Sonntag, Mai 19, 2024
StartFachwissenKanal und EntwässerungEmscher wirbt für den Einsatz von Abwasserwärme

Emscher wirbt für den Einsatz von Abwasserwärme

EGLV-Chef Paetzel erläutert das gewaltige Potenzial dieser bisher wenig genutzten Energiequelle.
Der stetige Strom an Abwasser ist aufgrund seiner konstant hohen Temperatur eine verlässliche Energiequelle. Bisher spielt Abwasser in der Debatte zur Energiewende noch eine untergeordnete Rolle. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Es ist eine lokale, sichere, regenerative und langfristig verfügbare Energiequelle und unkompliziert nutzbar.

Über all diese Vorteile der als Aquathermie bezeichneten Abwasserwärmenutzung informierten Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) am Donnerstag in Bochum unter anderem Vertreter:innen aus der Wohnungswirtschaft, der Politik sowie von Stadtwerken. Eine Impulsrede hielt Mona Neubaur, Wirtschafts- und Klimaschutzministerin des Landes Nordrhein-Westfalen.
Gängige Technologie

Die Aquathermie ist eine gängige Technologie, die hierzulande jedoch kaum genutzt wird. In Frankreich ist man da bereits deutlich weiter: Der Elysée-Palast (Sitz des französischen Präsidenten), der Senat sowie das Gebäude der Assemblée Nationale (Nationalversammlung) werden unter anderem auch mit aus dem Pariser Abwasserkanalnetz gewonnener Wärme geheizt.

In Deutschland fließt täglich eine gigantische Menge Abwasser durch hunderttausende Kilometer Kanalnetz, das bisher weitgehend ungenutzte Restwärme enthält. Mit dieser Restenergie könnten in Deutschland vier bis zwölf Millionen Menschen klimafreundlich heizen.

Ökonomische Alternative zu Öl und Gas
„Die Aquathermie ist gerade im Einzugsgebiet von Emscher und Lippe eine Möglichkeit, um die Wärmewende erfolgreich umzusetzen“, sagte Neubaur. Das Ruhrgebiet ist mit seinen über fünf Millionen Einwohner:innen eines der größten Ballungsgebiete in Europa. Das bedeutet auch: Nirgendwo ist das unterirdische Kanalnetz so dicht wie direkt vor unserer Haustür“ erläuterte Frank Dudda, Vorsitzender des Genossenschaftsrates der Emschergenossenschaft.

„Auch ökonomisch ist die Abwasserwärmenutzung eine ernst zu nehmende Alternative zu fossilen Energieträgern und bietet ein hohes Maß an Versorgungssicherheit“, sagte Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft.

Pilotprojekt in Bochum
Abwasserwärme kann einen nachhaltigen und effizienten Baustein eines ganzheitlichen kommunalen Wärmekonzepts bilden. Insbesondere für Abnehmer wie Seniorenwohnheime, Bäderbetriebe oder Kläranlagenbetreiber ist Abwasserwärme eine sinnvolle Möglichkeit, sich von fossilen Energieträgern unabhängig zu machen.

Ein gutes Beispiel zeigt ein Pilotprojekt von EGLV in Kooperation mit den Stadtwerken Bochum auf: 2009 wurde die Aquathermie im Bochumer Nord-West-Bad umgesetzt. „Wir nutzen die Abwasserwärme aus dem nahegelegenen Marbach. Mit messbarem Erfolg: Wir decken damit bis zu 65 Prozent des Wärmebedarfs und sparen gleichzeitig bis zu 40 Prozent CO2. Diese Technologie ist sicher dazu geeignet, künftig einen großen Beitrag in der Wärmenutzung zu leisten“, berichtet Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch.

Haushaltswasser mit 25 Grad
„Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern wie Öl, Kohle und Gas – die nur endlich verfügbar sind und über ihre Verbrennung klimaschädliche Emissionen mit erheblichen Folgeschäden und -kosten erzeugen – ist Abwasser fast überall und dauerhaft verfügbar und hat selbst in den Wintermonaten relativ hohe und konstante Temperaturen“, sagt Frank Obenaus, Technischer Vorstand der Emschergenossenschaft.

Das Abwasser verlässt einen Haushalt mit einer Durchschnittstemperatur von 25 Grad. Fließt das Abwasser durch die unterirdischen Kanäle, hat es durch die gute Isolierung des Erdreichs eine Durchschnittstemperatur von rund zehn bis 15 Grad, je nach Jahreszeit.

Installation im Ablauf einer Kläranlage
Wird ein Wärmetauscher im Kanalrohr oder idealerweise im Ablauf einer Kläranlage installiert, überträgt er die Wärme und macht diese in Kombination mit einer Wärmepumpe für den Heizkreislauf nutzbar. Somit kann mit Abwasserwärme geheizt oder im umgekehrten Fall auch gekühlt werden.

„Wenn nur zehn Prozent der potenziellen Abwasserwärme genutzt würden, könnte das EGLV-Netz den Wärmebedarf einer mittelgroßen Stadt mit ca. 30.000 Einwohner:innen decken“, so Paetzel. (hp)

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