff Polarstern, das sich ab Oktober 2019 im Nordpolarmeer für ein Jahr einfrieren lässt. Die Polarstern überwintert dann in einer Region, die in der Polarnacht sonst weitgehend unerreichbar ist. Auf einer Eisscholle schlagen die 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die Besatzung – nie gleichzeitig, sondern in unterschiedlicher Zusammensetzung und insgesamt sechs Abschnitten – ihr Forschungscamp auf. MOSAiC ist ein internationales Forschungsprojekt der Superlative. Erstmals werden Daten in einem Zeitraum gemessen, in dem dies bisher nicht möglich war.

Bessere und sicherere Resultate
Gunnar Spreen gehört zur ersten Gruppe, die ihre Arbeit aufnimmt. Er wird vorrangig mit dem Mikrowellenradiometer arbeiten. „Es gibt praktisch keine neueren Daten von jungem Eis, vom Prozess der Meereisbildung über den arktischen Winter bis zum Auftauen“, so der Umweltphysiker. „Wir ermitteln jetzt ein Jahr lang vor Ort die Eistypen, die Eisdicke, die Schneeeigenschaften und vieles mehr.“ Diese Daten gleichen die Forscher dann mit ihren Messungen ab, die sie seit vielen Jahren von Satelliten aus 800 km Höhe vornehmen. Der Vergleich der Daten aus dem All mit den detaillierten Mikrowellenmessungen vor Ort soll dazu führen, dass für künftige Missionen wesentlich bessere Methoden entwickelt werden können. Die sind schon geplant und werden dann unter der der Federführung der EU von der europäischen Weltraumorganisation ESA durchgeführt. Spreen: „Wir können jetzt ein Jahr lang das unter die Lupe nehmen, was wir sonst nur aus großer Entfernung sehen. Das führt letztlich zu Resultaten, die besser und sicherer sind.“

Nach der Abfahrt in Tromsø am 20. September wird es einige Zeit dauern, bis die Polarregion erreicht ist. „Beim Aufbauen unserer Geräte müssen wir uns beeilen, weil wir noch einige Tage lang ein paar Stunden Helligkeit nutzen können. Ab dem 15. Oktober herrscht dann völlige Dunkelheit“, so der 43-Jährige. Abgelöst wird er dann an seinem Geburtstag, dem 15. Dezember. Dann bringt der russische Forschungseisbrecher Kapitan Dranitsyn die nächste Forschergruppe ins Eis und holt die „Pilotgruppe“ ab.

Gunnar Spreen übergibt dann seine Forschungstätigkeit vor Ort an Markus Huntemann vom Alfred-Wegener-Institut – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Huntemann gehört zu der gemeinsam von Universität Bremen und AWI eingerichteten „Kooperativen Nachwuchsgruppe für Meereis-Fernerkundung“, die von Gunnar Spreen geleitet wird.

Weihnachten noch auf See
Bis der Bremer Umweltphysiker nach der „Abholung“ durch die Kapitan Dranitsyn wieder festen Boden unter den Füßen hat, vergeht aber noch einige Zeit auf See. Der Eisbrecher braucht gut drei Wochen bis Tromsø. Erst im neuen Jahr wird er eintreffen „Geplant ist der 2. Januar 2020″, so Gunnar Spreen, „aber wie lange der Eisbrecher wirklich braucht, ist natürlich ungewiss. Bei einer solchen Expedition gibt es natürlich zahlreiche Unwägbarkeiten.“ Sicher ist aber, dass der Wissenschaftler und seine Begleiterinnen und Begleiter Weihnachten und Silvester auf See feiern werden.

Eine weitere Forscherin der Universität Bremen wird im April 2020 in der vierten Forschungsgruppe ins Eis gehen: Die Physikerin Natalia Sukhikh, die zur Arbeitsgruppe Ozeanographie von IUP-Professorin Monika Rhein gehört, wird dann Wasserproben aus den verschiedenen Schichten nehmen, die unter dem Eis liegen. An der Universität Bremen wird später der Gasgehalt dieser Schichten bestimmt, um den Austausch zwischen wärmeren und kälteren Strömungen nachvollziehen zu können.

Über die MOSAiC-Expedition
Die MOSAiC-Expedition unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist verbunden mit noch nie dagewesenen Herausforderungen. Eine internationale Flotte von vier Eisbrechern, Helikoptern und Flugzeugen versorgt das Team auf dieser extremen Route. Insgesamt 600 internationale Teilnehmerinnen und Teilnehmer, davon die Hälfte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, werden die Mission begleiten.

Markus Rex, Expeditionsleiter MOSAiC, Alfred-Wegener-Institut, sagt: „Diese Expedition ist bahnbrechend. Niemals zuvor gab es eine derart komplexe Arktisexpedition. Erstmals werden wir die Klimaprozesse der Zentralarktis im Winter vermessen können. Erstmals wird es uns gelingen, diese Region zu verstehen und in Klimamodellen korrekt abzubilden. Die Arktis ist das Epizentrum der globalen Erwärmung mit dramatischen Veränderungen schon heute. Und sie ist die Wetterküche für unser Wetter in Europa. Extremwetterlagen wie winterliche Ausbrüche arktischer Kaltluft bis zu uns oder extrem heiße Phasen im Sommer hängen mit den Veränderungen der Arktis zusammen. Gleichzeitig sind die Unsicherheiten unserer Klimamodelle nirgends so groß wie in der Arktis. Es gibt keine verlässlichen Prognosen, wie sich das Klima der Arktis in der Zukunft weiter entwickeln wird und was das für das Wetter bei uns bedeutet. Es ist unsere Mission, das zu ändern.“

Das Budget der Expedition beträgt rund 140 Millionen Euro. Im Laufe des Jahres werden ca. 300 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 17 Ländern an Bord sein. Sie kommen aus Belgien, China, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Russland, Schweden, der Schweiz, Spanien und den USA. Dabei werden sie landseitig auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Österreich und Südkorea unterstützt. Die Fragen, denen die Forscherinnen und Forscher während der Expedition nachgehen wollen, sind eng miteinander verknüpft. Zusammen wollen sie zum ersten Mal das gesamte Klimasystem in der Zentralarktis erforschen. Sie erheben Daten in den fünf Teilbereichen Atmosphäre, Meereis, Ozean, Ökosystem und Biogeochemie, um die Wechselwirkungen zu verstehen, die das arktische Klima und das Leben im Nordpolarmeer prägen.

Neuigkeiten direkt aus der Arktis gibt es über die MOSAiC-Kanäle auf Twitter (@MOSAiCArctic) und Instagram (@mosaic_expedition) über die Hashtags #MOSAiCexpedition, #Arctic und #icedrift. Weitere Informationen zur Expedition auf: www.mosaic-expedition.org. In der MOSAiC-Web-App kann die Driftroute der Polarstern zudem live mitverfolgt werden: follow.mosaic-expedition.org .

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Justus Notholt
Institut für Umweltphysik (IUP)
Universität Bremen
Tel.: +49 421 218-62190
E-Mail: jnotholtiup.physik.uni-bremen.de

Quelle: IDW 

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Acht Millionen Euro für Supercomputer an TU Dresden übergeben

Kim-Astrid Magister Pressestelle
Technische Universität Dresden

Dresden wird Standort des weltweit ersten Supercomputers, der die Arbeit des menschlichen Gehirns in Echtzeit simuliert. Sachsens Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange hat heute einen entsprechenden Förderbescheid in Höhe von acht Millionen Euro an die TU Dresden übergeben. „Wir erwarten, dass das Projekt SpiNNcloud das Tor zu heute noch nicht absehbaren Forschungsmöglichkeiten öffnet“, betont Frau Staatsministerin Dr. Stange. „Seine Wirkung geht weit über Sachsen und Deutschland hinaus. Der Freistaat setzt damit perspektivisch auf die Entstehung neuer Industriearbeitsplätze genauso wie auf die internationale Stärkung Sachsens als Forschungsstandort.“

Im Human Brain Project, einem der größten Forschungsprojekte der Europäischen Union, arbeiten seit 2013 Wissenschaftler in mehr als einhundert europäischen Einrichtungen an einem Rechner, der wie das menschliche Gehirn funktioniert. An der TU Dresden werden in Kooperation mit der University of Manchester mittlerweile in zweiter Generation spezielle Chips entwickelt, sogenannte SpiNNaker2-Systeme, die auf die Nachahmung neuronaler Netze optimiert sind. An der TU Dresden soll nun ein Prototyp dieses elektronischen Gehirns namens SpiNNcloud aufgebaut werden.

SpiNNcloud besteht aus zehn Millionen ARM-Prozessoren verteilt auf 70.000 Chips in zehn Serverschränken. Der Rechner vereint hocheffizientes maschinelles Lernen, Sensor/Aktor-Verarbeitung mit Millisekunden-Latenz, hohe Energieeffizienz sowie strikte Echtzeitverarbeitung. „Mit der SpiNNcloud erhält Dresden eine einzigartige Forschungs- und Entwicklungsplattform“, erklärt Professor Christian Mayr, Leiter der Professur für Hochparallele VLSI-Systeme und Neuromikroelektronik an der TU Dresden. „Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist in der Forschungslandschaft Sachsens gerade sehr aktuell. Das neue Exzellenzcluster CeTI (Zentrum für Taktiles Internet) an der TU Dresden beschäftigt sich mit der interaktiven Robotik und wird voraussichtlich der Hauptnutzer für den Rechner sein. Aber auch die regionale Industrie hat großes Interesse geäußert. Wir bekommen schon jetzt Anfragen von zahlreichen potentiellen Nutzern. Die SpiNNcloud eröffnet vielfaltige Forschungsmöglichkeiten und wir schätzen, dass 60 bis 70 Prozent der Zeit mit lokalen KI-Initiativen und Forschungsprojekten ablaufen wird.“

SpiNNcloud wird voraussichtlich einen Durchbruch im Bereich Mensch-Maschine-Echtzeitinteraktion darstellen: Sie wird niedriglatentes „taktiles Internet“ ermöglichen. Der Begriff Taktiles Internet beschreibt eine Echtzeitinteraktion zwischen Menschen und Maschinen und wurde maßgeblich von Forschungsgruppen an der TU Dresden geprägt. Das Taktile Internet ist mit seinen vielfältigen Ausprägungen wie autonomes Fahren, Robotik, Industrie 4.0 und Telemedizin ein wichtiges Forschungsfeld an der TU Dresden.

„Die Auswirkung Künstlicher Intelligenz auf unser aller Leben nimmt rasant zu. Dennoch müssen wir immer noch viel von der Biologie lernen, wenn wir künftig das volle Potenzial Künstlicher Intelligenz ausschöpfen wollen“, ist Professor Steve Furber von der University of Manchester überzeugt. „SpiNNaker2 ist entwickelt worden, um die Lücke zwischen realistischen Hirnmodellen und Künstlicher Intelligenz zu schließen. Damit wird der Informationsaustausch verbessert und es werden notwendige Synergien für den Fortschritt in beiden Forschungsgebieten geschaffen.“

Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange ergänzt: „Das schon jetzt drängende Interesse aus Forschung und Industrie zeigt das Potenzial für neuromorphes Rechnen etwa in den Bereichen taktiles Internet, Internet of Things, Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz. Sowohl der Exzellenzstatus der Technischen Universität Dresden als auch die zahlreichen universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Land liefern den Nährboden für Projekte dieser Kategorie. Ich wünsche mir, dass die Faszination der Wissenschaft für die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbaren Möglichkeiten begleitet wird von Fragen nach dem Erhalt der menschlichen Würde und Einzigartigkeit in der Zukunft.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Christian Mayr
Technische Universität Dresden
Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik
Professur für Hochparallele VLSI-Systeme und Neuromikroelektronik
Tel.: 0351 463-42392
E-Mail: christian.mayr@tu-dresden.de

Quelle: IDW 

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Land unter: Steigende Hochwassergefahr durch gleichzeitige Sturmfluten und Starkniederschläge in Nordeuropa

Mag. Gudrun Pichler Presse + Kommunikation
Karl-Franzens-Universität Graz

Ein internationales ForscherInnen-Team unter Leitung der Universität Graz hat untersucht, wie sich durch den Klimawandel in Europa die Gefahr von Hochwasser, verursacht durch Starkregen und Sturmfluten, verändern könnte. Die Ergebnisse liefern wichtige Informationen, die im Küstenschutz zusätzlich zum Meeresspiegelanstieg berücksichtigt werden sollten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Science Advances erschienen.

Die Hochwassergefahr an Europas Küsten nimmt zu. Dafür ist vor allem der Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich. Treten Sturmfluten gleichzeitig mit Starkniederschlägen auf, steigt die Gefahr zusätzlich. Das abfließende Regenwasser wird an der Küste, vor allem in Flussmündungen, von der Sturmflut aufgestaut. Bisher betrachten Risikoabschätzungen Sturmfluten und Starkniederschläge unabhängig voneinander. Oft werden beide jedoch durch die gleiche Wetterlage ausgelöst, hängen also zusammen. Die Gefahr des gleichzeitigen Auftretens wird unterschätzt.

WissenschafterInnen vom Joint Research Center der Europäischen Kommission in Ispra/Italien haben anhand eines mathematischen Modells der Meeresoberfläche berechnet, wie in Klimamodellsimulationen der Zukunft Sturmfluten auftreten. Diese Ergebnisse hat die Forschungsgruppe um Douglas Maraun am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz zusammen mit Simulationen des Niederschlags in einem komplexen statistischen Modell analysiert. „Es zeigt sich, dass in Nordeuropa die Niederschläge intensiver werden, so dass die Gefahr von gleichzeitig auftretenden Starkniederschlägen und Sturmfluten tendenziell steigen könnte“, berichtet Douglas Maraun. Das bedeutet, dass im Bereich von Flussmündungen verstärkt mit Hochwasser gerechnet werden sollte. In Südeuropa sieht die Situation anders aus: „Dort dürfte die Zahl der Sturmfluten abnehmen, wodurch die Gefahr gleichzeitiger Extremniederschläge insgesamt eher sinken sollte“, so der Klimaforscher.

Die Ergebnisse dieser Analysen können als Grundlage für weitere detaillierte Studien dienen, die zusätzlich lokale Gegebenheiten, wie etwa die genaue Küstenform, Deiche, Hafenanlagen oder Sperrwerke, in Betracht ziehen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Assoz. Prof. Dr. Douglas Maraun
Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz
Tel.: +43 (0)664/88 32 68 27
E-Mail: douglas.maraun@uni-graz.at

Originalpublikation:
„Higher probability of compound flooding from precipitation and storm surge in Europe under anthropogenic climate change“
E. Bevacqua, D. Maraun, M. I. Vousdoukas, E. Voukouvalas, M. Vrac, L. Mentaschi, M. Widmann
Science Advances, 18 September 2019

Quelle: IDW 

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Fraunhofer IPA und EEP der Universität Stuttgart – Studie zu industriellen Energiespeichern veröffentlicht

Jörg Walz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Weil die Elektromobilität immer weiter voranschreitet, ist die kontinuierliche Weiterentwicklung von nachhaltigen Energiespeichertechnologien unerlässlich. Auch in vielen produzierenden Unternehmen sind Energiespeicher integriert, etwa um die unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) für sensible Prozesse zu garantieren. Zusätzliche Einsatzoptionen entstehen durch die Integration von erneuerbaren Energien und deren volatile Erzeugung. Dazu zählen unter anderem die Verringerung des Leistungsbezugs aus dem Netz oder die Eigenverbrauchsoptimierung.

Vor diesem Hintergrund haben das Fraunhofer IPA und das Institut für Energieeffizienz in der Produktion EEP der Universität Stuttgart, gefördert vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, die ESIP-Studie »Energiespeicher in Produktionssystemen« durchgeführt und nun veröffentlicht. Sie identifiziert mögliche Einsatzoptionen für Energiespeicher in Produktionssystemen und beschreibt den Status quo von Energiespeichertechnologien sowie deren aktuellen Herausforderungen und Chancen.

Um das Potenzial für Energiespeicher zu erfassen, wurden Experteninterviews und eine Online-Umfrage durchgeführt. Zwischen dem 1. August und dem 18. Oktober 2018 nahmen 269 Personen an der Studie teil, 136 Datensätze flossen schließlich in die Auswertung ein. Gefragt wurde unter anderem nach technischen Integrationsmöglichkeiten, einsetzbaren Energiespeichertechnologien, Wettbewerb, Herausforderungen, Motivation, und Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus wurden acht Experteninterviews durchgeführt. In den Unternehmen der meisten ausgewählten Experten werden bereits Energiespeicher eingesetzt.

Optionen für den Einsatz
Für Energiespeicher gibt es zahlreiche Einsatzoptionen im industriellen Umfeld. Grundsätzlich kann zwischen den Einsatzoptionen zur Absicherung der Produktion, der Optimierung des Energiebezugs und den Systemdienstleistungen unterschieden werden. Bereits etabliert sind die Einsatzoptionen zur Absicherung der Produktion, während die Einsatzoptionen zur Optimierung des Energiebezugs für produzierende Unternehmen nun immer interessanter werden. Die Einsatzoptionen durch Systemdienstleistungen werden nur als Nebeneffekt zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit gesehen.

Verfügbare Technologien
Schwungmassenspeicher, Kondensatoren und Blei-Säure-Batterien zählen zu den ausgereiften, am Markt verfügbaren Technologien. Lithium-Batterien sind auf dem besten Weg dorthin. Auch Redox-Flow-Batterien können aufgrund der getrennten Dimensionierung von Leistung und Kapazität eine wichtige Rolle einnehmen.

Reduzierung der Kosten
Alle Energiespeichertechnologien haben wegen der geringen Stückzahl hohe Herstellkosten. Eine Senkung der Investitionskosten könnte bei fast allen betrachteten Energiespeichertechnologien durch Massenproduktion erreicht werden. Eine andere Möglichkeit, die hohen Investitionskosten von Energiespeichern zu reduzieren, ist die Nutzung von Second-Life-Batterien aus Elektroautos, denn durch die erneute Verwendung gebrauchter Batterien aus Elektroautos für stationäre Anwendungen können positive ökonomische und ökologische Effekte erzielt werden.

Abbau von Hürden
Neben der Wirtschaftlichkeit sind jedoch auch die Regulierungen eine Herausforderung für die Energiespeicherintegration. Außerdem mangelt es in der Branche an Erfahrung, Know-how und praxisnahen Demonstratoren. Der größte Treiber für die Energiespeicherintegration ist die Notwendigkeit zur Effizienzsteigerung sowohl aus betriebswirtschaftlicher als auch aus energetischer Sicht.

Fazit
Für die stationäre Anwendung werden aktuell am häufigsten elektrische bzw. elektrochemische Energiespeicher eingesetzt. Auch in Zukunft werden diese Energiespeichertechnologien – zumindest für kurz- und mittelfristige Einsatzoptionen – den Markt dominieren. Thermische Energiespeicher werden an Bedeutung gewinnen. Lithium-Batterien haben auch bei stationären Anwendungen ein großes Einsatzpotenzial und noch nicht marktreife Energiespeichertechnologien wie etwa Redox-Flow-Batterien können aus Sicht der Umfrageteilnehmer für stationäre Anwendungen zukünftig interessant werden. Eine große Chance für Unternehmen liegt in der Entwicklung und dem Aufbau von hybriden Energiespeichersystemen. Sie bestehen aus elektrischen und elektrochemischen oder elektrischen und thermischen Energiespeichern.
Die Energiespeicherintegration zur Optimierung des Energiebezugs wird für Unternehmen zunehmend interessanter, jedoch ist die Wirtschaftlichkeit weiterhin die größte Herausforderung. Unternehmen tendieren eher zu einem großen zentralen Energiespeicher, um sich energetisch vom Netz zu entkoppeln. Durch zentrale große Energiespeicher ist deren multifunktionaler Einsatz möglich. So wird der Speicher besser ausgelastet und die Wirtschaftlichkeit wird erhöht. Die Reduzierung der Kosten, getrieben durch die technologische Weiterentwicklung und den zunehmenden Aufbau einer Massenfertigung, ist weiterhin der wichtigste Faktor für die Wirtschaftlichkeit.

Auf einen Blick
Die Studie »Energiespeicher in Produktionssystemen« identifiziert unterschiedliche Einsatzoptionen für stationäre Energiespeicher im industriellen Umfeld. Zudem werden die derzeitigen Energiespeichertechnologien vorgestellt sowie die aktuellen Chancen und Herausforderungen beschrieben.

Gefördert durch:
Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg

Autoren:
Fabian Zimmerman, Alexander Emde
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Raoul Laribi, Diana Wang, Alexander Sauer
Universität Stuttgart, Institut für Energieeffizienz in der Produktion EEP
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, Stuttgart;
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart

Jahr: 2019

Weitere Informationen und Download der Studie:
https://www.ipa.fraunhofer.de/de/Publikationen/studien.html

Pressekommunikation
Dr. Birgit Spaeth | Telefon +49 711 970-1810 | birgit.spaeth@ipa.fraunhofer.de | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA | www.ipa.fraunhofer.de
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Fabian Zimmermann | Telefon +49 711 970-1908 | fabian.zimmermann@ipa.fraunhofer.de | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA | www.ipa.fraunhofer.de

Originalpublikation:
https://www.ipa.fraunhofer.de/de/Publikationen/studien.html

Anhang

Pressemitteilung
https://idw-online.de/de/attachment73049

Quelle: IDW 

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TU Berlin beteiligt sich an „Covering Climate Now“

Stefanie Terp Stabsstelle Kommunikation, Events und Alumni
Technische Universität Berlin

Forschungsprojekte für die Wissenschaftskommunikation im Rahmen der internationalen Aktionswoche „Covering Climate Now

TU Berlin beteiligt sich an internationaler Aktionswoche und berichtet von aktuellen Forschungsprojekten rund um die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Wissenschaftler*innen der TU Berlin stehen außerdem für Interviewmöglichkeiten zur Verfügung.

Vom 15. bis 23. September 2019 stehen auch an der TU Berlin Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Kommunikation. In dieser Zeit wirft die Universität einen Blick hinter die Labortüren und berichtet eine Woche lang von aktuellen Forschungsprojekten zu den Themen CO2-Steuer, Kohleausstieg, Windenergie oder innovative Verwertung von Abfall.

Zu der Aktionswoche „Covering Climate Now“ hat das Magazin „Columbia Journalism Review“ von der Columbia School of Journalism an der University of New York gemeinsam mit dem US-Wochenmagazin „The Nation“ aufgerufen. Weltweit sind über 250 Medienhäuser und Wissenschaftseinrichtungen diesem Aufruf gefolgt und werden mit Blick auf den „Climate Action Summit“ der Vereinten Nationen am 23. September 2019 in New York den Schwerpunkt ihrer Berichterstattung auf den Klimawandel legen. Neben der TU Berlin beteiligen sich aus dem Bereich Forschung unter anderem die Princeton University (USA), die Boston University (USA) und die University of Manchester (Großbritannien).

Expert*innendienst
Medienvertreter*innen stehen in der Aktionswoche außerdem folgende Wissenschaftler*innen der TU Berlin für Recherche- und Interviewanfragen zur Verfügung:

Prof. Dr. Felix Creutzig
Tel.: +49 30 314-73331
Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung
Fachgebiet Sustainability Economics of Human Settlements
E-Mail: creutzig@tu-berlin.de

Expertise:
• Urbanisierung und globale Umweltveränderungen
• CO2-Bepreisung

Prof. Dr. Matthias Finkbeiner
Institut für Technischen Umweltschutz
Fachgebiet Sustainable Engineering
Tel: +49 30 314-24341
E-Mail: matthias.finkbeiner@tu-berlin.de

Expertise:
• soziale Ökobilanz
• Wasser- und CO2-Fußabdruck

Prof. Dr.-Ing. Markus Hecht
Institut für Land- und Seeverkehr
Fachgebiet Schienenfahrzeuge
E-Mail: markus.hecht@tu-berlin.de

Expertise:
• Verlagerung von Mobilität auf die Schiene
• Energie und Antrieb von Schienenfahrzeugen

Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben
Institut für Hochfrequenz- & Halbleiter-Systemtechnologien
Fachgebiet Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik
Tel.: +49 30 46403-206
E-Mail: jaeger-erben@tu-berlin.de

Expertise:
• Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik

Prof. Dr.-Ing. Julia Kowal
Institut für Energie- und Automatisierungstechnik
Fachgebiet Elektrische Energiespeichertechnik
Tel.: +49 30 314-21633
E-Mail: julia.kowal@tu-berlin.de

Expertise:
• Energiespeichertechnik
• Batterietechnik

Prof. Dr.-Ing. Martin Kriegel
Institut für Energietechnik
Fachgebiet Gebäude-Energie-Systeme
Tel.: +49 30 314-24176
E-Mail: m.kriegel@tu-berlin.de

Expertise:
• Energiewende im Gebäudebereich
• CO2-neutrale Gebäudeenergieversorgung
• Wohlbefinden und Gesundheit des Menschen im Gebäude

Prof. Dr.-Ing. Vera Rotter
Institut für Technischen Umweltschutz
Fachgebiet Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie
Tel.: +49 30 314-22619
E-Mail: vera.rotter@tu-berlin.de

Expertise:
• Recycling
• zirkuläres Wirtschaften und geschlossene Produktionskreisläufe
• Rohstoffe für die Energiewende und Energieerzeugung aus Biomasse-Reststoffen

Prof. Dr. Tilman Santarius
Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
Fachgebiet Sozial-ökologische Transformation sowie Einstein Center Digital Future
Tel.: +49 30 314-78869
E-Mail: santarius@tu-berlin.de

Expertise:
• Klimapolitik
• Digitalisierung und Nachhaltigkeit
• nachhaltiges Wirtschaften

Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer
Zentrum Technik und Gesellschaft
Tel.: +49 0 314-23665
E-Mail: schaefer@ztg.tu-berlin.de

Expertise:
• nachhaltiger Konsum und klimafreundliches Alltagshandeln
• nachhaltige Regionalentwicklung, insbesondere regionaler Wertschöpfungsketten im Bereich Landwirtschaft und Ernährung

Prof. Dr. Ulf Schrader
Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum
Tel.: +49 30 314-28769/-78838
E-Mail: schrader@tu-berlin.de

Expertise:
• nachhaltiger Konsum und Verbraucherpolitik
• Corporate Social Responsibility und Nachhaltigkeitsmarketing
• Innovationsmanagement

Prof. Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß
Institut für Technologie und Management
Fachgebiet Strategische Führung und Globales Management
Tel.: +49 30 314-28744
E-Mail: knyphausen@strategie.tu-berlin.de

Expertise:
• Nachhaltigkeit und Wirtschaft, Globalisierung

Weiterführende Informationen:
• Alle Forschungsthemen zur Aktionswoche „Covering Climate Now“ werden veröffentlicht unter: http://www.tu-berlin.de/?208333 und auf Twitter @tuberlin (https://twitter.com/tuberlin).
• Informationen zu „Fridays for Future an der TU Berlin“: http://www.tu-berlin.de/?205334

Kontakt:
Stefanie Terp
Pressesprecherin der TU Berlin
Tel.: 030 314-23922
E-Mail: pressestelle@tu-berlin.de

Quelle: IDW 

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Neue Studienergebnisse zur aktuellen Situation im Mittelstand – jetzt im IfM-Forschungsnewsletter 3/19

Dr. Jutta Gröschl Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Der Mittelstand wird mit Werten wie beispielsweise Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit oder Verantwortungs- und Risikobereitschaft verbunden. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland sind stolz darauf, dem Mittelstand anzugehören. Wie gerechtfertigt ist jedoch diese Wahrnehmung?

Im Rahmen einer Studie haben die Wissenschaftler des IfM Bonn untersucht, ob sich tatsächlich die Unternehmensziele von mittelständischen Unternehmen und managergeführten Unternehmen unterscheiden. Dabei konnten sie teilweise signifikante Unterschiede bei den Unternehmenszielen feststellen.

Weitere Themen der Ausgabe 3/19:
• Warum weniger Frauen gründen.
• Welche Chancen und Risiken Unternehmensnachfolgen von Arbeitnehmern und
Arbeitnehmerinnen beinhalten.

Der IfM-Forschungs-Newsletter informiert alle 3 Monate kostenfrei über die jüngsten Studienergebnisse des IfM Bonn.

Weitere Informationen:

https://www.ifm-bonn.org/meta/news/newsletter/

Quelle: IDW 

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Umweltsündern auf der Spur

Britta Widmann Kommunikation
Fraunhofer-Gesellschaft

Kriminelle Machenschaften nachzuweisen, kann mitunter schwierig sein: Etwa bei Akteuren, die schädliche Abwässer heimlich in die Kanäle einleiten. Ein neues Sensorsystem von Fraunhofer-Forscherinnen und Forschern und ihren Partnern könnte die Sicherheitsbehörden künftig bei dem Nachweis unterstützen: Im Abwasserkanal positioniert, spürt es entsprechende Inhaltstoffe auf und hilft, Umweltsünder einzugrenzen und zu entlarven.

Schwarze Schafe gibt es immer wieder – auch in der Industrie. Denn während der Großteil der Firmen ihre Abwässer ordnungsgemäß entsorgt, scheuen einige wenige die damit verbundenen Kosten und leiten das schädliche Abwasser heimlich, still und leise in die Kanäle ein. Bislang fehlen den Sicherheitsbehörden größtenteils die Möglichkeiten, einer solchen Umweltkriminalität großflächig auf die Schliche zu kommen: Dies würde die Kapazitäten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Weitem übersteigen. Die Betreiber von Kläranlagen stellen solche gesetzeswidrigen Abwässer jedoch vor große Herausforderungen – sie können sogar dazu führen, dass die Kläranlagen kippen.

Umweltschädigende Substanzen im Abwasser nachweisen
Ein neuartiges Sensorsystem könnte es den Sicherheitsbehörden künftig erleichtern, solche Delikte aufzudecken. Entwickelt haben die Technologie – gemeinsam mit Partnern – die Forscherinnen und Forscher der Fraunhofer-Institute für Integrierte Schaltungen IIS und für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM im EU-Projekt Micromole. »Das Sensorsystem soll bestimmte Substanzen im Wasser nachweisen, die in solchen Abwässern typischerweise enthalten sind«, erläutert Dr. Matthias Völker, Gruppenleiter am Fraunhofer IIS. »Es besteht aus zwei Sensorkomponenten: Physikalischen Sensoren und einem chemischen Sensor. Weitere Systeme sind: Energiemanagement, Steuerung- und Kommunikation und ein Probenentnahmesystem.« Führen solche Abwässer an Kläranlagen wiederholt zu Problemen, könnten die Sicherheitsbehörden das Abwassersystem an bestimmten Stellen überprüfen, den Übeltäter durch mehrere Messungen immer weiter eingrenzen und schließlich enttarnen.

Für solche Messungen setzt ein Roboter im Abwasserrohr drei Ringe ein. Der erste Ring wird direkt vor dem Zulauf der verdächtigen Firma positioniert, der zweite direkt dahinter. An beiden dieser Ringe befindet sich jeweils ein physikalischer Sensor, der Parameter wie die Temperatur, den pH-Wert oder auch die Leitfähigkeit des Wassers misst. Über eine Funkverbindung stehen diese beiden Ringe miteinander in Kontakt und vergleichen die von ihren Sensoren gemessenen Werte. Unterscheiden sie sich, könnte dies darauf zurückzuführen sein, dass aus dem fokussierten Gebäude schädliche Abwässer eingeleitet wurden. Auf das entsprechende Signal des zweiten Rings »erwachen« nun die Systeme am dritten Ring, der etwas weiter hinten im Abwasserkanal befestigt ist: Genauer gesagt ein chemischer Sensor und ein Probenentnahmesystem. Für den chemischen Sensor entnimmt eine Mikropumpe einige Mikroliter des Abwassers, verdünnt diese und leitet sie auf den chemischen Sensor. Auf diesem befinden sich sechs Elektroden, die jeweils mit einer speziellen Beschichtung aus Polymeren überzogen sind. Das Besondere: In diesen Polymerschichten befinden sich Lücken, in die bestimmte Schadstoffe jeweils genau hineinpassen – ähnlich wie Puzzleteilchen. Binden sie auf diese Weise an die Polymerschicht, ändert sich ihre elektrische Kapazität. Solche Kapazitätsänderungen auf den Elektroden legen also nahe, dass sich bestimmte Schadstoffe im Abwasser befinden. Vor Gericht gilt dies jedoch nicht als Beweis. Daher entnimmt das System zudem eine kleine Probe des Abwassers, das dann von Menschenhand im Labor genau überprüft werden kann. Damit der chemische Sensor für mehrere Messungen eingesetzt werden kann, spült eine Waschlösung die angebundenen Moleküle nach jeder Messung wieder heraus.

Das Sensorsystem ist in einer Kooperation mehrerer Forschungseinrichtungen und weiterer Partner entstanden. Die Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer IIS haben dabei die Entwicklung der Elektronik, der Signalerfassung und -auswertung des Sensormoduls sowie der Energieversorgung des Systems übernommen. Ihre Kolleginnen und Kollegen vom Fraunhofer IZM waren für das BUS-System auf dem Metallring zuständig und für den Entwurf der wasserdichten Steckkontakte zu den einzelnen Komponenten sowie der wasser- und chemikaliendichten Gehäuse. Zudem haben sie die physikalischen Sensoren miniaturisiert.

Großangelegter Testlauf geplant
Die einzelnen Komponenten wurden zunächst bei den Partnern im Labor geprüft, anschließend im Zusammenspiel in einem künstlichen Abwassersystem mit realem Abwasser. In einem dritten Schritt wurden verschiedene Komponenten in einem realen Abwasserrohr getestet. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: »Das System konnte verdächtige Abwässer aufspüren und einen entsprechenden Alarm auslösen«, fasst Harald Pötter, Abteilungsleiter am Fraunhofer IZM, zusammen. In einem Nachfolge-Projekt wollen die Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer IZM nun mit Partnern in fünf europäischen Städten einen großangelegten Testlauf der physikalischen Sensoren des Systems durchführen.

Weitere Informationen:
https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2019/september/umweltsue…

Quelle: IDW 

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Wird Wasser jetzt digital?

Dr.-Ing. Bodo Weigert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
KompetenzZentrum Wasser Berlin gGmbH (KWB)

Apps, die Badegewässerqualität voraussagen, Sensoren, die bei Regen potenzielle Überflutungsflächen anzeigen: Digitale Tools ermöglichen in Zeiten des Klimawandels ein effizienteres und nachhaltigeres Wassermanagement.

Im EU-Verbundvorhaben „Digital-Water.City (DWC)“, das vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) koordiniert wird, werden solche neuen Tools entwickelt.

– Christian Rickerts, Staatssekretär bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe
– Dr. Frank Nägele, Staatssekretär für Verwaltungs- und Infrastrukturmodernisierung/Wachsende Stadt in der Senatskanzlei Berlin

Beide werden das Projekt in die Digitalisierungsstrategie des Landes Berlin einordnen und die Bedeutung einer digitalen Infrastruktur für Smart City erläutern. Anschließend geben die Geschäftsführerinnen des KWB, Edith Roßbach und Regina Gnirß, einen Überblick über das Projekt und stellen beispielhafte Einzelaktivitäten vor.

Jörg Simon, Vorstandvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe, und Nicolas Zimmer, Vorstandvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, stehen für Fragen zur Verfügung.

Wir freuen uns über Ihre Anmeldung per E-Mail.

Anhang
Einladung Pressegespräch: Start EU-Vorhaben Digital-Water.City
https://idw-online.de/de/attachment72841

Quelle: IDW 

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Was verursacht digitalen Stress und welche Rahmenbedingungen machen besonders anfällig?

Alex Deeg PR und Marketing
Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

Das seit November 2017 laufende BMBF-Projekt »PräDiTec« hat erste Erkenntnisse über die größten Auslöser von digitalem Stress gewonnen. In einer Studie mit mehr als 5.000 Erwerbstätigen wurde untersucht, wie sich das Belastungs- und Beanspruchungsprofil durch den Einsatz von neuen Technologien verändert. Neben den Belastungsfaktoren und Auswirkungen von digitalen Stress wurden Rahmenbedingungen analysiert, unter denen digitaler Stress besonders hoch oder gering ausfällt. Am 4. September 2019 ab 16:00 Uhr können Sie der Ergebnisveröffentlichung per Livestream beiwohnen. Genauere Details und die gesamte Studie zum Download finden Sie auf der Projektwebsite https://gesund-digital-arbeiten.de.

>>Ständige Erreichbarkeit, Angst vor Leistungsüberwachung und eine Beschleunigung der Arbeitstätigkeit als Auslöser für digitalen Stress
Aus der Studie heraus konnten 12 verschiedene Belastungsfaktoren bei der Arbeit mit digitalen Technologien und Medien identifiziert werden. Dazu gehört beispielsweise die Omnipräsenz, das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit und einer kürzeren Reaktionszeit durch das Auflösen der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. Ein weiterer Belastungsfaktor, die Überflutung, beschreibt das Gefühl, aufgrund der höheren Menge an bereitgestellten Informationen mehr und schneller arbeiten zu müssen. Von den Befragten werden am häufigsten Leistungsüberwachung sowie die Verletzung der Privatsphäre als Belastungsfaktor genannt. Bemerkenswert ist nicht nur, dass jeder dritte Befragte mindestens einem der Belastungsfaktoren sehr stark ausgesetzt ist, sondern auch, dass fast jeder fünfte aufgrund des Belastungsfaktors sehr starken digitalen Stress wahrnimmt.

>>Stressempfinden geht mit der Nutzungsintensivität und der Anzahl genutzter Technologien einher
Doch nicht jeder Arbeitsplatz, der mit digitalen Technologien ausgestattet ist, verursacht digitalen Stress im gleichen Maß. Die Kombination aus der Anzahl genutzter digitaler Technologien und Medien sowie die Nutzungsintensität hat Einfluss auf die Belastung. So ist diese bei einer hohen Anzahl an verschiedenen Technologien, die nur wenig genutzt werden, am höchsten, da die Fähigkeiten und Kenntnisse zur Nutzung der Technologien bei geringer Nutzung schwieriger zu erhalten sind und die Verunsicherung größer wird.

>>Gesundheitliche und arbeitsbeeinträchtige Auswirkungen
Erschöpfung, Gereiztheit sowie psychischen Beeinträchtigungen bis hin zu Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems gehen mit digitalem Stress einher. Unzufriedenheit mit der Arbeitsstelle und eine schlechtere Leistung sind ebenso mögliche Folgen von digitalen Stresses. Doch organisationale und soziale Faktoren können digitalem Stress am Arbeitsplatz entgegenwirken. Dazu gehören beispielsweise ein erweiterter Handlungsspielraum hinsichtlich arbeitsrelevanter Entscheidungen sowie eine gute Beziehung zu dem Vorgesetztem.

Sie möchten mehr über die neusten Ergebnisse der Studie erfahren und darüber diskutieren? Am 04. September 2019 können Sie ab 16:00 Uhr per Livestream (https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=t8R9X6D3TE8) an der Vorstellung des Studienberichts und einer regen Podiumsdiskussion über die Kernergebnisse mit Vertretern aus der Praxis und der Wissenschaft teilnehmen. Mit dabei sind unter anderem Frau Dr. Patricia Tegtmeier von der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und Herr Guido Fuhrmann, Personalleiter Deutschland bei der Deutschen Bank. Ihre formlose Anmeldung zum Stream oder Ihr Teilnahmeinteresse an der Ergebnisveröffentlichung richten Sie gerne an praeditec@ias-gruppe.de.

>>Ansprechpartner
Prof. Dr. Henner Gimpel (henner.gimpel@fit.fraunhofer.de) und Prof. Dr. Nils Urbach (nils.urbach@fit.fraunhofer.de), Projektgruppe Wirtschaftsinformatik, Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

Quelle: IDW 

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Starkregen und Trockenheit – digitale Technologien für das Wassermanagement

Dr.-Ing. Bodo Weigert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
KompetenzZentrum Wasser Berlin gGmbH (KWB)

Apps, die Badegewässerqualität voraussagen, Sensoren, die bei Regen potenzielle Überflutungsflächen anzeigen: Digitale Tools ermöglichen in Zeiten des Klimawandels ein effizienteres und nachhaltigeres Wassermanagement. Welche Tools das sind und wie sie funktionieren, erforscht das Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) ab sofort im europäischen Ver-bundvorhaben Digital-Water.City (DWC). In Paris, Sofia, Kopenhagen,
Mailand und Berlin arbeiten Forscher am Wassermanagement der intelligenten Stadt. Das KWB, das gleichzeitig Initiator und Koordinator des Projekts ist, hat es heute im CityLAB Berlin vorgestellt.

Überflutete Straßen, unter Wasser stehende Keller und verschmutzte (Bade)gewässer einerseits; anhaltende Trockenheit mit Ernteausfällen und überhitzten Innenstädten andererseits. Die Extreme im Wettergeschehen haben erhebliche Auswirkungen auf Wassermengen und Wasserqualität, besonders in Metropolen. Die intelligente Erfassung und Verarbeitung von Daten können dabei helfen, Entwicklungen früher zu erkennen und besser zu managen. Schon heute erfassen Sensoren im Fluss Daten in Echtzeit, eine lernfähige Software macht daraus eine Prognose zur Wasserqualität, in einer Bade-App können sich die Berliner*innen täglich über die erwartete Badegewässerqualität informieren. Ähnliche Tools sollen etwa künftig bei Starkregen auf Überflutungsflächen hinweisen.

Christian Rickerts, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Be-triebe, sagt: „Berlin spielt im Bereich des digitalen Wassermanagements eine führende Rol-le in Europa. Das Kompetenzzentrum Wasser und die Berliner Wasserbetrieben zeigen seit Jahren, wie Digitalisierung beim Wassermanagement, bei der Instandhaltung der Abwasserrohre oder bei der Beurteilung von Wasserqualität unserer Stadt helfen kann. Diese Erfolgsgeschichte schreiben wir heute international fort: Zusammen mit 24 Partnern aus zehn europäischen Städten macht das Verbundvorhaben Digital-Water.City die Wasserver- und -entsorgung noch effizienter – und leistet damit gleichzeitig einen Beitrag zum nachhaltigen Energie- und Ressourceneinsatz.“

Neben der Information zur Badewasserqualität werden im Rahmen des Projekts weitere Vorhaben verfolgt wie die digitale Überwachung und Steuerung von Abwasserströmen im Kanalnetz. Die Daten dazu liefert ein dichtes Netz von einfachen kostengünstigen Temperarursonden. „Wenn es uns tatsächlich gelingt, über Temperaturmessungen die hydraulische Belastung in der Kanalisation besser als bisher zu bestimmen, könnten unerwünschte Über-läufe der Mischwasserkanalisation viel effizienter vermieden werden. Dies wäre ein großer Gewinn für den Gewässerschutz“, betont Jörg Simon, Chef der Berliner Wasserbetriebe.

Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung, fasst zusammen: „Das große Verbundprojekt Digital-Water.City gibt uns die Möglichkeit, die Expertise, die das KWB vorhält, weiter auszubauen. Im Wassermanagement können wir exemplarisch zeigen, wie die Digitalisierung effiziente und nachhaltige öffentliche Infrastruktur ermöglicht.“
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

nicolas.caradot@kompetenz-wasser.de

Anhang
Projekt Digital-Water.City: Kompakte Projektinformationen
https://idw-online.de/de/attachment72890

Quelle: IDW 

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Unstatistik des Monats: Verwirrung um Nitrat

Sabine Weiler Kommunikation
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Laut eines Artikels in der Rheinischen Post ist die Nitratbelastung deutscher Böden in den Jahren 2013 bis 2017 insgesamt gestiegen. Diese Aussage ist durch die zugrundeliegenden Daten aber nicht gedeckt, weil Messpunkte verändert und 2017 Höchstwerte statt Jahresdurchschnittswerte verwendet wurden.

Die Unstatistik des Monats August ist ein Artikel aus der Rheinischen Post vom 8. des Monats. Unter der Überschrift „Immer mehr Nitrat im Grundwasser“ kommentiert die Rheinische Post darin die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen. Demnach nahm der mittlere Nitratgehalt an den 15 am stärksten belasteten deutschen Messpunkten von 2013 bis 2017 um rund 40 Milligramm pro Liter zu. Daraus folgt aber nicht, wie von der Rheinischen Post fälschlicherweise kolportiert, dass die Nitratbelastung insgesamt gestiegen ist. Sie ist vermutlich, wie schon in den Vier-jahres-Zeiträumen davor, weiter gefallen.

Erstens sind die Messpunkte nicht die gleichen – im Jahr 2017 wurden verschiedene Messpunkte aus dem Jahr 2013 gegen bekannte Hochnitrat-Messstellen ausgetauscht. Die Werte an den 2013er Messpunkten sind bis 2017 im Mittel gefallen. Und zweitens gingen 2013 die Jahresdurchschnitts-werte, im Jahr 2017 aber die Höchstwerte (über ausgewählte Tage) in die Analyse ein. Die Meldung aus der Rheinischen Post ist also statistisch gesehen der gleiche Unfug, als wollte man die Veränderung der jährlichen landesweiten Niederschlagsmenge durch einen Vergleich der 15 jeweils feuchtesten Orte ermitteln (und dann auch noch für ein Jahr basierend auf dem Durchschnitt pro Ort, das andere Jahr basierend auf dem Tagesmaximum).

Damit ist natürlich nichts gegen eine sinnvolle Messung der Nitratbelastung in Flüssen, Seen und im Grundwasser gesagt. Deren Begrenzung und Absenkung ist Gegenstand einer der ersten Umweltschutzdirektiven der EU, der Nitratrichtlinie von 1991. Das dazu nötige europaweite Messnetz ist allerdings wissenschaftlich durchaus angreifbar. Wie schon in der Meldung der Rheinischen Post werden speziell in Deutschland Messstellen gerne ausgetauscht beziehungsweise mit Bedacht in Hochbelastungsregionen angelegt. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wäre man an der zeitlichen Entwicklung der Maxima interessiert. Zum Betrug wird diese Vorgangsweise immer dann, wenn man das Ergebnis als landesweiten Durchschnitt verkauft. Hier zeigt sich, dass bei unveränderten Messpunkten die Belastung eher sinkt.

Ansprechpartner/in:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125
Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter http://www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125

Weitere Informationen:
http://www.unstatistik.de (Alle „Unstatistiken“ im Internet)

Anhang

Die Unstatistik-Pressemitteilung im pdf-Format
https://idw-online.de/de/attachment72814

Quelle: IDW 

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Forscher der Jacobs University finden Gadolinium aus MRT-Kontrastmitteln in Getränken aus Fast-Food-Restaurants

Melisa Berktas Corporate Communications & Public Relations
Jacobs University Bremen gGmbH

Nachdem die Forschungsgruppe um Michael Bau, Professor für Geowissenschaften an der Jacobs University Bremen, Kontrastmittel-Gadolinium weltweit bereits in vielen Flüssen und auch im Trinkwasser einiger deutscher Städte nachweisen konnte, wurde sie jetzt auch in Nahrungsmitteln fündig. In Cola-Getränken aus Restaurants bekannter Fast-Food-Ketten in Berlin, Düsseldorf, Essen, Karlsruhe, München und Dresden konnte das Kontrastmittel-Gadolinium jetzt identifiziert werden. Gadolinium kommt insbesondere bei radiologischen Untersuchungen in der Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz.

Die gemessenen Konzentrationen sind nach aktuellem Wissensstand nicht gesundheitsgefährdend, jedoch ein Indikator für die mögliche Anwesenheit anderer Rückstände aus dem Abwasser in den Getränken.

Kontrastmittel sind aus der medizinischen Diagnostik nicht mehr wegzudenken, die verbrauchten Mengen steigen von Jahr zu Jahr. Das gilt auch für MRT-Kontrastmittel, die auf dem Selten-Erd-Element Gadolinium basieren. Patienten scheiden es im Krankenhaus oder zuhause wieder aus und mit dem Abwasser gelangt es in die lokalen Klärwerke. Diese können die Kontrastmittel, wie auch manch andere Arzneimittelrückstände, nicht aus dem Wasser entfernen und leiten sie mit dem vermeintlich gereinigten Abwasser in Flüsse und Seen ein. Dies ist ein weltweites Phänomen, wie viele Untersuchungen von Michael Bau und seiner Forschungsgruppe an der Jacobs University belegen.

Von den Flüssen wird ein Teil dieses Gadoliniums ins Meer eingetragen, wo es beispielsweise bereits die Nordsee verunreinigt, während es mit dem versickernden Flusswasser auch ins Grundwasser gelangt. Durch die Trinkwassergewinnung aus Grundwasser und Uferfiltrat findet sich das Kontrastmittel-Gadolinium letztlich auch im Leitungswasser. Dies haben Michael Bau und seine Mitarbeiterinnen Katja Schmidt, Gila Merschel und Nathalie Tepe nun nach Berlin, Essen, Köln und London auch für die Städte Bremen, Düsseldorf, Dresden, Karlsruhe und München nachgewiesen.

Zudem belegen aktuelle Daten für Berlin, dass das Trinkwasser in einzelnen Berliner Bezirken, wie zum Beispiel in Proben vom Bahnhof Zoo oder der Clay Allee, nicht nur die weltweit höchsten im Leitungswasser gemessenen Anteile (99 Prozent) an anthropogenem – also durch Menschen verursachtem – Gadolinium aufweist, sondern dass diese in den vergangenen Jahren nochmals deutlich zugenommen haben. Aber auch in den anderen untersuchten Städten stammt ein Teil des Gadoliniums im Trinkwasser aus MRT-Kontrastmitteln: 31 Prozent in Bremen, 34 Prozent in Karlsruhe, 63 Prozent in Dresden, 85 Prozent in Düsseldorf und 91 Prozent in München. Und weil die Zahl der MRT Untersuchungen weiter ansteigt, wird sich dieser Trend zu höheren Kontrastmittelkonzentrationen im Trinkwasser weiter verstärken.

Das Hauptaugenmerk der jetzt in der renommierten internationalen Fachzeitschrift „Science of the Total Environment“ veröffentlichten Studie lag allerdings auf der Frage, ob in verschiedenen deutschen Ballungszentren das Kontrastmittel-Gadolinium über das Trinkwasser auch in Nahrungsmittel gelangen kann. Dafür wurden in den Städten Berlin, Düsseldorf, Essen, Karlsruhe, München und Dresden Cola-Getränke aus Filialen bekannter Fast-Food-Ketten untersucht und mit den Leitungswasserproben aus dem jeweiligen Stadtteil verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Getränke zeigen nahezu dieselben Gehalte an Kontrastmittel-Gadolinium wie das jeweils lokale Leitungswasser.

Für den Geochemiker Michael Bau ist das wenig überraschend: „In Filialen von Schnellrestaurants wird der Cola-Sirup mit Leitungswasser und CO2 vermischt. Obwohl die Restaurants angeben, dass dieses Leitungswasser zuvor zusätzlich gereinigt wird, ist dieser Reinigungsschritt offensichtlich nicht in der Lage, die Kontrastmittelrückstände zu entfernen.“
Auch wenn das Gadolinium in den gemessenen Konzentrationen nach jetzigem Wissensstand gesundheitlich unproblematisch ist, so ist es doch ein Indikator dafür, dass auch andere chemische Substanzen aus dem Abwasser im Trinkwasser und damit zubereiteten Nahrungsmitteln sein können. „Dies sind zum Beispiel Arzneimittelrückstände und besonders die sogenannten ‚endokrinen Disruptoren‘, die bei Menschen und Tieren hormonähnliche Wirkungen haben und im Gegensatz zum Kontrastmittel-Gadolinium schon in sehr geringen Konzentrationen die Gesundheit beeinflussen“, sagt Bau. Insofern, meint Bau, sei das anthropogene Gadolinium dabei hilfreich, Grund- und Trinkwasser aber auch Nahrungsmittel auf die mögliche Anwesenheit sogenannter „abwasserbürtiger“ Stoffe zu testen – also Verunreinigungen, die auch nach Durchlauf einer Kläranlage noch im Wasser vorhanden sind.

Gadolinium und andere Selten-Erden gehören zur Gruppe der „kritischen Metalle“, wie Niob, Antimon, Gallium oder Germanium, die für moderne Hochtechnologien und damit für Energiewende, Elektromobilität und Digitalisierung nahezu unersetzlich sind, für die aber keine Versorgungssicherheit besteht. Während dies zu verstärkten Anstrengungen im Bereich Rohstoffsuche und Recycling geführt hat, ist über die Verbreitung und das Verhalten der kritischen Metalle in der Umwelt nur wenig bekannt. Eine integrierte Betrachtung sowohl der Rohstoff- als auch der Umweltproblematik ist einer der Schwerpunkte in der Forschungsgruppe Rohstoff- und Umweltgeochemie an der Jacobs University Bremen, die im vielfach ausgezeichneten Earth and Environmental Science Programm angesiedelt ist.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Michael Bau
Jacobs University Bremen, Campus Ring 1, 28759 Bremen
Tel. +49 (0)421 2003564
Email: m.bau@jacobs-university.de

Originalpublikation:

K. Schmidt, M. Bau, G. Merschel, N. Tepe, 2019. Anthropogenic gadolinium in tap water and in tap water-based beverages from fast-food franchises in six major cities in Germany. Science of the Total Environment.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969719331882

Anhang
Gadolinium Verteilung in Deutschland nach Regionen
https://idw-online.de/de/attachment72811

Quelle: IDW 

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Erfolgsfaktor Mensch – Wie die Transformation von Arbeitswelten gelingt

Juliane Segedi Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Fraunhofer IAO ermittelt Erfolgsfaktoren für den Wandel von Arbeitswelten
Die aktuelle Studie des Fraunhofer IAO unter 1600 Büroarbeitenden zeigt auf: Ist die Unternehmensleitung treibende Kraft der gewünschten Veränderungen im Unternehmen und können sich die Mitarbeitenden wirkungsvoll in den Wandel einbringen, werden sowohl neu eingeführte Arbeitstechnologien als auch eine Vielfalt in der Arbeitsumgebung intensiver genutzt. Darüber hinaus intensiviert sich auch die Kollaboration unter den Mitarbeitenden enorm.

Die Arbeitswelt unterliegt einem rasanten Wandel. Mehr Flexibilität im Arbeitsalltag und neue Führungskonzepte sind nur einige Schlüsselbegriffe, die in der öffentlichen Debatte fallen. Um den Weg für Veränderungen in der Arbeitswelt freizumachen, müssen verkrustete Strukturen zwingend aufgebrochen und transformiert werden. Viele Unternehmen und Organisationen möchten die Chance ergreifen, die eigene Organisation zukunftsfähig zu gestalten. Aber wie kann eine erfolgreiche Umsetzung von wirksamen Arbeitswelten gelingen? Diese wesentliche Fragestellung hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO im Rahmen der Studie »Transformation von Arbeitswelten« untersucht.

Die Unternehmensleitung als treibende Kraft von Veränderungen
Grundlage der Studie ist die Befragung von rund 1600 Büroarbeitenden aus allen Hierarchieebenen, Funktionsbereichen und vielen verschiedenen Branchen. Je gesamtheitlicher und konsequenter die Veränderungen der Arbeitsgestaltung in der Organisation angegangen wird, umso stärker gelingt die Transformation hin zu einer höheren Nutzungsintensität von technologischen und räumlichen Infrastrukturen sowie zu einer stärkeren Kollaborationsintensität in der Belegschaft – auch über Abteilungsgrenzen hinweg.

Eine transformationale Führung der Organisation trägt maßgeblich dazu bei, dass der Wandel überhaupt vollzogen wird. Hierbei ist die oberste Führungsebene in der Organisation die treibende Kraft der geplanten Veränderungen – z. B. stellt sie sicher, dass einzelne Neuerungen im Unternehmen aufeinander abgestimmt sind, ausreichend Ressourcen für die erfolgreiche Umsetzung von Veränderungsprojekten zur Verfügung stehen, lebt die angestrebten Handlungsweisen sichtbar vor und vieles mehr. Organisationen ohne diesen Erfolgsfaktor nutzen technologische und räumliche Infrastrukturen weniger intensiv und weisen eine niedrigere Kollaborationsintensität in der Belegschaft auf.

Ein erfolgreicher Wandel braucht eine aktiv mitwirkende Belegschaft
Die umfangreiche Partizipation der Menschen an den Veränderungen ist ebenfalls ein kritischer Erfolgsfaktor für den Veränderungsprozess. Der Wandel kann umso besser gelingen, je stärker die Menschen in der Organisation die Arbeit mitgestalten und ihre Arbeitsanforderungen einfließen lassen. Bislang wird die Belegschaft vorwiegend bei Entscheidungen einbezogen, die sich auf sie persönlich auswirken. Dabei ist es ebenso bedeutsam, sie bei Entscheidungen einzubeziehen, die das gesamte Unternehmen betreffen.

Eckdaten zur Studie
Die Studie erfasste die Angaben von 1676 Unternehmens- oder Organisationsleitungen, Führungskräften und Angestellten in der Büro- und Wissensarbeit aus völlig unterschiedlichen Unternehmen vieler verschiedener Branchen. Bei allen Teilnehmenden fanden in den letzten drei Jahren Veränderungen im Bereich der Arbeitsgestaltung statt – organisatorisch, technologisch und/oder räumlich. Der Frauenanteil liegt bei ca. 45 Prozent, ebenfalls ca. 45 Prozent der Teilnehmenden stammen aus KMUs bis 500 Mitarbeitende, ca. 55 Prozent aus Großunternehmen bis über 50.000 Mitarbeitende. Das Studiendesign umfasst zwei verschiedene Stichproben. Die erste Stichprobe besteht aus 1028 Personen mit einer aktiven Rolle in einem Veränderungsprojekt (z. B. Projektmitarbeitende, Projektleitungen, oberste Entscheidungsebene in einem Projekt). In der zweiten Stichprobe befinden sich 648 Personen, die nicht aktiv an einem Veränderungsprojekt mitgewirkt.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Stephanie Wackernagel
Workspace Innovation
Fraunhofer IAO
Nobelstraße 12
70569 Stuttgart
Telefon +49 711 970-5467
E-Mail: Stephanie.Wackernagel@iao.fraunhofer.de

Udo-Ernst Haner
Forschungskoordination
Fraunhofer IAO
Nobelstraße 12
70569 Stuttgart
Telefon +49 711 970-5470
E-Mail: udo-ernst.haner@iao.fraunhofer.de

Originalpublikation:
Wackernagel, Stephanie; Haner, Udo-Ernst: Ergebnisbericht zur Studie »Transformation von Arbeitswelten«. Faktoren für einen erfolgreichen Wandel in Organisationen
https://www.iao.fraunhofer.de/images/iao-news/transformation-von-arbeitswelten-s…

Weitere Informationen:
https://www.iao.fraunhofer.de/lang-de/presse-und-medien/aktuelles/2182-erfolgsfa…

Quelle: IDW 

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Kaum Wasser unterm Kiel – Messungen im Extrembereich / Helmholtz-Forscher starten neuntägige Messkampagne auf der Elbe

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ

Auf mehr als 580 Kilometer zieht sich die Elbe von der deutsch-tschechischen Grenze in Schmilka bis nach Geestnacht kurz vor Hamburg. Wie sich das extreme Niedrigwasser auf die Wasserqualität auswirkt, ist eine der zentralen Fragen, auf die Wissenschaftler des UFZ Antworten finden wollen. Sie starten deshalb heute ihre neuntägige Fahrt auf dem UFZ-Forschungsschiff Albis. Eingebettet ist die Messkampagne in die MOSES-Initiative, bei der Wissenschaftler*innen aus neun Helmholtz-Zentren u.a. untersuchen, wie sich infolge des Klimawandels hydrologische Extremereignisse (Hoch-, Niedrigwasser) auf die Wasserqualität der Binnengewässer, den Boden und den stofflichen Eintrag ins Meer auswirken.

An 24 Standorten von Schmilka bis Geesthacht, jeweils links- und rechtsseitig sowie mittig der Elbe, werden die UFZ-Wissenschaftler Proben nehmen. In Absprache mit den Landesbehörden in Sachsen und Sachsen-Anhalt messen sie mit einer Multiparametersonde Temperatur, Sauerstoff, die Konzentrationen schwebender Algen oder die Trübung des Fließgewässers sowie chemische Parameter von Wasserproben wie partikuläre und gelöste Nährstoffe, Schwermetalle, seltene Erden und Mikroschadstoffe.

Ein Schwerpunkt der Messkampagne ist die Analyse von Phytoplankton, das sind im Wasser schwebende einzellige Algen. Sie dienen vielen Tieren im Gewässer als Nahrung und nehmen gleichzeitig Nährstoffe wie Phosphat und Nitrat auf. So kann moderates Algenwachstum einen positiven Einfluss auf das Gewässer haben. Übermäßiges Algenwachstum führt hingegen zu einer Abwertung der Wasserqualität – man spricht dann von Eutrophierung. Es kommt also für die Elbe und auch für die nachgelagerten Küstengewässer auf die richtige Balance an. Und diese kann durch ein extremes Niedrigwasser gestört werden. Im Fokus der Testfahrt steht zudem eine genaue Charakterisierung von gelöstem organischem Material. Dabei können die Wissenschaftler mithilfe hochauflösender Massenspektrometrie mehr als 1.000 Elementarkomponenten in diesen hoch komplexen Gemischen identifizieren und deren Veränderung entlang der Elbe auf bakterielle Aktivität und Biomasseproduktion zurückführen. Zusätzlich finden auf der Flussfahrt nach dem gleichen Schema auch Messungen an den Mündungen von Saale, Mulde, Schwarzer Elster und Havel statt. Diese Zuflüsse sind von großem Interesse, weil sie die Wasserqualität der Elbe stark beeinflussen können. So prägt beispielsweise die Saale als größter Zufluss die Elbe durch eine hohe Salzbelastung.

Anders als mit Standardmessungen vom Ufer aus ist es mit dieser Messfahrt möglich, sich über 580 Kilometer ein detailliertes Bild zu machen, welche Prozesse etwa bei der Umwandlung von Nährstoffen und Schadstoffen im Wasserkörper der Elbe ablaufen. Zudem fanden die Messkampagnen der vergangenen Jahre nie bei einem solch extremen Niedrigwasser statt. So liegt derzeit zum Beispiel in Magdeburg der Pegel bei rund 53 Zentimetern nur knapp über dem Rekordniedrigstand von 46 Zentimetern. „Die Umsetzung von Kohlen- und Stickstoff sowie Phosphor bei diesem extremen Niedrigwasser zu analysieren, ist für uns besonders interessant und hilft uns, Prognosen für zukünftige Extremsituationen zu erstellen“, sagt UFZ-Fließgewässerökologe Prof. Dr. Markus Weitere und Mitglied der MOSES-Arbeitsgruppe Hydrologische Extreme. Da bei diesem Wasserstand die Elbe sehr langsam fließe und stark besonnt sei, könnte es besonders in unteren Flussabschnitten zu starken Eutrophierungserscheinungen kommen.

Eingebettet ist die jetzige Elbe-Fahrt in weitere Testkampagnen, die im Rahmen der MOSES-Initiative im April und Juni zwischen der Elbemündung in Cuxhaven und Helgoland stattfanden und die im September noch um eine weitere Fahrt ergänzt werden soll. Beteiligt sind daran Helmholtz-Wissenschaftler auf Forschungsschiffen des Helmholtz-Zentrums Geesthacht, des Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung und des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel. „Die Testfahrten in diesem Jahr dienen dazu, wichtige wissenschaftliche Daten zu erheben und in Kooperation zwischen den Helmholtz-Einrichtungen die Abläufe der umfangreichen Messeinsätze zu üben“, sagt die MOSES-Projektleiterin Dr. Ute Weber. Sie seien zugleich Generalprobe für eine noch größere Elbe-Testkampagne, die im kommenden Jahr unter Leitung des UFZ stattfindet und an der weitere sieben an MOSES beteiligte Helmholtz-Einrichtungen dabei sein werden. Diese soll sich von Schmilka bis in die Nordsee erstrecken. Ziel wird dann sein, in einer Prozesskette die Auswirkungen auf terrestrische und marine Ökosysteme zu analysieren – beginnend von Starkregen- und Gewitter-Ereignissen an Land, über hydrologische Abflüsse bis hin zur Analyse einer Vielzahl von Stoffen, die in der Elbe und schließlich in der Nordsee landen.

MOSES steht für „Modular Observation Solutions for Earth Systems“. In dieser vom UFZ koordinierten Initiative bauen neun Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft zwischen 2017 und 2022 gemeinsam mobile und modular einsatzfähige Beobachtungssysteme auf, um die Auswirkungen zeitlich und räumlich begrenzter dynamischer Ereignisse, wie extremer Niederschlags- und Abflussereignisse, auf die langfristige Entwicklung von Erd- und Umweltsystemen zu untersuchen.

Aktuelle Informationen zu MOSES:
https://blogs.helmholtz.de/moses

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Markus Weitere
Leiter UFZ-Department Fließgewässerökologie
markus.weitere@ufz.de

Dr. Norbert Kamjunke
UFZ, Leiter Elbe-Kampagnen
norbert.kamjunke@ufz.de

Weitere Informationen:
https://blogs.helmholtz.de/moses

Quelle: IDW 

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IFA 2019: Eine bessere Haltung am Arbeitsplatz dank neuer Sensortechnik

Udo Urban DFKI Kaiserslautern
Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

Ob Schmerzen im Rücken, an Schultern oder Knien: Die falsche Haltung am Arbeitsplatz kann Folgen haben. Helfen kann ein Sensorsystem, an dem Forscher der TU Kaiserslautern und des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) arbeiten. Sensoren etwa an Armen, Beinen und Rücken ermitteln Bewegungsabläufe. Eine Software wertet die Daten aus. Über eine Smartwatch gibt das System dem Nutzer direkt Rückmeldung, damit er Bewegung oder Haltung korrigiert. Die Sensoren könnten in Arbeitskleidung und -schuhe eingebaut werden. Auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin stellen die Forscher die Technik vom 6. bis 11. September (IFA Next, Halle 26, Stand 324/325) vor.

Über seine Smartwatch soll der Nutzer direkt informiert werden, um seine Bewegung oder Haltung zu korrigieren. Die Forscher planen unter anderem, die Sensoren in Arbeitskleidung und -schuhe einzubauen. Interessant ist die Technik beispielsweise für Unternehmen in der Industrie, aber auch im Büroalltag am Schreibtisch kann sie helfen, mehr auf den eigenen Körper zu achten.

Bis die Technik erhältlich ist, wird es noch dauern. Die Arbeiten haben erst vor ein paar Monaten begonnen. Sie sind eingebunden in das Projekt BIONIC, das von der Europäischen Union gefördert wird. BIONIC steht für „Personalized Body Sensor Networks with Built-In Intelligence for Real-Time Risk Assessment and Coaching of Ageing workers, in all types of working and living environments“. Koordiniert wird es von Professor Didier Stricker, Leiter des Forschungsbereichs Augmented Vision/Erweiterte Realität am DFKI. Ziel ist es, ein Sensorsystem zu entwickeln, mit dem sich Fehlhaltungen und andere Belastungen am Arbeitsplatz reduzieren lassen.

Am Vorhaben beteiligt sind neben dem DFKI und der TUK: die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund, das spanische Instituto de Biomechanica de Valencia, das Fundación Laboral de la Construcción, ebenfalls in Spanien, das Forschungszentrum Roessingh Research and Development an der Universität von Twente in den Niederlanden, das Systems Security Lab der griechischen Universität von Piräus sowie die Unternehmen Interactive Wear GmbH aus München, Hypercliq IKE aus Griechenland, ACCIONA Construcción S.A. aus Spanien und die Rolls-Royce Power Systems AG in Friedrichshafen.

Auf der IFA stellt das Team seine Technik vor. Sie präsentieren ihr Projekt am Gemeinschaftsstand des Messearbeitskreises Wissenschaft im Bereich „IFA Next“.

Fragen beantworten:
Mathias Musahl
DFKI / Forschungsbereich Augmented Vision/Erweiterte Realität
Tel.: 0631 20575 3606
Mathias.Musahl@dfki.de

Dr. Gabriele Bleser
TU Kaiserslautern / AG wearHEALTH
Tel.: 0631 205 3327
bleser@cs.uni-kl.de

Ergänzung vom 22.08.2019
3. Absatz: Abhilfe kann künftig eine Technik schaffen, an der ein Forscherteam des DFKI und der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) derzeit arbeitet. Zum Einsatz kommen Sensoren, die einfach an verschiedenen Körperstellen wie Armen, Wirbelsäule und Beinen aufgebracht werden. „Diese messen unter anderem Beschleunigungen und sogenannte Winkelgeschwindigkeiten. Diese Daten werden im Anschluss von unserer Software verarbeitet“, sagt Dr. Gabriele Bleser, die an der TUK die Arbeitsgruppe wearHEALTH leitet. Daraus berechnet sie Bewegungsparameter wie zum Beispiel Gelenkwinkel an Arm und Knie oder den Grad der Beugung oder Verdrehung der Wirbelsäule. „Die Technik erkennt dabei sofort, wenn eine Bewegung falsch ausgeführt oder eine falsche Haltung eingenommen wird“, fährt ihr Kollege Mathias Musahl vom Forschungsbereich Augmented Vision/Erweiterte Realität am DFKI fort.

Quelle: IDW 

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Vom Satellitenbild zum Trinkwasserkonzept

Monika Landgraf Strategische Entwicklung und Kommunikation – Gesamtkommunikation
Karlsruher Institut für Technologie

Wasser ist eine der wichtigsten Ressourcen – als Trinkwasser oder zur Bewässerung in der Landwirtschaft. In einigen Regionen, die bereits mit Wasserknappheit kämpfen, ist die Versorgung etwa durch den Klimawandel stark gefährdet. Gleichzeitig steigt weltweit der Wasserbedarf. Für Trinkwasserkonzepte von Städten in Wassermangelregionen sind präzise Informationen über die Böden im Einzugsgebiet von Flüssen entscheidend. Sie zu bekommen, ist vor allem in unwegsamen Geländen bisher schwierig. Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) arbeiten an einer KI-basierten Methode, die anhand von Luftaufnahmen und Satellitenbildern verlässliche Angaben über Bodeneigenschaften machen kann.

„Einige Bodeneigenschaften können wir zwar jetzt schon mit herkömmlichen Bildanalysemethoden erhalten. Parameter wie etwa die Bodenfeuchte und Bodenart können wir jedoch nur durch aufwendige Proben erfassen“, sagt Felix Riese vom Institut für Photogrammmetrie und Fernerkundung (IPF) des KIT. Dies ist bei unwegsamem Gelände nur schwer oder gar nicht möglich. Hier setzt der Physiker in seinem Forschungsprojekt an: „Wir arbeiten an einer Künstlichen Intelligenz, die nur aus Satelliten- und Luftbildern Angaben über zum Beispiel die Bodenfeuchte, die Art der Vegetation oder die Bodenzusammensetzung ermittelt. Diese Zusammenhänge sind oft so komplex, dass ein Mensch sie nicht mit einem herkömmlichen Algorithmus beschreiben kann. Unsere KI soll sie selbstständig erkennen und miteinander verknüpfen.“

Bei einer gemeinsamen Kampagne mit dem Institut für Wasser und Gewässerentwicklung des KIT, die Riese koordinierte, haben die Forscherinnen und Forscher des KIT in Peru Bodenproben genommen. Außerdem haben sie ihr gesamtes Untersuchungsgebiet mit einer speziellen Kamera gescannt, die auf einem Hexakopter montiert ist. Sie macht Aufnahmen im Hyperspektralbereich und bildet das Hundertfache an sichtbaren Informationen im Vergleich zu normalen Kameras ab. „Mit diesen Daten trainieren wir die KI so lange, bis sie die Luftaufnahmen so auswertet, dass sie mit den von uns gemessenen Werten übereinstimmen.“

Um die Methode auch außerhalb der Testregion in Peru anwenden zu können, speisen Riese und seine Kolleginnen und Kollegen Daten aus Gebieten in die KI ein, die etwa trockener sind, oder eine andere Vegetation haben. „Wenn wir die KI richtig trainieren, sind mühsame und teure Messkampagnen vor Ort nicht mehr nötig, um genaue Informationen über den Zustand des Grundwassers zu ermitteln“, sagt Riese. Ziel ist, dass dafür ein Satellitenbild ausreicht. Diese Auswertungen könnten künftig beispielsweise die schnellere und günstigere Umsetzung von Trinkwasserkonzepten für Städte unterstützen.

TRUST: Trinkwasserversorgung nachhaltig, gerecht und ökologisch
Felix Rieses Forschung ist Teil des Projekts TRUST unter der Koordination von Sina Keller. Hier arbeiten Expertinnen und Experten verschiedener Einrichtungen und Disziplinen zusammen, um am Beispiel des Wassereinzugsgebiets der Region Lima/Peru ganzheitliche Planungswerkzeuge und neuartige, nachhaltige Wasserver- und Abwasserentsorgungskonzepte zu entwickeln, vor allem für die Trinkwasserversorgung. In TRUST arbeiten die Universität Stuttgart (Koordination), das KIT, das Technologiezentrum Wasser, Disy Informationssysteme GmbH, decon International GmbH, Ingenieurbüro Pabsch & Partner sowie die Ingenieurgesellschaft mbH zusammen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Projekt.

Details zum KIT-Zentrum Klima und Umwelt: http://www.klima-umwelt.kit.edu
Als „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ schafft und vermittelt das KIT Wissen für Gesellschaft und Umwelt. Ziel ist es, zu den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information zu leisten. Dazu arbeiten rund 9 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer breiten disziplinären Basis in Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Seine 25 100 Studierenden bereitet das KIT durch ein forschungsorientiertes universitäres Studium auf verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft vor. Die Innovationstätigkeit am KIT schlägt die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Originalpublikation:
https://www.kit.edu/kit/pi_2019_110_vom-satellitenbild-zum-trinkwasserkonzept.ph…

Anhang

Vom Satellitenbild zum Trinkwasserkonzept
https://idw-online.de/de/attachment72810

Quelle: IDW 

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Ausmaß eines Herzinfarkts unabhängig von Tageszeit

Christine Vollgraf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.

Ob ein Herzinfarkt mitten in der Nacht oder am helllichten Tag auftritt, bestimmt nicht, wie schwer seine Folgen sind. Herausgefunden haben das Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) am Deutschen Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München (TUM).

Die Brust schmerzt und Tonnen scheinen auf dem Brustkorb zu liegen – so kann es sich anfühlen, wenn ein Herzinfarkt das Leben bedroht. In diesem Notfall gilt es, sofort die Rettungskräfte zu alarmieren. Am häufigsten treten die gefährlichen Attacken zwischen sechs Uhr morgens und zwölf Uhr mittags auf. Auch andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen oder plötzlicher Herztod scheinen einem Tagesrhythmus zu folgen, sie ereignen sich ebenso gehäuft morgens oder vormittags. Einige Studien deuten außerdem darauf hin, dass der Zeitpunkt, zu dem die Beschwerden beginnen beziehungsweise der Herzinfarkt einsetzen, beeinflusst, wie Herzerkrankungen verlaufen. Privatdozent Dr. Hendrik Sager, Dr. Thorsten Kessler und ihre Kollegen sind diesem Aspekt genauer nachgegangen. In einer Studie mit rund 1.200 Patienten haben sie untersucht, ob die Uhrzeit, zu der sich der Herzinfarkt ereignet, auch bestimmt, welche Folgen er hat. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es nicht von der Tageszeit abhängt, wie ein Herzinfarkt sich langfristig auswirkt.

Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler den Tag in vier Zeitfenster unterteilt: 0 bis 6 Uhr, 6 bis 12 Uhr, 12 bis 18 Uhr und 18 bis 24 Uhr. In allen untersuchten Fällen lag ein sogenannter ST-Hebungsinfarkt (STEMI) vor und ein verschlossenes Blutgefäß im Herzen, nämlich ein Herzkranzgefäß, löste den Infarkt aus. Dadurch wird das Herz schlechter durchblutet und Herzmuskelzellen sterben ab.

Blutfluss sichtbar machen
Bei einem Herzinfarkt eröffnen die Ärzte das verschlossene Blutgefäß mithilfe eines Katheters. Noch vor diesem Eingriff bekamen alle Studienteilnehmer eine Substanz gespritzt. Die Substanz reichert sich im Herzen überall da an, wo das Blut fließt. Dadurch konnten die Mediziner bei der anschließenden Aufnahme des Herzens mit einer speziellen Kamera bestimmen, welche Bereiche des Herzens nicht durchblutet sind. Sieben Tage nach dem Eingriff verabreichten sie die Substanz erneut, um zu beurteilen, welche Bereiche des vormals nicht durchbluteten Herzgewebes durch das Wiedereröffnen des verschlossen Herzkranzgefäßes gerettet werden konnten. Außerdem ermittelten Sager und seine Kollegen auch, wie viele der Patienten nach fünf Jahren noch lebten. Hiermit konnten sie Rückschlüsse ziehen, ob die Tageszeit, zu der ein Herzinfarkt auftritt, die langfristige Prognose verändert. „Natürlich gibt es viele Faktoren, die bestimmen, wie schwer ein Herzinfarkt verläuft“, sagt DZHK-Wissenschaftler Sager. „Etwa wie lange es dauert, bis das Gefäß wiedereröffnet wird oder welches der drei Herzkranzgefäße verschlossen ist. Diese Faktoren haben wir herausgerechnet.“

Bisherige Studien lieferten widersprüchliche Ergebnisse, ob sich die Tageszeit auf Infarktgröße und Überlebensrate auswirkt. Den Grund hierfür sieht Sager in den zu kleinen Patientenkollektiven und zu kurzen Beobachtungszeiträumen dieser Untersuchungen. Mit ihrer umfangreichen Analyse haben die Forscher nun erstmals eindeutig geklärt, dass die Tageszeit den Verlauf eines Herzinfarktes nicht beeinflusst und die Ärzte bei der Behandlung ihrer Patienten nicht berücksichtigen müssen, zu welcher Uhrzeit der Herzinfarkt auftrat.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
PD Dr. Hendrik Sager, Dr. Thorsten Kessler, Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München, hendrik.sager@tum.de, thorsten.kessler@tum.de

Originalpublikation:
Time-of-day at symptom onset was not associated with infarct size and long-term prognosis in patients with ST-segment elevation myocardial infarction. Sager HB, Husser O, Steffens S, Laugwitz KL, Schunkert H, Kastrati A, Ndrepepa G, Kessler T. J Transl Med. 2019 May 29;17(1):180. DOI: 10.1186/s12967-019-1934-z

Weitere Informationen:

https://dzhk.de/aktuelles/news/artikel/ausmass-eines-herzinfarkts-unabhaengig-vo…

Quelle: IDW 

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1,8-Millionen-Euro-Projekt zur Anpassung des Wasserspeichers Harz an den Klimawandel startet

Christian Ernst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Technische Universität Clausthal

Das Projekt „Energie- und Wasserspeicher Harz“ (EWAZ) hat ein Gesamtvolumen von 1,8 Millionen Euro und wird in den kommenden drei Jahren mit rund 1,6 Millionen Euro durch Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie aus Landesmitteln finanziert werden. Frau Dr. Sabine Johannsen, Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), informierte sich über das Forschungsvorhaben anlässlich der Kick-off-Veranstaltung am 28. August auf dem EnergieCampus der TU Clausthal in Goslar. Zudem übergab sie die Bewilligungsbescheide.

Das Projekt „Energie- und Wasserspeicher Harz“ (EWAZ) hat ein Gesamtvolumen von 1,8 Millionen Euro und wird in den kommenden drei Jahren mit rund 1,6 Millionen Euro durch Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie aus Landesmitteln finanziert werden. Frau Dr. Sabine Johannsen, Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), informierte sich über das Forschungsvorhaben anlässlich der Kick-off-Veranstaltung am 28. August auf dem EnergieCampus der TU Clausthal in Goslar. Zudem übergab sie die Bewilligungsbescheide.

Hintergrund des Projektes sind die Auswirkungen des Klimawandels im Harz, wie sie in den Jahren 2017 und 2018 aufgetreten sind. Erst traf die Region ein Jahrtausend-Hochwasser, darauf folgte eine Dürreperiode mit Minusrekorden beim Niederschlag. Jetzt erforschen die TU Clausthal, die TU Braunschweig sowie die Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften gemeinsam mit den Kooperationspartnern Harzwasserwerke und HarzEnergie, wie sich der Harz mit seinen multifunktionalen Aufgaben im Bereich der Wasserwirtschaft und des Energiesystems an den Klimawandel anpassen kann. Denn der Wasserspeicher Harz nimmt seit Jahrzehnten Aufgaben zum Hochwasser- und Niedrigwasserschutz sowie zur Trinkwasser- und regenerativen Energiebereitstellung wahr. „Auch an der TU Clausthal zählt Wasser zu den zentralen Themen, dessen historische Bedeutung für das Umfeld durch das Oberharzer Wasserregal nachhaltig dokumentiert ist. Heute beschäftigen wir uns in Lehre und Forschung mit Wasser als Ressource unter aktuellen Aspekten bis hin zum Einsatz von Wasserkraft, z.B. zum Betrieb von untertägigen Pumpspeichern für erneuerbare Energie“, so Professor Joachim Schachtner, Präsident der TU Clausthal.

Das Projekt EWAZ ist nach einer wettbewerblichen Ausschreibung der EFRE-Innovationsrichtlinie des MWK ausgewählt worden. Das Thema lautete „Energieversorgung neu denken – Forschung und Entwicklung für eine ressourcen- und umweltschonende, zuverlässige und saubere Energieversorgung sowie intelligente Speicherung und Netzstrukturen“. Über drei Jahre wird der Harz nun in verschiedenen Arbeitsschritten untersucht. Meteorologische Klimaszenarien werden beleuchtet, Systemoptimierungen ermittelt und mögliche Verbesserungen im Kontext mit sozio- und ökonomischen Fragen bewertet. „Die Region Harz ist für ein derartiges Vorhaben, das sich aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit Klimawandel und Energiewende widmet, aufgrund seiner Geschichte und geologischen Gegebenheiten prädestiniert“, sagte Staatssekretärin Dr. Johannsen.

„Es stellt sich für die Harzwasserwerke und das Land Niedersachsen die Grundsatzfrage, wie der Wasserspeicher Harz zunächst im Westteil mittelfristig ertüchtigt werden muss, um seine vielfältigen Funktionen bei zunehmenden Extremwetterereignissen auch zukünftig verlässlich erfüllen zu können“, erläuterte Professor Hans-Peter Beck, der Leiter des Projektes. Durch den jahrhundertelangen Bergbau existieren im Harz eine Vielzahl von unterirdischen Stollen und Schächten, die zum Beispiel mit Talsperren verbunden werden können, um Wasser noch besser zu verteilen. Schon im Zuge der extremen Trockenheit im vergangenen Jahr haben die Harzwasserwerke das vernetzte System von Teichen und Gräben der Oberharzer Wasserwirtschaft, auch Wasserregal genannt, genutzt. Neben der Verbesserung bereits existierender Anlagen thematisiert das Projekt mögliche Neubauten und Erweiterungen von Talsperren.

„Das Vorhaben adressiert mit der systemischen Betrachtung von Energie- und Wasseranwendungen die wissenschaftlichen Themengebiete der TU Clausthal“, sagte Dr. Jens zum Hingst, der stellvertretende Projektleiter. Die Kombination von Stoff und Energie (allgemein Power-to-X, hier X = Wasser) stellt schon lange einen Schwerpunkt an der Harzer Universität dar, der mit diesem Projekt weiter ausgebaut werden soll. Insbesondere erfolgt hier eine Zusammenarbeit der relevanten Forschungszentren EST (Forschungszentrum Energiespeichertechnologien) und CUTEC (Clausthaler Umwelttechnik Forschungszentrum) innerhalb der TU Clausthal. Das transdisziplinäre Projekt ist für die Harzregion von wirtschaftlicher Bedeutung und bietet ein Alleinstellungsmerkmal auf nationaler und internationaler Ebene zur Kopplung von Wasser und Energie.

Geplant ist, in spätestens zwei Jahren mit ersten praktikablen Lösungsvorschlägen an die Öffentlichkeit zu gehen. „Wir haben zu diesem stringenten Vorgehen in der Vergangenheit in dem ebenfalls öffentlich geförderten Projekt ,Pumpspeicher unter Tage‘ in Kooperation mit der HarzEnergie Erfahrungen gesammelt“, bekräftigte der damalige und heutige Leiter des Vorhabens. Das seinerzeit entwickelte untertägige Pumpspeicher-Kraftwerk konnte allerdings aus Kostengründen nicht gebaut werden. Dies könnte vor dem Hintergrund des Klimawandels und aus volkswirtschaftlicher Sicht betrachtet heute anders aussehen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Hans-Peter Beck
Forschungszentrum Energiespeichertechnologien (EST)
hans-peter.beck@tu-clausthal.de

Quelle: IDW 

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Jeder Mensch hört anders gut!

Christian Colmer Press & Public Relations
Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT

Einfach zum persönlichen Wohlklang mit dynamischen Hörprofilen
Der Institutsteil Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer IDMT in Oldenburg entwickelt Algorithmen für Hörprofile, die sich automatisch und dynamisch an das akustische Eingangssignal anpassen. Trägern von Hörhilfen, Kopfhörern und Hearables ermöglicht dies einen einfachen Weg zu persönlichem Wohlklang und guter Sprachverständlichkeit. Die Humantechnik GmbH aus Weil am Rhein präsentiert diese gemeinsam weiterentwickelte Technologie aktuell in einem neuen Kinnbügel-Kopfhörer für häusliche Anwendungen.

Jeder Mensch hört anders gut. Aber wie genau, und welche Konsequenzen ergeben sich dadurch für die Entwicklung von Audio-Geräten? Die Medienaffinität der Menschen wächst und bleibt auch im Alter erhalten. Das Hörvermögen hingegen nimmt ab und Klangpräferenzen können sich im Laufe der Lebensphasen oder sogar situationsabhängig ändern. Eine Tatsache, die in bisherigen Hörsystemen nur wenig Beachtung findet. Gleichzeitig ist die einfache Bedienbarkeit für optimales, individuelles Hören wichtig für die Endnutzer.

Individueller Klangkomfort, „adaptive“ Algorithmen
In mehrstufigen Anpassungsexperimenten hat das Fraunhofer IDMT in Oldenburg Klangpräferenzen ermittelt, welche die gängigsten Facetten persönlichen Wohlklangs abbilden. Diese stellen die Grundlage für intelligente und dynamische Presets dar, die über ein leicht bedienbares Interface in Produkte integriert werden können, z.B. in TV-Hörsystemen. Besonders angenehm für den Endnutzer: Auch beim Umschalten oder bei Werbeeinblendungen werden Klang- und Lautstärkeeigenschaften automatisch an die Hörpräferenzen angepasst.

»Unsere Algorithmen haben wir für Menschen entwickelt, die Wert auf guten Klang und beste Sprachverständlichkeit legen. Das können Träger von Headsets im Call Center sein, aber auch Nutzer von Hörhilfen, Kopfhörern für den Fernseh- oder Musikkonsum und das Telefonieren oder anderer Hearables. Damit schaffen wir eine neue Ebene des Klangkomforts, von der sowohl Normalhörende als auch Hörbeeinträchtigte profitieren.« sagt Dr. Jan Rennies-Hochmuth, Gruppenleiter Persönliche Hörsysteme am Fraunhofer IDMT.

Unter dem Namen »earis®« stellt das Unternehmen Humantechnik GmbH derzeit ein in der Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IDMT in Oldenburg entwickeltes TV-Hörsystem vor. Dabei handelt es sich um einen Kinnbügel-Kopfhörer und einen Pocket-Empfänger, der auch mit anderen Kopfhörern genutzt werden kann.

„Individueller Bedienkomfort und höchste Klangqualität: diese Attribute verbinden wir mit unserem TV-Hörsystem »earis«. Das Audio-Know-How und die innovativen Algorithmen für den persönlichen Wohlklang auf Tastendruck kommen vom Fraunhofer IDMT.“ erklärt Gerhard Sicklinger, Geschäftsführer Humantechnik GmbH.

Ein großes Stellrad ermöglicht die einfache Lautstärkeregelung. Das Novum: Die fünf voreingestellten Hörprofile, über eine Drucktaste leicht und intuitiv einzustellen, sind nicht statisch, sondern dynamisch angelegt. Ein vom Institutsteil Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer IDMT speziell für Nutzer mit nachlassendem Hörvermögen entwickelter Algorithmus passt den Klang kontinuierlich und dynamisch entsprechend der persönlichen Einstellungen des Fernsehzuschauers an. Auch bei verändernden akustischen Situationen sorgt er stets automatisch für eine Anpassung auf die individuell empfundene beste Hörqualität.

Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA am Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg
Ziel des Institutsteils Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA des Fraunhofer IDMT ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Hörwahrnehmung und Mensch-Technik-Interaktionen in technologischen Anwendungen umzusetzen. Schwerpunkte der angewandten Forschung sind die Verbesserung von Klang und Sprachverständlichkeit, die personalisierte Audiowiedergabe sowie die akustische Sprach- und Ereigniserkennung mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI). Einen weiteren Fokus setzt der Institutsteil auf mobile Neurotechnologien, um auch außerhalb des Labors Gehirnaktivitäten zu erfassen und die dabei gewonnen Daten zu nutzen. Zu den Anwendungsfeldern gehören Consumer Electronics, Verkehr, Automotive, Produktion, Sicherheit, Telekommunikation und Gesundheit. Über wissenschaftliche Kooperationen ist das Fraunhofer IDMT-HSA eng mit der Carl von Ossietzky Universität, der Jade Hochschule und anderen Einrichtungen der Oldenburger Hörforschung verbunden. Das Fraunhofer IDMT-HSA ist Partner im Exzellenzcluster »Hearing4all«.

Weitere Informationen auf www.idmt.fraunhofer.de/hsa

Kontakt für die Medien:
Christian Colmer
Leiter Marketing & Public Relations

Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
Institutsteil Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA
Marie-Curie-Str. 2
26129 Oldenburg

Telefon +49 441 2172-436
christian.colmer@idmt.fraunhofer.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Jan Rennies-Hochmuth
Gruppenleiter Persönliche Hörsysteme
Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
Institutsteils Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA

Marie-Curie-Straße 2
26129 Oldenburg

Telefon +49 441 2172-433
jan.rennies-hochmuth@idmt.fraunhofer.de

Weitere Informationen:

http://www.idmt.fraunhofer.de/hsa

Quelle: IDW 

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Klimawandel beeinflusst Überschwemmungen

Josef Zens Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

Ein internationales Forschungsprojekt zeigt erstmals in großem Umfang, dass der Klimawandel das Ausmaß der Hochwasserereignisse in Europa verändert. Demnach nehmen Hochwasserereignisse in Nordwesteuropa zu und in Südosteuropa ab. Die Studie, an der auch Bruno Merz vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ beteiligt war, erscheint in der Zeitschrift Nature.

Der Klimawandel beeinflusst nicht nur das zeitliche Muster von Überschwemmungen, sondern auch ihr Ausmaß. Das zeigt eine internationale Studie, die Daten von mehr als 3.700 Hochwassermessstellen aus ganz Europa in einem Zeitraum von 50 Jahren auswertete. Demnach nehmen Hochwasserereignisse in Nordwesteuropa zu und in Südosteuropa ab. Die Studie, an der auch Bruno Merz vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ beteiligt war, erscheint in der Zeitschrift Nature.

Über die Ufer tretende Flüsse verursachen weltweit jedes Jahr rund 100 Milliarden Dollar Schaden. Und schon länger vermuten Forschende, dass der Klimawandel das Problem verschärfen könnte. Doch es fehlten Daten. „Nachdem wir vor zwei Jahren zeigen konnten, dass sich die zeitlichen Muster ändern, haben wir gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen jetzt nachgewiesen, dass auch die Schwere der Ereignisse vom Klimawandel beeinflusst wird“, sagt Bruno Merz, Leiter der Sektion Hydrologie am GFZ. Er war an der Studie beteiligt, die von Günter Blöschl aus Wien geleitet wurde. Blöschl, der an der Technischen Universität Wien forscht, war sechs Jahre lang Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des GFZ und ist Helmholtz International Fellow am GFZ. Der österreichische Hochwasserexperte sagt: „Unabhängig von den notwendigen Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels werden wir in den kommenden Jahrzehnten die Auswirkungen dieser Veränderungen sehen. Das Hochwassermanagement muss sich an diese neuen Gegebenheiten anpassen.“

Die Studie von 35 Forschungsgruppen aus ganz Europa wertete Daten von 3738 Hochwassermessstellen in ganz Europa aus. Die Daten umfassen fünfzig Jahre zwischen 1960 und 2010. „Es wird seit langem vermutet, dass der Klimawandel Auswirkungen auf das Ausmaß von Hochwasser hat, da eine wärmere Atmosphäre mehr Wasser speichern kann“, erklärt Günter Blöschl. „Aber das ist nicht der einzige Effekt, Hochwasseränderungen sind komplizierter.“

Die Auswertung der Daten ergab unterschiedliche Trends in den verschiedenen Regionen Europas: In Mittel- und Nordwesteuropa, zwischen Island und den Alpen, nehmen die Überschwemmungen zu, weil die Niederschläge zunehmen und die Böden feuchter werden. In Südeuropa hingegen sinken die Hochwasserstände tendenziell – denn der Klimawandel führt dort zu sinkenden Niederschlägen und die höheren Temperaturen führen zu einer erhöhten Verdunstung des Bodenwassers. Bei kleinen Flüssen können die Überschwemmungen jedoch aufgrund häufigerer Gewitter und Veränderungen im Landmanagement (z.B. Entwaldung) größer werden.

Im kontinentaleren Klima Osteuropas sinken auch die Überschwemmungsniveaus, was auf weniger Schnee im Winter zurückzuführen ist. „Es gibt in ganz Europa klare Muster des Hochwasserrisikos, die mit den prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels übereinstimmen“, sagt Blöschl. Bisher reichten die Daten nicht aus, um festzustellen, ob sich beides – Ausmaß und zeitliches Muster – von Hochwasserereignissen europaweit verändert. Jetzt sagen die Autorinnen und Autoren: Ja, die Auswirkungen des Klimawandels sind hier deutlich sichtbar.

Das Ausmaß der Hochwasseränderungen ist bemerkenswert: Sie reichen von einem Rückgang des erwarteten Hochwasserniveaus um 23% pro Jahrzehnt bis zu einem Anstieg um 11% pro Jahrzehnt (im Vergleich zu den langfristigen Durchschnittswerten). Wenn sich diese Trends auch in Zukunft fortsetzen, sind in vielen Regionen Europas erhebliche Auswirkungen auf das Hochwasserrisiko zu erwarten.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Bruno Merz
E-Mail: bruno.merz@gfz-potsdam.de
Telefon: 0331 288-1500

Originalpublikation:
Originalstudie: G. Blöschl et al.: „Changing climate both increases and decreases European river floods“ in Nature, 2019; DOI: 10.1038/s41586-019-1495-6

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Dresdner Studie zu Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen: nur wenige Betroffene suchen Hilfe bei einem Arzt

Holger Ostermeyer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Schmerz-Experten des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden beklagen ein mangelndes Bewusstsein der Gesellschaft für die Kopfschmerzproblematik bei Kindern und Jugendlichen. Ein Team des Universitäts SchmerzCentrums und der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin stellte im Rahmen einer im Frühjahr 2019 in der Fachzeitschrift „Cephalalgia“ publizierten Studie (doi: 10.1177/0333102419837156) fest, dass über ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, aufgrund dieses Problems häufiger in der Schule fehlten.

Bleiben die Kopfschmerzen unbehandelt, geraten Betroffene in einen Teufelskreis: Schulfehltage können zu Leistungsabfall, Schulversagen, Schulangst führen, viele betroffene Kinder isolieren sich sozial, auch die Gefahr einer Depression ist erhöht. Umso wichtiger sind eine rechtzeitige ärztliche Diagnose und individuelle Therapie dieser Kinder und Jugendlichen. Doch die Dresdner Studie zeigt, dass nahezu alle Kinder, die nur einmal im Monat Kopfschmerzen aufwiesen, und etwa 80 Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat unter Kopfschmerzen litten, keinen Arzt aufgesucht hatten.

Mehr als zwei Drittel aller Schulkinder leiden regelmäßig an Kopfschmerzen, stellte das von Privatdozentin (PD) Dr. Gudrun Goßrau geleitete Wissenschaftler-Team in der Studie fest, die unter dem Titel „The prevalence of headache in German pupils of different ages and school types“ in der Fachzeitschrift der internationalen Kopfschmerzgesellschaft „Cephalalgia“ erschienen ist. Ein Ergebnis der wissenschaftlichen Erhebung, dass mehr als zwei Drittel der in Deutschland befragten Kinder und Jugendlichen regelmäßig Kopfschmerzen haben. Bei den Oberschülern lag der Anteil sogar bei fast 80 Prozent. Einen Arzt suchten jedoch nur die wenigsten auf, was auch zeigt, dass Kopfschmerzen in unserer Gesellschaft nicht als „echte“ Krankheit wahrgenommen werden. „Dabei stellen Kopfschmerzen bereits im Kindes- und Jugendalter ein relevantes Gesundheitsproblem dar und sollten rechtzeitig und individuell von einem Arzt behandelt werden“, erklären Prof. Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Dresdner Uniklinikums und Dr. Matthias Richter. Beide Pädiater sind Co-Autoren der Publikation.

Für die Studie beantworteten 2.706 Schülerinnen und Schüler, die in Dresden eine Grund- oder weiterführende Schule besuchten, den Fragebogen. Erhoben wurde darin, wie oft Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen drei Monaten auftraten, in welcher Stärke und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Das Ergebnis: Nur knapp 32 Prozent der Befragten gaben an, gar nicht unter Kopfschmerzen zu leiden, fast 37 Prozent hatten einmal pro Monat Kopfschmerzen, fast 32 Prozent, mehr als zweimal im Monat. Die letztgenannte Gruppe untersuchte das USC-Team genauer: 55 Prozent hatten an zwei bis fünf Tagen pro Monat Kopfschmerzen, 27 Prozent an fünf bis zehn Tagen. Sieben Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, gab sogar an, an mehr als 15 Tagen pro Monat unter diesen Schmerzen zu leiden.

Insgesamt gaben 624 der befragten Kinder und Jugendliche an, Schmerzmedikamente oder homöopathische Mittel gegen Schmerzen einzunehmen. In der Gruppe, die nur einmal im Monat unter Kopfschmerzen litt, nahm knapp ein Fünftel Schmerzmittel ein, in der Gruppe derer, die mehr als zweimal im Monat von Kopfschmerzen gequält wurden, gab fast die Hälfte an, regelmäßig Schmerzmittel einzunehmen. Auffällig war dabei, dass nahezu alle Kinder, die nur einmal im Monat Kopfschmerzen aufwiesen, und etwa 80 Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, keinen Arzt aufgesucht hatten.

PD. Dr. Gudrun Goßrau sieht in der mangelnden Bereitschaft, sich ärztlich behandeln zu lassen, auch als Ausdruck eines fehlenden Bewusstseins für Kopfschmerzen als ernstzunehmende Krankheit in unserer Gesellschaft: „Doch diese Form des Schmerzes ist bereits in Kindheit und Jugend ein relevantes Gesundheitsproblem. Wie unsere Erhebung gezeigt hat, sind bei jungen ebenso wie bei älteren Menschen Lebensqualität und Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt.“ Beispielsweise zeigte die Studie auch, dass über ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, aus diesem Grund häufiger in der Schule fehlen. Kopfschmerz ist damit dritthäufigste Ursache für Fehltage in der Schule. „Oft führen Kopfschmerzen dann in einen Teufelskreis. Schulfehltage können zu Leistungsabfall, Schulversagen, Schulangst führen, viele betroffene Kinder isolieren sich sozial, auch die Gefahr einer Depression ist erhöht“, so Dr. Goßrau. Umso wichtiger sind eine rechtzeitige ärztliche Diagnose und individuelle Therapie der betroffenen Kinder und Jugendlichen. „Es ist eine irrige Annahme, dass jeder seine Kopfschmerzen selbst therapieren kann und keine Diagnose vom Arzt nötig ist“, betont Prof. Berner und verweist auf die aus ärztlicher Sicht sehr unterschiedlichen Therapie für die einzelnen Schmerzarten: „Eine Migräne muss anders behandelt werden, als ein Clusterkopfschmerz.“ Ebenso kritisch sehen die Pädiater die häufig zu beobachtende unbedachte Schmerzmitteleinnahme. Schließlich können häufig eingenommene, frei verkäufliche Kopfschmerzmedikamente ihrerseits Kopfschmerzen verursachen oder verstärken.

Frühes Eingreifen verhindert spätere Chronifizierung
Das Wissen über das häufige Auftreten unterschiedlicher Formen des Kopfschmerzes bei Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiger Ansatzpunkt dafür, verstärkt Versorgungsangebote für die Betroffenen zu schaffen. Die interdisziplinäre Kinderkopfschmerzambulanz am Universitäts SchmerzCentrum und das dort in Zusammenarbeit mit der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin entwickelte und etablierte DreKiP- Konzept (Dresdner KinderKopfschmerzprogramm) sind erste Aktivitäten, um der aktuellen Unterversorgung der Schmerzpatienten im Schulalter zu begegnen. Nach Ansicht der Dresdner Schmerzexperten eine gute Investition in die Zukunft. Denn ein unbehandelter Kopfschmerz, der bereits im Kindes- und Jugendlichenalter zu Fehltagen in der Schule führt, droht im weiteren Verlauf sich zu einer chronischen Erkrankung zu entwickeln, an deren Ende auch eine Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung steht.

Lebensstil-Wandel von Kindern und Jugendlichen begünstigt Kopfschmerz
Der Trend zu elektronischen Spielen und medialer Unterhaltung aber auch eine weiter komprimierte Wissensvermittlung in der Schule sind bei Kindern und Jugendlichen ebenso Risikofaktoren für das Auftreten häufiger Kopfschmerzattacken wie körperliche Inaktivität oder seelischer Stress. Mit den unterschiedlichen Formen der in das DreKiP-Programm integrierten Therapien gelingt es, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Der Schlüssel dazu sind Aktivitäten, in denen die Betroffenen in einer Gruppe agieren, wieder einen Zugang zu körperlicher Bewegung bekommen, kreativ werden und ihren eigenen Körper wahrnehmen. Diese Erkenntnis sollte nicht nur die von häufigen Kopfschmerzen heimgesuchten Kindern und Jugendlichen anregen, ihren Lebensstil auf den Prüfstand zu stellen, sondern auch ihren Altersgenossen, die bisher von diesen Problemen verschont wurden. Denn die Wahrscheinlichkeit, künftig selbst häufiger unter Kopfschmerzen zu leiden, steigt bereits in der Schulzeit.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Universitäts SchmerzCentrum
Direktor: Prof. Dr. med. Rainer Sabatowski
Tel.: 0351 458 33 54

Originalpublikation:

Nieswand V, Richter M, Berner R, von der Hagen M, Klimova A, Roeder I, Koch T, Sabatowski R, Gossrau G. – The prevalence of headache in German pupils of different ages and school types. In Cephalalgia; doi: 10.1177/0333102419837156

Weitere Informationen:

https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0333102419837156
http://www.uniklinikum-dresden.de/usc

Anhang

Pressemitteilung
https://idw-online.de/de/attachment72687

Quelle: IDW 

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DGKN: Kribbeln in Fingern und Händen – Nutzung von Smartphones und Nerven-Engpass-Syndrom

Medizin – Kommunikation Medizinkommunikation
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.

Die intensive Nutzung von Smartphones fördert vermutlich einen Nerven-Engpass im Handgelenk mit schmerzhaften Taubheitsgefühlen, das sogenannte Karpaltunnelsyndrom (KTS). Das belegen aktuelle Studien aus Asien. „Drehende Bewegungen im Handgelenk verstärken das KTS, das ist bekannt“, bestätigt Professor Dr. med. Helmut Buchner von der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN). Wer häufig Kribbeln im zweiten und dritten Finger spürt, sollte einen Neurologen aufsuchen. Für Schwangere sind örtliche Kortison-Spritzen zur Behandlung besonders geeignet.

Seit langem wissen Mediziner, dass Karpaltunnel-Beschwerden durch intensive Handarbeit entstehen können. „Bei Fleischern etwa gilt das KTS als Berufskrankheit“, berichtet Buchner. „Die drehenden Bewegungen im Handgelenk mit dem Messer fördern den Nerven-Engpass.“ Das gilt gleichermaßen für intensives Stricken oder Reinigungskräfte, die unablässig Wäsche auswringen. „Insofern ist es plausibel, dass der dramatische Mehrgebrauch von Smartphones und Computertastaturen ein KTS auslösen kann, auch wenn dies bisher nur Studien aus Asien belegen“, führt der Neurologe aus. „Ich kann keinen Grund erkennen, warum es bei uns anders sein sollte.“

Beim Karpaltunnel-Syndrom gerät der Nervus medianus unter Druck, der an einer Engstelle durch das Handgelenk führt. Ursache ist meist eine Schwellung, die durch belastende Bewegungen entsteht, ferner durch nächtliches Schlafen mit abgeknickten Handgelenken, starke Gewichtszunahme oder hormonelle Einflüsse wie Schwangerschaft und Wechseljahre. „Frauen sind drei bis vier Mal häufiger als Männer betroffen“, erläutert Buchner. „Schon aufgrund ihres Monatszyklus können Schwellungen leichter entstehen.“ Die Schwellung führt häufig zu Entzündungen, die wiederum Vernarbungen hervorrufen können, was die Durchblutung weiter verschlechtert und die Schwellung befördert.

Erste Symptome sind ein Kribbeln in den Spitzen der ersten drei Finger, vom Daumen bis zum Mittelfinger. „Das Kribbeln fühlt sich elektrisierend und brennend an“, so Buchner. Schüttelt man die Hände, verschwinden die Missempfindungen häufig. Im weiteren Verlauf können Schmerzen auftreten, die nachts sogar bis in den Arm ziehen. „Zum Schluss kann das Kribbeln in ein permanentes Taubheitsgefühl übergehen und sich die Muskulatur am seitlichen Daumenballen der betroffenen Hand zurückbilden“, erklärt DGKN-Experte Buchner, der an der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen tätig ist.

Um zu klären, ob ein KTS vorliegt, erfragt der Neurologe zunächst Vorgeschichte und Beschwerden. Dann folgen meist zwei einfache Tests. Beim Phalen-Test presst der Patient die Handflächen wie beim Beten aneinander und knickt zugleich die Handgelenke im 90-Grad-Winkel ab. „Mit dieser Haltung provoziert man die Enge“, erläutert Buchner. „Tritt nach zwei Minuten kein Kribbeln auf, liegt kein KTS vor.“ Beim Hoffmann-Tinel-Zeichen beklopft der Arzt den Mediannerv in der Innenseite des Handgelenks mit dem Finger. Führt das zum Kribbeln in den Fingerspitzen, ist dies ein Hinweis auf ein KTS.

Eine eindeutige Aussage erlaubt die elektrische Diagnostik, die Elektroneurographie. „Mit leichten Stromimpulsen messen wir, wie viel Zeit der Mediannerv für die Weiterleitung eines Reizes benötigt“, so Buchner. Dauert es zu lange, das heißt länger als 4,2 bis 4,5 Millisekunden, hat der Nerv eine Funktionsstörung erlitten. Dann kann eine Therapie erforderlich werden. „Dafür eignet sich ein dreistufiges Vorgehen“, rät Buchner.

Im Anfangsstadium hilft es mitunter, Belastungen zu vermeiden – etwa mit einer Handschiene, die ein Abknicken der Gelenke verhindert. „Oder durch den Verzicht auf intensive Smartphone-Nutzung, vor allem auf drehende Handgelenkbewegungen wie beim Wischen auf dem Display“, rät Buchner. Verhaltensänderungen lösen allerdings die Engstelle nicht auf, räumt der DGKN-Experte ein.

Gut schlägt häufig das einmalige Spritzen von entzündungshemmendem Kortison in die Engstelle an, ein in Deutschland eher selten angewandtes Verfahren. „Diese Behandlung ist besonders für Schwangere geeignet, deren Hormonhaushalt sich nach der Geburt wieder umstellt“, meint Buchner. Sorgen um das ungeborene Kind sind laut Buchner unbegründet: „Die Kortison-Dosis ist minimal und nur örtlich wirksam.“

Am häufigsten und am wirksamsten ist jedoch nach wie vor die Operation, die bei anhaltenden Beschwerden unumgänglich wird. Dabei spalten Hand- oder Neurochirurgen über einen kleineren Schnitt in örtlicher Betäubung das Bindegewebsgewebsband über dem Karpaltunnel, so dass der eingeklemmte Nerv mehr Platz bekommt und der Druck sinkt. Jährlich erfolgen etwa 300.000 Eingriffe dieser Art in Deutschland.

Quellen:
Studien zum Thema:

• Woo EHC, White P, Lai CWK. Effects of electronic device overuse by university students in relation to clinical status and anatomical variations of the median nerve and transverse carpal ligament. Muscle Nerve. 2017 Nov;56(5):873-880. doi: 10.1002/mus.25697. Epub 2017 Jun 21. (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/mus.25697)

• İnal EE et al. Effects of smartphone overuse on hand function, pinch strength, and the median nerve. Muscle Nerve. 2015 Aug;52(2):183-8. doi: 10.1002/mus.24695. Epub 2015 Jun (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1002/mus.24695)

Kontakt für Journalisten:
Katharina Weber
DGKN Pressestelle
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-641
Fax: 0711 8931-167
weber@medizinkommunikation.org
http://www.dgkn.de

Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Anliegen der DGKN ist es, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern sowie eine qualitätsgesicherte Aus-, Weiter- und Fortbildung zu garantieren. Zu diesem Zweck richtet die DGKN wissenschaftliche Tagungen, Symposien und Fortbildungsveranstaltungen aus. Sie erarbeitet Richtlinien und Empfehlungen für die Anwendung von Methoden wie EEG, EMG oder Ultraschall. Darüber hinaus setzt sich die DGKN für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, indem sie etwa Stipendien und Preise vor allem für junge Forscher vergibt. Die Methoden der klinischen Neurophysiologie kommen Patienten bei der Diagnose und Therapie neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose zugute.

Weitere Informationen:

http://www.dgkn.de

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Statement: Elektroautos gehen auch bei Rekordhitze nicht in Flammen auf

Claudia Staat Pressestelle
Frankfurt University of Applied Sciences

Sicherheit auch bei hohen Außentemperaturen: Prof. Dr.-Ing. Schilder von der Frankfurt UAS nimmt Stellung zu aktuellen Medienberichten und verweist auf Thermomanagement-Systeme für Batteriezellen

Über brennende Elektroautos berichten Medien immer wieder. Angesichts des heißen Sommers steht die Frage im Raum, ob E-Autos bei diesen Rekordtemperaturen in Flammen aufgehen könnten. Dies ist Anlass für Prof. Dr.-Ing. Boris Schilder, Professor für Thermodynamik und Strömungslehre an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), mit einigen Fakten das vermeintlich heiße Thema etwas abzukühlen.

„Lithium-Ionen-Batteriezellen, die Standard sind bei aktuellen Elektroautos, sollten in einem Temperaturfenster von ca. 15 bis 35 Grad betrieben und gelagert werden. Bei niedrigeren Temperaturen sinkt die Leistung, und der elektrische Widerstand der Batterie steigt an. Dadurch verringert sich die Reichweite des Elektroautos. Bei Temperaturen oberhalb von 35 Grad reduziert sich dagegen die Lebensdauer von Batterien. Thermomanagement-Systeme, die kühlen und häufig auch heizen können, sorgen in Elektroautos dafür, dass die Batterietemperatur im oben genannten Temperaturfenster gehalten wird“, erläutert der Wissenschaftler, der selbst solche Thermomanagement-Systeme für die Autoindustrie entwickelt hat. „Sicherheitskritisch werden erst Batterietemperaturen im Bereich ab ca. 130 Grad. Bei diesen Temperaturen können Kurzschlüsse und/oder chemische Reaktionen auftreten und Brände ausgelöst werden.“

Elektroautos geraten laut Schilder trotz sehr hoher Außentemperaturen nicht in Brand. Die Gründe dafür sind:
1. Das Thermomanagement-System sorgt dafür, dass die Batterietemperatur im oben genannten Bereich bleibt. Bei einigen Herstellern arbeitet das System auch bei geparkten Fahrzeugen, hauptsächlich, um die Lebensdauer der Batterie zu verlängern.
2. Selbst wenn kein Thermomanagement-System die Batterie kühlt, weil entweder keines vorhanden ist oder es versagt, sorgt eine Temperaturüberwachung dafür, dass die sich im Betrieb befindende Batterie abgeschaltet wird und zwar lange, bevor sicherheitskritische Temperaturen erreicht werden.
3. Ist das E-Auto geparkt, befindet sich die Batterie nicht im Betrieb und generiert auch keine Abwärme. Selbst bei sehr hohen Außentemperaturen, Sonneneinstrahlung und ohne aktives Thermomanagement werden innerhalb der Batterie keine sicherheitskritischen Temperaturen von mehr als 130 Grad erreicht.

„Elektrofahrzeuge sind relativ sicher, und ich halte einen Brand bei einem Fahrzeug mit konventionellem Antrieb mit Verbrennungsmotor für wahrscheinlicher. Aufgrund der Neuheit der Technologie stehen Elektrofahrzeuge jedoch stärker im Fokus der Berichterstattung, und einzelne Unfälle fallen daher stärker auf“, nimmt Schilder an. „In der Regel werden diese Brände jedoch durch Unfälle, fehlerhafte Batteriezellen, Elektronik- oder Software-Fehler verursacht und nicht durch hohe Außentemperaturen.“

Auch wenn durch hohe Umgebungstemperaturen die Sicherheit nicht beeinträchtigt wird, reduzieren sie die Batterielebensdauer und die Reichweite des Elektroautos. Der Energieverbrauch des Thermomanagement-Systems und insbesondere der Klimaanlage kann die Reichweite des Elektroautos bei Umgebungstemperaturen von 40 Grad gegenüber moderaten Temperaturen von 20 Grad im Extremfall um bis zu ca. 50 Prozent reduzieren. Leistungslimitierungen aufgrund hoher Umgebungstemperaturen sind dagegen nicht die Regel, können aber bei Elektroautos auftreten, die über ein unzureichendes Thermomanagement-System verfügen.

Zur Person:
Prof. Dr.-Ing. Boris Schilder ist Professor für Thermodynamik und Strömungslehre an der Frankfurt University of Applied Sciences. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist das Thermomanagement von Fahrzeugen, Batterien, Brennstoffzellen und Elektronik. Vor seinem Ruf an die Frankfurt UAS war Schilder beim Autohersteller Opel u.a. für die Entwicklung von Thermomanagement-Systemen für Batterien von Elektroautos zuständig.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 2: Informatik und Ingenieurwissenschaften, Prof. Dr.-Ing. Boris Schilder, Telefon: +49 69 1533-2293, E-Mail: b.schilder@fb2.fra-uas.de

Weitere Informationen:
http://www.frankfurt-university.de/fb2 (weitere Informationen zum Fachbereich Informatik und Ingenieurwissenschaften)

Quelle: IDW 

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Nächtliche Schichtarbeit als Krebsauslöser: Expertengremium bestätigt wahrscheinlichen Zusammenhang

Rasmus Cloes Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS

Nachtschichtarbeit löst wahrscheinlich Krebs aus. Diese Einschätzung bestätigte im Juni ein international besetztes Gremium aus 27 Wissenschaftlern für die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). Ihre Einschätzung erschien nun in der Fachzeitschrift „Lancet Oncology“.

Etwa 20 Prozent aller Beschäftigten arbeiten außerhalb der typischen Arbeitszeit am Tag. Bereits im Jahr 2007 stufte eine Arbeitsgruppe der IARC Nachtschichtarbeit als „wahrscheinlich für Menschen krebserregend“ (probably carcinogenic to humans) ein. Schichtarbeit, bei der der Tag-Nacht-Rhythmus gestört wird, fällt damit in die Gruppe 2A, zu der auch Glyphosat oder rotes Fleisch gehören. Diese Einschätzung wurde nun in einer Folgeevaluation bestätigt. Grund für die Neubewertung war die relativ hohe Zahl neuer Studien zum Thema, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind. Ihre Schlussfolgerung ziehen die beteiligten Wissenschaftler auf der Basis einer beschränkten Datenlage in Studien am Menschen, einer guten in Tierexperimenten und einer starken biologischen Plausibilität, wie sie in ihrer Begründung schreiben.

„Es war eine in weiten Teilen durchaus kontrovers geführte Diskussion der wissenschaftlichen Daten zum Thema. Einige neuere Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Nachtschichtarbeit und Krebs, andere wiederum zeigten überzeugend Risiken auf. Und die Einordnung der biologischen Befunde ist teils hoch kompliziert“, sagt Prof. Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, der als einziges deutsches Mitglied in der Expertenkommission an der neuen Klassifikation mitwirkte. „Es gibt eine relativ deutliche Assoziation zwischen Nachtarbeit und malignen Tumoren der Brust, der Prostata und des Darms. Allerdings lassen sich, bedingt durch die Studiendesigns, andere Erklärungen nicht vollkommen ausschließen – darum mussten wir uns den Entscheidungskriterien der IARC gemäß für die Gruppe 2A, wahrscheinlich krebserregend, entscheiden“, so Zeeb.

Für die Neubewertung trafen sich 27 Wissenschaftler aus 16 Ländern im Juni für acht Tage in Lyon, Frankreich. In der Zeit vor und während des Treffens analysierten die Experten die gesamte zum Thema verfügbare wissenschaftliche Literatur. Dabei bewerteten sie die Stärke der Evidenz für die Kanzerogenität des zu beurteilenden Faktors auf Basis der von der IARC vorgegebenen Kriterien. Diese Einstufung gilt explizit nicht als Risikobewertung. Sie kann also nichts über die Wahrscheinlichkeit aussagen, mit der ein Stoff oder Agens Krebs auslöst.

Das BIPS – Gesundheitsforschung im Dienste des Menschen
Die Bevölkerung steht im Zentrum unserer Forschung. Als epidemiologisches Forschungsinstitut sehen wir unsere Aufgabe darin, Ursachen für Gesundheitsstörungen zu erkennen und neue Konzepte zur Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. Unsere Forschung liefert Grundlagen für gesellschaftliche Entscheidungen. Sie klärt die Bevölkerung über Gesundheitsrisiken auf und trägt zu einer gesunden Lebensumwelt bei.

Das BIPS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der 95 selbstständige Forschungseinrichtungen gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 19.100 Personen, darunter 9.900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Milliarden Euro.
Originalpublikation:

Originalveröffentlichung: IARC Monographs Vol 124 group, with the collaboration of Zeeb, Hajo. Carcinogenicity of night shift work. The Lancet Oncology. 2019; forthcoming. DOI: https://doi.org/10.1016/S1470-2045(19)30455-3

Weitere Informationen:

http://Weitere Information unter https://www.iarc.fr/news-events/iarc-monographs-evaluation-of-the-carcinogenicit…

Quelle: IDW 

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Wie das Gehirn von Menschen mit großem Allgemeinwissen aussieht

Dr. Julia Weiler Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

Die Gehirne von Menschen mit hohem Allgemeinwissen sind besonders effizient vernetzt. Das zeigten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum und der Humboldt-Universität zu Berlin mittels Magnetresonanztomografie. „Obwohl wir das Allgemeinwissen von Menschen präzise messen können und dieser Wissensschatz sehr bedeutend für die individuellen Lebenswege ist, wissen wir bislang wenig über die Zusammenhänge zwischen Allgemeinwissen und der Beschaffenheit des Gehirns“, sagt Dr. Erhan Genç aus der Bochumer Arbeitseinheit für Biopsychologie. Die Ergebnisse schildert das Team im European Journal of Personality vom 28. Juli 2019.

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten die Gehirne von 324 Männern und Frauen mit einer besonderen Form der Magnetresonanztomografie, der sogenannten Diffusions-Tensor-Bildgebung. Sie ermöglicht es, die Verläufe von Nervenfasern zu rekonstruieren und so einen Einblick in die strukturelle Vernetzung des Gehirns zu erhalten. Mithilfe von mathematischen Berechnungen wiesen die Forscherinnen und Forscher dem Gehirn jedes Teilnehmers einen individuellen Wert zu, welcher die Effizienz eben dieser strukturellen Vernetzung widerspiegelte.

Außerdem absolvierten die Probandinnen und Probanden einen in Bochum von Dr. Rüdiger Hossiep entwickelten Allgemeinwissenstest, Bochumer Wissenstest genannt. Er umfasst mehr als 300 Fragen aus unterschiedlichen Wissensgebieten wie Kunst und Architektur oder Biologie und Chemie. Zuletzt untersuchte das Team um Erhan Genç, ob die Effizienz der strukturellen Vernetzung mit der Menge an gespeichertem Allgemeinwissen assoziiert ist.

Das Ergebnis: Menschen mit einem sehr effizienten Fasernetzwerk verfügten über mehr Allgemeinwissen als jene mit einer weniger effizienten strukturellen Vernetzung.

Teilinformationen verbinden
„Wir nehmen an, dass einzelne Wissensinhalte in Form von Teilinformationen über das gesamte Gehirn verstreut sind“, erklärt Erhan Genç. „Um die Informationen, die in unterschiedlichen Gehirnarealen abgelegt sind, zusammenzufügen und einen Wissensinhalt erfolgreich abzurufen, ist eine effiziente Vernetzung des Gehirns unabdingbar.“

Ein Beispiel: Um die Frage zu beantworten, welche Konstante in Einsteins Relativitätstheorie vorkommt, muss man die Bedeutung des Begriffs „Konstante“ mit dem Wissen über die Relativitätstheorie verbinden. „Wir vermuten, dass eine effizientere strukturelle Vernetzung des Gehirns zu einer besseren Integration der Teilinformationen beiträgt und somit zu besseren Ergebnissen in einem Allgemeinwissenstest führt“, so der Bochumer Forscher.

Förderung
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte die Arbeiten im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 1280 sowie der Projekte mit den Grantnummern Gu227/16-1 und GE2777/2-1. Weitere Förderung kam von der Mercur-Stiftung im Rahmen des Projektes An-2015-0044.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Erhan Genç
Arbeitseinheit Biopsychologie
Institut für Kognitive Neurowissenschaft
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 24323
E-Mail: erhan.genc@rub.de

Originalpublikation:

Erhan Genç, Christoph Fraenz, Caroline Schlüter, Patrick Friedrich, Manuel C. Voelkle, Rüdiger Hossiep, Onur Güntürkün: The Neural Architecture of General Knowledge, in: European Journal of Personality, 2019, DOI: 10.1002/per.2217

Quelle: IDW 

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Rettungsplan für das Weltmeer

Sabine Letz Presse und Kommunikation
Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Ein umfassendes Hochseeabkommen mit großflächigen Schutzgebieten im Ozean zählen zu den Maßnahmen, die innerhalb des nächsten Jahrzehnts umzusetzen sind, um die lebenserhaltende Funktion der Ozeane zu bewahren. Dies ist die Empfehlung einer aktuellen Studie, die unter Beteiligung von Wissenschaftler Torsten Thiele entstand, der am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) im Team Ocean Governance arbeitet.

„Es besteht schneller Handlungsbedarf, denn es mehren sich die Anzeichen von Veränderungen der Ozeane, die rascher auftreten als dies selbst jüngere Modelle prognostiziert haben“, sagt Mitautor Thiele vom IASS, der zu den Experten des Internationalen Programms zum Zustand der Ozeane (IPSO) zählt.

Folgende Veränderungen seien laut der internationalen Expertengruppe von IPSO besonders gefährlich:
● Die Ozeane erwärmen sich schneller als Schätzungen eines Gremiums der Vereinten Nationen vor fünf Jahren annahmen: durchschnittlich um 40 Prozent schneller.
● Die Erwärmung der oberen Ozeanschichten verändert weltweit die Wellenbedingungen: die Wellen werden verstärkt.
● Ozeane setzen allmählich einen Teil der gespeicherten Wärmeenergie frei, was in den kommenden Jahren weltweit zu einem erheblichen Temperaturanstieg beitragen könnte.
● Der sinkende Sauerstoffgehalt der Ozeane führt dazu, dass in Kombination mit chemischen Schadstoffen weite Gebiete für Lebewesen unbewohnbar werden.
● Das arktische und antarktische Eis schmilzt schneller als von Wissenschaftlern prognostiziert. Der daraus folgende Anstieg des Meeresspiegels hat katastrophale Folgen für Städte weltweit.
„Oberste Priorität hat daher die konsequente Bekämpfung der globalen Erderwärmung und die Begrenzung des Anstiegs der Oberflächentemperatur auf 1,5 Grad Celsius bis 2100″, sagt Wissenschaftler Thiele – „und es sollten jedoch zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, um auf einen Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad Celsius vorbereitet zu sein.“

Das multidisziplinäre Team, bestehend aus Meeresforschern und Experten aus den Bereichen Recht, Politik und Finanzen, überprüfte die Ergebnisse von 131 wissenschaftliche Arbeiten, um sowohl die auftretenden Veränderungen als auch die Folgen der Untätigkeit zu bewerten.

Die heute und aus der Analyse hervorgegangene Bewertung geht davon aus, dass die Verarmung der Nahrungsketten in den Meeren, die verminderte Kapazität zur Einlagerung von Kohlenstoff, der sinkende Sauerstoffgehalt und das Risiko, dass die gespeicherte Wärme wieder an die Erdatmosphäre abgegeben wird, zu den Folgeprobleme der Veränderungen zählen, die entweder bereits aufgetreten sind oder nachgewiesenermaßen auftreten können, weil die Weltmeere aufgrund der menschliche Aktivitäten unter einer Art Dauerbeschuss stehen.

Die IPSO-Publikation in „Aquatic Conservation“ nennt die Schwerpunktmaßnahmen, die zeitgleich umgesetzt werden müssen, um die Worst-Case-Szenarien und möglicherweise irreversible Veränderungen der Ozeane abzuwenden. Dazu gehört insbesondere auch ein angemessener Finanzierungsmechanismus zum Schutz der Ozeane.

Weitere dringliche Sofortmaßnahmen:
● Abschluss eines belastbaren und umfassenden Schutzabkommens für die Hohe See mit Vertragsstaatenkonferenz und wissenschaftlichem Ausschuss. Zudem reformierte Stimmrechte für Organisationen wie die Internationale Meeresbodenbehörde, um zu verhindern, dass das Vorsorgeprinzip von Einzelinteressen untergraben wird.

● Durchsetzung bestehender Standards für wirksame Meeresschutzgebiete (MPAs), insbesondere für vollständig geschützte Meeresschutzzonen sowie deren Ausweitung auf mindestens 30 Prozent der Ozeanfläche. Gleichzeitige Gewährleistung einer effektiven Bewirtschaftung für die restliche Ozeanfläche.

● Beendung der Überfischung und zerstörerischer Praktiken, einschließlich illegaler, nicht gemeldeter und nicht regulierter Fischerei.
● Drastische Reduzierung der Verschmutzung der Meeresgewässer, einschließlich Stickstoffdünger, Abwasser und Plastik.

● Vor Beginn jeglichen Tiefseebergbaus eine Gedenkpause, um ausreichendes Wissen zu sammeln und nachhaltiges Management zu ermöglichen.

● Steigerung der Meeresforschung und Erhöhung der Zugänglichkeit von Daten aller Quellen von Wissenschaft über Regierung bis Industrie. Forschungsfokus sollte ein besseres Verständnis der Wärmeaufnahme und -abgabe der Meere an die Atmosphäre sein. Die von der UNO ausgerufene Internationale Dekade der Meeresforschung für Nachhaltige Entwicklung ab 2021 wäre die Gelegenheit, um dies zu forcieren.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Torsten Thiele
Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter
IASS-Team Ocean Governance
Telefon: +49 331 28822 360
E-Mail: torsten.thiele@iass-potsdam.de

Originalpublikation:
Laffoley, D. et al.: Eight urgent fundamental and simultaneous steps needed to restore ocean health, and the consequences for humanity and the planet of inaction or delay, Ipso 07/2019.
http://www.stateoftheocean.org/wp-content/uploads/2019/07/IPSO-2019-Report-Final…

Weitere Informationen:
https://www.iass-potsdam.de/de/news/rettungsplan-fuer-das-weltmeer
http://www.stateoftheocean.org/science/current-work/

Quelle: IDW 

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Vor allem Geringverdiener und gut Ausgebildete bleiben auch im Rentenalter in Beschäftigung

Wolfgang Braun Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Aus dem Geburtsjahrgang 1950 gingen etwa 170.000 Personen sechs Monate nach Erreichen des Regelrentenalters 65 plus, also dem je nach Geburtsjahr geltenden gesetzlichen Renteneintrittsalter, einer abhängigen Beschäftigung nach. Dabei arbeiten besser ausgebildete Beschäftigte häufiger als geringqualifizierte im Rentenalter weiter – und auch öfter für denselben Arbeitgeber. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

Dieser Befund lasse sich unter anderem durch Fachkräfteengpässe erklären, denn qualifiziertes Personal sei derzeit schwer zu ersetzen, erläutert der IAB-Forscher Christian Westermeier. Auch Personen, die im Alter von Mitte 50 besonders wenig verdient haben, arbeiten signifikant häufiger noch mit 65 plus und bleiben öfter beim selben Arbeitgeber. „Dies erklärt sich auch daraus, dass diese Personen meist schon in der Vorruhestandsphase nur geringfügig beschäftigt waren und sich Minijobs aus steuerlichen und rentenrechtlichen Gründen leicht neben einer Altersrente fortführen lassen“, so Westermeier.

Zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Ost und West gibt es kaum quantitative Unterschiede bei der Erwerbsbeteiligung nach der Altersgrenze. Auch die Branche, in der vor Erreichen des Rentenalters gearbeitet wurde, hat kaum einen Einfluss auf die Erwerbsbeteiligung 65 plus. Allerdings ist in einigen Branchen ein Wechsel in einen anderen Betrieb deutlich wahrscheinlicher als in anderen. Dies ist etwa in der öffentlichen Verwaltung oder in der Finanz- und Versicherungsbranche der Fall. Relevant ist das auch insofern, weil diejenigen, die nach dem 58. Lebensjahr noch einmal den Betrieb wechseln, im Mittel eine ungünstigere Lohnentwicklung im Vergleich zu Personen ohne Betriebswechsel haben.

Zwischen den Geburtskohorten 1945 und 1950 ist die Beschäftigung kurz nach der Regelaltersgrenze 65 plus relativ zur Größe der Gruppe um drei Prozentpunkte auf 14 Prozent gestiegen. In absoluten Zahlen hat sie sich zwischen den Jahrgängen 1945 und 1950 verdoppelt.

Weitere Informationen:
http://doku.iab.de/kurzber/2019/kb1519.pdf

Quelle: IDW 

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Grauer Star: Wenn die Sicht trüb wird

Lisa-Marie Ströhlein Pressestelle
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

In Deutschland leiden schätzungsweise rund 10 Millionen Menschen an Grauem Star (Katarakt). Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko dieser Eintrübung der Augenlinse. Bilder erscheinen getrübt, Farben verblassen und die Blendeempfindlichkeit nimmt zu. Dabei lässt sich die Erkrankung heute sehr gut behandeln. Die Stiftung Auge informiert über Symptome und Therapiemöglichkeiten bei Katarakt.

Unter einer Katarakt, im Volksmund auch Grauer Star genannt, versteht man die Eintrübung der Augenlinse. Die Erkrankung tritt vermehrt bei Menschen im fortgeschrittenen Alter auf. Jeder Zweite der 52- bis 64-Jährigen sowie über 90 Prozent der Menschen über 75 Jahren leiden an einer getrübten Linse. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Neben dem Alter können auch Verletzungen, Medikamente oder Erkrankungen wie Diabetes die Entstehung eines Grauen Stars begünstigen.

Nachlassende Sehstärke und -schärfe können erste Anzeichen eines Grauen Stars sein. Viele Betroffene verwechseln dies zu Beginn mit einer Alterssehschwäche und suchen oft erst Hilfe beim Augenarzt, wenn die Erkrankung sie in ihrem Alltag erheblich einschränkt. Da das Risiko einer Katarakt mit dem Alter steigt, rät Professor Dr. med. Frank G. Holz, Vorsitzender der Stiftung Auge, zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen ab dem 60. Lebensjahr. „Betroffene mit einer getrübten Linse laufen Gefahr, im Alltag zu stürzen oder in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden. Ein jährliches Check-up beim Augenarzt hilft, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und zu therapieren und damit solche Unglücksfälle zu verhindern“, so der Direktor der Universitätsaugenklinik Bonn.

Der Graue Star lässt sich nur operativ beseitigen. Die Katarakt-OP ist einer der häufigsten Eingriffe in Deutschland überhaupt – rund 800.000 Mal führen deutsche Augenärzte diesen jedes Jahr durch. „Wenn die Linseneintrübung Patienten im Alltag, im Beruf oder im Verkehr beeinträchtigt, ist meist eine Operation sinnvoll und notwendig“, so Holz. „Die Operation gibt den Patienten ein großes Stück Lebensqualität zurück. Komplikationen treten dabei dank der großen Erfahrung der Kollegen und der fortschrittlichen, minimal-invasiven Operationstechnik äußerst selten auf“, sagt der Bonner Experte.

Bei der Operation ersetzt der Arzt die getrübte natürliche Linse durch eine passgenau auf den Patienten abgestimmte Kunstlinse, eine sogenannte Intraokularlinse. Diese gibt es als Monofokallinsen, die entweder Fern- oder Nahsicht ermöglichen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Monofokallinsen vollständig. Gegen eine Zuzahlung können sich Patienten auch sogenannte Multifokallinsen einsetzen lassen. Sie ermöglichen es dem operierten Auge, Objekte in unterschiedlichen Distanzen anzuvisieren. Träger dieser Linsen können so auch ohne Brille Zeitung lesen, am Computer arbeiten und Dinge in der Ferne betrachten.

In den meisten Fällen können die Patienten das Krankenhaus noch am Tag der Operation wieder verlassen. Die Nachsorge erfolgt ebenfalls ambulant beim niedergelassenen Augenarzt oder in der Klinik. Nach der OP benötigt das behandelte Auge etwas Schonung. „Da sich die Sehstärke in der Zeit nach der Operation noch anpassen kann, ist auch zunächst auf Autofahren zu verzichten. Gegebenenfalls ist eine Brillenkorrektur nötig“, erläutert Professor Dr. med. Christian Ohrloff, Mediensprecher der Stiftung Auge und ehemaliger Direktor der Universitäts-Augenklinik in Frankfurt am Main. Neun von zehn Katarakt-Patienten berichten nach der Operation von einer wesentlichen Verbesserung des Sehvermögens. „Die Betroffenen profitieren besonders von einer verbesserten Lebensqualität, da die OP Dinge wie Lesen oder Autofahren wieder ohne trübe Sicht möglich macht“, so der Experte.

Quellen:
[1] Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Weißbuch zur Situation der ophthalmologischen Versorgung in Deutschland, September 2012.
[2] Homepage des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e.V., Statstiken: Katarakt.
[3] Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Leitlinie Nr. 19, Januar 2012.
[4] Deutsche Ophthalmologische Gesellschaf: Lebensstil kann Grauen Star beeinflussen: Diabetes, Rauchen und Übergewicht trüben die Augenlinse, Pressemitteilung Februar 2017.

Kontakt für Journalisten:
Stiftung Auge der DOG Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft
Pressestelle
Sabrina Hartmann
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-649
Telefax: 0711 8931-167
hartmann@medizinkommunikation.org
http://www.stiftung-auge.de

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Naturtourismus in den Tropen: Wie kann Abwassermanagement verbessert werden?

Andrea Daschner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

Gemeinsame Pressemitteilung Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) und Universität Bremen
Sozial-ökologische Forschung und eine neue Arbeitsgruppe am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Kooperation mit dem Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Bremen fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit knapp zwei Millionen Euro. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen zur Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus beitragen.

Im Mittelpunkt des fünfjährigen Forschungsprojekts „Transdisziplinäre Wissenschaft für nachhaltigen Tourismus“ (TransTourismus) steht das Problem der Abwasserentsorgung an tropischen Küsten. Diese sind für den derzeit boomenden Naturtourismus besonders attraktiv und entwickeln sich schnell. Unzureichend gereinigte Abwässer aus touristischen Anlagen gelangen ins Meer und können Folgen für Küstenökosysteme, menschliche Gesundheit und die Tourismusindustrie vor Ort haben. Die Gemeinden müssen daher handeln, aber was ist zu tun? Was sind die besten Wege, um herauszufinden, wie die Situation verbessert werden kann?

Forschung bindet Expertinnen und Experten vor Ort ein
Projektleiterin Dr. Marie Fujitani, Sozialwissenschaftlerin am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) und an der Universität Bremen, will Tourismusgemeinden in Tansania, Indonesien und Costa Rica dabei unterstützen, ihr Abwassermanagement zu verbessern. Um ausgewogene Lösungsvorschläge zu finden, bindet sie verschiedene Interessengruppen ein, wie etwa Hotel-, Restaurant- und Ladenbesitzende, Reiseveranstaltende, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger und Umweltorganisationen. „So können ein ganzheitliches Bild der tourismusbedingten Abwasserbelastung entwickelt und Lösungen zur Entsorgung erarbeitet werden“, sagt sie. Das Projekt besteht aus Teilstudien, die Natur- und Sozialwissenschaften integrieren, um den Zusammenhang zwischen Dienstleistungen der Ökosysteme, Tourismus, Gesundheit und menschlichem Wohlbefinden zu identifizieren. „In dem Prozess der Entscheidungsfindung, werden wir nicht nur verschiedene marine Ökosysteme, sondern auch die unterschiedlichen Prioritäten von Gemeindemitgliedern und Touristen berücksichtigen“, so Fujitani.

Das Ziel: Ein umweltschonender und sozialverträglicher Tourismus
„Unsere Forschungsgruppe Deliberation, Bewertung und Nachhaltigkeit untersucht Prozesse für das Management gemeinsamer natürlicher Ressourcen, die Entscheidungen unterstützen sollen. Dabei liegt unser Fokus darauf, wie man Naturtourismus nachhaltiger gestalten kann“, so Fujitani. „Wir untersuchen, wie Einflüsse ausgewählter Indikatoren und Informationsquellen und verschiedene Vorstellungen vom Wert der Umwelt unsere Entscheidungen auf sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Pfade leiten können.“ Das transdiziplinäre Forschungsprojekt bezieht bereits bei der Erarbeitung der Forschungsfragen unterschiedliche Interessengruppen aus Wissenschaft und Gesellschaft in tropischen Partnerländern des ZMT ein. Für die Studien wird Dr. Marie Fujitani zunächst eine neue Nachwuchsarbeitsgruppe am ZMT aufbauen. Drei Doktoranden und ein Postdoc werden sie in ihrer Arbeit unterstützen, ebenso wie Forschende aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Arbeitsgruppen des ZMT.

Weitere Informationen:
www.leibniz-zmt.de/de/forschung/wissenschaftliche-projekte/transtourismus.html
www.uni-bremen.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Marie Fujitani
AG Deliberation, Bewertung und Nachhaltigkeit
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) GmbH
Tel.: +49 421 23800126
E-Mail: marie.fujitani@leibniz-zmt.de

Quelle: IDW 

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Lange Arbeitszeiten von Eltern erhöhen das Risiko für Übergewicht ihrer Kinder

Dr. Harald Wilkoszewski Informations- und Kommunikationsreferat
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

Kinder aus Familien mit mittlerem und hohem Einkommen besonders betroffen

Lange Arbeitszeiten von Müttern und Vätern erhöhen das Risiko für ihre Kinder, im Vorschulalter an Übergewicht oder Fettleibigkeit zu leiden. Das ist das Ergebnis einer von WZB-Forscherin Jianghong Li geleiteten Studie, die die Auswirkung elterlicher Arbeitszeiten auf das Körpergewicht von Kindern untersucht hat. Die Studie nutzt Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für 2.400 Kinder im Alter zwischen 0 und 6 Jahren.

Das Vorschulalter ist eine entscheidende Entwicklungsphase für das Körpergewicht von Kindern. Die Studie zeigt, dass Kinder von Müttern, die 35 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten, einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Fettleibigkeit ausgesetzt sind – im Vergleich zu Kindern, deren Mütter nicht erwerbstätig sind. Das Risiko erhöht sich, wenn auch die Väter lange arbeiten (55 Stunden oder mehr pro Woche). In diesem Fall wirken sich bereits kürzere Arbeitszeiten der Mutter (24-34 Wochenstunden) negativ auf das Körpergewicht der Kinder aus. Dies zeigt, dass auch die Arbeitszeit von Vätern einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit von Kindern hat. Die Studie ist eine von wenigen Untersuchungen, die den Effekt der mütterlichen und väterlichen Arbeitszeiten gemeinsam betrachtet.
WZB-Forscherin Jianghong Li vermutet, dass die Ernährungsqualität und das körperliche Aktivitätsniveau von Vorschulkindern mit längeren Arbeitszeiten der Mütter sinken – ein Zusammenhang, den Studien bereits für Deutschland und andere Industrieländer nachgewiesen haben. Eine andere Ursache könnten unterbrochene Schlafrhythmen bei Kindern sein, deren Eltern lange arbeiten. Um diese Erklärungsansätze empirisch zu belegen, seien aber umfangreichere Daten notwendig, so Li.

Der negative Einfluss langer Arbeitszeiten auf das Körpergewicht wurde hauptsächlich bei Kindern aus Familien mit mittlerem und hohem Einkommen festgestellt. Bei Familien mit niedrigem Einkommen lässt sich dagegen dieser Zusammenhang nicht nachweisen. „Eltern mit niedrigem Einkommen sind vielleicht weniger informiert, welchen Einfluss Ernährung und körperliche Bewegung auf das Risiko für Übergewicht und Fettleibigkeit ihrer Kinder haben. Deshalb ändern weniger oder mehr Arbeitsstunden an der Ernährungsqualität oder der körperlichen Betätigung möglicherweise nicht viel. Es ist auch denkbar, dass in einkommensschwächeren Familien die Vorteile eines höheren Verdiensts durch längere Arbeitsstunden die negativen Folgen des Zeitmangels ausgleichen“, erklärt Li.
Ein Kita-Besuch mindert das Risiko für Übergewicht oder Fettleibigkeit hingegen unabhängig vom sozialen Hintergrund der Kinder. „Staatliche Investitionen zur Verbesserung der Kitas, insbesondere der Ernährungsqualität und angemessener körperlicher Bewegung können erwerbstätige Eltern bei ihren Erziehungsaufgaben unterstützen“, sagt Li.

Die Forscher*innen analysierten Langzeitdaten zum Body-Mass-Index (BMI) von Kindern und den Arbeitsstunden ihrer Eltern. Es wurden Daten von 2.413 Kindern im Alter zwischen 0 und 1, 2 und 3 sowie 5 und 6 ausgewertet, die zwischen 2003 und 2014 im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) erhoben wurden.
Die Studie ist im Journal of Epidemiology and Community Health erschienen:
Jianghong Li, Till Kaiser, Matthias Pollmann-Schult, Lyndall Strazdins: „Long work hours of mothers and fathers are linked to increased risk for overweight and obesity among preschool children: Longitudinal evidence from Germany“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Jianghong Li, Ph.D. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe der Präsidentin.

Quelle: IDW 

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Wie geht es weiter nach dem EEG? Fraunhofer ISE befragt Besitzer der frühen EEG-geförderten PV-Anlagen

Karin Schneider Presse und Public Relations
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

Im Jahr 2000 wurde das EEG-Gesetz mit dem Ziel verabschiedet, die Entwicklung von Stromerzeugungstechnologien aus erneuerbaren Energien wie die Photovoltaik zu fördern, Energieimporte zu reduzieren und den Klimaschutz voranzutreiben. Besitzern von Solaranlagen wurde eine auf 20 Jahre festgelegte Vergütung für die Einspeisung von Strom ins öffentliche Netz zugesichert. Anfang 2021 laufen nun die ersten EEG-Vergütungen aus. Im Rahmen des SINTEG Projekts »C/sells« ruft das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE die Besitzer von älteren PV-Anlagen auf, an einer Befragung zu Betriebsoptionen nach dem EEG teilzunehmen.

Die Umfrage wendet sich vor allem an jene Betreiber, deren PV-Anlagen bis 2025 aus der EEG-Förderung fallen und die nun vor der Frage stehen, wie sie ihre Anlage zukünftig wirtschaftlich betreiben. Das Fraunhofer ISE untersucht die künftigen Betriebsformen für solche Alt-Anlagen. Dabei geht es den Forschenden auch um die Frage, inwieweit die Anlagen weiter einen Beitrag zu Energiewende leisten können: »Viele Betreiber alter PV-Anlagen sind verunsichert darüber, wie sie nach Ablauf der 20 Jahre EEG-Förderung mit ihrer Anlage verfahren sollen. Dabei könnten Haushalte mit PV-Anlagen vor dem Hintergrund fluktuierender Stromeinspeisung aus Solar- und Windanlagen sogar einen Beitrag zur Netzstabilität und damit zur Versorgungssicherheit leisten. Durch die Teilnahme an unserer Studie erfahren PV-Prosumenten, welche Betriebsmöglichkeiten ihnen offen stehen «, so Dr. Sebastian Gölz, Teilprojektleiter des C/sells-Projekts.

Im Wesentlichen stehen den Besitzern alter Solar-Anlagen (sogenannte PV-Prosumenten) fünf Optionen offen:
1. Weiterbetrieb der Anlage mit Speicher: Durch die Investition in einen Speicher können PV-Anlagenbesitzer hohe Eigenverbrauchsgrade realisieren und so die Spitzenlasten von Erzeugung und Verbrauch signifikant absenken. In einer Energy Community mit vernetzten Speichern können mehrere PV-Prosumenten den erzeugten PV-Strom gemeinsam nutzen.

2. Vermarktung des PV-Stroms über Drittanbieter oder eine Plattform: Neben der reinen
Vermarktung (Strombörse oder lokale Grünstromvermarktung) gibt es hier die Möglichkeit, die Erzeugungsleistung der PV-Anlage als Flexibilitätsleistung anzubieten. Der Drittanbieter kann den PV-Strom dann als Regelenergie/Flexibilität an überregionalen Märkten anbieten. Die Vermarktung über eine Plattform, bei der die Teilnehmer direkt interagieren- durch entsprechende Sicherheitstechnologien- ist zukünftig denkbar.
Volleinspeisung: Falls nichts aktiv unternommen wird, wird der erzeugte Strom weiter ins Netz eingespeist und mit einer festen Vergütung pro KWh vergütet, die sich am Börsenstrompreis orientiert

3. Verpachtung der Anlage: Die PV-Anlage wird an einen Anlagenbetreiber verpachtet, der dafür eine Miete zahlt. Der Pächter nutzt den Strom der PV-Anlage (z.B. durch Direktvermarktung) und kümmert sich um die Anlage, falls Defekte auftreten.

4. Abbau der Solaranlage

»Uns interessiert bei der Befragung insbesondere, was den Prosumenten beim Weiterbetrieb selbst besonders wichtig ist – das Geld, die Eigenversorgung oder netzdienliche Beiträge«, erläutert Jessica Berneiser, Projektleiterin der PV-Prosumentenstudie.

Die Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler des Fraunhofer ISE kooperieren bei dieser Befragung mit den Verteilnetzbetreibern Netze BW, EnergieNetz Mitte und der MVV Energie, die alle PV-Prosumenten in ihrem Kundenkreis direkt zur Befragung einladen.

Das Fraunhofer ISE bietet diese Kooperation auch allen anderen bundesdeutschen Verteilnetzbetreibern bis zum Ende der Erhebungszeit an, im Gegenzug erhalten Kooperationspartner eine gesonderte Auswertung nur für ihre Kunden.

Die Umfrage läuft von Juli bis Anfang September auf der Webseite https://www.csells.net/PV-Studie

C/sells ist ein Demonstrationsprojekt im Rahmen des Förderprogramms »Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende« (SINTEG) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) und trägt das Förderkennzeichen 03SIN125.

Weitere Informationen:
https://www.ise.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/presseinformationen/2019/wie-…

Anhang
Presseinformation [PDF]
https://idw-online.de/de/attachment72556

Quelle: IDW 

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Höherer Rentenbeitrag würde weder Wachstum noch Beschäftigung bremsen – positive und negative Effekte heben sich auf

Rainer Jung Abt. Öffentlichkeitsarbeit
Hans-Böckler-Stiftung

Forscher berechnen volkswirtschaftliche Folgen
In den kommenden Jahren gehen viele Beschäftigte aus geburtenstarken Jahrgängen – die sogenannten Babyboomer – in den Ruhestand. Das wird nicht ohne Folgen für das deutsche Rentensystem bleiben. Dass die Beitragssätze steigen werden, erscheint längerfristig unvermeidlich. Denn ohne eine finanzielle Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung lässt sich künftig kein auskömmliches Sicherungsniveau für alte Menschen erreichen.

Sind höhere Ausgaben für die Rente ein Problem für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland? Nein, ergibt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Eine Ausweitung der Finanzierung ist möglich, ohne Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zu bremsen. Das liegt daran, dass dann Menschen im Ruhestand insgesamt mehr Geld für ihren Konsum zur Verfügung haben. Es geht also keine Kaufkraft verloren, sondern sie wird zwischen Rentnern, aktiv Beschäftigten und Unternehmen umverteilt, zeigt die Untersuchung von Dr. Fabian Lindner, Dr. Rudolf Zwiener und Dr. Florian Blank (Hans-Böckler-Stiftung) sowie Prof. Dr. Camille Logeay (Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin).* Die Ökonomen stützen ihre Untersuchung auf umfassende Berechnungen mit dem makroökonomischen Modell des IMK, das die Verflechtungen der deutschen Gesamtwirtschaft Daten gestützt nachbildet.

Nach einer weit verbreiteten Meinung schaden höhere Rentenbeiträge der Wirtschaft, weil sie die Arbeitskosten steigern und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Sie würden das Wirtschaftswachstum bremsen und zu steigender Arbeitslosigkeit führen, wird argumentiert. So einfach ist der Zusammenhang jedoch nicht, erklären die Wissenschaftler. Sie haben berechnet, wie sich das Bruttoinlandsprodukt langfristig entwickelt, wenn die Beitragssätze um einen Prozentpunkt steigen. Ergebnis: Es bleibt nahezu unverändert, nominal würde es sogar minimal um 0,3 Prozent höher ausfallen als ohne Erhöhung. Die Beschäftigungsentwicklung wäre nicht negativ betroffen.

Das liegt daran, dass sich verschiedene Effekte gegenseitig aufheben: Zwar fallen die Lohnstückkosten dann tatsächlich etwas höher aus. Das dürfte in erster Linie die Exportwirtschaft treffen. Auf der anderen Seite kämen die höheren Beiträge einer großen Zahl von Rentnerinnen und Rentnern zugute. Diese hätten in der Summe mehr Geld zur Verfügung, was wiederum die Binnennachfrage stärken würde. Selbst wenn man einrechnet, dass die Reallöhne der Arbeitnehmer wegen ihres nun höheren Beitrags zur Rentenversicherung weniger stark zulegen, bleibt unter dem Strich eine leicht positive Wirkung für den Konsum. Steigen die Beitragssätze um mehr als einen Prozentpunkt, erhöhen sich die gesamtwirtschaftlichen Effekte proportional stärker.

– Forscher empfehlen Mix aus höherem Beitrag und Steuermitteln –
Die Folgen für das Wachstum wären nach Berechnungen des IMK ähnlich gering, wenn man die Rentenkasse nicht durch höhere Beiträge, sondern alternativ mit höheren direkten Steuern stärken würde. Allerdings würden sich dann insbesondere die Nettolöhne pro Kopf etwas schlechter als bei einer Beitragssatzerhöhung entwickeln, weil nun die Unternehmen – im Unterschied zur Beitragsfinanzierung – weit weniger an der Finanzierung beteiligt würden. Einen Vorteil hätten Zuschüsse aus Steuermitteln aber: Besserverdiener würden stärker belastet als im Falle der Beitragsfinanzierung und Beamte und Selbständige würden einbezogen. Gesamtgesellschaftlich betrachtet könne dies „die notwendige Akzeptanz von steigenden Rentenausgaben erhöhen“.

Das Fazit der Ökonomen lautet: Die steigenden Rentenausgaben sollten durch eine Kombination aus höheren Beitragssätzen und Steuermitteln finanziert werden. Dadurch seien „keine nennenswerten negativen Wachstums- und Beschäftigungseffekte“ zu befürchten. Zusätzlich sollten Selbstständige und Beamte schrittweise in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, um die notwendigen Ausgaben auf mehr Schultern zu verteilen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Rudolf Zwiener
Rentenexperte IMK
Tel.: 0211-7778-648
E-Mail: Rudolf-Zwiener@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Originalpublikation:

*Fabian Lindner, Camille Logeay, Rudolf Zwiener, Florian Blank: Demografischer Wandel: Zu den gesamtwirtschaftlichen Effekten höherer Beitragssätze und Steuern, IMK Policy Brief, Juli 2019. Download: https://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_2_2019.pdf

Quelle: IDW 

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Für Gutverdiener ist der Renteneintritt ein Gesundheitsrisiko

Sabine Weiler Kommunikation
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Die Erwerbsbiografie hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie der Renteneintritt die Sterblichkeit beeinflusst. So profitieren Männer aus manuellen Routinejobs davon, mit 63 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Für Männer und Frauen, die aus gut bezahlten Jobs mit 65 Jahren ihr Berufsleben beenden, steigt hingegen die Sterblichkeit kurz nach der Verrentung. Eine Schlüsselrolle für die Sterblichkeitseffekte spielt die Aktivitätsveränderung um den Renteneintritt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Grundlage sind Daten der Deutschen Rentenversicherung zu knapp 800.000 Rentnerinnen und Rentnern der Geburtsjahrgänge 1934 bis 1936.

Die wichtigsten Ergebnisse:
– Der Eintritt in den Ruhestandkann die Sterblichkeit positiv oder negativ beeinflussen. So sinkt bei Männern aus der unteren Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 63 Jahren ihr Berufsleben beenden, die Sterblichkeit kurz nach der Verrentung um gut ein Prozent.

– Bei Männern und Frauen aus der oberen Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 65 Jahren in Rente gehen, steigt die Sterblichkeit hingegen um zwei bis drei Prozent.

– Ausschlaggebend für den Effekt des Renteneintrittsist die Erwerbsbiografie vor der Rente. Männer, die mit 63 Jahren in Rente gehen, kommen überwiegend aus Berufen mit manuellen Routinetätigkeitenund relativ geringem Verdienst. Viele dieser Jobs sind körperlich anstrengendoder mit Gefährdungenam Arbeitsplatz verbunden. Weniger Stress und Gefahrensowie ein relativ hoher Freizeitwert senkenbei dieser Gruppe nach dem Renteneintritt die Sterblichkeit.

– Noch positiverwirkt sich die Verrentung auf Männer aus, die mit 63 Jahren aus vorheriger Arbeitslosigkeitin Rente gehen. Sie profitieren davon, dann nicht mehr dem Stigma der Arbeitslosigkeitausgesetzt zu sein.

„Die Studie zeigt erstmals, welch großen Einfluss die Erwerbsbiografie auf die Gesundheit im Rentenalter hat“, sagt Matthias Giesecke, RWI-Wissenschaftler und Studienautor. „Die Erwerbsbiografie ist entscheidend für die Art der Aktivitätsveränderung um den Renteneintritt. Gerade frühere Gutverdiener sind durch den Renteneintritt offenbar größeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Bei Ihnen steht wahrscheinlich die soziale Isolation im Rentenalter im Vordergrund, weil sie mit der Berufstätigkeit auch Berufsprestige und soziale Netzwerke verlieren.“

Die Untersuchung basiert auf Daten des Forschungsdatenzentrums der Rentenversicherung (FDZ-RV) der Deutschen Rentenversicherung. Analysiert wurden Informationen zu rund 280.000 Rentnerinnen und gut 500.000 Rentnern der Geburtsjahrgänge 1934 bis 1936, die für den Zeitraum 1994 bis 2013 ausgewertet wurden. Als zweite Datenquelle diente das Sozio-oekonomische Panel (SOEP).

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Matthias Giesecke, Tel.: (0201) 81 49-235
Leonard Goebel (Kommunikation), Tel.: (0201) 81 49-210

Originalpublikation:
http://www.rwi-essen.de/publikationen/ruhr-economic-papers/1010/

Quelle: IDW 

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Wie Meeressedimente zur Bildung von Treibhausgasen beitragen

Dr. Karl Guido Rijkhoek Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Forschungsteam der Universität Tübingen untersucht Mikroben und chemische Prozesse an Küsten als natürliche Quelle für Lachgas
Lachgas (Distickstoffmonoxid) ist als Treibhausgas fast 300 Mal so schädlich wie Kohlendioxid. Neben menschengemachten Einflüssen wie der Freisetzung aus Düngemitteln sowie Auto- und Industrieabgasen gibt es auch natürliche Quellen. Bisher kennt man jedoch längst nicht alle Prozesse der Lachgasbildung und deren Größenordnung. Nun hat ein Forschungsteam in der Geomikrobiologie unter der Leitung von Professor Andreas Kappler und Dr. Caroline Schmidt vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften der Universität Tübingen eine bedeutende Quelle für das klimaschädliche Gas ausgemacht. Es fand heraus, dass nicht allein die Aktivität von Bakterien, sondern auch chemische Prozesse in Sedimenten der Meeresküste zur Bildung von Lachgas führen. Dieser Quelle ist dort bis zu einem Viertel des gebildeten Lachgases zuzuschreiben. Herkunft und Umfang der Produktion klimaschädlicher Gase sind wichtige Informationen, um die künftige Klimaentwicklung einzuschätzen. Die Studie wird in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

„Bisher ging man davon aus, dass in klassischen marinen Küstensedimenten Lachgas hauptsächlich als Zwischenprodukt bei der Umsetzung von Nitrat durch Bakterien entsteht“, sagt Andreas Kappler. Doch habe man damit nicht den ganzen Umfang der Gasbildung erklären können. Ungeklärte Lachgasquellen hätten sich auch bei verschiedenen Studien an natürlichen Systemen wie den Böden von Reisfeldern und an Flusssedimenten ergeben. In der neuen Studie nahm das Forschungsteam Sedimentproben von der dänischen Ostseeküste und stellte im Labor in einem künstlichen Mikrokosmos die draußen herrschenden Bedingungen nach. In der kontrollierten Umgebung ließen sich die ablaufenden Einzelprozesse identifizieren und mengenmäßig erfassen.

Nur die Ausgangssubstanzen stammen von Mikroorganismen
Dabei zeigte sich, dass für einen erheblichen Teil der Lachgaserzeugung die chemische Denitrifikation (Chemodenitrifikation) verantwortlich ist. Als Denitrifikation wird ansonsten die mikrobielle Umwandlung des im Nitrat gebundenen Stickstoffs zu molekularem Stickstoff und Stickoxiden wie dem Lachgas bezeichnet. „Zwar werden die Ausgangssubstanzen der Chemodenitrifikation, zweiwertiges Eisen und Nitrit, ebenfalls durch mikrobielle Prozesse im Sediment gebildet“, erklärt Caroline Schmidt. Doch die Umsetzung zu Lachgas geschehe ohne Beteiligung von Mikroorganismen. Die chemische Reaktion laufe spontan ab. „Dabei wird extrem schnell Lachgas gebildet und freigesetzt“, sagt die Forscherin. Der Umfang der Lachgasbildung durch diese Reaktion könne die bisher rätsel-hafte Herkunft des klimaschädlichen Gases erklären.

„Wir müssen alle durch Menschen verursachten und natürlichen Quellen der Bildung von Treib-hausgasen verstehen, um die künftige Klimaentwicklung abschätzen zu können“, betont Kappler. Schmidt ergänzt: „Die Studie verdeutlicht, wie Prozesse auf kleinster Skala – Interaktionen zwischen Mikroorganismen und der Sedimentchemie – massive Auswirkungen auf globale Umweltphänomene wie die Treibhausgasemission haben können.“
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Universität Tübingen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Zentrum für Angewandte Geowissenschaften
Prof. Dr. Andreas Kappler
Telefon +49 7071 29-74992
andreas.kappler@uni-tuebingen.de

Dr. Caroline Schmidt
Telefon +49 7071 29-75496
caroline.schmidt@uni-tuebingen.de

Originalpublikation:

Otte JM, Blackwell N, Ruser R, Kappler A, Kleindienst S, Schmidt C. 2019. Cause and effects of N2O formation by nitrite-induced (chemo)denitrification in coastal marine sediment. Scientific Reports, 31. Juli 2019, https://dx.doi.org/10.1038/s41598-019-47172-x

Quelle: IDW 

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Immer schön absichern! Häufigkeit und Ursachen von defensiven Entscheidungen

Artur Krutsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Obwohl sie es eigentlich besser wissen, entscheiden sich Entscheidungsträger*innen häufig nicht für die sachlich beste Option. Stattdessen wählen sie die Option, welche das geringste Risiko für die eigene Person birgt. Wie häufig Entscheidungsträger*innen auf solche sogenannten defensiven Entscheidungen setzen und wie eine mangelnde Kommunikations- und Fehlerkultur dieses Verhalten bedingt, hat ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersucht. Dafür befragten sie 950 Führungskräfte einer öffentlichen Einrichtung. Die Ergebnisse der Studie sind im Journal Business Research erschienen.

Ob in einem privaten Großunternehmen oder in einer öffentlichen Einrichtung: Führungskräfte und Manager*innen müssen ständig Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf Kolleg*innen, die Organisation und natürlich auch auf die eigene Person haben. Idealerweise entscheiden sie sich für die Option, die für die Organisation am besten ist. Doch dies geschieht bei weitem nicht immer. Häufig entscheiden sie sich für die aus Sicht der Organisation schlechtere Alternative, um sich selbst zu schützen. Diese Alternative kann bequemer sein, weniger Gegenwind mit sich bringen oder die Möglichkeit bieten, dass jemand anderes die Verantwortung trägt, falls etwas schiefgeht.

Um die Häufigkeit und Gründe für diese sogenannten defensiven Entscheidungen zu erforschen, befragte ein Team des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in einer anonymen Studie 950 Führungskräfte aller Hierarchiestufen einer öffentlichen Einrichtung. Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, dass mindestens eine der zehn wichtigsten Entscheidungen der vergangenen zwölf Monate defensiv war. Im Durchschnitt waren etwa 25 Prozent der wichtigsten Entscheidungen nicht im besten Interesse der Organisation. Gleichzeitig zeigen erste Ergebnisse aus DAX-Unternehmen, dass hier defensive Entscheidungen noch weiter verbreitet sind.

„Defensive Entscheidungen sind in vielen Organisationen weit verbreitet. Es gibt sie in öffentlichen Einrichtungen, in der privaten Wirtschaft genauso wie in Krankenhäusern. Selbst in den obersten Führungsebenen trifft man Entscheider, bei denen viele der wichtigsten Entscheidungen nicht primär im besten Interesse der Organisation sind, sondern zuerst dazu dienen, sich selbst zu schützen. In unserer Studie konnten wir darüber hinaus zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Arbeitskultur im Team und der Häufigkeit von defensiven Entscheidungen gibt“, sagt Florian Artinger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Mitgründer der Simply Rational GmbH, einer Ausgründung des Instituts.

Entscheidungsträger*innen wurden danach gefragt, wie sie die Kommunikations- und Fehlerkultur in ihrem Team empfinden, beides wichtige Aspekte einer Organisationskultur. Wer die Fehlerkultur als schlecht bewertete, traf deutlich häufiger defensive Entscheidungen als jemand, der die Fehlerkultur als gut empfand. Häufig müssen Entscheidungen in einem komplexen und dynamischen Umfeld gemacht werden, in dem das Risiko besteht, dass man scheitert. In einer Organisation mit einer positiven Fehlerkultur werden Misserfolge nicht stigmatisiert und man unterstützt sich gegenseitig, auch wenn Fehler passieren. Ebenfalls konnte in Bezug auf die Kommunikationskultur ein Zusammenhang festgestellt werden. In einer positiven Kommunikationskultur haben alle Mitarbeiter*innen eines Teams die Möglichkeit, über Ideen, Meinungen oder Bedenken zu sprechen, ohne Nachteile zu befürchten. Entscheidungsträger*innen, die angaben, in einem Team mit guter Kommunikationskultur zu arbeiten, trafen weniger defensive Entscheidungen.

„Defensive Entscheidungen verursachen nicht nur erhebliche Mehrkosten. Sie haben auch negative Auswirkungen auf die Innovationskraft, Mitarbeiterführung oder Kundenzufriedenheit. Damit Manager wieder die für die Organisation besten Entscheidungen treffen, braucht es eine Fehlerkultur statt einer Absicherungskultur“, sagt Gerd Gigerenzer, Mitautor der Studie und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sowie Mitgründer von Simply Rational.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Originalpublikation:
Artinger, F. M., Artinger, S., & Gigerenzer, G. (2019). C. Y. A.: Frequency and causes of defensive decisions in public administration. Business Research, 12(1), 9-25. https://doi.org/10.1007/s40685-018-0074-2

Weitere Informationen:
https://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2019/08/immer-schoen-absichern-haeufigk…

Quelle: IDW 

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Listerien im Tiefkühlgemüse und Melamin in Bambusgeschirr

Nina Banspach Pressestelle
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Bericht aus dem Europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel 2018

Informationen zu mehr als 3.600 Fällen wurden im vergangenen Jahr über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF) ausgetauscht. Dank des Behördennetzwerkes konnte z. B. ein internationaler Listeriose-Ausbruch aufgeklärt und Bambusgeschirr mit einer gesundheitsgefährdenden Menge an Melamin vom Markt genommen werden. „Die Zahlen des Vorjahres zeigen, wie wichtig in Zeiten des grenzüberschreitenden Handels ein europäisches Netzwerk zur Wahrung eines hohen Maßes an Lebensmittelsicherheit ist“, so der Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Dr. Helmut Tschiersky. „Die europäischen Behörden arbeiten im RASFF sehr eng, schnell und erfolgreich zusammen.“

Mithilfe des Schnellwarnsystems RASFF informieren sich die Staaten der Europäischen Union und assoziierte Länder seit nunmehr 40 Jahren gegenseitig über potentiell gesundheitsgefährdende Lebensmittel, Futtermittel und Lebensmittelkontaktmaterialien wie Geschirr, Besteck oder Verpackungen. 2018 hatten 926 aller RASFF-Meldungen einen Bezug zu Deutschland. Besonders häufig wurde dabei vor Nüssen und Nusserzeugnissen gewarnt (16,2 % aller Meldungen), gefolgt von Obst und Gemüse (13,7 %) und Nahrungsergänzungsmitteln, diätetischen und angereicherten Lebensmitteln (8,9 %).

In über 30 % der Meldungen wurde auf eine potentielle Gesundheitsgefahr durch Mikroorganismen wie Salmonellen und Listerien hingewiesen. Schimmelpilzgifte (14,7 %) und eine gesundheitsgefährdende Zusammensetzung (8,2 %), wie beispielsweise nicht zugelassene Inhaltstoffe, waren ebenfalls häufige Gründe für einen Informationsaustausch über das europäische Netzwerk.

Die in den Meldungen mit Deutschlandbezug genannten Produkte stammten zu 14,8 % aus der Bundesrepublik selbst. Danach folgten die Herkunftsländer China (8,3 %) und Türkei (8,0 %). Bei einem großen Teil der chinesischen Produkte handelte es sich um Lebensmittelkontaktmaterialien, die aufgrund des Übergangs unerwünschter Stoffe aus dem Material in Lebensmittel beanstandet wurden. Die aus der Türkei stammenden Produkte wurden meistens bereits an den europäischen Außengrenzen beanstandet und zurückgewiesen und gelangten somit nicht auf den europäischen Markt. Dies betraf vor allem Obst, Gemüse und Nüsse, bei denen häufig Schimmelpilzgifte nachgewiesen wurden.

Listerien in Tiefkühlgemüse
2018 konnte mittels des Europäischen Schnellwarnsystems RASFF auch ein lebensmittelbedingter Krankheitsausbruch aufgeklärt werden. Bereits im Vorjahr hatte die Europäische Kommission die EU-Mitgliedstaaten auf eine Häufung von Listeriose-Erkrankungen in mehreren europäischen Staaten aufmerksam gemacht.
Im Januar 2018 informierte zunächst Finnland die übrigen Staaten des Netzwerks über einen Fund von Listeria monocytogenes in gefrorenem Mais. Der Mais, wie auch anderes kontaminiertes Tiefkühlgemüse, stammte aus Ungarn. Von dort aus wurde der Mais an Unternehmen in mehreren Staaten geliefert, in denen er in verschiedenen Produkten weiterverarbeitet wurde. Diese verarbeiteten Produkte wiederum wurden in mehr als 80 Ländern weltweit verkauft.

Nach der finnischen Erstmeldung folgten über 300 weitere Meldungen aus ganz Europa sowie von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Sie alle trugen dazu bei, die Lieferwege des Maises zu rekonstruieren, die betroffenen Produkte vom Markt zu nehmen und damit weitere Infektionen zu verhindern.

Melamin in Bambusgeschirr
Neben Lebensmitteln und Futtermitteln wird das RASFF auch zum Informationsaustausch über Lebensmittelkontaktmaterialien wie Verpackungen, Besteck und Geschirr genutzt. Geht von diesen ein Gesundheitsrisiko für die Verbraucher aus, z. B. durch den Übergang gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe vom Material auf das Lebensmittel, so wird eine Meldung ins Schnellwarnsystem eingestellt.

Geschirr aus Bambusfasern, besonders für Kinder, ist seit einigen Jahren auf dem deutschen Markt sehr präsent. Im Jahr 2018 wurden aufgrund einer amtlichen Marktkontrolle in Deutschland Bambusteller beanstandet. In diesem Fall waren die Migrationsgrenzwerte für Melamin überschritten, d. h. ein nicht akzeptabler Übergang von Melamin aus dem Kunststoff auf das Lebensmittel fand statt. Zudem suggerierte die Aufmachung des Produktes, dass es ausschließlich aus Bambusfasern und Maisstärke hergestellt wurde. Für den Verbraucher war nicht ersichtlich, dass die Teller zu einem erheblichen Anteil aus dem Kunststoff Melamin-Formaldehydharz bestanden.

Da das beanstandete Produkt auch online vertrieben wurde, wurde die beim BVL angesiedelte Zentralstelle der Bundesländer für die Kontrolle des Internethandels „G@ZIELT“ aktiv. Mit ihrer Hilfe konnten neben dem stationären Vertrieb auch Onlinehändler in Deutschland und Großbritannien identifiziert werden. Diese Informationen wurden über das RASFF mit den übrigen europäischen Staaten geteilt, so dass auch dort die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden konnten.

Von der Meldung zum Rückruf
Als nationale RASFF-Kontaktstelle erhält das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) alle Meldungen des Schnellwarnsystems. Ist ein gesundheitsgefährdendes Produkt nach Deutschland gelangt, so prüft das BVL die Meldung und leitet sie an die zuständigen Überwachungsbehörden in den Bundesländern weiter.

Vor Ort treten die Behörden an die betroffenen Unternehmen heran. Alle erforderlichen Maßnahmen – z. B. ein öffentlicher Rückruf – werden eingeleitet, damit das Produkt schnellstmöglich vom Markt genommen und somit die Verbraucher geschützt werden können.

Stellt sich währenddessen heraus, dass noch weitere Staaten mit dem Produkt beliefert wurden, so wird dies ebenfalls über das RASFF kommuniziert. Zusätzlich zu der eigentlichen Meldung werden auch weiterführende Informationen zu Vertriebswegen und Analyseergebnissen über das Netzwerk geteilt.

Neben der Europäischen Kommission, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der EFTA-Überwachungsbehörde (ESA) sind inzwischen 32 Länder Mitglieder des RASFF-Netzwerks, darunter sämtliche EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegen, die Schweiz, Liechtenstein und Island als assoziierte Staaten. Für Deutschland stellt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) als nationale Kontaktstelle 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche den Informationsaustausch sicher.

Weiterführende Informationen
• Grafiken zu den Meldungen im RASFF (mit Bezug zu Deutschland) 2018: https://www.bvl.bund.de/rasff_grafiken
• Das RASFF im Video: https://www.bvl.bund.de/rasff_video
• Europäische Schnellwarnsysteme: https://www.bvl.bund.de/schnellwarnsysteme
• Blick ins RASFF-Portal: https://webgate.ec.europa.eu/rasff-window/portal/?event=SearchForm&cleanSear…
• EU-Kommission zum RASFF: https://ec.europa.eu/food/safety/rasff_en

Anhang
2019 08 06 PI RASFF
https://idw-online.de/de/attachment72615

Quelle: IDW 

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Meeresspiegel steigt seit 50 Jahren schneller

Tanja Hoffmann M.A. Stabsstelle für Presse, Kommunikation und Marketing
Universität Siegen

Wissenschaftler der Universität Siegen haben herausgefunden: Der Anstieg des globalen Meeresspiegels hat früher Fahrt aufgenommen, als bisher bekannt. Demnach lässt sich schon ab Ende der 1960er Jahre eine deutliche Beschleunigung nachweisen.

Der Himmel ist blau, die Sonne scheint – und trotzdem stehen die Straßen knietief unter Wasser. Das Phänomen des „sunny day flooding“, also Überflutungen trotz schönen Wetters, ist an der amerikanischen Ostküste bereits weit verbreitet. Wenn die reguläre Flut ihren Höhepunkt erreicht, strömt das Meerwasser in tiefliegende Straßen und Wohngebiete. Grund ist der globale Meeresspiegel-Anstieg, er macht sich hier unmittelbar bemerkbar. Wissenschaftlern der Universität Siegen ist es gemeinsam mit KollegInnen aus Großbritannien, den USA und Spanien gelungen, die Entwicklung des Meeresspiegels seit dem Jahr 1900 mit bisher unerreichter Präzision zu rekonstruieren. Die Studie zeigt: Bereits Ende der 1960er Jahre hat sich der Anstieg des Meeresspiegels deutlich beschleunigt, seither verläuft die Entwicklung auf konstant hohem Niveau. Die Studie ist jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht worden.

„Seit den frühen 1990er Jahren wird der globale Meeresspiegel sehr präzise durch Satelliten gemessen, daher wissen wir, dass er in dieser Zeit beschleunigt gestiegen ist. Was wir bisher nicht sagen konnten, war, wann diese Beschleunigung eigentlich begonnen hat, von welcher Region sie ausgegangen ist – und welche Prozesse hauptsächlich dazu beigetragen haben“, sagt Dr. Sönke Dangendorf vom Forschungsinstitut Wasser und Umwelt (fwu) der Universität Siegen. Das Problem: Für den Zeitraum vor 1992 stehen den WissenschaftlerInnen lediglich Daten lokaler Tidepegel zur Verfügung, die für die Schifffahrt entlang der Küsten installiert wurden.

Präzise Berechnungen seien mit den Pegel-Daten bisher nicht möglich gewesen, erklärt Dangendorfs Kollege Carling Hay vom Boston College: „In unserer Studie haben wir durch die Kombination zweier Berechnungsmethoden jedoch eine Möglichkeit gefunden, die Entwicklung des Meeresspiegels anhand der Pegel-Daten ähnlich exakt zu rekonstruieren, wie mit Satellitenmessungen.“ Den Wissenschaftlern ist es damit erstmals gelungen, detaillierte Erkenntnisse zum Meeresspiegel-Anstieg zu gewinnen, die bis zum Jahr 1900 zurückreichen. Die Berechnungen zeigen, dass die von Satelliten gemessene, jüngste Beschleunigung des Meeresspiegel-Anstiegs bereits Ende der 1960er Jahre begonnen hat und damit seit rund 50 Jahren andauert.

Die Studie lässt außerdem Schlüsse darauf zu, wo die zu beobachtende Beschleunigung entstanden ist und welche Prozesse sie begünstigt haben, erklärt Dangendorf: „Der Meeresspiegel steigt nicht in jeder Region gleich stark an, sondern variiert regional sehr stark. Anhand unserer Daten konnten wir feststellen, dass der beschleunigte Anstieg seinen Ursprung hauptsächlich in der südlichen Hemisphäre hat, vor allem im subtropischen Südpazifik, östlich von Australien und Neuseeland.“ In dieser Region konnten die WissenschaftlerInnen eine fünfmal stärkere Beschleunigung nachweisen, als im globalen Schnitt.

Zu erklären sei dieses Phänomen mit starken, westlichen Winden in der südlichen Hemisphäre, sagt Dangendorf: „Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Westwinde den schnelleren Anstieg des Meeresspiegels seit dem Ende der 60er Jahre verursacht haben. Unsere Messdaten zeigen, dass sich die Winde um diese Zeit intensiviert haben. Außerdem hat sich ihre Position im Südpazifik leicht verändert.“ Aus Sicht der Wissenschaftler mit direkten Auswirkungen auf den Meeresspiegel: Zum einen haben die Winde wärmere Wassermassen aus den oberen Schichten des Ozeans Richtung Norden transportiert, was den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels im Subtropischen Südpazifik erklärt. Zum anderen wurden kühlere Wassermassen, die Wärme schneller speichern, durch die Winde an die Oberfläche bewegt. „So konnte mehr Wärme aus der Atmosphäre in den Ozean gepumpt werden, wodurch sich der Wasserkörper ausgedehnt hat und der Meeresspiegel gestiegen ist“, erklärt Dangendorf.

Spielten in den 60er Jahren vor allem die stärkeren Westwinde und die damit einhergehende thermale Expansion eine wichtige Rolle für den beschleunigten Meeresspiegel-Anstieg, kommt seit Beginn der 90er Jahre das Abschmelzen der Gletscher in Grönland und der Antarktis hinzu. Zurückzuführen seien beide Phänomene mit großer Sicherheit auf die vom Menschen verursachte Erderwärmung, sagt Dangendorf: „Der Meeresspiegel ist auch früher schon zeitweise beschleunigt angestiegen, beispielsweise in den 1930er Jahren. Die Tatsache, dass die aktuelle Beschleunigung bereits seit 50 Jahren andauert, ist jedoch sehr außergewöhnlich. Sie zeigt, dass sich hier ein nachhaltiges Muster entwickelt hat und bestätigt die Prognosen aktueller Klimamodelle, dass der Meeresspiegel auch im 21. Jahrhundert beschleunigt ansteigen wird.“

Hintergrund:
An der Studie waren auch Prof. Dr. Jürgen Jensen und Kevin Berk von der Universität Siegen beteiligt. Außerdem Francisco M. Calafat vom „National Oceanography Centre“ in Southampton, Christopher G. Piecuch von der „Woods Hole Oceanographic Institution“ in den USA, sowie Marta Marcos von der „University of the Balearic Islands“ in Spanien.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Sönke Dangendorf (Forschungsinstitut „Wasser und Umwelt“, Universität Siegen)
E-Mail: soenke.dangendorf@uni-siegen.de
Tel.: 0271 – 740 2518

Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41558-019-0531-8

Anhang
Eine Intensivierung und leichte Verschiebung der westlichen Winde haben dazu geführt, dass der Meeresspiegel im Südpazifik deutlich schneller ansteigt, als im globalen Schnitt.
https://idw-online.de/de/attachment72599

Quelle: IDW 

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Geplatzte Hoffnung: Keine Chance für Umwelt-entlastende Plastik-Zersetzung durch Bakterien

Dr. Kristin Beck Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Nein, sie werden uns bei diesem Umweltproblem nicht helfen: Bakterien sind definitiv nicht in der Lage, in die Meeresumwelt geratenes Plastik zu zersetzen und sie werden diese Fähigkeit voraussichtlich auch nicht evolutionär erwerben. Zu diesem Schluss kommen die Mikrobiologen Sonja Oberbeckmann und Matthias Labrenz vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) in einer groß angelegten Übersichtsstudie über Biofilme auf Mikroplastik. Die Ergebnisse wurden nun in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Annual Review of Marine Science veröffentlicht.

Unsere Gewässer sind mit Mikroplastik verschmutzt. Seien es Fasern aus Fleece Pullovern, Plastikkügelchen aus Zahncreme, oder zerfallende Plastiktüten und -flaschen: All diese kleinen Plastikteilchen landen irgendwann im Ozean, mit zurzeit noch nicht absehbaren Folgen für die marine Umwelt. Da die Mini-Partikel im Meer aber auch von Bakterien besiedelt werden, stellte sich recht früh die Frage, ob sich spezifische Bakterien auf Mikroplastik anreichern könnten. Vielleicht wären solche Spezialisten sogar in der Lage, irgendwann das unverwüstliche Material abzubauen und damit die Meere auf längere Sicht von dieser Kontamination zu befreien.

Die IOW-Mikrobiologen Sonja Oberbeckmann und Matthias Labrenz beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren mit dieser Frage und haben nun, neben ihren eigenen, die weltweit zu diesem Thema erschienenen Ergebnisse aus mehreren hundert Studien zusammengefasst und neu ausgewertet. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Wechselwirkungen zwischen Bakterien und Mikroplastik-Partikeln in marinen Lebensräumen äußerst begrenzt sind. Bakterien besiedeln zwar diese Partikel, sie bauen sie aber nicht ab, da der Energieaufwand für sie viel zu hoch wäre. Mehr noch: Mikroplastik ist so schwer abbaubar für Bakterien, dass sie unter marinen Bedingungen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft keinen Plastik-Abbaumechanismus entwickeln werden. „Somit sind wir mit der Herausforderung, das Mikroplastik loszuwerden, weiterhin auf uns alleine gestellt. Da wir es aber nicht aus unseren Meeren entfernen können, wird es sich auch in Zukunft dort immer mehr anreichern. Und wir wissen nicht, ob es sich dort letztendlich zu einer ‚chronischen Krankheit‘ entwickeln könnte“, kommentieren Oberbeckmann und Labrenz dieses Ergebnis ihrer Studie. Aus diesem Grunde fordern die beiden Mikrobiologen proaktive und konsequente Maßnahmen zum Schutz der Meere vor Plastikvermüllung, wie zum Beispiel eine signifikante und zeitnahe Reduzierung von Wohlstandsplastik (von der Plastiktüte bis zum Plastikspielzeug) sowie Recyling-Systeme, die ihr Potential vollständig ausschöpfen und weltweit kostengünstig eingesetzt werden können.

Gute Nachrichten erbrachte die umfangreiche Übersichtsstudie aber auch: Die häufig postulierte Annahme, dass sich pathogene Bakterien spezifisch auf Mikroplastik anreichern könnten, und auf diese Weise besonders rasch und weit verbreitet werden, ließ sich nicht erhärten. Die auf Mikroplastik wachsenden Mikroorganismen gehören in der Regel zu Gruppen, die typische Besiedler von im Meer treibenden Partikeln sind und dabei nicht zwischen natürlichen und künstlichen Oberflächen unterscheiden. Unter ihnen sind zwar auch einige schädliche Bakterien, aber nicht mehr als auf anderen Partikeln, wie Holz oder andere organische Substanzen. In dieser Hinsicht stellt Mikroplastik in marinen Lebensräumen also kein erhöhtes Risiko dar.

Kontakt IOW-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
Dr. Kristin Beck | Tel.: 0381 – 5197 135 | kristin.beck@io-warnemuende.de
Dr. Barbara Hentzsch | Tel.: 0381 – 5197 102 | barbara.hentzsch@io-warnemuende.de

Das IOW ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der zurzeit 95 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Bund und Länder fördern die Institute gemeinsam. Insgesamt beschäftigen die Leibniz-Institute etwa 19.100 MitarbeiterInnen, davon sind ca. 9.900 WissenschaftlerInnen. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Mrd. Euro. http://www.leibniz-gemeinschaft.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Sonja Oberbeckmann, IOW-Sektion Biologische Meereskunde
Tel.: 0381 – 5197 3464 | sonja.oberbeckmann@io-warnemuende.de

PD. Dr. Matthias Labrenz, IOW-Sektion Biologische Meereskunde
Tel.: 0381 – 5197 378 | matthias.labrenz@io-warnemuende.de

Originalpublikation:
Oberbeckmann, S., Labrenz, M. (2019). Marine microbial assemblages on microplastics: diversity, adaptation, and role in degradation. Annu Rev Mar Sci, https://doi.org/10.1146/annurev-marine-010419-010633

Quelle: IDW 

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Sorgt der Videobeweis im Fußball wirklich für mehr Gerechtigkeit?

Anneliese Odenthal Presse und Kommunikation
Universität zu Köln

Statement von Dr. Christian Deckenbrock vom Institut für Arbeits- und Wirtschaftsrecht
Er empfiehlt Wiederholungen strittiger Szenen auf den Bildschirmen im Stadion und Offenlegung des Funkverkehrs

„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Videobeweis Blödsinn ist. Vor allem die Diskussionen am Arbeitsplatz werden uns fehlen – die vermisse ich jetzt schon“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß anlässlich der Einführung des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga zur Saison 2017/18. Die Befürchtung oder Hoffnung – je nach Sichtweise -, dass über Schiedsrichterentscheidungen nicht mehr diskutiert wird, hat sich allerdings nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Seither gibt es rund um den Begriff der „klaren und offensichtlichen“ Fehlentscheidung, die Voraussetzung für einen Eingriff des „Video-Assistant-Referees“ (VAR) ist, ganz neues Diskussionspotenzial.

Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass dank des Videobeweises die Anzahl solcher klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen abgenommen hat – der Deutsche Fußball-Bund (DFB) spricht für die Saison 2018/19 davon, dass 82 von 92 Fehlentscheidungen verhindert wurden. Es verwundert daher nicht, dass der Videobeweis immer flächendeckender eingesetzt wird. Nach seiner Premiere bei WM und Champions League werden ab der kommenden Saison auch die Schiedsrichter der 2. Bundesliga den sogenannten „Kölner Keller“ anrufen können.

Mithilfe des Videobeweises können offensichtliche und klare Fehlentscheidungen unmittelbar, also noch vor der nächsten Spielfortsetzung, korrigiert werden. Der Videobeweis steht daher nicht im Widerspruch zum sportrechtlich anerkannten „Grundsatz der Unanfechtbarkeit der Tatsachenentscheidung“. Dieser besagt nur, dass Fehlentscheidungen von Schiedsrichterinnen und -richtern in der Regel nicht im Wege eines auf Spielwiederholung gerichteten Einspruchs nachträglich überprüft werden dürfen. Denn der Reiz und die Attraktivität sportlicher Wettkämpfe leben davon, dass die Spiele auf dem Feld und nicht am grünen Tisch entschieden werden. Es verwundert daher nicht, dass auch Entscheidungen, die trotz – oder wegen – des Videobeweises falsch getroffen werden, in der Regel nicht eine Neuansetzung eines Meisterschaftsspiels nach sich ziehen dürfen. Erhobene Einsprüche gegen die Spielwertung haben daher praktisch keine Erfolgsaussicht.

Dass mit der Einführung des Videobeweises verbundene „Mehr an Gerechtigkeit“ hat aber seine natürlichen Grenzen: Menschliche Fehler lassen sich bei „Interpretationsentscheidungen“ auch mithilfe der Technik und von fortwährenden intensiven Schulungen nicht vollständig vermeiden, zumal bei der Entscheidungsfindung erheblicher Zeitdruck besteht. Der Begriff „Videobeweis“ gaukelt eine Objektivität vor, die längst nicht immer gegeben ist und auch nicht gegeben sein kann.

Fehlerfreiheit wird man auch künftig nicht erwarten können, und manchmal kommt es sogar erst aufgrund des Videobeweises zu einer Fehlentscheidung (der DFB spricht für die Saison 2018/19 von zwei Fällen). Zudem ist der Einsatz des Videobeweises – zur Wahrung des Spielflusses – von vornherein auf bestimmte Spielsituationen beschränkt. Die Verhängung einer gelb-roten Karte oder eines Freistoßes an der Strafraumgrenze etwa zählen nicht hierzu. Aber auch aus einem zu Unrecht gegebenen Eckball kann das spielentscheidende Tor fallen. Mehr Gerechtigkeit „insgesamt“ bedeutet daher nicht zwingend, dass das Endergebnis im konkreten Spiel tatsächlich „gerecht“ ist.
Damit der Videobeweis auch bei seinen Kritikern weiter an Akzeptanz gewinnt, bedarf es mehr Transparenz für die Zuschauer und Zuschauerinnen in den Stadien und vor den Bildschirmen. Dabei darf auch die Wiederholung strittiger Entscheidungen auf der Videoleinwand oder die Offenlegung des Funkverkehrs zwischen Schiedsrichterteam und Videoassistenten kein Tabu sein. Zudem sollte die FIFA überlegen, die Entscheidung, ob es zur Überprüfung einer Situation kommt, grundsätzlich den Mannschaften zu überantworten (das sogenannte Prinzip der „Challenge“ oder Anrufung). Sofern ein Team von ihrem (in der Anzahl zu begrenzenden) Anrufungsrecht Gebrauch macht, sollte die Überprüfung stets vom Feldschiedsrichter selbst vorgenommen werden. Der Video-Assistent sollte sich dagegen nur bei „Schwarz-Weiß“-Entscheidungen (insbesondere Abseits oder Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums) von sich aus einmischen dürfen.

Kurzbiographie:
Dr. Christian Deckenbrock ist Akademischer Rat am Institut für Arbeits- und Wirtschaftsrecht d3er Universität zu Köln. Er engagiert sich ehrenamtlich als Vizepräsident Recht des Deutschen Hockey-Bundes e.V. Zudem ist er Schiedsrichter in der Hockey-Bundesliga (470 Einsätze) sowie Turnieroffizieller für den internationalen Hockey-Verband mit Einsätzen auf allen Ebenen einschließlich Weltmeisterschaften und Olympische Spiele.

Presse und Kommunikation:
Anneliese Odenthal
+49 221 470-5602
odenthal@uni-koeln.de

Das Statement auf YouTube:
Wie gerecht ist der Videobeweis im Fußball? // Statement aus Sicht eines Juristen https://youtu.be/EnPAIjp1X1s

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Christian Deckenbrock
Institut für Arbeits- und Wirtschaftsrecht
+49 221 470-2940
c.deckenbrock@uni-koeln.de

Quelle: IDW 

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E-Autos, Smartphones und Co. – Welche Geräte stören Funktionen von Herzschrittmachern und implantierten Defibrillatoren?

Prof. Dr. Michael Böhm Pressesprecher
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V.

Können elektromagnetische Felder, die durch Geräte in unserem privaten und beruflichen Alltag entstehen, Herzrhythmusimplantate wie Herzschrittmacher und implantierte Defibrillatoren stören? Und wie gefährlich sind diese Einflüsse? Diese Fragen stellen Herzpatienten sich und ihren Ärzten häufig. Eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) fasst die aktuelle Studienlage zu dem Thema zusammen und spricht Empfehlungen für den Umgang mit unterschiedlichen elektronischen Geräten aus.

Die gute Nachricht gleich vorweg: Die modernen Aggregate von Schrittmachern und Defibrillatoren werden von elektromagnetischen Feldern im Alltag in der Regel nicht beeinträchtigt, sofern sie nach Herstellerempfehlung programmiert sind. Dennoch gilt es für Patienten, denen diese Devices implantiert wurden, eine gewisse Vorsicht im Umgang mit einigen elektrischen Alltagsgeräten walten zu lassen.

Pro Jahr werden in Deutschland mehr als 77.000 Herzschrittmacher und über 25.000 Defibrillatoren implantiert, immer öfter auch bei jüngeren Patienten. Zugleich nimmt die Zahl der elektromagnetischen Felder in unserem beruflichen und privaten Umfeld durch mehr technische Geräte weiter zu. Interferenzen dieser Felder mit aktiven kardialen Implantaten können unterschiedliche Auswirkungen haben. Beispielsweise kann es in vergleichsweise harmlosen Fällen zu einem Moduswechsel des Herzschrittmachers und in schwerwiegenden Fällen gar zu inadäquaten, schmerzhaften Schockabgaben bei implantierten Defibrillatoren (ICDs) kommen. Bei heute gängigen Implantaten kommen diese Interferenzen aufgrund von technischen Verbesserungen gegenüber früheren Geräten jedoch nur noch sehr selten vor. Je nach Studie und Implantat konnten lediglich 0,3 bis 0,7 Fälle pro 100 Patientenjahre nachgewiesen werden.

Dennoch verunsichern die Gefahren möglicher Wechselwirkungen die Patienten häufig: Im Rahmen von Nachsorgeuntersuchungen spricht etwa ein Viertel der Patienten dieses Thema an. Viele Patienten schränken sich zudem aus Furcht vor Interferenzen im Alltagsleben unnötig ein.

Daher finden sich in der Stellungnahme der DGK und der DGAUM dezidierte Empfehlungen für den Umgang mit vielen Alltagsgeräten, die auf der aktuellen Datenlage der verfügbaren Studien basieren.

Mobiltelefone
Moderne Mobiltelefone und Smartphones mit Internetfunktion stellen ein nur sehr geringes Interferenzrisiko dar. Ein Sicherheitsabstand von 15 cm zum Implantat, wie er noch vor zehn Jahren empfohlen wurde, ist aufgrund der Telefonie- und Internetfunktion nicht mehr erforderlich. In Studien mit Smartphones trat nur ein einziger Fall auf, in dem Störsignale nachgewiesen wurden, nachdem das Handy direkt auf die Hautstelle gelegt wurde, unter der sich das Implantat befindet.
Zu induktiven Ladestationen hingegen sollten Schrittmacher- und ICD-Träger einen Mindestabstand von 10 cm einhalten.

Unterhaltungselektronik und Kopfhörer
MP3-Player können ohne Bedenken genutzt werden. Interferenzen konnten in Studien nicht nachgewiesen werden. Da sie allerdings während der Nachsorgeuntersuchung die Telemetrie zwischen Programmiergerät und Implantat stören können, sollten sie während dieses Zeitraums nicht in Betrieb sein.
Die in Kopfhörern oder Lautsprechern verarbeiteten Dauermagnete können Störungen an Herzschrittmachern und Defibrillatoren erzeugen. Daher sollten sie niemals direkt auf der Stelle platziert sein, an der das Gerät implantiert ist.

Diebstahlsicherungen in Geschäften
Die elektronischen Warensicherungssysteme in den Ein- und Ausgangsbereichen von Kaufhäusern sollten von Device-Trägern zügig passiert werden. Sie sollten sich nicht unnötig lange in deren Magnetfeld aufhalten.
Die größte Interferenzgefahr geht dabei von akustomagnetischen Diebstahlsicherungen aus. Zu RFID-Scannern sollten Herzschrittmacherträger 60 cm und Defibrillator-Träger 40 cm Abstand einhalten.

Metalldetektoren
Sowohl Torbogenmetalldetektoren als auch handbetriebene Detektoren, wie sie an Flughäfen verwendet werden, stellen der Datenlage zufolge kein Risiko für Implantat-Träger dar.

Reisen/Mobilität
Besonders häufig sorgen Patienten sich, ob sie gefahrlos Hybrid- und Elektrofahrzeuge nutzen können. Hier geben die Experten nun Entwarnung: Es konnten bei den Autos keine Wechselwirkungen mit den Devices festgestellt werden.
Auch für die Reise mit dem Flugzeug oder der Bahn gelten keine ärztlichen Einschränkungen.
„Reiserestriktionen für Patienten mit aktiven Herzrhythmusimplantaten können auf Basis der zugrunde liegenden Herzerkrankung indiziert sein, nicht jedoch wegen des reinen Vorhandenseins eines kardialen Implantates“, heißt es in der Stellungnahme der beiden Gesellschaften.

Stromleitungen
Korrekt installierte Stromleitungen im Haus stellen für Schrittmacher- und ICD-Träger kein Gefährdungspotential hinsichtlich elektromagnetischer Interferenzen dar. Zur Vermeidung von Interferenzen sollten Schrittmacher- und ICD-Träger in besonderem Maße auf eine korrekte Erdung von elektrischen Geräten achten und defekte Haushaltsgeräte nicht in Betrieb halten. Auch das Unterqueren von Hochspannungsleitungen oder das Überqueren von Erdkabeln kann sicher erfolgen.

Induktionsherde
Insbesondere schrittmacherabhängige Patienten und ICD-Träger sollten einen Sicherheitsabstand von mindestens 25 cm zwischen Implantat und Induktionsherd einhalten. Einem normalen Gebrauch des Herdes steht somit nichts im Wege.

Körperfettwaagen
Grundsätzlich erscheint das Risiko einer Interferenz gering und rechtfertigt eine Einschränkung hinsichtlich Körperfettwaagen nur bedingt. Schrittmacherpatienten ohne einen ausreichenden eigenen Herzrhythmus sowie ICD-Träger sollten aber vorerst von der Verwendung absehen, da die geringe Fallzahl der bisher untersuchten Patienten keine eindeutige Risikoeinschätzung erlaubt.

Da elektrischen Geräten die Stärke der von ihnen verursachten elektromagnetischen Felder nicht angesehen werden kann, sollte bereits vor der Implantation geklärt werden, ob der Patient im privaten oder beruflichen Umfeld starken Störquellen ausgesetzt ist. Gegebenenfalls kann der behandelnde Arzt vor dem Eingriff Kontakt zu der zuständigen Berufsgenossenschaft aufnehmen, um das Risiko schon im Vorfeld durch die individuell richtige Implantatauswahl und die Einstellung der Geräteparameter zu minimieren.

Bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz muss jeweils im Einzelfall entschieden werden, ob der betroffene Beschäftigte auch weiterhin an seinem bisherigen Arbeitsplatz eingesetzt werden kann oder ob Einschränkungen erforderlich sind. Dies gilt beispielsweise für die Arbeit mit technischem Gerät oder falls der Patient starken Permanentmagneten ausgesetzt ist. Die Beurteilung des Arbeitsplatzes sollte immer in enger Abstimmung zwischen Arbeitgeber, Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit erfolgen. „Das primäre Ziel ist immer der Erhalt des Arbeitsplatzes“, bekräftigen die Experten in der Stellungnahme. „Die Erfahrung zeigt, dass in vielen Fällen eine Wiedereingliederung des Implantatträgers in den betrieblichen Alltag möglich ist.“

Keine Empfehlungen können bisher zu neuen Implantaten wie elektrodenfreien Herzschrittmachern oder rein subkutanen Defibrillatoren gegeben werden, da noch keine ausreichenden Daten vorliegen.

Grundsätzlich gilt für Patienten, dass ihnen bei allen Fragen und Unsicherheiten die jeweiligen Kardiologen oder Betriebsärzte mit fundierten Ratschlägen gerne und kompetent zur Seite stehen.

Medienkontakt DGK:
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie
Pressesprecher: Prof. Dr. Michael Böhm (Homburg/Saar)
Pressestelle: Kerstin Kacmaz, Tel.: 0211 600 692 43, Melissa Wilke, Tel.: 0211 600 692 13
presse@dgk.org

Medienkontakt DGAUM:
Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.
Dr. Thomas Nesseler
Tel. 089/330 396-10
Fax 089/330 396-13
tnesseler@dgaum.de

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK) mit Sitz in Düsseldorf ist eine gemeinnützige wissenschaftlich medizinische Fachgesellschaft mit mehr als 10.000 Mitgliedern. Sie ist die älteste und größte kardiologische Gesellschaft in Europa. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulären Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder und die Erstellung von Leitlinien. Weitere Informationen unter www.dgk.org

Die DGAUM wurde 1962 gegründet und ist eine gemeinnützige, wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft der Arbeitsmedizin und der klinisch orientierten Umweltmedizin. Ihr gehören heute über 1.100 Mitglieder an, die auf dem Gebiet der Arbeitsmedizin und Umweltmedizin arbeiten, vor allem Ärztinnen und Ärzte, aber auch Angehörige anderer Berufsgruppen wie etwa Natur- und Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Die Mitglieder der Fachgesellschaft engagieren sich nicht nur in Wissenschaft und Forschung, um so bereits bestehende Konzepte für die Prävention, die Diagnostik und Therapie kontinuierlich zu verbessern, sondern sie übernehmen die ärztliche und medizinische Beratung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern an der Schnittstelle von Individuum und Unternehmen. Darüber hinaus beraten die Mitglieder der DGAUM alle Akteure, die ihren Beitrag zu der medizinischen Versorgung leisten und auf Fachwissen aus der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention, der arbeits- und umweltbezogenen Diagnostik und Therapie, der Beschäftigungsfähigkeit fördernden Rehabilitation sowie aus dem versicherungsmedizinischen Kontext angewiesen sind. Weitere Informationen unter www.dgaum.de.

Originalpublikation:

https://leitlinien.dgk.org/2019/elektromagnetische-interferenz-von-aktiven-herzr…

Weitere Informationen:

http://www.dgk.org

Quelle: IDW 

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Eisvolumen an Land beeinflusst Methanaustritte am Meeresboden

Ulrike Prange Pressestelle
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

Die wechselnde Eismenge in der Arktis steht in direkter Beziehung zu Methanemissionen aus dem Meeresboden westlich von Spitzbergen (Norwegen). Das bedeutet, die Dicke der Eisdecke an Land steuert, wann Methan aus dem Ozeanboden austritt. Dazu ist jetzt eine Studie in Science Advances erschienen, an der auch Forschende des MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen beteiligt sind.

Große Eisbewegungen aktivieren Verwerfungen der Erdkruste und tragen so zu Methanleckagen am Meeresboden entlang des Kontinentalrandes westlich von Spitzbergen bei. „Unsere Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen sich ändernden kontinentalen Eismengen und Tiefsee-Methanemissionen in der Arktis“, sagt Erstautor Dr. Tobias Himmler vom Norwegischen Geologischen Dienst (NGU).

Forschende des NGU und des Zentrums für arktische Gashydrate, Umwelt und Klima (CAGE) an der Arctic University von Tromsø (Norwegen) haben auf einer Expedition 2016 mehrere Kalksteinproben – sogenannte Seep-Karbonate am Meeresboden – an aktiven Methanaustritten auf dem Vestnesa-Rücken in 1.200 Metern Wassertiefe beprobt. Seep-Karbonate entstehen durch einen mikrobiellen Prozess, bei dem Methan im Meeresboden mit Sulfat reagiert. So geben diese Karbonate einen eindeutigen Hinweis auf Methan, das von unten durch das Sediment aufgestiegen ist. Eine detaillierte Analyse der Seep-Karbonate hat jetzt gezeigt, dass es wiederholt Methanaustritte in den vergangenen 23.000 Jahren seit der letzten Eiszeit gegeben hat.

In Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des MARUM haben die norwegischen Forschenden dann während einer Folgeexpedition an Bord des Forschungsschiffs MARIA S. MERIAN mit dem Meeresbodenbohrgerät MARUM-MeBo70 Seep-Karbonate in tiefen Schichten erbohren können. Anhand von Datierungen der erbohrten Seep-Karbonate mittels der natürlichen radioaktiven Isotope Uran und Thorium konnte das Team zwei weitere Episoden von Methanleckagen nachweisen, und zwar zwischen 160.000 und 133.000 Jahren sowie 50.000 und 40.000 Jahren. In diesen Zeiträumen gab es aktive Methanaustritte am Vestnesa-Rücken, die in den gewonnenen Bohrkernen aufgezeichnet sind. Diese beiden Zeitabschnitte sind durch Kaltzeiten gekennzeichnet, in denen in der Barentssee und auf Spitzbergen das Eisvolumen deutlich zugenommen hatte. Durch die Eisauflast wurde die vom Eis bedeckte Erdkruste eingedrückt. Zum Ausgleich hebt sich außerhalb der Eisbedeckung der Meeresboden – in diesem Fall der Vestnesa-Rücken. Das führte zu Bewegungen entlang von bereits existierenden Störungen in der Erdkruste und ermöglicht den Aufstieg von Methan aus größeren Tiefen.

Während der vergangenen 23.000 Jahre ist das Eis abgeschmolzen – und die darunterliegende Landmasse wieder gestiegen. Das wiederum führte durch einen iso-statischen Ausgleich zum Absenken des Vestnesa-Rückens. Die Resultate des Teams deuten nun darauf hin, dass Methan vor allem dann ausgetreten ist, wenn Eisschildbewegungen die Störungszonen aktiviert haben.

„Seep-Karbonate sind geologische Archive für Methanemissionen am Meeresboden. Wir sind sehr froh, dass wir mit dem Meeresbodenbohrgerät MARUM-MeBo diese Archive auf dem Vestnesa-Rücken erstmals erbohren konnten“, berichtet Gerhard Bohrmann, Fahrtleiter der Expedition. „Methanemissionen sind dabei sowohl während Zeiten der Festlandeiszunahme als auch während der Eisabnahme dokumentiert.“

Die MeBo-Bohrungen wurden mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Kooperation mit CAGE realisiert. Die weiteren Untersuchungen wurden im Projekt „Norwegian margin fluid systems and methane-derived carbonate crusts“ (NORCRUST) vom norwegischen Forschungsrat finanziert.

Beteiligte Institute:
Geological Survey of Norway, Trondheim (Norwegen)
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen
British Geological Survey, Nottingham (Großbritannien)
Department of Geology, Tallinn University of Technology (Estland)
Centre for Arctic Gas Hydrate, Environment and Climate, Department of Geosciences, UiT-The Arctic University of Norway, Tromsø (Norwegen)

Das MARUM gewinnt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse über die Rolle des Ozeans und des Meeresbodens im gesamten Erdsystem. Die Dynamik des Ozeans und des Meeresbodens prägen durch Wechselwirkungen von geologischen, physikalischen, biologischen und chemischen Prozessen maßgeblich das gesamte Erdsystem. Dadurch werden das Klima sowie der globale Kohlenstoffkreislauf beeinflusst und es entstehen einzigartige biologische Systeme. Das MARUM steht für grundlagenorientierte und ergebnisoffene Forschung in Verantwortung vor der Gesellschaft, zum Wohl der Meeresumwelt und im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Es veröffentlicht seine qualitätsgeprüften, wissenschaftlichen Daten und macht diese frei zugänglich. Das MARUM informiert die Öffentlichkeit über neue Erkenntnisse der Meeresumwelt, und stellt im Dialog mit der Gesellschaft Handlungswissen bereit. Kooperationen des MARUM mit Unternehmen und Industriepartnern erfolgen unter Wahrung seines Ziels zum Schutz der Meeresumwelt.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gerhard Bohrmann
Allgemeine Geologie – Marine Geologie
Telefon: 0421 218 65050
E-Mail: gbohrmann@marum.de

Originalpublikation:
Tobias Himmler, Diana Sahy, Tõnu Martma, Gerhard Bohrmann, Andreia Plaza-Faverola, Stefan Bünz, Daniel J. Condon, Jochen Knies, and Aivo Lepland: A 160,000-year-old history of tectonically controlled methane seepage in the Arctic. Science Advances 2019, DOI: 10.1126/sciadv.aaw1450

Weitere Informationen:
http://www.marum.de/Forschung/MSM-57-1.html – Informationen zur Expedition MSM 57
http://www.marum.de/en/Infrastructure/Sea-floor-drill-rig-MARUM-MeBo70.html – Informationen zum Meeresbodenbohrgerät MARUM-MeBo 70
http://www.marum.de/Entdecken/Meldungen.html

Quelle: IDW 

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Doch keine Wassermoleküle im Selektivitätsfilter von Kaliumkanälen

Silke Oßwald Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

Passieren Kaliumionen alleine den Selektivitätsfilter eines Kaliumkanals oder sitzen Wassermoleküle zwischen den Ionen? Diese Frage ist seit Jahren umstritten. Forscher um Prof. Adam Lange vom Berliner Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) haben nun zeigen können, dass keine Wassermoleküle durch den Kaliumkanal wandern. Da die Versuche erstmals an Zellmembranen unter natürlichen Bedingungen durchgeführt wurden, haben die Forscher einen starken Beweis in der Hand. Ihre Arbeit ist soeben im Fachjournal „Science Advances“ erschienen.

Unsere Zellen brauchen Kaliumionen, zum Beispiel um Nervenimpulse weiterzuleiten oder die Herzfrequenz zu steuern. Darum ist fast jede menschliche Zelle – oder genauer gesagt die Membran einer Zelle – mit Kaliumkanälen ausgestattet. Weil Kaliumkanäle eine fundamentale Bedeutung für biologische Prozesse haben und schon kleinste Veränderungen zu schweren Krankheiten führen können, werden die winzigen Eiweißmoleküle weltweit erforscht. Für die Aufklärung der Struktur von Kaliumkanälen hat ein US-Forscher im Jahr 2003 sogar den Nobelpreis für Chemie erhalten.

Kontroverse Debatte um zwei verschiedene Mechanismen
Unklar war jedoch, wie genau Kalium den Kanal passiert, um über die Zellmembran zu gelangen. Lange Zeit ging man davon aus, dass auf jedes Kaliumion ein Wassermolekül folgt und die Elemente dann aufgereiht wie an einer Kette nacheinander den engsten Teil des Kaliumkanals, den sogenannten Selektivitätsfilter, passieren. Erklärt wurde das damit, dass Kaliumionen positiv geladen sind und sich ohne die Zwischenmoleküle gegenseitig abstoßen würden. Dieser Mechanismus wurde 2014 von Göttinger Forschern um Prof. Bert de Groot jedoch in Frage gestellt: Computersimulationen zeigten, dass im Selektivitätsfilter von Kaliumkanälen gar keine Wassermoleküle vorhanden sind. Doch klar war die Sache damit noch nicht. Denn anschließend wurden weitere Arbeiten publiziert, die den älteren Mechanismus stützten und den neuen anscheinend widerlegten.
Nun haben Forscher vom Berliner Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) Klarheit in die kontroverse Debatte gebracht: Dr. Carl Öster und Kitty Hendriks aus der Arbeitsgruppe von Prof. Adam Lange konnten zusammen mit weiteren Kollegen am FMP erstmals mittels Festkörper-Kernspinresonanz (NMR)-Spektroskopie zeigen, dass Kaliumionen tatsächlich ohne Wassermoleküle durch die Kaliumkanäle wandern. Die Kaliumionen sitzen demnach direkt hintereinander und schieben sich gegenseitig von unten nach oben durch den Kaliumkanal.

Unter natürlichen Bedingungen ist der Selektivitätsfilter von Kaliumkanälen frei von Wasser
„Die Technik, die wir verwendet haben, erlaubt es, Membranproteine in echten Zellmembranen unter natürlichen Bedingungen anzuschauen, also etwa bei Raumtemperatur oder physiologischen Salzkonzentrationen“, erklärt Kitty Hendriks. „Damit konnten wir zeigen, dass unter diesen Bedingungen definitiv kein Wasser zwischen den Kaliumionen im Selektivitätsfilter zu finden ist.“
Die ersten Hinweise darauf kamen aus Computersimulationen und es gibt auch röntgenkristallografische Daten, die für die Abwesenheit von Wassermolekülen im Selektivitätsfilter von Kaliumkanälen sprechen. „Diese Untersuchungen wurden allerdings unter künstlichen Bedingungen durchgeführt“, betont Dr. Carl Öster. „Mit unseren ergänzenden Daten aus der NMR-Spektroskopie haben wir jetzt ein schwergewichtiges Argument in der Hand, dass der neuere Mechanismus der richtige ist.“
Den Nachweis, dass keine Wassermoleküle zwischen den Kaliumionen sitzen, haben die FMP-Forscher zusammen mit Kollegen vom Max Planck Institut für Biophysikalische Chemie um Prof. Bert de Groot erbracht, deren computergestützte Molekulardynamiksimulationen ebenfalls mit in die Arbeit eingeflossen sind.

Ein Fortschritt für die Forschung
Entscheidend für die Aufklärung des Mechanismus war, dass das FMP ein weltweit führendes Zentrum für NMR-spektroskopische Untersuchungen ist und diese komplexe Technik ständig weiterentwickelt. „Vor fünf Jahren hätten wir das sicher so noch nicht zeigen können, aber jetzt sind wir so weit, dass wir diese wichtige Fragestellung gut beantworten können“, sagt Arbeitsgruppenleiter Prof. Adam Lange, dessen Schwerpunkt auf der Erforschung von Membranproteinen wie Ionenkanälen liegt. Er fügt hinzu: „Da die Abläufe in den Kaliumkanälen elementar für unsere Gesundheit sind, haben unsere Ergebnisse eine große Bedeutung, auch über die Grundlagenforschung hinaus.“
Finanziell unterstützt wurde die Arbeit durch das European Research Council im Rahmen eines ERC Grants an Prof. Lange und durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; Forschergruppe 2518).

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Adam Lange
Abteilung Molekulare Biophysik (FMP)
alange@fmp-berlin.de
Tel: 0049 30 94793-190
www.leibniz-fmp.de/lange

Originalpublikation:
Carl Öster*, Kitty Hendriks*, Wojciech Kopec, Veniamin Chevelkov, Chaowei Shi, Dagmar Michl, Sascha Lange, Han Sun, Bert L. de Groot, Adam Lange. The conduction pathway of potassium channels is water free under physiological conditions, Science Advances 31. Juli 2019, DOI: 10.1126/sciadv.aaw6756

Weitere Informationen:
https://www.leibniz-fmp.de/de/press-media/filmportraits-2017/filmportraits-2017-…

Quelle: IDW 

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Blut ist dicker als Wasser – und strömt daher anders

Birgit Kinkeldey Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM)

Die Art und Weise, wie Blut durch die Gefäße strömt, spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa Thrombosen und Arteriosklerose. Allerdings sind die physikalischen Grundlagen des Blutstroms kaum bekannt. Blut ist heterogener als Wasser und wird von einer Pumpe, dem Herzen, angetrieben, es pulsiert. Bisherige Experimente zum Strömungsverhalten basieren aber in der Regel auf Wasser, das sich gleichförmig bewegt. Ein interdisziplinäres Team aus der Physik, den Ingenieurswissenschaften und der Medizin will diese Wissenslücke nun schließen – mit dabei ist das Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) der Universität Bremen.

Pumpen und Kanäle, Herzen und Gefäße
Sowohl in technischen als auch biologischen Systemen sind pulsierende Strömungen allgegenwärtig. Durch die getaktete Beschleunigung der Flüssigkeit durch Pumpen – oder durch das menschliche Herz – entstehen häufig Phänomene, die zu technischen Problemen oder kardiovaskulären Erkrankungen führen können. Die neu eingerichtete Forschungsgruppe „Instabilitäten, Bifurkationen und Migration in pulsierender Strömung“ beschäftigt sich mit Krankheiten, die viele Menschen betreffen und nicht selten tödlich verlaufen: Ablagerungen in den Blutgefäßen, Thrombosen und ähnliche Leiden, bei denen sich Feststoffe im Blutkreislauf ablagern und den Blutfluss behindern, so dass im schlimmsten Fall das Herz-Kreislauf-System zusammenbricht. Diese Ablagerungen entstehen unter anderem dort, wo das Blut nicht mehr ideal strömen kann. Genaue Kenntnis des Strömungsverhaltens von Blut könnte also dabei helfen, die Ursachen dieser Krankheiten besser zu verstehen – und mittelfristig auch, diese Krankheiten zu vermeiden oder effektiver zu therapieren.

Die Grundlagen der Strömungsphysik von Blut und anderen ähnlich komplexen Flüssigkeiten, die überdies von einer Pumpe angetrieben werden, sind weitestgehend unerforscht. Nicht nur im menschlichen Körper, sondern auch in der Industrie fließen Flüssigkeiten nicht gleichförmig durch ein einfaches Röhrensystem. In den allermeisten Fällen pulsieren sie in einem bestimmten Takt. Vereinfacht gesagt: Sie sind mal langsamer (wenn die Pumpe gerade nicht pumpt) und mal schneller (wenn sie pumpt). Auch an verschiedenen Stellen des Röhrensystems variiert die Strömungsgeschwindigkeit oder es kommt zu Wechselwirkungen zwischen Strömung und Wand, was zu Verwirbelungen und Turbulenzen führt. Fließt zudem etwas anderes als Wasser durch die Leitungen, also etwa Blut oder Dispersionsfarben, und ist das Röhrensystem, durch das diese Flüssigkeiten strömen, so komplex wie das Blutgefäßsystem, werden Simulationen dieser Strömungen zu einer hochkomplizierten Angelegenheit.

Simulation des Blutkreislaufs
Dieser Herausforderung möchte sich die Forschungsgruppe nun stellen. In den kommenden Jahren erforscht sie, nach welchen Gesetzmäßigkeiten komplexe Flüssigkeiten durch solche Leitungssysteme fließen. Zunächst wird der Einfluss eines pulsierenden Antriebs auf das einfachste System, also Wasser, untersucht. Darauf aufbauend wird die Komplexität der Flüssigkeit erhöht, bis hin zur Zusammensetzung von Blut. Neben geraden Röhren werden verschiedene Strömungsgeometrien zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel Krümmungen oder elastische Wände. Die eingesetzten Methoden reichen von Experimenten mit turbulenten Strömungen über Computersimulationen bis hin zu Messungen in Blutgefäßen. Das Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis von Blutströmungen zu erlangen und dadurch auch hochkomplexe wechselwirkende Prozesse in seine Bestandteile zerlegen zu können. Auf dieser Basis kann dann die dringend benötigte theoretische Beschreibung der Instabilitäten in Blutströmungen entwickelt werden.

Projektperspektive und Beteiligte
Am Ende der ersten Förderperiode von drei Jahren möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Grundlagen für ein tragfähiges theoretisches Modell für das Strömungsverhalten von Blut und ähnlichen Flüssigkeiten erarbeitet und mit Experimenten verifiziert haben. Falls die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) beschließt, die Forschungsgruppe in einer weiteren Periode zu fördern, könnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Erkenntnisse zu einem vollständigen physikalischen Modell der Blutströmung ausbauen.

Die Forschungsgruppe FOR 2688 „Instabilitäten, Bifurkationen und Migration in pulsierender Strömung“ wird von der DFG ab August 2019 für drei Jahre mit rund zwei Millionen Euro gefördert. 700.000 Euro davon erhält die Universität Bremen. Weitere Partner im Verbund sind die Universität des Saarlandes, die Universität Bayreuth sowie das Helmholtz-Institut Nürnburg-Erlangen, das IST in Klosterneuburg bei Wien und die eidgenössische Forschungsanstalt WSL in Zürich.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Kerstin Avila
Tel.: 0421 218-57827
E-Mail: kerstin.avila@zarm.uni-bremen.de

Weitere Informationen:

https://www.zarm.uni-bremen.de/de/presse/einzelansicht/article/blood-is-thicker-…

Quelle: IDW 

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Das Moralverständnis von Kindern näher erforschen

Christoph Möckel Marketing / PR
SRH Hochschule für Gesundheit

Prof. Dr. Susanne Hardecker beschäftigt sich in ihrer neuen Publikation mit der Fragestellungen wie: „Werden Kinder rigide in ihrer eigenen Moral, wenn sie Anweisung von Erwachsenen erhalten?“

„Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren“, behauptete die berühmte Reformpädagogin Maria Montessori einmal. Doch wie verhalten sich Kinder, wenn man ihnen klare Anweisungen gibt und wie beeinflusst dies deren Moralvorstellungen?

Dieser Frage geht Prof. Dr. Susanne Hardecker, Professorin für Methodenlehre in den Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit, auf den Grund. Im Journal of Experimental Child Psychology veröffentlicht sie nun eine Studie mit dem Titel „Adult instruction limits children’s flexibility in moral decision-making“, die sich thematisch mit der moralischen Entwicklung von Kindern beschäftigt.

Zu diesem Zweck wurden 48 Paare aus jeweils zwei 5-jährigen Kindern bei einem gemeinsamen Spiel beobachtet, in dem sie gemeinsam durch Kooperation versuchen mussten, Bauklötze zu erspielen. Diese Bauklötze konnten sie später individuell gegen Überraschungen eintauschen, wobei ein Kind umso mehr Überraschungen erhielt, je mehr Bausteine es hatte. Die Paare wurden einer von drei Bedingungen zugeteilt: (a) entweder erhielten sie die Anweisung durch einen Erwachsenen die Bausteine, die sie durch das Spiel erzielt hatten, gleich aufzuteilen, oder (b) durften selbst Regeln bilden wie die Bausteine aufgeteilt werden oder (c) erhielten keinerlei Form der Instruktion. In allen Bedingungen teilten die Kinder die Bausteine jedoch immer gleich auf, es unterschied sich also lediglich der Weg, wie sie zur Gleichaufteilung kamen.

Anschließend wurde dieser Test mit den Kindern wiederholt, allerdings mit neuen Interaktionspartnern, die sich mehr im Spiel anstrengen mussten als die Kinder selbst und bedürftiger waren, da sie mehr Bausteine brauchten als das Kind, um eine Überraschung zu gewinnen. Die Studie untersuchte nun, wie sehr die Kinder bereit sein würden, von der vorangegangenen Gleichaufteilung abzuweichen, wenn es einen guten Grund, also mehr Leistung oder Bedürftigkeit, dafür gibt.

Prof. Dr. Susanne Hardecker und ihr Team fanden heraus, dass Kinder, die eine Instruktion durch einen Erwachsenen erhielten, dem bedürftigen bzw. schwerer arbeitenden Partner weniger Bausteine abgaben, als die Kinder, die keine Instruktion erhielten. Kinder ließen sich also durch das erwachsene Urteil in ihren moralischen Entscheidungen einschränken und blieben häufiger bei der Gleichaufteilung.

Diese Studie ist ein wichtiger Beitrag dahingehend, die Komplexität des moralischen Lernens von Kindern zu begreifen und die vielseitigen Rollen zu verstehen, die Erwachsene und Gleichaltrige dabei spielen.

Die Studie können Sie hier [https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022096519301262?via%3Dihub] im Detail lesen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Susanne Hardecker, Professorin für Methodenlehre in den Gesundheits- und Sozialwissenschaften
E-Mail: susanne.hardecker@srh.de
Campus Gera
Telefon: +49 365 773407-23

Quelle: IDW 

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Fakten: Sonne belastet etwa jeden siebten Beschäftigten

Jörg Feldmann Pressestelle
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Etwa jeder siebte Beschäftigte in Vollzeit (14 Prozent) verbringt mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit im Freien. Jedoch erhält nur rund jeder dritte Betroffene (39 Prozent) eine regelmäßige Unterweisung über Gefährdungen durch die Sonnenstrahlung. Diese und andere Ergebnisse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 enthält das jetzt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) veröffentlichte Faktenblatt „Arbeiten im Freien – Beschäftige vor UV-Strahlung schützen“.

Rund 290.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland neu an Hautkrebs. Die UV-Anteile der Sonnenstrahlung lösen dabei häufig aktinische Keratosen und das Plattenepithelkarzinom aus. Diese Formen des weißen Hautkrebses sind seit 2015 als Berufskrankheit anerkannt. Bei der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 gab etwa jeder siebte in Vollzeit arbeitende Befragte (14 Prozent) an, mehr als die Hälfte der Arbeitszeit im Freien zu verbringen. Sie arbeiten zumeist im Baugewerbe (91 Prozent), dem Gartenbau und der Floristik (85 Prozent) oder der Land- und Forstwirtschaft (81 Prozent). Jedoch liegt der Anteil auch in Berufen wie beispielsweise Fahrern oder Gebäudetechnikern bei rund 40 Prozent. Bei den Betroffenen handelt es sich überwiegend um Männer (87 Prozent).

Die Beschäftigten sehen sich im Freien nicht nur der UV-Strahlung der Sonne ausgesetzt. Rund zwei von drei Betroffenen (69 Prozent) arbeiten auch häufig unter Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Zugluft. Auch befinden sich Dreck und Schmutz sowie Rauch, Staub und Gase häufiger in ihrer Arbeitsumgebung. Insgesamt berichten die viel im Freien Arbeitenden häufiger über Reizungen der Haut (16 Prozent) als andere Beschäftigte (11 Prozent).

Von den Erwerbstätigen, die überwiegend im Freien arbeiten, erhält nur jeder etwa Dritte (39 Prozent) eine regelmäßige Unterweisung über die Gefährdungen durch Sonnenstrahlung. Dabei finden in größeren Betrieben, in der Bauwirtschaft sowie in Betrieben, die eine Mitarbeitervertretung haben oder Maßnahmen der Gesundheitsförderung durchführen, deutlich häufiger Unterweisungen statt.

Die Ergebnisse zeigen, dass es verschiedene Berufe gibt, in denen Beschäftigte durch die Arbeit im Freien ein erhöhtes Hautkrebsrisiko tragen. Rund 60 Prozent der Betroffenen erhalten keine regelmäßige Unterweisung. Letztlich lassen sich die Risiken durch die UV-Anteile der Sonnenstrahlung durch angepasste Schutzmaßnahmen und angepasstes Verhalten verringern. Neben der Aufklärung der Beschäftigten durch den Arbeitgeber gehören dazu Maßnahmen wie beispielsweise eine ausreichende Verschattung der Arbeitsplätze oder das Tragen angemessener Kleidung zum Sonnenschutz.

baua: Fakten „Arbeiten im Freien – Beschäftige vor UV-Strahlung schützen“ gibt es als PDF im Internetangebot der BAuA unter http://www.baua.de/dok/8819866.

Forschung für Arbeit und Gesundheit
Die BAuA ist eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des BMAS. Sie betreibt Forschung, berät die Politik und fördert den Wissenstransfer im Themenfeld Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Zudem erfüllt die Einrichtung hoheitliche Aufgaben im Chemikalienrecht und bei der Produktsicherheit. An den Standorten Dortmund, Berlin und Dresden sowie in der Außenstelle Chemnitz arbeiten über 700 Beschäftigte.
http://www.baua.de

Quelle: IDW 

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„Ihr ganz persönlicher Einsatz für die Umwelt“ – Citizen-Science-Projekt zum Gewässerschutz

Dr. Utz Lederbogen Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Osnabrück

OSNABRÜCK.- Zum ersten Mal haben Bürgerinnen und Bürger aus dem Weser-Ems-Gebiet die Möglichkeit, aktiv an einem Forschungsprojekt zum Gewässerschutz der Universitäten Osnabrück und Oldenburg teilzunehmen. Das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt inhaltlich und finanziell geförderte Projekt „Schüler und Bürger forschen zusammen mit Wissenschaftlern zum Thema Stickstoffbelastung von Gewässern“ bietet dabei die Möglichkeit, sich für die nachhaltige Wassernutzung einzusetzen. Ab sofort können sich Bürgerinnen und Bürger unter www.nitrat.uos.de für das Nitrat-Monitoring anmelden.

An dem Monitoring teilnehmen können alle Bürgerinnen und Bürger aus den Landkreisen Osnabrück (Nord), Cloppenburg, Vechta und Emsland sowie aus der Stadt Osnabrück. Nach der Anmeldung erhalten sie kostenlos von den Universitäten in Osnabrück und Oldenburg alle Materialien zur Messung der Nitrat-Konzentration in einem beliebigen Gewässer in ihrer Region. Die Federführung für das Projekt hat an der Universität Osnabrück die AG Chemiedidaktik (Prof. Dr. Marco Beeken) und an der Universität Oldenburg die AG Chemiedidaktik (Prof. Dr. Verena Pietzner)

Das Nitrat-Monitoring läuft über einen Zeitraum von anderthalb Jahren (September 2019 – Februar 2021), wobei die einzelnen Messungen etwa zweiwöchentlich stattfinden. Die Messung ist ganz einfach: Sie erfolgt in den meisten Fällen über Nitrat-Teststäbchen, welche für einige Sekunden in eine Gewässerprobe gehalten werden. Anschließend wird die Farbe eines Testfeldes mit einer Farbskala verglichen und die entsprechende Nitratkonzentration einfach abgelesen und in einer App hochgeladen.

Begleitet werden die teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger über den gesamten Zeitraum von sogenannten Forschungspaten, also von Schülerinnen und Schülern aus ihrer Region, welche ein Seminarfach rund um das Thema Nitrat belegen und sie bei Fragen zum Nitrat-Monitoring unterstützen können. Fragen zur Anmeldung oder zum allgemeinen Ablauf des Nitrat-Monitorings beantwortet die wissenschaftliche Mitarbeiterin Frauke Brockhage unter frauke.brockhage@uos.de

Zwischenergebnisse und Ergebnisse des Nitrat-Monitorings werden regelmäßig als Wanderausstellung an den Regionalen Umweltzentren in der Region ausgestellt – hier wird vor Beginn des Nitrat-Monitorings auch eine offizielle Eröffnungsveranstaltung stattfinden.

„Das Projekt an den Universitäten Osnabrück und Oldenburg ist entstanden, weil insbesondere im Weser-Ems-Land und im nördlichen Osnabrücker Land das Thema Nitratbelastung in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion einen immer größer werdenden Stellenwert einnimmt“, so der Chemiedidaktiker an der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Marco Beeken. Seit Jahren werde von einer steigenden Nitratbelastung berichtet, wobei die Schuldzuweisungen oftmals einseitig seien und es trotz des hohen Interesses seitens der Bürgerinnen und Bürger es an fachlichen Informationen mangele. „Gleichzeitig ist in der modernen Gesellschaft ein zunehmender Bedarf am Verständnis fachwissenschaftlicher Errungenschaften erkennbar. In diesem Kontext ist der Citizen-Science-Ansatz entstanden, bei denen interessierte Bürgerinnen und Bürger unmittelbar an der Forschung zu hochaktuellen Fragestellungen teilnehmen“, erläutert Beeken.

Im Weser-Ems-Gebiet werden folgende Schulen an dem Projekt teilnehmen: Albertus-Magnus Gymnasium Friesoythe (LK Cloppenburg), Clemens-August-Gymnasium Cloppenburg (LK Cloppenburg), Gymnasium Liebfrauenschule Cloppenburg (LK Cloppenburg), Copernicus Gymnasium Löningen (LK Cloppenburg), Gymnasium Damme (LK Vechta), Gymnasium Bersenbrück (LK Osnabrück), Gymnasium Angelaschule Osnabrück (Stadt Osnabrück), Windthorst-Gymnasium Meppen (LK Emsland), BBS am Museumsdorf, Cloppenburg (LK Cloppenburg).

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Marco Beeken und Frauke Brockhage, Universität Osnabrück
Chemiedidaktik
Barbarastraße 11, 49076 Osnabrück
Tel: +49 541 969 2351
E-Mail: frauke.brockhage@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Verena Pietzner und Mientje Lüsse, Universität Oldenburg
Chemiedidaktik
Carl-von-Ossietzky-Str. 9-11, 26129 Oldenburg
Tel: +49 441 798 3691
Email: mientje.luesse@uni-oldenburg.de

Weitere Informationen:

https://www.chemie.uni-osnabrueck.de/forschung/didaktik_der_chemie/forschung/cit…

Quelle: IDW 

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Neue Studie zur Bedeutung von Influencerinnen für gestörtes Essverhalten bei Mädchen und Frauen

Kristina Staudinger Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Hochschule Landshut

Hochschule Landshut und IZI führen Studie zur Bedeutung von Influencerinnen für gestörtes Essverhalten bei Mädchen und Frauen durch. Das Ergebnis: Die Nutzung von Instagram kann Essstörungen verstärken.

Instagram ist für viele Mädchen und Frauen ein Begleiter auf dem Weg in die Essstörung, kann in Einzelfällen aber auch zur Genesung beitragen. Dies zeigt eine aktuelle Studie, die das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) gemeinsam mit der Hochschule Landshut durchführte und auf der Jahrestagung des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE) vorstellte. Dazu wurden in Kooperation mit dem Bundesfachverband Essstörungen BFE und der Schön Klinik 143 Menschen befragt, davon 138 Mädchen und Frauen, die sich aktuell in Behandlung wegen Essstörungen befanden. Das Ergebnis: Influencerinnen aus dem Modemodel-Bereich, wie Heidi Klum oder Lena Gercke, können ein überkritisches Verhältnis zum eigenen Körper verstärken. Fitness-Influencerinnen, wie Pamela Reif oder Anne Kissner, regen zu vermehrtem Training und zur Nachahmung des Essverhaltens der Influencerinnen an und begleiten so Mädchen und Frauen auf ihrem Weg in die Essstörung. Influencerinnen wie Fine Bauer, die als Curvy Model für Body Positivity steht, können aber auch bei der Heilung einer Essstörung unterstützen.

Influencerinnen als Vorbild für junge Menschen
Prof. Dr. Eva Wunderer, die an der Hochschule Landshut die Studie wissenschaftlich begleitet, betont: „Influencerinnen haben eine starke Wirkung auf junge Menschen. Sie müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein. Was viele Klicks erzeugt, ist nicht zwangsläufig auch gut für die Followerinnen und Follower.“ Da Essstörungen komplexe psychosomatische Erkrankungen sind, sind es zwar nicht die Influencerinnen allein, die eine Essstörung auslösen. Doch sie leben Werte vor, zeigen Ziele im Leben auf und können zum konkreten Vorbild für essgestörtes Verhalten werden.

Konsequenzen von Instagram-Postings im realen Leben
So gaben drei Viertel (74 %) der Mädchen und Frauen mit Essstörungen an, aktiv auf Instagram Bilder von sich zu posten. Dabei sei es ihnen besonders wichtig, „schlank“ auszusehen, aber auch, sich „von der besten Seite zu zeigen“ und „natürlich“ zu erscheinen. Um dies zu erreichen, nutzen sieben von zehn (72 %) Befragte Filter-Apps, um z.B. die Haut zu korrigieren, die Zähne aufzuhellen oder Gesicht und Körper schlanker zu gestalten. Doch trotz Nachbearbeitung können die eigenen Bilder in den Augen der Befragten dem Vergleich mit anderen nicht standhalten. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen realen Körper steigt. Die Mädchen und jungen Frauen beginnen, ihr Ess- und Trainingsverhalten zu verändern; die virtuelle Lebenswelt greift in den realen Alltag ein.

Influencerinnen als Begleiterinnen in die Krankheit
Auf die Frage nach bekannten Persönlichkeiten, die besonderen Einfluss auf die Entwicklung der Essstörung hatten, nennen die Befragten eine ganze Reihe von Namen. So gibt die Hälfte der befragten Frauen und Mädchen an, Heidi Klum habe mindestens „ein wenig Einfluss“ auf die Entwicklung ihrer Essstörung gehabt. Lena Gercke, die Gewinnerin der ersten Staffel von Germany’s Next Topmodel, wird von jeder Dritten als bedeutsam beschrieben. Jede vierte Befragte schreibt Fitness-Influencerin Pamela Reif einen Einfluss auf die Essstörung zu, 18% aller Befragten geben an, sie hätte sogar einen „sehr starken Einfluss“ auf ihre Erkrankung gehabt. Ein weiterer, mehrfach als bedeutsam genannter Name ist Anne Kissner.

Wo Influencerinnen bei der Heilung unterstützen
Die Studie zeigt allerdings auch, dass Influencerinnen zur Erweiterung des Schönheitsideals und zu einer positiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper beitragen können. Explizit genannt wird zum Beispiel Fine Bauer: Als Model für große Größen half sie einer Betroffenen, ihren Körper so zu akzeptieren, wie er ist. „Diese Positivbeispiele zeigen: Wir brauchen dringend mehr Realitätsnähe, Individualität und diversere Körperbilder in der Medienlandschaft insgesamt, insbesondere aber auch bei den Influencerinnen“, sagt Dr. Maya Götz, Leiterin der Studie am Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Eva Wunderer
Hochschule Landshut
eva.wunderer@haw-landshut.de

Dr. Maya Götz
Leiterin der Studie am
Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen
Tel.: +49 (0)89 – 5900 42264
Maya.Goetz@br.de
www.izi.de
www.maya-goetz.de

Anhang
Pressemeldung_Studie Essstörung und Social Media
https://idw-online.de/de/attachment72545

Quelle: IDW 

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KIT-Experte zu aktuellem Thema: Hitzewellen und Rekordtemperaturen – was bringt die Zukunft?

Monika Landgraf Strategische Entwicklung und Kommunikation – Gesamtkommunikation
Karlsruher Institut für Technologie

Die aktuelle Hitzewelle hat Deutschland fest im Griff, der Temperaturrekord aus dem Jahr 2015 in Kitzingen, wurde bereits am Mittwoch, 24. Juli 2019, um mehr als ein Grad übertroffen und wurde gestern (25. Juli) geradezu pulverisiert: 42,6 Grad Celsius wurden in Lingen (Ems) gemessen, wie der Deutsche Wetterdienst inzwischen bestätigt. Eine Frage, die daraus gerade angesichts des Klimawandels folgt und an der das KIT forscht, lautet: Werden diese Extreme bald Normalität?

„Aussagen von neuen Modellen, die wir hier am KIT in hoher räumlicher Auflösung errechnet haben, lassen Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius in den nächsten zehn Jahren fast jährlich erwarten“, sagt Christoph Kottmeier, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung – Department Troposphärenforschung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Auch Hitzewellen, wie wir sie zurzeit erleben, würden künftig häufiger, so der Klimaforscher: „Insbesondere bis Mitte des Jahrhunderts erwarten wir eine signifikante Änderung. Hitzewellen werden dann deutlich wahrscheinlicher sein als heute.“

Die Angst vor Temperaturen jenseits der 45-Grad-Marke, sei in naher Zukunft jedoch unbegründet. „Davon sind wir noch sehr weit weg. Unsere Modelle zeigen, dass gegen Mitte des Jahrhunderts 42 Grad so oft knapp erreicht werden dürften wie heute 40 Grad Celsius. Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte dürften in Deutschland Temperaturen von mehr als 45 Grad Celsius erreicht werden“, betont Kottmeier. „Nicht zu unterschätzen sind aber lokale Hitzespitzen in Städten, etwa an Kreuzungen oder Baustellen. Auch in Karlsruhe konnten wir gestern an einem solchen Hotspot 42 Grad Celsius messen.“

Für weitere Informationen stellt der Presseservice des KIT gern Kontakt zu Christoph Kottmeier her. Bitte wenden Sie sich an Timo Schreck, Tel. 0721 608-21152, E-Mail an timo.schreck@kit.edu, oder das Sekretariat, Tel. 0721 608-21105, E-Mail an presse@kit.edu.

Im Portal „KIT-Expertinnen und -Experten“ finden Sie weitere Ansprechpartner zu Highlights aus der Forschung des KIT sowie zu tagesaktuellen Themen: https://www.sek.kit.edu/kit_experten.php.

Freundliche Grüße
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Strategische Entwicklung und Kommunikation (SEK)

Monika Landgraf
Leiterin Gesamtkommunikation
Pressesprecherin

Kaiserstraße 12
76131 Karlsruhe
Telefon: +49 721 608-21105
E-Mail: presse@kit.edu
http://www.kit.edu

KIT – Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Timo Schreck
Tel. 0721 608-21152
timo.schreck@kit.edu

oder

Sekretariat
Tel. 0721 608-21105
presse@kit.edu

Weitere Informationen:
https://www.sek.kit.edu/kit_experten.php

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Arbeitsgedächtnis von Schimpansen ähnelt unserem

Sandra Jacob Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Anders als Menschen verwendeten die Schimpansen keine Suchstrategie, um die Aufgabe zu vereinfachen
Frühere Studien zeigten bereits, dass Schimpansen ein exzellentes Langzeitgedächtnis besitzen. Bisher war allerdings wenig über ihr Arbeitsgedächtnis bekannt. Um dieses näher zu erforschen, präsentierten die Forscher Schimpansen eine Aufgabe: Die Schimpansen konnten zunächst beobachten, wie Futter in verschiedenen undurchsichtigen Boxen versteckt wurde. Dann konnten die Menschenaffen eine Box auswählen, indem sie auf sie zeigten. War Futter in der Box enthalten, erhielten sie diese als Belohnung. Nach jeder Wahl wurden die Boxen für 15 Sekunden abgedeckt, dann durften die Schimpanse erneut wählen.

Um an alle Futterstücke zu gelangen müssen sich die Schimpansen fortlaufend merken, welche Boxen sie bereits ausgewählt haben und daher kein Futter mehr enthalten. Die Wissenschaftler erhöhten die Schwierigkeit der Aufgabe je nach Fähigkeit des einzelnen Schimpansen, indem sie entweder weitere Boxen hinzufügten oder die Reihenfolge der Boxen nach jeder Wahl änderten. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich das Arbeitsgedächtnis von Schimpansen und Menschen ähnlicher ist, als bislang angenommen: Die Schimpansen erinnerten sich mindestens an vier zuvor ausgewählte Boxen, ein junger Schimpanse sogar an mehr als sieben Boxen. Dabei spielt sowohl das Aussehen der Boxen als auch deren Position eine Rolle, berichten die Forscher.

Menschen schneiden normalerweise schlechter ab in Arbeitsgedächtnisaufgaben, wenn sie zwischendurch abgelenkt werden. Auch die Schimpansen haben in dieser Aufgabe schlechter abgeschnitten, wenn sie gleichzeitig eine zweite, ähnliche Aufgabe durchführen sollten. Die individuellen Unterschiede in dieser Arbeitsgedächtnisaufgabe waren über mehrere Monate stabil. Anders als Menschen verwendeten die Schimpansen allerdings keine Suchstrategie, um die Aufgabe zu vereinfachen. Keiner der Schimpansen kam auf die Idee, die Boxen der Reihe nach zu durchsuchen.

Die Studie zeigt, dass Schimpansen ähnlich wie Menschen ein Arbeitsgedächtnis besitzen, das es ihnen erlaubt, sich fortlaufend an eine Reihe von vorangegangen Ereignissen und Handlungen zu erinnern. Ihre Arbeitsgedächtniskapazität scheint sich dabei nicht grundlegend von der des Menschen zu unterschieden. „Unsere Studie zeigt, dass Schimpansen ähnlich abschneiden wie siebenjährige Kinder in einer für sie leicht verständlichen Arbeitsgedächtnisaufgabe, die ohne langwieriges Training auskommt“, sagt Christoph Völter, Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Christoph Völter
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig &
Veterinärmedizinische Universität Wien
+43 1 25077-2670
christoph.voelter@vetmeduni.ac.at

Originalpublikation:

Völter C. J., Mundry R., Call J., Seed A. M.
Chimpanzees flexibly update working memory contents and show susceptibility to distraction in the self-ordered search task
Proceedings of the Royal Society B, 24 July 2019, http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2019.0715

Quelle: IDW 

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„Hepatitis ist für mehr Todesfälle verantwortlich als HIV oder Tuberkulose!“

Karola Neubert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

„Findet die fehlenden Millionen!“ lautet das Motto des diesjährigen Welt-Hepatitis-Tages am 28. Juli 2019. Nach wie vor ist von einer großen Dunkelziffer von Menschen mit unentdeckter Hepatitis B und C auszugehen: Etwa 290 Millionen Menschen – so die Schätzungen – ahnen nichts von ihrer Infektion und den möglichen Folgen. Prof. Ulrike Protzer, Hepatitis-Forscherin am DZIF, sieht dringenden Handlungsbedarf.

Was macht die Hepatitis so gefährlich?
Ulrike Protzer: Die Virushepatitis ist für mehr Todesfälle verantwortlich als HIV oder Tuberkulose. Viel zu lange ist die Zahl der Betroffenen komplett unterschätzt worden, sodass zu wenig politische Maßnahmen ergriffen wurden. Es gab beispielsweise keine Diagnosekampagnen wie bei HIV. Die WHO hat das Problem jetzt erkannt und ruft dazu auf, mehr zu tun. Ihr Ziel ist die drastische Senkung der Zahlen für Neuerkrankungen und Todesfälle bis 2030. Dazu gehört auch der Aufruf zum Welt-Hepatitis-Tag, die fehlenden Millionen zu finden. Denn die Dunkelziffer ist enorm groß.

Wie kann man die Betroffenen aus dem Dunkel holen, um ihnen zu helfen?
Ulrike Protzer: Es müssen massive Screening-Kampagnen gefahren werden, nur durch Aufklärung können wir die Patienten ausfindig machen. Das Tückische an der Hepatitis ist ja ihre Fähigkeit, lange ohne Symptome im Körper zu sein. Der Betroffene merkt nichts von der Infektion, aber trotzdem geht seine Leber kaputt. Hier hilft Aufklärung und dann Behandeln – dafür benötigt man mehr Geld. Wichtig wird es auch sein, die Stigmatisierung der Krankheit zu durchbrechen. Keiner möchte gerne zugeben, Überträger einer Krankheit zu sein. Viele Betroffene scheuen daher eine Diagnose, weil sie – und das zu Recht – Nachteile befürchten.

Was wird im DZIF im Kampf gegen die Virushepatitis getan?
Ulrike Protzer: Es gibt drei Maßnahmen, die entscheidend sind, um die WHO-Ziele zu erreichen. Erstens: Impfen, um eine Erkrankung zu verhindern. Hier fehlt uns ein Impfstoff für Hepatitis C, für die Hepatitis B müssen wir die Impfraten weiter verbessern. Zweitens: Diagnostizieren, um behandeln zu können. Dies setzt Aufklärungskampagnen voraus, wie wir das im Rahmen eines internationalen Konsortiums mit der „B“ Aware Kampagne“ begonnen haben. Und drittens: Behandeln, was insbesondere bei Hepatitis B bisher nicht ausreichend funktioniert. In allen drei Bereichen ist das DZIF aktiv und kann bereits wichtige Erfolge vorweisen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Ulrike Protzer
protzer@tum.de

Weitere Informationen:

https://www.dzif.de/de/hepatitis Hepatitis-Forschung im DZIF

Quelle: IDW 

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Trockenzeiten und Starkregen: Was der Klimawandel für die Wasserqualität in Talsperren bedeutet

Kim-Astrid Magister Pressestelle
Technische Universität Dresden

Die Trinkwasserversorgung in Sachsen wird durch ein stabiles Talsperrennetz gesichert. Doch die Folgen des Klimawandels beeinflussen die Gewässer zunehmend. Die Talsperren müssen längere Trockenzeiten ebenso ausgleichen können wie plötzlich auftretenden Starkregen. Aufgrund der steigenden Wassertemperaturen, verstärkt sich das Wachstum von Algen; das wertvolle Rohwasser wird knapper.

Das sind die Ergebnisse einer Studie, für die Kathrin Jäschke, Doktorandin am Institut für Hydrobiologie an der TU Dresden die seit den 60er, 70er und 80er Jahren erhobenen Daten von 43 Talsperren und die Gewässergüte von sechs Trinkwassertalsperren in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Trinkwassertalsperren e.V. ausgewertet hat.
Auf einem Symposium mit Talsperrenbetreibern, Wasserversorgern, Behörden und Wissenschaftlern im thüringischen Erfurt stellte sie die Ergebnisse vor und diskutierte mit den Teilnehmern Strategien zur künftigen Bewirtschaftung.

„Die Wassertemperaturen zeigen in den oberen Wasserschichten steigende Trends zu allen Jahreszeiten. Vor allem im Frühjahr haben sie bis zu 3 Kelvin seit den 80er Jahren zugenommen. Insbesondere in den tieferen Lagen bis 500 Meter frieren die Gewässer im Winter nur noch selten über einen längeren Zeitraum zu. Dadurch setzt das Algenwachstum früher ein bzw. wird kaum noch unterbrochen. Da die Gewässer im Frühjahr gut durchmischt sind, verteilen sich die Algen über die gesamte Wassersäule und ein Ausweichen der Rohwasserentnahme auf andere, algenärmere, Bereiche ist nicht möglich“, erläutert Jäschke. „Für die Wasseraufbereitung bedeutet ein verstärktes Algenwachstum mehr Filtrationsleistung im Wasserwerk.“

Die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen gehen im Sommer weiter. Die Sommerstagnation, also die Warm-Kalt-Schichtung der Gewässer, setzt ebenfalls früher ein. In die tieferen Schichten dringt dann kein Sauerstoff mehr vor. Theoretisch müsste der Vorrat an kaltem, sauerstoffreichen und klarem Tiefenwasser für die Rohwasserbereitstellung also länger halten. Allerdings wird der Sauerstoff durch den mikrobiellen Abbau von abgestorbenen Algen und Kleinstlebewesen aufgezehrt. Je nährstoffreicher die Talsperre, desto mehr wachsen die Algen, es wird mehr Sauerstoff beim Abbau verbraucht und der Vorrat geht schneller zur Neige.

„Auch das ist für die Wasseraufbereitung ungünstig, da ohne Sauerstoff Nährstoffe wie Phosphor und die Elemente Mangan und Eisen in Lösung gehen. Die Nährstoffe gelangen bei der Herbstdurchmischung in die oberen Schichten und sind ein idealer Dünger für Algen. Außerdem fallen im Wasserwerk das gelöste Eisen und Mangan unter Sauerstoffzufuhr wieder aus und führen zu einer Verockerung, also einem Zusetzen der Rohrleitungen. Wenn der Herbst warm ist und die Sommerstagnation dadurch lange anhält, verstärken sich diese Prozesse“, fasst Kathrin Jäschke die Ergebnisse zusammen. Die Wasserwerke können diesen Entwicklungen mit einem Aufbereitungsprozess, der sogenannten „Enteisenung und Entmanganung“ bei der Rohwasseraufbereitung entgegenwirken. Sauerstoffmatten oder Belüftung beugen schon jetzt in stark betroffenen Talsperren sauerstoffarmen Verhältnissen vor. „Weiterhin ist durch einen früheren Beginn der Sommerstagnation bei einigen Talsperren der Rohwasservorrat bereits zeitig, weit vor Beginn der Herbstdurchmischung, aufgebraucht und es bleibt nur das warme, und in nährstoffreicheren Talsperren algenreiche Oberflächenwasser übrig, das sich schwerer aufbereiten lässt“, sagt die Hydrobiologin. Talsperren über 500 Meter, Talsperren mit einem großen Volumen und nährstoffarme Talsperren haben mit diesen Problemen insgesamt weniger zu kämpfen, da sie im Sommer trotz des Temperaturanstiegs noch relativ kühl sind und das unerwünschte Algenwachstum gering ist.

Deutlich geworden ist auf dem Symposium, dass es viele Lösungsansätze gibt. Auch die sächsische Landestalsperrenverwaltung hat bereits Ideen entwickelt und umgesetzt, wie das wertvolle Rohwasser geschützt werden kann. Allerdings bleibt die Tatsache, dass die Produktion von Trinkwasser in einigen Talsperren aufwendiger und teurer wird. „Künftig kommt es noch viel mehr darauf an, jede Talsperre aufgrund ihrer regionalen Besonderheiten und ihrem Nährstoffgehalt einzeln zu betrachten, damit die Wasserqualität erhalten bleibt“, sagt Jäschke.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Kathrin Jäschke
Institut für Hydrobiologie
Tel.: 0351 463-38631
E-Mail: Kathrin.Jaeschke@mailbox.tu-dresden.de

Quelle: IDW 

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Der Wert einer Idee liegt in ihrer Umsetzung

Dominik Rösch Referat Öffentlichkeitsarbeit
Bundesanstalt für Gewässerkunde

Aus der Wissenschaft in die Praxis – BfG bringt Forschungsergebnisse zum Gewässerschutz in die Anwendung
Der amerikanische Erfinder und Unternehmer Thomas Edison sagte einst, dass gute Ideen alleine nicht ausreichen, um Wirkung zu erzielen. Erst die Umsetzung einer guten Idee zeigt ihren Wert. Badegewässer-App, autonomer Messkatamaran, Starkregenvorhersage: Mit Auslaufen der Fördermaßnahme „Regionales Wasserressourcen-Management für den nachhaltigen Gewässerschutz in Deutschland (ReWaM)“ stehen der Wasserwirtschaft eine Vielzahl neuer Methoden, Lösungen und praxisnaher Produkte zur Verfügung. Damit sie ihren Weg aus der „Schublade“ in die Anwendung finden, unterstützte die Bundesanstalt für Gewässerkunde in den vergangenen vier Jahren die ReWaM-Verbundprojekte, ihre Erkenntnisse in Politik und wasserwirtschaftliche Praxis zu übertragen. Die Aktivitäten förderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Transfer- und Vernetzungsvorhaben ReWaMnet,

Die BfG als Wissensdrehscheibe
Der Weg von der Idee zu einer konkreten Anwendung ist oftmals lang und steinig. „Begleitvorhaben wie ReWaMnet sind ein wichtiges Instrument in der Wissenschaft. Sie eröffnen viele Wege, damit noch mehr Ideen ihren Weg in die Praxis finden“, sagt Dr. Birgit Esser, Leiterin der BfG. „Dieser Ergebnistransfer war wesentliche Motivation der Bundesanstalt für Gewässerkunde, sich in ReWaMnet zu engagieren. Auch in Zukunft steht die BfG wieder gern für diese Rolle zur Verfügung.“

Die BfG engagiert sich als Ressortforschungseinrichtung traditionell an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik und ist eingebunden in verschiedene Gremien des Bundes und der Länder. Neben der großen Erfahrung in der anwendungsorientierten Forschung war dies entscheidend für das BMBF, um das Vernetzungs- und Transfervorhaben in die Hände der Bundesanstalt zu legen. „Die BfG wirkt als Multiplikator für die in ReWaM und anderen Forschungsprogrammen erarbeiteten wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnisse“, sagt Esser. Andere Forschungsprogramme, wie das Bundesprogramm Blaues Band Deutschland oder das LIFE Förderprogramm der EU bilden dabei wichtige Anknüpfungspunkte zur Anwendung der Resultate aus ReWaM.

In diesem Sinne hat die BfG auf der ReWaM-Homepage eine „Produktbibliothek„ eingerichtet. So sollen die ReWaM-Ergebnisse auch nach dem Ende der Förderlaufzeit gut auffindbar und verfügbar bleiben. Das Online-Archiv erlaubt neben verschiedenen Filtermöglichkeiten auch eine Freitextsuche nach bestimmten Stichworten (z. B. Ökosystemleistungen oder Phosphor).

Forschung und Praxis im Dialog
Das Vernetzungs- und Transfervorhaben ReWaMnet führte seit dem Frühjahr 2015 die Forschungsergebnisse der 15 ReWaM-Verbundprojekte zusammen und entwickelte Formate und Produkte, um die Ergebnisse potenziellen Anwendern gezielt zur Verfügung zu stellen. Neben drei Konferenzen und zahlreichen Arbeitstreffen waren zwei Anwenderworkshops besondere Höhepunkte der Vernetzungstätigkeit. Große Aufmerksamkeit erfuhren außerdem ein Politikpapier, die ReWaM-Themenhefte u. A. in den Zeitschriften Hydrologie und Wasserbewirtschaftung und KW Korrespondenz Wasserwirtschaft sowie eine Dokumentation, die der Deutsche Städte- und Gemeindebund herausgegeben hat.

Eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung ist mehr als eine rein wasserwirtschaftliche Aufgabe. Für eine erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen müssen alle relevanten gesellschaftlichen und politischen Akteure beteiligt werden. Um die Implementierung der ReWaM-Ergebnisse zu unterstützen, förderte ReWaMnet die Zusammenarbeit der Projektpartnern mit Wasserverbänden und Landesbehörden.

Über die BMBF-Fördermaßnahme ReWaM
ReWaM ist Teil des BMBF-Förderschwerpunktes „Nachhaltiges Wassermanagement“ (NaWaM) im BMBF-Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ (FONA^3). Neben Vernetzung und Transfer leistete die BfG in den ReWaM-Verbundprojekten FLUSSHYGIENE, NiddaMan und RESI einen Forschungsbeitrag.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Sebastian Kofalk, Pressesprecher und Leiter ReWaMnet, Bundesanstalt für Gewässerkunde, Am Mainzer Tor 1, 56068 Koblenz, Fon: 0261/1306 5331 und Dominik Rösch, Bundesanstalt für Gewässerkunde, Am Mainzer Tor 1, 56068 Koblenz, Fon: 0261/1306 5448, E-Mail: rewamnet@bafg.de

Quelle: IDW 

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Wälder in Deutschland sind wichtige Kohlenstoffsenke

Dr. Michael Welling Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

In deutschen Wäldern wächst mehr Holz nach als genutzt wird / Deutschland ist das holzreichste Land der EU

Die Wälder in Deutschland sind ein wichtiger Faktor im Klimageschehen, denn sie binden große Mengen Kohlenstoff, der ursprünglich als CO₂(Kohlendioxid) in der Atmosphäre war. Dass die Bedeutung der Wälder als Kohlenstoffsenke und damit Bremser des Klimawandels weiter ansteigt, belegt die Kohlenstoffinventur 2017, die jetzt ausgewertet ist. Danach sind in deutschen Wäldern rund 1,23 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in der lebenden Biomasse gespeichert, fünf Prozent mehr als vor fünf Jahren. Hinzu kommen 33,6 Millionen Tonnen Kohlenstoff im Totholz. Die Kohlenstoffvorräte haben mit 113,7 Tonnen pro Hektar ein neues Rekordhoch erreicht. Diese und weitere Ergebnisse haben Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Waldökosysteme jetzt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „AFZ-Der Wald“ veröffentlicht.

Die Kohlenstoffinventur ist eine Art kleine Bestandsaufnahme zwischen den großen, alle zehn Jahre stattfindenden Bundeswaldinventuren. Sie wird vom Thünen-Institut mit Unterstützung der Bundesländer durchgeführt und erfasst den Zustand des deutschen Waldes.

Der Holzvorrat in deutschen Wäldern ist gegenüber der letzten Bundeswaldinventur 2012 um sechs Prozent gestiegen, weil deutlich mehr Holz nachgewachsen ist als genutzt wurde. Damit hat sich der Vorratsanstieg deutlich beschleunigt: In den letzten fünf Jahren wurde genauso viel Vorrat aufgebaut (19 Vorratsfestmeter pro Hektar) wie in den zehn Jahren davor. Mit einem Holzvorrat von aktuell 3,9 Milliarden Kubikmetern ist Deutschland das holzreichste Land der Europäischen Union. Auch die Waldstruktur hat sich verändert: Es gibt 12 Prozent mehr alte Wälder über 120 Jahre – damit hat sich der Trend zu älteren Wäldern mit dickeren Bäumen fortgesetzt. Auch der Totholzvorrat ist um einen Kubikmeter pro Hektar gestiegen. Etwa 50 Prozent des Totholzes sind liegende Stücke, 25 Prozent sind stehendes Holz und 25 Prozent Wurzelstöcke.

Der höhere Holzvorrat und damit einhergehend die weiterhin hohe Kohlenstoffanreicherung macht die Wälder zu Klimaschützern: Sie haben die Atmosphäre zuletzt jährlich um 62 Millionen Tonnen CO₂ entlastet. Das kommt in die Größenordnung dessen, was die deutsche Industrie pro Jahr an Treibhausgasen ausstößt (2017: 64 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente). Der gestiegene Holzvorrat hat damit jedes Jahr rund sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen kompensiert.

Die häufigsten Baumarten in den deutschen Wäldern sind Fichte (25 Prozent) und Kiefer (23 Prozent), gefolgt von den Laubbaumarten Buche (16 Prozent) und Eiche (10 Prozent). Der Flächenanteil der Laubbäume ist um zwei Prozent gestiegen, die Dynamik hin zu mehr Laubbäumen hat sich damit allerdings verlangsamt. Das Flächenverhältnis von Laub- zu Nadelbäumen beträgt 45 zu 55 Prozent.

Die Ergebnisse der Kohlenstoffinventur 2017 sind ebenso wie die der Bundeswaldinventur 2012 unter https://bwi.info abrufbar.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Thomas Riedel
Thünen-Institut für Waldökosysteme, Eberswalde
Tel.: 03334 3820-315
Mail: thomas.riedel@thuenen.de

Quelle: IDW 

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Depressiv durch Facebook und Co.

Meike Drießen Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

Toller Urlaub, super Party, süße Kinder, abgefahrenes Essen: In sozialen Netzwerken zeigen alle ihr Leben von der Sonnenseite. Wer sich hier umschaut, dessen Selbstwertgefühl kann leicht leiden, weil vermeintlich alle besser sind als man selbst. In Gefahr, dadurch depressive Symptome zu entwickeln, sind vor allem Nutzer, die soziale Netzwerke passiv nutzen, also selbst nicht posten, und dazu neigen, sich mit anderen zu vergleichen. Das hat ein Team der Psychologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Phillip Ozimek herausgefunden. Über die Ergebnisse berichtet die Zeitschrift Behaviour and Information Technology am 12. Juli 2019.

Infos über die ersten fünf Personen
Die Frage, ob die Nutzung sozialer Netzwerke depressive Tendenzen hervorrufen kann, wurde bisher widersprüchlich beantwortet. Die Bochumer Forscherinnen und Forscher haben dazu eine experimentelle und zwei Fragebogenstudien durchgeführt. In der ersten Studie ließen sie zwei Gruppen von Versuchspersonen fünf Minuten lang entweder auf ihrer Facebook-Pinnwand oder auf der Mitarbeiterwebseite der Katholisch-Theologischen Fakultät der RUB Informationen über die ersten fünf Personen herausschreiben, die sie sahen. Eine dritte Gruppe übersprang diese Aufgabe. Alle drei Gruppen füllten danach einen Fragebogen aus, der über ihr Selbstwertgefühl Auskunft gab.
Dr. Phillip Ozimek (links) und Prof. Dr. Hans-Werner Bierhoff haben untersucht, welche Folgen die Nutzung sozialer Medien hat.
© RUB, Kramer

„Es hat sich gezeigt, dass die Konfrontation mit sozialen Informationen im Internet – die sowohl auf Facebook als auch auf Mitarbeiterseiten selektiv und nur positiv und vorteilhaft sind – zu einem geringeren Selbstwertgefühl führen“, berichtet Phillip Ozimek. Da ein niedriges Selbstwertgefühl eng mit depressiven Symptomen zusammenhängt, sehen Forscher schon in dieser kurzfristigen Auswirkung eine mögliche Gefahrenquelle.

Über 800 Versuchspersonen
Die langfristige Perspektive untersuchten sie mittels Fragebogenstudien. Sie befragten über 800 Personen zu ihrer Facebook-Nutzung, zu ihrer Tendenz, sich mit anderen vergleichen zu wollen, zu ihrem Selbstwertgefühl und zum Auftreten depressiver Symptome. Dabei zeigte sich, dass es dann einen positiven Zusammenhang zwischen vor allem passiver Facebook-Nutzung und depressiven Symptomen gibt, wenn Probanden ein verstärktes Bedürfnis nach sozialen Vergleichen ihrer Fähigkeiten haben. „Wenn ich also ein starkes Bedürfnis nach Vergleichen habe und im Internet immer wieder auf meiner Startseite sehe, dass andere tolle Urlaube haben, tolle Abschlüsse machen, sich teure und tolle Dinge kaufen, während ich aus meinem Büro das trübe Wetter draußen sehe, senkt das meinen Selbstwert“, fasst Ozimek zusammen. „Und wenn ich dies Tag für Tag und immer wieder erlebe, kann das langfristig höhere depressive Tendenzen begünstigen.“

In einer dritten Studie haben die Forscher per Fragebogen untersucht, ob sich ihre Befunde auch auf andere Netzwerke übertragen lassen. Weil professionelle Netzwerke etwas anders funktionieren, entschieden sie sich für Xing. „Da betreibt man zwar auch ein beschönigtes Profil, bleibt aber auf dem Teppich, um möglichst authentisch, aber positiv zu wirken“, erläutert Phillip Ozimek. Die Auswertung ergab ein sehr ähnliches Ergebnis wie die Facebookstudie.

Die Art der Nutzung ist entscheidend
„Insgesamt konnten wir zeigen, dass nicht die Nutzung sozialer Netzwerke generell und unmittelbar zu Depressionen führt oder mit ihnen im Zusammenhang steht, sondern dass gewisse Voraussetzungen und eine bestimmte Art der Nutzung das Risiko für depressive Tendenzen erhöhen“, so Ozimek. Private wie professionelle soziale Netze können höhere Depressionswerte begünstigen, wenn Nutzer hauptsächlich passiv unterwegs sind, sich mit anderen sozial vergleichen und diese Vergleiche den Selbstwert negativ beeinflussen.

„Wichtig ist, dass dieser Eindruck, dass es alle besser haben, ein absoluter Trugschluss sein kann“, so der Psychologe. „Tatsächlich posten nur die wenigsten Menschen auch negative Erlebnisse und Erfahrungen in sozialen Medien. Dadurch, dass wir mit diesen positiven Erlebnissen im Netz überflutet werden, gewinnen wir jedoch einen ganz anderen Eindruck.“

Originalveröffentlichung
Phillip Ozimek, Hans-Werner Bierhoff: All my online-friends are better than me – three studies about ability-based comparative social media use, self-esteem, and depressive tendencies, in: Journal Behaviour & Information Technology 2019, DOI: 10.1080/0144929X.2019.1642385

Pressekontakt
Phillip Ozimek
Arbeitseinheit Sozialpsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 22592
E-Mail: phillip.ozimek@rub.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Phillip Ozimek
Arbeitseinheit Sozialpsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 22592
E-Mail: phillip.ozimek@rub.de

Originalpublikation:
Phillip Ozimek, Hans-Werner Bierhoff: All my online-friends are better than me – three studies about ability-based comparative social media use, self-esteem, and depressive tendencies, in: Journal Behaviour & Information Technology 2019, DOI: 10.1080/0144929X.2019.1642385

Quelle: IDW 

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Was für unser Klima zählt: CO2-Budgets erklärt

Jonas Viering Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Je mehr CO2 wir bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas emittieren, desto mehr erwärmen wir unser Klima – das klingt einfach und das ist es auch. Verschiedene Analysen haben unterschiedliche Schätzungen darüber vorgelegt, wie viel CO2 die Menschheit noch ausstoßen kann, wenn wir die globale Erwärmung auf die international vereinbarten 1,5 und deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzen wollen. Eine neue Studie zeigt, dass fehlende Klarheit über die Gründe dieser Abweichungen zu unnötiger Verwirrung geführt hat.

Die Studie erleichtert den Vergleich unterschiedlicher Analysen, indem sie die relevanten Faktoren zur Schätzungen der verbleibenden CO2-Budgets identifiziert. Dadurch macht sie die Schätzungen leichter vergleichbar, was auch ihre Nutzung durch Entscheidungsträger erleichtern wird. Aus klimapolitischer Sicht bleibt die Grundaussage gleich: Selbst wenn das verbleibende Kohlenstoffbudget zur Begrenzung der Erwärmung auf 1,5°C um die Hälfte höher wäre, hätten wir nur noch 10 Jahre Zeit, bis die Emissionen auf Null reduziert werden müssen.

„Die CO2-Emissionen von der Industrie bis zum Verkehr auf Null zu bringen, erfordert sofortige Maßnahmen. Ob wir das ein paar Jahre früher oder später erreichen, ist unerheblich dafür, dass wir jetzt Maßnahmen ergreifen müssen“, sagt Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Autoren der Studie. „Doch die Klärung verschiedener Berechnungen des CO2-Budgets ist mehr als nur eine akademische Frage. Es sagt uns etwas über die Risiken“. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der jetzt in Nature veröffentlichten Studie ist, dass Rückkopplungen im Erdsystem, wie etwa das Tauen des Permafrostes und damit die Freisetzung des starken Treibhausgases Methan, ein unterschätzter wichtiger Faktor für den Umfang des verbleibenden CO2-Budgets sein könnten.

„Vorliegende Schätzungen des Kohlenstoffbudgets vernachlässigen oft das Tauen des Permafrostes und andere langsame Rückkopplungen des Erdsystems, die zu einer weiteren Erwärmung des Planeten führen könnten. Das bedeutet, dass unser Spielraum noch kleiner sein könnte, als wir dachten“, erklärt Kriegler. „Die impliziten Grundannahmen für CO2-Budgetberechnungen wie diese zu präzisieren, ist wichtig, um politische Entscheidungsträger mit fundierten Informationen zu unterstützen“.

Rückkopplungen des Erdsystems und andere wichtige Faktoren
Ein weiteres Beispiel für Unterschiede zwischen den Schätzungen des Kohlenstoffbudgets ist die Art der Temperaturmessung, die sie veranschlagen. Einige Schätzungen beziehen sich auf die Oberflächenlufttemperatur der Erde. 1,5 Meter über dem Boden gemessen, ist dies im Grunde die Temperatur, die die Menschen empfinden. Einige Schätzungen des Kohlenstoffbudgets beziehen jedoch die Temperaturen der Meeresoberfläche in ihre Bemessung der Erderwärmung ein. Da sich die Meeresoberflächentemperaturen langsamer erwärmen als die Lufttemperaturen, scheint es, als könne mehr CO2 ausgestoßen werden, bevor die 1,5 Grad Celsius-Grenze überschritten wird. Doch die so berechneten Budgets hätten auch klare Klimafolgen: eine verhältnismäßig heißere Erde. In ihrer Studie empfehlen die Autoren, ausschließlich die Oberflächenlufttemperatur für die Schätzung des verbleibenden CO2-Budgets zu wählen.

In einer Schlüsselgleichung für aktuelle und zukünftige Schätzungen des verbleibenden Kohlenstoffbudgets definieren die Wissenschaftler fünf Faktoren. Einer davon, die zukünftige Erwärmung durch Nicht- CO2-Emissionen, hängt stark von den politischen Entscheidungen über Treibhausgase jenseits von CO2 ab, die wir weiterhin emittieren werden. Je weniger wir den Planeten mit Treibhausgasen wie Methan erwärmen, desto größer wird unser verbleibendes Budget für CO2-Emissionen sein. Neben den Rückkopplungen des Erdsystems bezieht sich die größte Unsicherheit auf unsere Schätzung, wie stark sich das Klima als Reaktion auf die gesamten CO2-Emissionen erwärmt. Weitere Unsicherheiten ergeben sich aus der Bandbreite der historischen vom Menschen verursachten Erwärmung und dem Ausmaß der zusätzlichen Erwärmung nach Erreichen des Netto-Nullpunktes der CO2-Emissionen. Als wichtigen Meilenstein zur Verringerung dieser Unsicherheiten weisen die Autoren auf den sich derzeit in Vorbereitung befindlichen 6. Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hin.

Der Ansatz der Autoren baut auf der Argumentation des IPCC-Sonderberichts über 1,5 Grad globale Erwärmung auf, an dem sie mitgearbeitet haben. Der Bericht schätzt das verbleibende CO2-Emissionsbudget ab 2018 auf 420 GtCO2, wenn mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit die Erderwärmung auf 1,5°C begrenzt werden soll, bzw. 580 GtCO2 für eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit. Die Annahmen über zukünftige Nicht- CO2-Emissionen können diese Schätzungen um 250 GtCO2 nach oben und unten verändern. Von diesen Schätzungen müsste man die CO2-Emissionen aus dem Tauen des Permafrosts und anderen nicht erfassten Rückkopplungen des Erdsystems abziehen, die vorläufig auf mindestens 100 GtCO2 geschätzt werden. „Wie groß das Budget am Ende ist, können wir nicht genau sagen, weil es auch von künftigen Entscheidungen über andere Treibhausgase als CO2 und von Unsicherheiten in natürlichen Systemen abhängt. Aber wir wissen genug, um sicher zu sein, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist, um die Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren“, sagt Kriegler.

Auf dem Laufenden bleiben, um fundierte Entscheidungen treffen zu können
„Alle Faktoren unserer Gleichung werden im Verlauf des wissenschaftlichen Fortschritts aktualisiert werden – einige dieser Aktualisierungen werden die CO2-Budgets kleiner machen, während andere sie etwas größer machen“, sagt Joeri Rogelj vom Grantham Institute am Imperial College London, einer der Leitautoren der Studie. „Die explizite Darstellung dieser regelmäßigen Aktualisierungen hilft aber dabei, sie transparent zu kommunizieren. Es ist wichtig, dass die politischen Entscheidungsträger über den neuesten Stand der Wissenschaft auf dem Laufenden gehalten werden, denn der nächste Bericht des IPCC im Jahr 2021 soll unser Wissen über die verbleibenden CO2-Budgets konsolidieren, um die Erwärmung auf 1,5°C und deutlich unter 2°C zu begrenzen.“

„Wie wir uns heute verhalten, wird entscheiden, ob wir eine realistische Chance haben, die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. An diesem Ergebnis ändert unsere Studie nichts“, fügt Rogelj hinzu. „Alles, was wir über die Größenordnung der erwarteten Klimaauswirkungen in einer Welt mit mehr als 1,5 Grad Temperaturzunahme wissen und unser besseres Verständnis der verschiedenen Faktoren, die die Größe des verbleibenden Kohlenstoffbudgets beeinflussen, lässt keinen Zweifel: Wir brauchen einen Vorsorgeansatz mit entschlossenen Klimaschutzmaßnahmen in den nächsten fünf bis zehn Jahren, um die Risiken zu begrenzen und Optionen offen zu halten – egal, in welche Richtung die Schätzungen des verbleibenden Kohlenstoffbudgets variieren.“

Artikel: Joeri Rogelj, Piers M. Forster, Elmar Kriegler, Christopher J. Smith, Roland Séférian (2019): Estimating and tracking the remaining carbon budget for stringent climate targets. Nature [DOI: 10.1038/s41586-019-1368-z]

Weblink zum Artikel nach Veröffentlichung: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1368-z

Quelle: IDW 

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Meeresspiegelanstieg: Eiskollaps in Westantarktis könnte durch Beschneien mit Meerwasser verhindert werden

Jonas Viering Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Der Westantarktische Eisschild droht auf lange Sicht ins Meer zu rutschen. Während eine weitere Destabilisierung der Eisflächen in anderen Teilen des Kontinents durch eine Verringerung von Treibhausgasemissionen begrenzt werden könnte, wird der langsame, aber unwiederbringliche Eisverlust in der Westantarktis wohl auch im Falle einer Klimastabilisierung noch weiter fortschreiten. Ein Zusammenbruch der Eismassen würde zwar Jahrhunderte dauern, aber den Meeresspiegel weltweit um mehr als drei Meter ansteigen lassen.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat jetzt einen besonders kühnen Weg untersucht, das Eis zu stabilisieren: mit Billionen Tonnen zusätzlichen Schnees, erzeugt aus Meerwasser, könnten die instabilen Gletscher beschneit werden. Das würde beispiellose Ingenieurslösungen erfordern und eine der letzten unberührten Regionen der Erde erheblichen Umweltrisiken aussetzen – um den langfristigen Anstieg des Meeresspiegels in einigen der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt entlang der Küsten von den Vereinigten Staaten über China bis an die Nordseeküste zu verhindern.

„Im Kern geht es um die Abwägung, ob wir als Menschheit die Antarktis opfern wollen, um die heute bewohnten Küstenregionen und das dort entstandene und entstehende Kulturerbe zu retten. Hier geht es um globale Metropolen, von New York über Shanghai bis nach Hamburg, die langfristig unterhalb des Meeresspiegels liegen werden, wenn wir nichts tun“, sagt Anders Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Columbia University in New York und einer der Autoren der Studie. „Der Westantarktische Eisschild ist das erste Kippelement in unserem Klimasystem, das wir gerade kippen sehen. Der Eisverlust beschleunigt sich und hört wahrscheinlich erst auf, wenn das Eisschild der Westantarktis praktisch schon verschwunden ist.“

Beispiellose Maßnahmen zur Stabilisierung des Eisschilds
Warme Meeresströmungen haben das Gebiet der Amundsensee in der Westantarktis erreicht – eine Region mit mehreren Gletschern, die durch ihre topografische Beschaffenheit instabil werden können. Das Abschmelzen dieser Gletscher unterhalb der Wasseroberfläche war der Auslöser für ihre Beschleunigung und ihren Rückzug. Das ist bereits jetzt Ursache für den größten Eisverlust des Kontinents und trägt zu einem immer schnelleren Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. In ihrer Studie haben die Forscher mit Hilfe von Computersimulationen errechnet, wie sich der Eisverlust in Zukunft entwickelt. Ihre Ergebnisse bestätigen frühere Arbeiten, die darauf hindeuteten, dass selbst eine deutliche Reduzierung der Treibhausgasemissionen den Zusammenbruch des Eisschildes der Westantarktis wahrscheinlich nicht verhindern könnte.

„Also haben wir untersucht, was einen möglichen Kollaps stoppen könnte und in unseren Simulationen den Schneefall in der destabilisierten Region weit über das beobachtete Niveau hinaus erhöht“, sagt PIK-Koautor Johannes Feldmann. „Tatsächlich stellen wir fest, dass eine riesige Menge Schnee den Eisschild tatsächlich in Richtung Stabilität zurückdrücken und die Instabilität stoppen kann. Umgesetzt werden könnte dies durch eine enorme Umverteilung von Wassermassen erreicht werden – mehreren hundert Milliarden Tonnen Wasser müssten pro Jahr aus dem Ozean gepumpt und über einige Jahrzehnte hinweg auf das Eis geschneit werden.“

Eine gewaltige Abwägung zwischen Gefahren und Hoffnungen
„Wir sind uns der Schwere bewusst, die ein solcher Eingriff hätte“, ergänzt Feldmann. Das Hochpumpen, das Entsalzen und die Erwärmung des Meerwassers sowie das Betreiben der Schneekanonen würden eine Strommenge in der Größenordnung von mehreren zehntausend High-End-Windturbinen erfordern. „Einen solchen Windpark inklusive der dafür nötigen Infrastruktur in der Amundsensee zu errichten und derartige enorme Mengen an Meerwasser zu entnehmen , würde im Wesentlichen den Verlust eines einzigartigen Naturreservates bedeuten. Darüber hinaus macht das raue antarktische Klima die technischen Herausforderungen kaum absehbar und schwer zu bewältigen, während die potenziellen schädlichen Auswirkungen auf die Region wahrscheinlich verheerend sein würden.“ Daher müssen die Risiken und Kosten eines solch beispiellosen Projekts sehr sorgfältig gegen die potenziellen Nutzen abgewogen werden. „Außerdem berücksichtigt unsere Studie nicht die zukünftige menschengemachte globale Erwärmung. Daher wäre dieses gigantische Unterfangen nur dann überhaupt sinnvoll, wenn das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird und die CO2-Emissionen schnell und drastisch reduziert werden.“

„Die offensichtliche Absurdität des Unterfangens, die Antarktis künstlich zu beschneien um eine Eisinstabilität zu stoppen, spiegelt die atemberaubende Dimension des Meeresspiegelproblems wider“, schließt Levermann. „als Wissenschaftler sehen wir es jedoch als unsere Pflicht an, die Gesellschaft über jede einzelne mögliche Option zur Bewältigung der anstehenden Probleme zu informieren. So unglaublich es auch erscheinen mag: Um ein noch nie dagewesenes Risiko zu vermeiden, muss die Menschheit vielleicht auch noch nie da gewesene Anstrengungen unternehmen.“

Artikel: Johannes Feldmann, Anders Levermann, Matthias Mengel (2019): Stabilizing the West Antarctic Ice Sheet by surface mass deposition. Science Advances [DOI: 10.1126/sciadv.aaw4132]

Weblink zum Artikel nach Veröffentlichung: https://www.doi.org/10.1126/sciadv.aaw4132

Vorherige Forschung zu diesem Thema: Anders Levermann, Johannes Feldmann (2019): Scaling of instability timescales of Antarctic outlet glaciers based on one-dimensional similitude analysis. The Cryosphere https://doi.org/10.5194/tc-2018-252

Pressemitteilung zur Studie:
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/beginnende-instabilitaet…

Quelle: IDW 

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Sensibel trotz dicker Hornhaut

Matthias Fejes Pressestelle und Crossmedia-Redaktion
Technische Universität Chemnitz

Bewegungswissenschaftler aus Chemnitz und Biologen aus Harvard untersuchen in aktueller „Nature“-Veröffentlichung den Einfluss des Barfußgehens auf die Sensibilität unserer Fußsohlen

Bereits vor sechs Millionen Jahren begann der Mensch, auf zwei Beinen zu laufen. Die ältesten bekannten Nachweise für Schuhe sind nur 40.000 Jahre alt – demnach ist die menschliche Anatomie bestens an ein Leben ohne Schuhe in natürlicher Umgebung angepasst. Ein Teil dieser Anpassung ist die Hornhaut, eine natürliche Schutzschicht der Füße – die heute allerdings eher als kosmetisches Problem gesehen wird. Doch welchen Einfluss hat die dicke Hornhaut auf die Empfindlichkeit der Fußsohlen? Das untersuchten Prof. Dr. Thomas Milani, Professur Bewegungswissenschaft der Technischen Universität Chemnitz, und Professor Daniel Lieberman von der Harvard University.

Kooperation zischen Chemnitz und Harvard
In der Theorie liegt die Hornhautschicht zwischen dem Boden und den menschlichen Sensoren in der Haut. Diese nehmen beispielsweise die Bodenbeschaffenheit war. Demnach wäre die logische Schlussfolgerung: Durch die Zunahme von Hornhaut müsste diese Wahrnehmung beim Gehen gedämpft sein. Dementgegen steht allerdings die evolutionsbiologische Theorie, dass der Mensch sich über Millionen von Jahren ideal an ein Leben mit Hornhaut angepasst hat, sodass die Funktion der Sensoren nicht in relevantem Maße beeinträchtigt sein sollte.

Zur Untersuchung der Hypothesen reiste das internationale Forscherteam um den Chemnitzer Wissenschaftler Milani und seinen Kollegen Liebermann von der Harvard University im Juni 2016 nach Kenia und testete mithilfe eines Ultraschallgerätes die Dicke der Fußsohlenhaut von 40 barfuß laufenden Personen.

Mit einem Vibrationsgerät konnte zudem die Empfindlichkeit der Fußsohlen gemessen werden. Dazu wurden unterschiedlich große Vibrationen über ein Messgerät abgefragt, um die Wahrnehmungsschwelle jedes Probanden zu finden. Als Kontrollgruppe dienten Kenianerinnen und Kenianer, die regelmäßig Schuhe tragen. Unterstützung erhielten die Forscherinnen und Forscher vom Institut für Physiologie der Moi University (Kenia).

Verblüffende Erkenntnis
Das verblüffende Ergebnis dieser Untersuchungen: Trotz 30 Prozent dickerer Hornhaut konnte kein Sensibilitätsunterschied zwischen den Gruppen festgestellt werden. Das Forschungsteam schlussfolgerte, dass Hornhaut damit ihre Schutzfunktion erfüllt, ohne die darunter liegenden Sensoren in ihrer Funktion einzuschränken.

„Fest steht, dass unsere Füße evolutionsbiologisch nicht für Schuhe vorgesehen sind“, sagt Milani. Daraus zu folgern, grundsätzlich barfuß zu laufen und auf Schuhe zu verzichten, wäre jedoch in Anbetracht der asphaltierten Straßen ebenfalls falsch.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Thomas Milani, Professur Bewegungswissenschaft der TU Chemnitz, Tel. +49 371 531-34536, E-Mail thomas.milani@hsw.tu-chemnitz.de

Originalpublikation:
Holowka, N.B., Wynands, B., Drechsel, T., Yegian, A., Tobolsky, V.P., Okutoyi, R., Ojiambo Mang’Eni, Haile, D.K., Sigei, T., Zippenfennig, C., Milani, T.L. & Lieberman, D.E. (2019). Foot callus thickness does not trade off protection for dynamic skin sensitivity during walking. DOI: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1345-6

Quelle: IDW 

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Erste globale Analyse von Höhlentropfwasser

Nicolas Scherger Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Die in Karsthöhlen vorkommende Tropfsteine Stalagmiten und Stalaktiten geben wertvolle Hinweise auf das bisherige Erdklima. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benutzen die Zusammensetzung von Sauerstoffisotopen in Stalagmiten als Klimaarchiv, das wichtige Informationen zu früheren Klimawandeln gespeichert hat. Der Sauerstoff in den Stalagmiten kommt aus dem Wasser, das von den Stalaktiten auf die Stalagmiten tropft. Dieses Tropfwasser stammt ursprünglich aus Niederschlägen und stellt eine direkte Verbindung zum Oberflächenklima her.

Forschende wollen herausfinden, wie die Zusammensetzung der Sauerstoffisotopen im Tropfwasser mit dem Niederschlag zusammenhängt, um dadurch das so genannte Klimaarchiv besser zu analysieren.

Juniorprofessor Dr. Andreas Hartmann von der Professur für Hydrologische Modellierung und Wasserressourcen der Universität Freiburg hat mit einem Team unter der Leitung von Prof. Dr. Andy Baker von der Universität von New South Wales in Sydney/Australien die weltweit erste globale Analyse von Tropfwasser in Karsthöhlen in der aktuellen Ausgabe von Nature Communications veröffentlicht.

In ihrer Studie verglichen die Wissenschaftler die Sauerstoffisotopenzusammensetzung des Tropfwassers mit der von Niederschlägen. Mittels statistischer Analyse identifizierten sie wichtige klimatische Schwellenwerte: In kühlen Klimazonen ähnelt die Sauerstoffisotopenzusammensetzung von Tropfwasser in Höhlen der von Niederschlägen, was bedeutet, dass Stalagmiten-Sauerstoffisotope die vergangenen Niederschläge in diesen Regionen am besten speichern können. In wärmeren und stark saisonalen Klimazonen ähnelt die Sauerstoffisotopenzusammensetzung des Tropfwassers der Grundwasserneubildung, die auf Basis des großskaligen Karstsimulationsmodells von Hartmann bestimmt wurde.

Die Forschenden zeigen damit, dass in diesen wärmeren Klimazonen, zu denen auch der Mittelmeerraum gehört, Stalagmiten-Sauerstoffisotopen Information über die Menge der Grundwasserneubildung in der Vergangenheit gespeichert haben. In Zeiten wiederkehrender Hitzewellen im Mittelmeerraum sind diese Erkenntnisse besonders wichtig, da sie Rückschlüsse über die frühere Grundwasserneubildung und die damit zusammenhängende Wasserverfügbarkeit ermöglichen.

Originalpublikation:
Baker, A., Hartmann, A., Duan, W., Hankin, S., Comas-bru, L., Cuthbert, M.O., Treble, P.C., Banner, J., Genty, D., Baldini, L.M., Bartolomé, M., Moreno, A., Pérez-Mejías, C., Werner, M. (2019): Global analysis reveals climatic controls on the oxygen isotope composition of cave drip water. In: Nature Communications, 10. S. 1-7. DOI: 10.1038/s41467-019-11027-w

Kontakt:
Juniorprofessor Dr. Andreas Hartmann
Professur für Hydrologische Modellierung und Wasserressourcen
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: 0761/203-3520
E-Mail: andreas.hartmann@hydmod.uni-freiburg.de
Internet: http://www.hydmod.uni-freiburg.de

Weitere Informationen:
https://www.pr.uni-freiburg.de/pm/2019/archiv-des-klimawandels

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Arbeitslosenversicherung bewirkt finanziellen Ausgleich zwischen Bundesländern

Wolfgang Braun Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Wirtschaftlich starke Regionen mit niedriger Arbeitslosigkeit zahlen mehr Beiträge als sie Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung erhalten. Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit empfangen dagegen mehr Leistungen als sie Beiträge zahlen. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Die regionalen Verteilungsmuster von Arbeitslosenversicherung und Länderfinanzausgleich ähneln sich.

Die regionale Umverteilung ist sowohl bei der Arbeitslosenversicherung wie beim Länderfinanzausgleich nach wie vor von einem starken West-Ost-Gefälle geprägt. Innerhalb Westdeutschlands zeichnet sich ein Süd-Nord-Gefälle ab. Insbesondere in Bremen, das unter den westdeutschen Bundesländern die höchste Arbeitslosigkeit aufweist, liegen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung deutlich unter den Ausgaben. In den süddeutschen Regionen werden hingegen – abgesehen von den Krisenjahren von 2008 bis 2010 – mehr Beiträge erzielt als Ausgaben getätigt.

In den Krisenjahren von 2008 bis 2010 lagen in allen Bundesländern die Einnahmen der Arbeitslosenversicherung unter den Ausgaben. Beim Kurzarbeitergeld zeigt die IAB-Studie zudem ein völlig anderes räumliches Verteilungsmuster. Die besonders unter der Wirtschaftskrise leidenden süddeutschen Industriegebiete erhielten deutlich mehr Kurzarbeitergeld als andere Teile Deutschlands. Baden-Württemberg bekam in den Jahren 2009 bis 2011 ein Viertel des gesamten Kurzarbeitergeldes. Dies stützte die Kaufkraft in Baden-Württemberg mit fast 2,4 Milliarden Euro, in Mecklenburg-Vorpommern dagegen mit rund 100 Millionen Euro. Im Juni 2009 bezogen 8,3 Prozent der abhängig Beschäftigten in Baden-Württemberg Kurzarbeitergeld, während es in Mecklenburg-Vorpommern 1,5 Prozent waren. „Das Kurzarbeitergeld eignet sich gut, um die Folgen von Konjunkturschocks abzufedern, die sich regional unterschiedlich stark auswirken“, erklären die Forscher Kerstin Bruckmeier, Karl Heinz Hausner und Enzo Weber.

Die regionale Umverteilung durch die Arbeitslosenversicherung ist im Laufe der Jahre stark zurückgegangen. Während bis zum Jahr 2010 bei den ostdeutschen Bundesländern ein zum Länderfinanzausgleich vergleichbar hohes Niveau erreicht wurde, fallen die regionalen Defizite seit dem Jahr 2011 deutlich geringer aus. Dies ist den Forschern zufolge darauf zurückzuführen, dass sich gerade in Regionen mit vormals sehr hoher Arbeitslosigkeit wie Ostdeutschland die Arbeitslosigkeit stark reduziert hat: „Mit der Verbesserung der Arbeitsmarktlage ist auch der auf die Arbeitslosigkeitssituation bezogene regionale Umverteilungsbedarf gesunken.“ Bei der Diskussion um den Länderfinanzausgleich sei aber auch zu beachten, dass ein anderer Umverteilungskanal, über die Arbeitslosenversicherung, stark an Bedeutung verloren habe.

Weitere Informationen:
http://doku.iab.de/kurzber/2019/kb1219.pdf

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Neues Berechnungskonzept: Wie hoch kann der Meeresspiegel maximal steigen?

Birgit Kruse Referat Medien- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Hamburg

Ein internationales Forschungsteam um Prof. Dr. Detlef Stammer vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg hat ein Konzept zur Berechnung des maximal möglichen Meeresspiegelanstiegs entwickelt und im Fachjournal „Earth´s Future“ vorgestellt. Im Forschungsprogramm „SeaLevel“, das den Zuschlag für eine zweite Förderphase bekommen hat und sechs Millionen Euro erhält, wird ein Teil der neuen Berechnugen erstellt werden.

Die Forscherinnen und Forscher zeigen in der Studie, wie in Zukunft zuverlässige Informationen zum maximalen Anstieg des Meeresspiegels bereitgestellt werden können (high-end sea-level rise). „Mit dem neuen Konzept können wir viele Missverständnisse zum Thema, auch in der Fachliteratur, auflösen und zu tragfähigen Aussagen kommen“, sagt Stammer. Physikalische Prozesse wie das Abschmelzen von Landeis in Grönland oder in der Antarktis werden erstmals mit ihren Unsicherheiten in die Berechnungen miteinbezogen.

Bisher wurden diese Prozesse international sehr unterschiedlich berechnet oder bezogen sich auf andere Fragestellungen – und sind daher nicht vergleichbar. Zum Beispiel gibt der IPCC-Bericht des Weltklimarats jeweils nur eine wahrscheinliche Spanne für den Anstieg an, keine Werte für den maximal möglichen Ausschlag.

Dabei ist der Informationsbedarf hoch: Da sich im Zuge des Klimawandels der Meeresspiegel lokal völlig unterschiedlich entwickeln wird – in einigen wenigen Regionen kann er sogar sinken -, brauchen Akteurinnen und Akteure vor Ort weniger die Angaben zum globalen Mittelwert, sondern konkrete Prognosen für den maximalen Anstieg in ihrer Region. Dieser Wert setzt den Rahmen für das höchste Risiko und die größten Schäden, aber auch für die höchsten Kosten für anstehende Schutzmaßnahmen.

Doch je weiter der Anstieg des Meeresspiegels in die Zukunft hinein berechnet werden soll, desto unsicherer wird die Prognose. Das neue Konzept lässt sich deshalb an verschiedene Zeitskalen anpassen. „In den nächsten 50 Jahren kann das Eis der Westantarktis nicht vollständig abschmelzen. Das funktioniert physikalisch in dieser Zeitspanne nicht“, sagt Detlef Stammer. „Aber in 100 Jahren wäre dies rein theoretisch möglich. Also muss dieses Risiko dann in die Berechnung des maximalen Anstiegs einfließen.“

Im Programm „SeaLevel“ wird ein Teil dieser Berechnungen erstellt werden. In weiteren Schritten geht es darum, die Eispakete in Grönland und der Antarktis zu quantifizieren, um später konkrete Werte für den höchstmöglichen Meeresspiegelanstieg in den ausgewählten Beispielregionen des Projekts, Indonesien und Norddeutschland, zu berechnen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte jetzt sechs Millionen Euro für die kommenden drei Jahre. Das Schwerpunktprogramm „Regional Sea Level Change and Society“ (SeaLevel) startete 2015 und erhielt für die erste Phase ebenfalls sechs Millionen Euro.

Für Rückfragen:
Prof. Dr. Detlef Stammer
Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN)
Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society“ (CLICCS)
Tel.: +49 40 42838-5052
E-Mail: detlef.stammer@uni-hamburg.de

Stephanie Janssen
Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN)
Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society“ (CLICCS)
Öffentlichkeitsarbeit / Outreach
Tel.: +49 40 42838-7596
E-Mail: stephanie.janssen@uni-hamburg.de

Originalpublikation:
Stammer, D., Wal, R. S. W., Nicholls, R. J., Church, J. A., Le Cozannet, G., Lowe, J. A., et al (2019): Framework for high‐end estimates of sea‐level rise for stakeholder applications. Earth’s Future, 7. https://doi.org/10.1029/2019EF001163

Weitere Informationen:
Webseite des Projektes „Regional Sea Level Change and Society“ (SeaLevel): https://www.spp-sealevel.de/index.php?id=3130

Quelle: IDW 

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Gezielter Klimaschutz braucht faire und wirkungsvolle CO2-Steuer

Christin Hasken Kommunikation
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH

Wuppertal Paper liefert Diskussionsgrundlage zur CO2-Bepreisung

Wie kann Deutschland seine Klimaziele bis 2030 erreichen? Die derzeit heiß diskutierte CO2-Steuer verbunden mit weiteren gezielten Klimaschutzmaßnahmen ist eine Möglichkeit, womit diese Ziele in greifbare Nähe rücken. Dabei kommt es auf die konkrete Ausgestaltung an. Liegt der CO2-Preis zwischen 30 und 50 Euro pro ausgestoßener Tonne CO2, ist es zielorientiert die Hälfte der Einnahmen für Klimaschutzmaßnahmen zu investieren. Sozial gerecht ist eine Steuer, wenn die andere Hälfte der Einnahmen direkt an Haushalte und Unternehmen zurückerstattet wird. Eine Diskussionsgrundlage dafür liefert das neue Wuppertal Paper „Ein CO2-Preis als Instrument der Klimapolitik: notwendig, aber nur im Gesamtpaket wirkungsvoll und sozial gerecht“.

Wuppertal, 11. Juli 2019: Der Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) im vergangenen Herbst zum 1,5-Grad-Ziel sowie die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung setzte die Dringlichkeit eines raschen Klimaschutzes wieder neu auf die öffentliche und politische Agenda. Das eröffnet neue politische Möglichkeiten für eine verschärfte Klimapolitik in Deutschland und ist angesichts des von Tag zu Tag steigenden Handlungsdrucks aufgrund des fortschreitenden Klimawandels auch zwingend notwendig.
Ein Preis für das klimaschädliche Kohlenstoffdioxid (CO2) gilt seit vielen Jahren als ein essenzieller klimapolitischer Baustein zur langfristigen Dekarbonisierung aller Sektoren. Inzwischen rückt das Thema in den Fokus der Debatten. Doch ist die Streitfrage des CO2-Preises in puncto Umsetzung noch offen. Soll er über eine CO2-Besteuerung oder eine Ausweitung des Emissionshandels eingeführt werden? Wie hoch soll er sein? Wofür sollen die Einnahmen verwendet werden?

Eine mutige CO2-Bepreisung sei längst überfällig, aber: „Obwohl ein CO2-Preis ein zentraler Baustein für erfolgreichen Klimaschutz ist, wäre es aufgrund der Vielschichtigkeit der zu überwindenden Hemmnisse zu kurz gegriffen, sich allein darauf zu verlassen“, sagt Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts.
Das Pariser Klimaabkommen gibt vor, dass alle Sektoren umgehend auf einen Dekarbonisierungspfad einschwenken müssen und dieser spätestens bis 2050 vollständig umgesetzt sein muss. Angesichts der vielfältigen sektorenspezifischen Herausforderungen braucht es ein ganzes Paket sich ergänzender Maßnahmen. Eine CO2-Steuer könnte dafür die notwendige Basis liefern.

„Beispielsweise würde ein moderater Einstieg in eine CO2-Steuer von 30 bis 50 Euro pro ausgestoßener Tonne CO2 bei Gebäuden und Verkehr zunächst ausreichende Mittel generieren, um sektorale Politiken und Infrastrukturmaßnahmen besser finanzieren zu können und so die Energie-, Verkehrs- und Klimaziele 2030 zu erreichen“, sagt Dr. Stefan Thomas, Leiter der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut. Vorrangig sollten zusätzliche Maßnahmen für Energieeffizienz in allen Sektoren umgesetzt werden, aber auch für umweltfreundlichen Verkehr – also eine attraktivere Infrastruktur um zu Fuß, mit dem Rad, per Bus und Bahn sowie elektromobil unterwegs zu sein -, erneuerbare Energien zur Wärmeversorgung sowie Impulse für die Entwicklung innovativer Technologien wie Energiespeicher gesetzt werden. Damit ließen sich auch mögliche Strafzahlungen an die Europäische Union vermeiden. Solche Strafzahlungen entstehen zwangsläufig, wenn die Klimaschutzziele, zu denen sich Deutschland für das Jahr 2030 verpflichtet hat, nicht erreicht werden. Gleichzeitig könnte etwa die Hälfte der Einnahmen als Rückzahlungen einen sozialen Ausgleich für Haushalte und einen wettbewerblichen Ausgleich für Unternehmen schaffen.

Eine wirkungsvolle und faire CO2-Steuer
Eine Diskussionsgrundlage für die Ausgestaltung einer CO2-Steuer liefert das Wuppertal Institut im neuen Wuppertal Paper „Ein CO2-Preis als Instrument der Klimapolitik: notwendig, aber nur im Gesamtpaket wirkungsvoll und sozial gerecht“. Das Autorenteam ist sich einig: Eine CO2-Bepreisung hat zweifellos eine wichtige Lenkungswirkung für den Kauf und Einsatz von effizienten Produkten, Fahrzeugen und Anlagen. Die volle Wirkung erzeuge sie aber erst, wenn die eingenommenen Mittel richtig verwendet werden. In ihrem Diskussionspapier beziehen sie mit neun Thesen Stellung, wann und wie eine CO2-Steuer sinnvoll ist und wie sie sich am besten umsetzen lässt. Eine CO2-Steuer:

1) ist sinnvoll für die Verkehrs- und Gebäudesektoren, die bisher nicht in den EU-Emissionshandel einbezogen sind und muss hoch genug sein, um eine Lenkungswirkung erzielen zu können,
2) muss mit einer verstärkten Förderung von Energieeinsparung oder erneuerbaren Energien sowie Infrastruktur- und Technologieentwicklung einhergehen und Innovationsakzente setzen,
3) führt je nach Rückvergütungsmechanismen nicht zu Mehrkosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern zu Entlastungen für energiebewusste Verbrauchergruppen
4) wird in Verbindung mit solchen gezielten (flankierenden) Klimaschutzmaßnahmen im Zuge der Ausschöpfung von Energieeffizienzpotenzialen einen höheren Entlastungseffekt ermöglichen und die Gesamtkosten aller Haushalte und Unternehmen stärker senken können
5) führt in dieser Verbindung zu substantiellen Investitionseffekten, wodurch positive Effekte auf die Staatseinnahmen ausgelöst werden,
6) muss dynamisch anwachsen, um die langfristigen Klimaziele zu erreichen mit entsprechend höherer Rückerstattung,
7) muss additiv wirken und bringt insgesamt für den Klimaschutz wenig, wenn nur die bestehende Energiesteuer auf eine CO2-Basis gestellt oder von Strom zu Heizenergien und Kraftstoffen verlagert wird,
8) sollte daher mit zunächst 30 bis 50 Euro pro ausgestoßener Tonne CO2 zusätzlich zur momentanen Energiesteuer eingeführt werden und
9) wirkt besser und lässt sich aufgrund der nationalen Handlungsautonomie schneller umsetzen als eine Ausweitung des Emissionshandels auf die Bereiche Verkehr und Gebäude.

„Der Politik in Deutschland bleibt daher der Mut zu wünschen, nun rasch einen solchen Schritt zu einer wirksamen und sozial ausgewogenen CO2-Bepreisung zu gehen. Dabei kommt es heute mehr denn je auf Geschwindigkeit an, einen monatelangen Streit über das vermeintlich beste Modell können wir uns nicht leisten“, ergänzt Fischedick.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Manfred Fischedick, Vizepräsident Wuppertal institut (https://wupperinst.org/c/wi/c/s/cd/5/)
Dr. Stefan Thomas, Abteilungsleiter Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik (https://wupperinst.org/c/wi/c/s/cd/94/)

Originalpublikation:

Wuppertal Paper Nr. 195 (2/2019):
Ein CO2-Preis als Instrument der Klimapolitik: notwendig, aber nur im Gesamtpaket wirkungsvoll und sozial gerecht
https://epub.wupperinst.org/frontdoor/index/index/docId/7340

Anhang

Wuppertal Paper Nr. 195 (2/2019): Ein CO2-Preis als Instrument der Klimapolitik: notwendig, aber nur im Gesamtpaket wirkungsvoll und sozial gerecht
https://idw-online.de/de/attachment72439

Quelle: IDW 

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CO2-Bepreisung als Innovationstreiber für klimafreundliche Technologien

Petra Szczepanski Öffentlichkeitsarbeit
ForschungsVerbund Erneuerbare Energien (FVEE)

Der ForschungsVerbund Erneuerbare Energien (FVEE) befürwortet die rasche Einführung einer CO2-Bepreisung und begrüßt die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Initiativen. „Im Gebäudebereich und im Verkehrssektor sind wir am weitesten von der Einhaltung des Zielpfades entfernt und müssen neue Instrumente zur Erreichung der deutschen Klimaschutzziele einsetzen. Ein angemessener CO2-Preis kann hier eine wirksame Dynamik zur Treibhausgasreduzierung entfalten“, betont Prof. Dr. Harald Bolt, Vorstand des Forschungszentrums Jülich und Sprecher des FVEE.

Die FVEE-Mitglieder sehen die CO2-Bepreisung auch als große Chance für die Etablierung neuer Energietechnologien: „Angemessene Preise für fossile Energieträger verbessern die Wettbewerbsfähigkeit klimafreundlicher Technologien, die Strom, Wärme und Mobilität bereitstellen. Im Sinne eines Innovationstreibers kann eine CO2-Bepreisung auch die Marktentwicklung für neue technische Komponenten zur Bereitstellung, Verteilung, Wandlung und Speicherung von Energie befördern und damit die Energiewende beschleunigen“, erläutert Bolt. Diese Technologien werden für ein integriertes erneuerbares Energiesystem dringend benötigt, in Deutschland genauso wie auf den wachsenden globalen Klimaschutzmärkten.

Ein CO2-Preis kann zudem die Wirtschaftlichkeit von Energieeffizienz-Maßnahmen verbessern und aus volkswirtschaftlicher Sicht dazu beitragen, Kosten einzusparen. Eine wirkungsvolle CO2-Bepreisung sollte auch dazu beitragen, staatlich induzierte Stromkostenbestandteile zu senken und damit die Verzerrung zwischen fossilen Brennstoffen und Strom zu korrigieren. Zugleich muss die CO2-Bepreisung zur Sicherung der gesellschaftlichen Akzeptanz sozial austariert werden. Weitere Schritte wie die Einführung einer länderübergreifenden Mengenbegrenzung von CO2-Emissionen in wirksamer Höhe sind für die Einhaltung der Klimaschutzziele mittelfristig unabdingbar.

Die folgenden Aspekte sind den Forschungseinrichtungen im FVEE für die Einführung einer CO2-Bepreisung besonders wichtig:

„Durch das Emittieren von Klimagasen nehmen wir faktisch einen Kredit bei den nachfolgenden Generationen auf, da die Kosten unseres derzeitigen Energie-Wohlstands erst in der Zukunft anfallen werden. Die Einführung einer angemessenen sektorenübergreifenden CO2-Mindestbepreisung ist daher ein sinnvolles Element eines zeitgemäßen Generationenvertrags. Gleichzeitig würde die Attraktivität von Investitionen in klimafreundliche Technologien deutlich erhöht werden. Dies gilt insbesondere für den Wärme- und Verkehrssektor, wobei wir im Stromsektor weiterhin den Emissionshandel wirksam ausgestalten sollten. Eine sektorenübergreifende CO2-Bepreisung stellt ein marktnahes, schlankes und effizientes Instrument dar, mit dem dringend benötigte CO2-arme bzw. -neutrale Technologien wirtschaftlich attraktiver werden.“
Prof. Dr. Carsten Agert, Institutsleiter, DLR Institut für Vernetzte Energiesysteme

„Klimaschädliches Handeln ist gerade im Gebäude- und Verkehrssektor derzeit noch wirtschaftlich zu attraktiv. Eine wirksame und sozial abgefederte CO2-Bepreisung muss daher relevanter Bestandteil eines wirksamen Maßnahmenkatalogs sein: Gemeinsam mit ordnungsrechtlichen Vorgaben, zielorientierten Förderprogrammen sowie einer Streichung kontraproduktiver Subventionen unterstützt ein CO2-Preis die Attraktivität von klimafreundlichen Technologien und führt zu einem Innovationsschub bei deren Umsetzung. Ein für die kommenden Dekaden definierter ambitionierter Mindestpreispfad für CO2 gibt dabei Unternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern mehr Planungssicherheit für ihre (Investitions-) Entscheidungen.“
Prof. Dipl.-Ing. Frank Baur, Wissenschaftlicher Geschäftsführer,
Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme (IZES)

„Die Bepreisung von CO2 darf nicht an den Grenzen von Deutschland halt machen. Importe müssen – wie in Deutschland produzierte Produkte – einen entsprechenden CO2-Preisaufschlag erfahren. Dadurch werden Impulse für eine nachhaltige Produktion vor Ort in Deutschland gesetzt. Bei der Photovoltaik kann dies – als Beispiel – im Zusammenspiel mit den neusten Innovationen aus unseren Laboren der Trigger sein, der bewirkt, dass die gesamte Wertschöpfungskette industriell in Deutschland aufgebaut wird und global wettbewerbsfähig agieren kann. Somit schafft eine CO2-Bepreisung Innovation und Wertschöpfung in Deutschland in einem Zukunftsmarkt.“
Dr. Andreas Bett, Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE)

„Unter den bestehenden Regeln schreitet die Transformation des Energiesystems in Deutschland zu langsam voran. Eine sektorübergreifende Bepreisung der CO2-Emissionen kann rasch eingeführt werden. Zu detailreiche Einzelreglungen mit schwer überschaubaren Auswirkungen können so vermieden werden. Eine CO2-Bepreisung erzeugt eine treibende Kraft hin zu mehr Markt für innovative Komponenten und innovative Systemlösungen. Auch der dringend benötigte Ausbau der Solarenergie könnte so schneller vorankommen.“
Prof. Dr.-Ing. Rolf Brendel, Leiter des Instituts für Solarenergieforschung in Hameln (ISFH)

„Eine CO2-Bepreisung mit Augenmaß stellt ein starkes Steuerungsinstrument zur Realisierung einer umwelt- und energieeffizienten Volkswirtschaft dar. Insbesondere im Gebäude- und Mobilitätsbereich wird eine solche Maßnahme wichtige Impulse setzen und eine Beschleunigung der Energiewende herbeiführen. Wesentlich dabei ist die Schaffung eines breiten Konsenses in der Bevölkerung für eine CO2-Bepreisung, d.h. ein sozialverträgliches und transparentes Erhebungs- und Rückverteilungsmodell, das CO2-sparsames Verhalten belohnt.“
Prof. Dr. Vladimir Dyakonov, Wissenschaftlicher Leiter und Vorstand, Bayerisches Zentrum für Angewandte Energieforschung e.V. (ZAE Bayern)

„Die Einführung eines CO2-Preises ist sinnvoll, um stärkere Anreize für klimafreundliche Investitionen zu setzen. Dies gilt insbesondere in den Sektoren Verkehr und Gebäude, die bislang nicht in den EU-Emissionshandel einbezogen sind. Ein CO2-Preis kann die bestehenden Instrumente z.B. zur Förderung von Energieeinsparung oder erneuerbaren Energien verstärken aber nicht ersetzen. Um auch nicht-wirtschaftliche Hemmnisse zu überwinden, muss er mit verstärkten Maßnahmen des „Fördern, Fordern und Informieren“ sowie der Infrastruktur- und Technologieentwicklung gekoppelt werden.“
Prof. Dr. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts

„CO2-Bepreisung mobilisiert das nötige Eigeninteresse privater Akteure an der Erreichung der Klimaziele und nutzt zugleich Märkte als Entdeckungsverfahren für sinnvolle und günstige Lösungen. Sie trägt dazu bei, den klimapolitisch falsch gesetzten Preisvorteil fossiler Strukturen zu korrigieren und alte Strukturen ohne direkten staatlichen Zwang aus dem Markt auslesen zu lassen. Wird sie über alle Sektoren hinweg möglichst einheitlich gesetzt, hilft sie zugleich dabei, die Klimaziele kostengünstig zu erfüllen. Bereits vorhandene Instrumente wie Energie- und Stromsteuer, CO2-Komponente der Kfz-Steuer oder der Emissionshandel müssen dafür konsequent auf die Dekarbonisierungsziele ausgerichtet und aufeinander abgestimmt werden.“
Prof. Dr. Erik Gawel , Leiter Department Ökonomie,
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und Universität Leipzig (UFZ)

„Strom aus erneuerbaren Energien wird zu einem der wichtigsten Energieträger eines klimaneutralen Energiesystems. Seine Nutzung in Wärmepumpen für den Gebäudesektor, in Elektromotoren für die Mobilität oder zur Herstellung von Wasserstoff wird umso wirtschaftlicher, je stärker die Klimawirkung fossiler Energieträger in deren Preis enthalten ist. Deshalb entfaltet eine sektorenübergreifende CO2-Bepreisung eine steuernde Wirkung in Richtung einer klimaverträglichen Energieversorgung. Und sie unterstützt zugleich die Entwicklung und Produktion der dafür benötigten Technologien in Deutschland und Europa.“
Prof. Dr. Hans-Martin Henning, Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE)

„Durch die Einführung eines CO2-Preises wird geothermische Wärmebereitstellung im Vergleich zu klimaschädlichen Optionen kostengünstiger. Mit dieser Maßnahme wird in urbanen Räumen Geothermie schneller fossile Heizungen ersetzen und das würde zu einer signifikanten CO2-Reduktion beitragen. Auch die Speicherung von Überschusswärme im geologischen Untergrund und deren spätere Nutzung zum Heizen würde dadurch befördert.“
Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard F. Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender, Helmholtz-Zentrum Potsdam Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

„Eine direkte Bepreisung von CO2-Emissionen aus der Wandlung, dem Transport, der Speicherung und Nutzung von Energie muss so erfolgen, dass sie zu einem sorgsameren und sparsameren Umgang mit Energie über vollständige Wertschöpfungketten hinweg führt. Ein in diesem Sinne ausgestaltetes Bepreisungssystem führt zur Reduktion von Emissionen durch Innovationen und einen intensiveren Einsatz erneuerbarer Energien. Dieser Denkansatz sollte alle Bereiche, also Strom, Gas, Wärme, Kraftstoffe und chemische Rohstoffe, einbeziehen. Durch die Kraft der Innovationen kann die gemeinsame Hinwendung zu einem klimaneutralen Energiesystem in Deutschland und den in enger Wechselwirkung stehenden Ländern Europas gelingen. Eine Einbeziehung der europäischen Bürgerinnen und Bürger in diesen Prozess ist unerlässlich.“
Prof. h.c. Dr.-Ing. Joachim Knebel, Leiter des Bereichs Maschinenbau und Elektrotechnik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

„Die CO2-Bepreisung macht den ökonomischen Wer