Dienstag, August 9, 2022
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AZV Döbeln-Jahnatal: Bakterien auf Diät

Auf der Kläranlage des AZV Döbeln-Jahnatal in Westewitz soll getestet werden, wie man den Kohlenstoff im Abwasser optimal gewinnen und nutzen kann

Hans-Jürgen Gemkow geht. Nach über 23 Jahren auf dem Chefsessel des Wasserverbandes Döbeln-Oschatz und als Geschäftsführer des Abwasserzweckverbandes (AZV) Döbeln-Jahnatal hat er es zum Ende seiner Dienstzeit noch mit einem, wie er findet, „sehr spannenden und zukunftsweisenden Projekt“ zu tun bekommen. Es geht um CARISMO. Und die Tatsache, wie man aus dem energiereichen Abwasserstrom noch mehr Nutzen, sprich Energie, ziehen kann.

„Warum sollten wir den Bakterien in den Belebungsbecken etwas zum Fraß vorwerfen, was wir anderweitig noch wunderbar nutzen können?“ Die Frage stellte sich Gemkow und war bereit, die Kläranlage des AZV in Westewitz als Pilotanlage zur Verfügung zu stellen. Hier sollen die Bakterien, die bekanntermaßen dafür sorgen, dass die organischen Bestandteile im Abwasser abgebaut werden und es auf diese Weise reinigen, demnächst bewusst auf Diät gesetzt werden, also weniger Nahrung bekommen.

Das ist der Ansatz von CARISMO. Entwickelt im Kompetenzzentrum Wasser Berlin. Der Begriff steht für Carbon is money. Heißt. der im Abwasser enthaltene Kohlenstoff ist bares Geld. Aus der CARISMO-Idee ist schließlich das Projekt POWERSTEP entwickelt worden, das die OEWA Wasser und Abwasser GmbH als Betriebsführer des AZV in den kommenden Jahren in Westewitz auf seine Praxistauglichkeit hin testen will.

„In der Theorie sind die Effekte bekannt und mit ausgiebigen Versuchsreihen auch bestätigt“, weiß OEWA-Niederlassungsleiter Wolf-Thomas Hendrich. Aber wie sich der Kohlenstoff- und damit Energieentzug in der Realität auswirkt, das wisse man bisher nicht. Deshalb folgt nun die praktische Testphase. Die Herausforderung besteht darin, das System der biologischen Abwasserreinigung so einzustellen, dass die Bakterien trotz Diät ihre Arbeit weiter wie gewohnt verrichten können und das Abwasser den Umweltanforderungen entsprechend reinigen. Für Gemkow Grundvoraussetzung, dem Projekt überhaupt zuzustimmen. „Die Ablaufwerte müssen stimmen“, betont er.

Schon am Zulauf der Kläranlage, erläutert Hendrich, wird das ankommende Abwasser über eine Art Mikrosieb geschickt und der enthaltene Kohlenstoff mit einem speziellen Hilfsmittel in größeren Flocken gebunden, die man damit leichter aus dem Abwasserstrom herausfiltern kann. Zum Beispiel, um sie gezielt einer Faulungsanlage zuzuführen und dort Energie zu gewinnen. „Normalerweise warten die Bakterien im Belebungsbecken der Kläranlage auf diese Nahrung, die wir ihnen gleich am Anfang entziehen“, erklärt Gemkow. Aber sie müssten ja nicht hungern, nur mit weniger Nahrung auskommen. Wie stark man die Bakterien auf Diät setzen kann, das sei die Frage, die es zu beantworten gilt, ergänzt Hendrich.

Aktuell beschäftigten sich die Planer intensiv mit den Vorbereitungen für den POWERSTEP-Testlauf. Mit den Genehmigungsbehörden befindet man sich in der Abstimmung. Im Sommer 2016 könnte die Anlage in Betrieb gehen. Sie soll bis Ende 2017 im Testbetrieb laufen. „Wenn das Prinzip funktioniert, übernehmen wir die Anlage 2018″, sagt AZV-Geschäftsführer Gemkow, der dann schon einige Zeit im Ruhestand sein wird, das Projekt aber trotzdem verfolgen will. Übrigens, ein Fördermittelbescheid der EU liegt vor. Damit stehe die Finanzierung des Testlaufes, freut er sich.

Für Wolf-Thomas Hendrich ist es ein Glücksfall, dass man Westewitz für diesen Praxistest als eine von insgesamt sechs Versuchsanlagen auserkoren hat. In Malmö oder Braunschweig wird der POWERSTEP-Effekt auch auf weit größeren Anlagen getestet. „Wir bekommen die Chance, hier mit Unterstützung des AZV ein echtes Leuchtturmprojekt in der Region zu etablieren, das den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen anschaulich demonstriert“, betont der Leiter der OEWA-Niederlassung Döbeln und freut sich, wenn es im kommenden Jahr los geht.

Hintergrund:
Neu ist das Thema Energiegewinnung aus Abwasser für den AZV Döbeln-Jahnatal und seinen Betriebsführer, die OEWA, nicht. Über eine Wärmepumpe werden auf der Kläranlage Döbeln-Masten bereits die Betriebsgebäude beheizt – mit der Energie aus dem Abwasser. Über eine Faulungsanlage könnte man allerdings noch mehr bewirken, um Biogas und letztlich Strom zu erzeugen. Das wäre nicht nur umweltbewusst, sondern würde auch Kosten reduzieren. Die Anträge sind gestellt. Noch fehlt allerdings die Finanzierung einer solchen Faulungsanlage. Der AZV, so sagt dessen scheidender Geschäftsführer Hans-Jürgen Gemkow, stünde in dieser Angelegenheit erneut mit dem Sächsischen Umweltministerium in engem Kontakt. Die Kombination einer eigenen Faulung mit dem POWERSTEP-Effekt würde helfen, das energiehaltige Abwasser optimal zu nutzen, argumentiert er.

http://www.oewa.de/presse/pressemitteilungen/einzelansicht/artikel/bakterien-auf-diaet.html