Mittwoch, Januar 27, 2021
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Januar 2021
Umwelt
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27.01.2021 Regionaler Wasserstoff aus Biomasse – sauber und effizient!
26.01.2021 Permanenter Hitzezustand / Klimawandel fördert das Aufheizen von Seen
25.01.2021 Benzinpreise steigen nach CO2-Bepreisung und Mehrwertsteuererhöhung weniger als erwartet
24.01.2021 Klimawandel und Wasserstraßen
22.01.2021 KIT: Thermomagnetische Generatoren wandeln Abwärme auch bei kleinen Temperaturunterschieden in Strom
21.01.2021 Kommt Trinkwasser bald aus dem Meeresboden?
20.01.2021 Grundwasser beeinflusst die Chemie des Ozeans
18.01.2021 Corona-Trend Angeln: Die Artenvielfalt könnte profitieren
16.01.2021 Das neue Gesicht der Antarktis
14.01.2021 Seilbahnen als umweltfreundliche Alternative zum Autoverkehr
12.01.2021 Stadtlogistik: Wie lässt sich die „Letzte Meile“ möglichst nachhaltig gestalten?
10.01.2021 Verzicht auf Silvesterfeuerwerk erspart der Umwelt Tausende Tonnen Kunststoffe
07.01.2021 TU Berlin: Klärschlämme und Plastikfolien kontaminieren die Felder
05.01.2021 Neuer Forschungsverbund als „Turbo für Atmosphären- und Klimaforschung sowie Meteorologie“
02.01.2021 Speicherung erneuerbarer Energien und CO2-Verwertung
Gesundheit
19.01.2021 Corona-Warn-App auf dem Prüfstand
17.01.2021 Schlaf für Erholung des Gehirns unersetzlich
13.01.2021 Erste Daten des Corona-Impfstoffes zeigen gute Verträglichkeit, aber schwache Immunreaktion
09.01.2021 Stellungnahme des KKNMS zur Methode der mRNA Vakzinierung
08.01.2021 Ein unbehandelter Bluthochdruck erhöht das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe
04.01.2021 Generation 80+: Impfbereitschaft gut, Erreichbarkeit der Impfzentren schlecht
03.01.2021 Immunüberreaktion erklärt schweren COVID-19 Verlauf bei Patient*innen mit Bluthochdruck – Können ACE-Hemmer helfen?
Gesellschaft
23.01.2021 Erfolgsfaktoren für die Gestaltung einer teamorientierten Arbeitswelt
15.01.2021 Wenn ältere Beschäftigte ihr Wissen nicht mit Jüngeren teilen
11.01.2021 Menschen hören das, was sie zu hören erwarten
06.01.2021 Studie: Wie (un)beliebt ist die „Corona-Warn-App“?
01.01.2021 IAB-Arbeitsmarktbarometer: Arbeitsmarktentwicklung bleibt stabil

 


Regionaler Wasserstoff aus Biomasse – sauber und effizient!

Rainer Krauß Hochschulkommunikation
Hochschule Hof – University of Applied Sciences
An der Hochschule Hof macht eine Unternehmensgründung auf sich aufmerksam, die wichtige Lösungen für die Energiewende liefern könnte: Die BtX energy GmbH bietet unterschiedliche Verfahren, um aus Biomasse hochwertigen Wasserstoff herzustellen. Neben dem Vertrieb schlüsselfertiger Anlagen zur Dampfreformierung von Biogas möchte die junge Firma zunächst für die Region Hof ein Gesamtkonzept zur regionalen Erzeugung und Nutzung von grünem Wasserstoff erstellen – ein wegweisendes Unterfangen.

Andy Gradel ist gelernter Maschinenbauer und Leitender Ingenieur am Institut für Wasser- und Energiemanagement der Hochschule Hof (iwe). Der 30Jährige, der vor kurzem seine Doktorarbeit fertigstellte, beschäftigt sich in seiner Forschung seit 2016 mit der Frage, wie aus Biomasse saubere Energie und Wärme gewonnen werden kann. In Zusammenarbeit mit seinem Industriepartner, der WS – Wärmeprozesstechnik GmbH aus dem schwäbischen Renningen gelang Gradel im Rahmen einer Promotion im Kontext der Technologieallianz Oberfranken (TAO) nun über viele Versuche die Entwicklung eines neuartigen Holzvergasers.

Auszeichnung für Forschung
„Unser Vergaser basiert auf der Nutzung der prozesseigenen Holzkohle als Teerfilter. Dadurch erreichen wir einen deutlich wartungsärmeren und gleichzeitig flexibleren Betrieb der Anlage – gemessen am derzeitigen Stand der Technik. Das macht unseren Holzvergaser finanziell attraktiv“, erklärt Andy Gradel. Für seine Forschung am Verfahren wurde der gebürtige Bayreuther unlängst bei einer Fachkonferenz in Zittau mit dem „Young Academics Award for Bioenergy 2020“ als bester Nachwuchsforscher des Bereichs ausgezeichnet.

Marktgang mit Profis
Die erfolgreiche Technik möchte Andy Gradel nun auf den Markt bringen. Anders als anzunehmen ist die deshalb neu gegründete BtX energy GmbH kein Niemand in der Branche: Mitgesellschafter sind die renommierten Unternehmer Joachim Wünning und Martin Schönfelder, Geschäftsführer der WS Wärmeprozesstechnik GmbH, welche 2011 den deutschen Umweltpreis für die FLOX® Technologie (flammenlose Verbrennung) erhielt. Darüber hinaus beteiligt ist Prof. Tobias Plessing, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Wasser- und Energiemanagement (iwe) an der Hochschule Hof. Gemeinsam möchte man einen Beitrag für die Energiewende leisten.

Hoffnung für Biogasbranche
Neben der Weiterentwicklung des Holzvergasers bis zur Marktreife wird das junge Unternehmen vor allem Wasserstoffproduktionsstätten für Biogasanlagen auf den Markt bringen. Wie wichtig derartige Erfindungen für die Biogasbranche sind, zeigt ein Blick auf deren aktuelle Herausforderungen: In den kommenden Jahrzehnten ist die Biogas-Industrie nach Experteneinschätzungen von einem kompletten Rückbau bedroht. Grund dafür ist die auf 20 Jahre befristete Einspeisevergütung für grünen Strom aus diesen Anlagen. Anschlussverträge ermöglichen derzeit oft keinen wirtschaftlichen Weiterbetrieb der bestehenden Anlagen. Die Lösung für das Problem wollen nun die Akteure der BtX energy GmbH bieten.

Wasserstoff in hoher Menge möglich
Wasserstoff ist ein bereits heute viel genutzter Grundstoff und gleichzeitig ein wesentlicher Energieträger der Zukunft. Wo und wie grüner Wasserstoff zu wirtschaftlichen Preisen industriell und in Masse produziert werden kann, ist allerdings nach wie vor eine ungelöste Frage: „Während sich die meisten Akteure im Energiemarkt auf die Elektrolyse aus dem regenerativem Überschussstrom konzentrieren, werden durch die neue Technik schlüsselfertige Anlagen zur Dampfreformierung von Biogas möglich. Dies kann für die kriselnde Biogasbranche von enormem Nutzen sein“, so Prof. Tobias Plessing von der Hochschule Hof.

Platzsparende Containerlösung
Die schlüsselfertige Komplettlösung für die Biogasreformierung soll nun den Markt revolutionieren – in Form einer unauffälligen und platzsparenden Containerlösung. „Die Produktionskosten je Kilogramm Wasserstoff können dabei sogar deutlich niedriger ausfallen als bei der Elektrolyse“, so die Hoffnung des Jungunternehmers. Durch die dezentrale Erzeugung würde zudem der aufwändige und energieintensive Straßentransport des Wasserstoffs minimiert oder bestenfalls ganz vermieden, was sich ebenfalls positiv auf die Wirtschaftlichkeit der Anlage und die Gesamtenergiebilanz des Vorhabens auswirkt.

Unterstützung für Betreiber
Neben Produktion und Vertrieb der Anlagen möchte die neugegründete Firma auch die zukünftigen Betreiber dazu befähigen, den Wasserstoff auf den Märkten abzusetzen. Betreiber von Biogasanlagen seien schließlich meist in der Landwirtschaft verankert und daher keine klassischen Energiehändler. „Sicherzustellen, dass die Anlage genug Gewinn abwirft, ist unbedingt notwendig. Dieser Herausforderung stellt sich die BtX energy GmbH als Anbieter von Komplettlösungen“, so Geschäftsführer Andy Gradel. Von der Produktion bis zum Verkauf an der Zapfsäule, der Nutzung für Müllfahrzeuge, Landmaschinen oder im ÖPNV: „Überall, wo Wasserstoff die Energiewende vorantreiben kann, können die Landwirtschaft, die Bioabfallverwertungsbranche sowie viele weitere Akteure ihren Beitrag leisten: dezentral, sofort umsetzbar, rund um die Uhr auf Volllast und aufgrund der direkten stofflichen Umwandlung mit bestechend hohem Wirkungsgrad. Wir wollen dabei unterstützen.“

Konzept für die Region
Ziel der Forscher und Unternehmer ist darüber hinaus, anhand der Region Hof gemeinsam mit den regionalen Playern ein Beispielkonzept für die Erzeugung und die Nutzung grünen Wasserstoffs aufzulegen, das anschließend national oder gar international adaptiert werden kann. „Die Region ist wie die meisten bayerischen Regionen in Summe ländlich und landwirtschaftlich geprägt und gleichzeitig dicht mit Unternehmen im Bereich der Logistik besiedelt. Dies ist eine ideale Voraussetzung, um beispielhaft eine gesamte regionale Wertschöpfung von Wasserstoff aus Biomasse zu skizzieren und voranzutreiben. Wir sind dazu aktuell auf der Suche nach Partnern aus Politik und von kommunaler Seite. Unser klares Ziel ist es, dies vor Ort umzusetzen und so auch die Mobilitätswende in der Region Hof voranzubringen“, so Geschäftsführer Andy Gradel. Die erste Anlage zur Demonstration der Funktionsweise und Wirtschaftlichkeit ist für dieses Vorhaben bereits im Bau.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Tobias Plessing
Ingenieurwissenschaften
Maschinenbau
Hochschule Hof
Alfons-Goppel-Platz 1
95028 Hof
E-Mail: tobias.plessing@hof-university.de

Anhang
Regionaler Wasserstoff aus Biomasse – sauber und effizient!

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Permanenter Hitzezustand / Klimawandel fördert das Aufheizen von Seen

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Perioden mit außergewöhnlich warmem Oberflächenwasser in stehenden Gewässern, sogenannte „Seen-Hitzewellen“, werden bis zum Ende des 21. Jahrhunderts an Intensität und Dauer zunehmen. Das schreibt ein internationales Wissenschaftler*innen-Team unter Beteiligung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Fachjournal Nature. Dies bedrohe die Artenvielfalt und bringe die Ökosysteme dieser Gewässer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Das Forscher*innen-Team modellierte unter Leitung der Europäischen Weltraumorganisation ESA die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf 702 Seen weltweit, darunter der Chiemsee und der Müritzsee in Deutschland. Sie bezogen sich dabei auf drei Szenarien künftiger Treibhausgasemissionen, die sogenannten „Repräsentativen Konzentrationspfade“ (RCPs). Diese beschreiben, ob der Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2100 gestoppt wird (RCP 2.6), weiter steigt (RCP 6.0) oder sich ungebremst fortsetzt (RCP 8.5). Im letzten Fall würde laut des Weltklimarats IPCC bis Ende des Jahrhunderts die Erwärmung im weltweiten Durchschnitt mehr als vier Grad betragen, was der aktuellen Entwicklung entspricht.

Doch welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Seen? Für das RCP 8.5-Szenario zeigen die Modelle der Forscher, dass sich die durchschnittliche Intensität der Seen-Hitzewellen bis zum Jahr 2100 um 1,7 Grad von derzeit 3,7 Grad Celsius auf 5,4 Grad Celsius erhöhen wird. Zudem wird ihre durchschnittliche Dauer von derzeit etwa einer Woche auf mehr als drei Monate ansteigen. Geht man dagegen von einem RCP 2.6-Szenario aus, klettert die durchschnittliche Intensität einer Hitzewelle lediglich um 0,3 Grad auf rund 4,0 Grad Celsius bei einer durchschnittlichen Dauer von einem Monat.

Außerdem zeigte sich, dass die Tiefe der Seen, die in der Studie zwischen 2 und 60 Metern variierte, entscheidenden Einfluss darauf hat, wie stark die Hitzewellen ausfallen: In tieferen Seen halten sie länger an, sind aber weniger intensiv. Zum Beispiel dauern Hitzewellen in einem 30 Meter tiefen See ungefähr doppelt so lang und sind um ca. 2 Grad Celsius weniger intensiv wie in einem See, der nur 3 Meter tief ist.

Die Forscher gehen davon aus, dass sich – bedingt durch die prognostizierte Klimaerwärmung – in den kommenden Jahrzehnten Seen-Hitzewellen über mehrere Jahreszeiten erstrecken werden. „Außergewöhnliche Seen-Hitzewellen werden in Zukunft in vielen Fällen zur Normalität“, sagt der UFZ-Forscher und Mitautor der Studie Dr. Tom Shatwell. Bis zu 40 Prozent der untersuchten Seen könnten beim RCP 8.5-Szenario einen permanenten Hitzezustand erreichen, der sich über das ganze Jahr erstreckt und sich deutlich auf die physikalische Struktur und die chemischen Eigenschaften auswirkt. „Konkret heißt das zum Beispiel, dass sich die Durchmischungsverhältnisse in den Seen verändern können und damit die Verfügbarkeit von Sauerstoff im Wasser negativ beeinflussen. Auch die Gefahr der durch Cyanobakterien hervorgerufenen giftigen Blaualgenteppiche würde steigen. Und schließlich ist auch die biologische Vielfalt bedroht, weil manche in und an Seen lebenden Arten nicht sehr hitzetolerant sind“, sagt Tom Shatwell. Diese Entwicklung könne die Ökosysteme an die Grenzen ihrer Belastbarkeit treiben, resümieren die Autoren*innen der Studie.

Dass die Erwärmung von Gewässern auch für den Menschen Konsequenzen haben kann, zeigten UFZ-Wissenschaftler um den Seenforscher Dr. Karsten Rinke in einer anderen Studie. Ende des vergangenen Jahres berichteten sie in der Zeitschrift Science of the Total Environment, dass auch in Trinkwassertalsperren wie der Rappbodetalsperre im Harz die Wassertemperaturen deutlich steigen können – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Management der Trinkwasserversorgung.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Tom Shatwell
UFZ-Department Seenforschung
tom.shatwell@ufz.de

Originalpublikation:
RI Woolway, E Jennings, T Shatwell, M Golub, D Pierson and S Maberly: Lake heatwaves under climate change. Nature (2021), https://doi.org/10.1038/s41586-020-03119-1

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Benzinpreise steigen nach CO2-Bepreisung und Mehrwertsteuererhöhung weniger als erwartet

Sabine Weiler Kommunikation
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Zu Jahresbeginn startete in Deutschland das Zeitalter der CO2-Bepreisung von fossilen Kraft- und Brennstoffen. Darüber hinaus ist der Mehrwertsteuersatz nach einer temporären Senkung wieder auf das ursprüngliche Niveau von 19 Prozent gestiegen. Dadurch sind die Preise an den Zapfsäulen gegenüber dem Ende des Jahres 2020 zwar gestiegen, bislang jedoch deutlich weniger als das nach Berechnungen des RWI zu erwarten gewesen wäre. Scheinbar wurde die Erhöhung der Abgaben auf die Kraftstoffpreise bisher nicht vollständig an die Autofahrerinnen und Autofahrer weitergegeben. Das ergibt die Auswertung der Benzin- und Rohölpreisdaten im Rahmen des RWI-Benzinpreisspiegels.

Das Wichtigste in Kürze:
• Zu Jahresbeginn startete in Deutschland das Zeitalter der CO2-Bepreisung von fossilen Kraft- und Brennstoffen. Zudem wurde der Mehrwertsteuersatz nach einer temporären Senkung auf 16 Prozent wieder auf das ursprüngliche Niveau von 19 Prozent angehoben. Die Preiserhöhung infolge der CO2-Bepreisung macht rein rechnerisch knapp 8 Cent bei Diesel und etwas mehr als 7 Cent bei Benzin aus. Die Mehrwertsteuererhöhung sollte bei Benzin zu einer zusätzlichen Preiserhöhung von etwas mehr als 3 Cent führen. Infolge beider staatlichen Maßnahmen müsste sich der Benzinpreis rein rechnerisch daher um etwas mehr als 10 Cent je Liter erhöhen. Bei Diesel sollte die Mehrwertsteuererhöhung zu einer zusätzlichen Preiserhöhung von knapp 3 Cent führen, insgesamt sollte sich der Dieselpreis ebenfalls um mindestens 10, eher aber um knapp 11 Cent je Liter erhöhen.

• Tatsächlich ist der Preis für Diesel vom 31. Dezember 2020 auf den 1. Januar 2021 im Durchschnitt lediglich um 4,9 Cent pro Liter gestiegen (Abbildung 1). Allerdings wurde die Preiserhöhung in Teilen bereits vor dem Jahresende 2020 vorweggenommen. Am höchsten fiel die durchschnittliche Preissteigerung vor und nach dem Jahreswechsel zwischen dem 28. Dezember 2020 und dem 6. Januar 2021 aus, sie betrug bei Diesel im Mittel 8,2 Cent.

• Beim Benzin (E10) lag der Preisanstieg vom 31. Dezember 2020 auf den 1. Januar 2021 noch etwas niedriger als bei Diesel, im Durchschnitt lediglich bei 4,7 Cent pro Liter (Abbildung 2). Auch bei Benzin ergab sich die höchste durchschnittliche Preissteigerung vor und nach dem Jahreswechsel zwischen dem 28. Dezember 2020 und dem 6. Januar 2021 und betrug im Mittel 8,4 Cent.

• Die Auswertung im Rahmen des RWI-Benzinpreisspiegels hat darüber hinaus ergeben, dass die Differenz zwischen Benzin- und Rohölpreisen während den Zeiten des ersten Corona-Lockdowns in den Monaten März und April 2020 besonders hoch ausfiel (Abbildung 1 und 2). Diese Differenz hat sich erst nach mehreren Monaten wieder reduziert. Im zweiten Halbjahr 2020 fiel die Differenz zwischen Benzin- und Rohölpreisen verglichen mit dem ersten Halbjahr sogar besonders niedrig aus. Dies lag wohl auch an der Senkung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf 16 Prozent.

Zur Entwicklung der Kraftstoffpreise sagt der Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am RWI, Manuel Frondel: „Die durch die Einführung der CO2-Bepreisung und die Mehrwertsteuererhöhung rein rechnerisch erwartbaren Preiserhöhungen haben sich noch nicht gänzlich an den Zapfsäulen niedergeschlagen. Scheinbar wurde die Erhöhung der Abgaben auf die Kraftstoffpreise bisher nicht vollständig an die Autofahrerinnen und Autofahrer weitergegeben.“

Ihre Ansprechpartner/in dazu:
Prof. Dr. Manuel Frondel, Tel. 0201 8149-204
Sabine Weiler (Kommunikation), Tel.: 0201 81 49-213

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Manuel Frondel, Tel. 0201 8149-204

Originalpublikation:
https://www.rwi-essen.de/presse/mitteilung/425/

Weitere Informationen:
http://www.rwi-essen.de/benzinpreisspiegel Weitere Informationen zum RWI-Benzinpreisspiegel. Über die Ergebnisse berichtet heute die „FAZ“ unter der Überschrift „Benzinpreis steigt weniger stark als erwartet“.

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Klimawandel und Wasserstraßen

Sabine Johnson Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesanstalt für Wasserbau (BAW)
„Wir verfügen rechtzeitig über geeignete Konzepte, um auch künftig unter den Bedingungen des Klimawandels wirtschaftliche und zuverlässige Schiffstransporte zu ermöglichen, und dies bei geringen Eingriffen in Wasserwirtschaft und Umwelt.“ So lautete das Fazit im Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Christoph Heinzelmann, Leiter der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), beim 51. virtuellen Internationalen Wasserbau-Symposium Aachen 2021. Im Mittelpunkt des Vortrags standen die künftig zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserstraßen sowie mögliche Anpassungsoptionen am Beispiel des Rheins.

Langfristig werden die veränderten Klimabedingungen gravierende Auswirkungen auf das Wasserdargebot in den Wasserstraßen haben. Vermehrte und anhaltend extreme Wetterereignisse sind zu erwarten, verbunden mit häufigeren und extremeren Hoch- und Niedrigwasserereignissen. „Als Folge des Klimawandels kann auf längere Sicht das Szenario, das wir im zweiten Halbjahr 2018 beim extremen und lang anhaltenden Niedrigwasserereignis am Rhein erlebt haben, zum Regelfall werden“, so Heinzelmann.

Für die Anpassung an künftig geringere Niedrigwasserabflüsse sind unterschiedliche Handlungsoptionen denkbar, die auch kombiniert werden können: Ein Handlungsstrang zielt auf bauliche Änderungen an den Schiffsgefäßen ab, wie z. B. kleinere Schiffsgefäße, leichtere Schiffe sowie höhere Effizienz der Schiffsantriebe bei Niedrigwasser. Ein weiterer Handlungsstrang umfasst Änderungen an der Wasserstraßeninfrastruktur. Diese reichen von verbesserten Wasserstandsvorhersagen über die Bereitstellung aktueller Tiefeninformationen der Wasserstraße bis hin zu flussbaulichen Anpassungsmaßnahmen. Hierzu zählen der Bau oder die Anpassung von Buhnen und Parallelwerken, die Verfüllung von Übertiefen sowie der Sohlenabtrag durch Baggerungen, die in felsigen Abschnitten ggf. mit Fräsung oder Meißelung kombiniert werden. Diese klassischen Maßnahmen sind in weiten Bereichen der frei fließenden Wasserstraßen zielführend. Mitunter stoßen sie aber auch an Grenzen, wenn z. B. ihre Hochwasserneutralität nicht sichergestellt werden kann. „Für diesen Fall haben wir im Rahmen einer Konzeptstudie für den Mittelrhein zwischen Mainz und St. Goar innovative flussbauliche Lösungen entwickelt, die einerseits die Regelungsziele erfüllen und andererseits geringe Auswirkungen auf Wasserwirtschaft und Umwelt haben“, sagte Heinzelmann.

Das Konzept mit dem Namen „Niedrigwasserkorridor“ beruht darauf, dass im Niedrigwasserfall der Verkehrsflächenbedarf der Schiffe kleiner ist als bei höheren Abflüssen. Bei klimabedingt geringeren Niedrigwasserabflüssen sind damit wirtschaftliche Schiffstransporte auch künftig möglich, indem die Fahrrinne nicht über die gesamte Breite vertieft wird und natürlich vorhandene Übertiefen genutzt werden. Fahrdynamische Untersuchungen der BAW für den Mittelrhein haben ergeben, dass bei Niedrigwasserabfluss im Begegnungsfall ca. 50 bis 80 % der heute vorhandenen Breite ausreichen. Diese reduzierte Breite kann nochmals deutlich verringert werden, wenn der Niedrigwasserkorridor nicht für den Begegnungsfall sondern für die Richtungsfahrt dimensioniert wird. Maßgebend hierfür ist die Fahrt zu Berg, da zum einen die Gütertransporte im Mittelrheinabschnitt überwiegend zu Berg gerichtet sind und zum anderen die dynamische Einsinktiefe der Schiffe in der Bergfahrt größer ist als in der Talfahrt. Für dieses Szenario sind im untersuchten Streckenabschnitt nur ca. 30 % der heutigen Fahrrinnenbreite erforderlich.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr.-Ing. Christoph Heinzelmann
christoph.heinzelmann@baw.de

Weitere Informationen:
Der Video-Mitschnitt des Vortrags steht auf der eLearning-Plattform IZW-Campus bereit: https://izw-campus.baw.de/goto.php?target=cat_1842&client_id=iliasclient

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Erfolgsfaktoren für die Gestaltung einer teamorientierten Arbeitswelt

Juliane Segedi Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Die Studie »Teamarbeit und ihre Arbeitsumgebung« des Fraunhofer IAO zeigt die Bedeutung der Bürogestaltung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Team

Die Arbeitswelt verändert sich mit zunehmendem Tempo. Um eine schnelle Anpassung an die ständigen Veränderungen und dynamischen Prozesse zu ermöglichen, ist die Arbeitswelt mehr denn je auf Projekt- und Teamarbeit angewiesen. Die Studie des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, die im Verbundforschungsprojekt OFFICE 21® entstanden ist, veranschaulicht Erfolgsfaktoren für die Gestaltung einer teamorientierten Arbeitswelt.

Die Corona-Pandemie hat zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Büro- und Arbeitswelt, vor allem hinsichtlich der Zusammenarbeit geführt. Aufgrund der vermehrten Arbeit im Homeoffice mussten innerhalb kurzer Zeit neue digitale Kommunikations- und Austauschplattformen in den Arbeitsalltag integriert werden, um sowohl die Zusammenarbeit innerhalb der Arbeitsorganisation, als auch mit Externen aufrecht zu erhalten und eine Einschränkung der Informationsflüsse zu verhindern. Trotz der Etablierung digitaler Tools als Kommunikationsalternative, wurde vor allem der Verlust an spontanen und informellen Interaktionen mit Kolleg*innen vermisst. Begegnungen stärken nicht nur das Zugehörigkeitsgefühl, sondern sind nachweislich auch essenziell für kreative Prozesse und Innovation. Dass gute Ideen und Kreativität vor allem im persönlichen Austausch entstehen, zeigte bereits die »Office Analytics«-Studie des Fraunhofer IAO aus dem Jahr 2017.

Bei einer teilweisen Rückkehr in die Bürogebäude nach der Corona-Pandemie, stellt sich unweigerlich die Frage, wie das New Normal aussehen wird und wie das Büro gestaltet sein muss, um den (neuen) Anforderungen gerecht zu werden. Wie können und sollten Teams zusammenarbeiten, um erfolgreich zu sein? Und wie muss die Arbeitsumgebung gestaltet werden, um die Zusammenarbeit bestmöglich zu unterstützen? Diese Fragen stehen im Zentrum der Studie »Teamarbeit und ihre Arbeitsumgebung« des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Die Publikation schließt auch die aktuelle Forschungsphase zum Thema »Office Analytics« ab. Nach momentanem Stand wird davon ausgegangen, dass das Büro noch stärker als zuvor ein Ort der Begegnung, des informellen Austauschs und des kreativen Arbeitens werden wird. Daher ist es von großer Bedeutung, sich bereits jetzt anzuschauen, wie eine erfolgsförderliche Umgebung gestaltet sein muss, um Teamarbeit bestmöglich zu unterstützen.
Teamarbeit ist vielfältig – und so auch die Arbeitsumgebung
Teams sind in der Lage, schneller auf Veränderungen in der Umwelt von Unternehmen zu reagieren und schneller Entscheidungen zu treffen als Einzelpersonen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Zeit, die Mitarbeitende in Teamarbeit verbringen, in den letzten zwei Jahrzehnten um 50 Prozent gestiegen ist. Besonders agile Teams haben durch ihre flexible Arbeitsweise und damit hohe Anpassungsfähigkeit an die wirtschaftliche Dynamik an Bedeutung gewonnen. So vielfältig wie die Zusammensetzung von Teams und ihre Arbeitsweise sein kann, so vielfältig und umfassend muss auch die Arbeitsumgebung gedacht werden. Momentan finden sich in Teamumgebungen verstärkt klassische Raumstrukturen. Demgegenüber fehlt es oftmals an Rückzugsmöglichkeiten und Kollaborationsflächen. Dabei besteht ein großer Anteil der Teamarbeit aus konzentrierten Einzelarbeitsphasen. Die Studienergebnisse zeigen unter anderem, dass 41 Prozent der Arbeitszeit in Stillarbeit stattfindet. Zukünftig ist also darauf zu achten, dass den Mitarbeitenden je nach Aufgabe unterschiedliche Raummodule zur Verfügung stehen.

Auch die technische Ausstattung sowie die Nutzung virtueller Kollaborationsplattformen wird die Teamumgebung in Zukunft stark prägen und zu einer Veränderung der Arbeitslandschaft führen. Tendenziell wird auch die Anzahl räumlich verteilter Teams zunehmen und die Anforderungen an die Arbeitsumgebung sich zusätzlich verändern. »Aufgrund der steigenden Komplexität und Dynamik in der Arbeitswelt, wird die Zusammenarbeit in interdisziplinären Team immer entscheidender. Die Gestaltung der Arbeitsumgebung hat dabei einen signifikanten Einfluss auf die Qualität der Teamarbeit und sollte demensprechend aufmerksam geplant werden«, betont Katharina Dienes, Studienautorin und Wissenschaftlerin am Fraunhofer IAO.

Starke Voraussetzungen für zukünftige Teamarbeit schaffen
Festzuhalten ist, dass sich die Rolle des Büros verändert – durch die Corona-Pandemie in noch schnelleren Schritten. »Eine Rückkehr zu klassischen Strukturen ist undenkbar. Gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, bisherige Ansätze und Strukturen zu überdenken und gute Voraussetzungen für unterschiedliche Tätigkeiten bei der Rückkehr ins Büro zu schaffen«, sagt Dienes. Die TEAMAS-Studie bietet eine Übersicht über die Zusammenstellung von erfolgreichen Teams und benennt Erfolgsfaktoren für eine teamunterstützende Arbeitsumgebung.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Yeama Bangali
Multichannel-Content Managerin »FutureWork360«
Fraunhofer IAO
Nobelstr. 12
70569 Stuttgart
Telefon +49 711 970-2124
E-Mail yeama.bangali@iao.fraunhofer.de

Originalpublikation:
Kostenloser Download: http://publica.fraunhofer.de/dokumente/N-605596.html

Weitere Informationen:
https://www.iao.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/aktuelles/erfolgsfaktoren-fue…
https://office21.de/

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KIT: Thermomagnetische Generatoren wandeln Abwärme auch bei kleinen Temperaturunterschieden in Strom

Monika Landgraf Strategische Entwicklung und Kommunikation – Gesamtkommunikation
Karlsruher Institut für Technologie
Die Verwertung von Abwärme trägt wesentlich zu einer nachhaltigen Energieversorgung bei. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Tōhoku in Japan sind dem Ziel, Abwärme bei geringen Temperaturdifferenzen in Strom zu wandeln, nun wesentlich näher gekommen. Wie sie in der Zeitschrift Joule berichtet, haben sie bei thermomagnetischen Generatoren, die auf Dünnschichten einer Heusler-Legierung basieren, die elektrische Leistung im Verhältnis zur Grundfläche um den Faktor 3,4 gesteigert. (DOI: 10.1016/j.joule.2020.10.019)

Die Verwertung von Abwärme trägt wesentlich zu einer nachhaltigen Energieversorgung bei. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Tōhoku in Japan sind dem Ziel, Abwärme bei geringen Temperaturdifferenzen in Strom zu wandeln, nun wesentlich näher gekommen. Wie sie in der Zeitschrift Joule berichtet, haben sie bei thermomagnetischen Generatoren, die auf Dünnschichten einer Heusler-Legierung basieren, die elektrische Leistung im Verhältnis zur Grundfläche um den Faktor 3,4 gesteigert. (DOI: 10.1016/j.joule.2020.10.019)

Die Presseinformation finden Sie unter: https://www.kit.edu/kit/pi_2021_001_thermomagnetische-generatoren-wandeln-abwarm…

Viele technische Prozesse nutzen die für sie eingesetzte Energie nur zum Teil; der Rest verlässt das System als Abwärme. Häufig entweicht diese Wärme ungenutzt in die Umgebung. Sie lässt sich jedoch auch zur Wärmebereitstellung oder zur Stromerzeugung verwenden. Je höher die Temperatur der Abwärme, desto einfacher und kostengünstiger ihre Verwertung. Eine Möglichkeit, niedrig temperierte Abwärme zu nutzen, bieten thermoelektrische Generatoren, welche die Wärme direkt in Strom wandeln. Bisher verwendete thermoelektrische Materialien sind allerdings teuer und teilweise toxisch. Thermoelektrische Generatoren erfordern zudem große Temperaturdifferenzen für Wirkungsgrade von nur wenigen Prozent.

Eine vielversprechende Alternative stellen thermomagnetische Generatoren dar. Sie basieren auf Legierungen, deren magnetische Eigenschaften stark temperaturabhängig sind. Die wechselnde Magnetisierung induziert in einer angelegten Spule eine elektrische Spannung. Bereits im 19. Jahrhundert stellten Forschende die ersten Konzepte für thermomagnetische Generatoren vor. Seitdem hat die Forschung mit verschiedenen Materialien experimentiert. Die elektrische Leistung ließ bisher allerdings zu wünschen übrig.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Institut für Mikrostrukturtechnik (IMT) des KIT sowie an der Universität Tōhoku in Japan ist es nun gelungen, die elektrische Leistung von thermomagnetischen Generatoren im Verhältnis zur Grundfläche erheblich zu steigern. „Mit den Ergebnissen unserer Arbeit können thermomagnetische Generatoren erstmals mit etablierten thermoelektrischen Generatoren konkurrieren. Wir sind damit dem Ziel, Abwärme bei kleinen Temperaturunterschieden in Strom zu wandeln, wesentlich näher gekommen“, sagt Professor Manfred Kohl, Leiter der Forschungsgruppe Smart Materials and Devices am IMT des KIT. Die Arbeit des Teams ist Titelthema in der aktuellen Ausgabe der Energieforschungszeitschrift Joule.

Vision: Abwärmenutzung nahe Raumtemperatur
Sogenannte Heusler-Legierungen – magnetische intermetallische Verbindungen – ermöglichen als Dünnschichten in thermomagnetischen Generatoren eine große temperaturabhängige Änderung der Magnetisierung und eine schnelle Wärmeübertragung. Auf dieser Grundlage basiert das neuartige Konzept der resonanten Selbstaktuierung. Selbst bei geringen Temperaturunterschieden lassen sich die Bauelemente zu resonanten Schwingungen anregen, die effizient in Strom gewandelt werden können. Doch die elektrische Leistung einzelner Bauelemente ist gering, und bei der Hochskalierung kommt es vor allem auf Materialentwicklung und Bauweise an. Die Forschenden am KIT und an der Universität Tōhoku stellten in ihrer Arbeit anhand einer Nickel-Mangan-Gallium-Legierung fest, dass die Dicke der Legierungsschicht und die Grundfläche des Bauelements die elektrische Leistung in entgegengesetzter Richtung beeinflussen. Aufgrund dieser Erkenntnis gelang es ihnen, die elektrische Leistung im Verhältnis zur Grundfläche um den Faktor 3,4 zu steigern, indem sie die Dicke der Legierungsschicht von fünf auf 40 Mikrometer erhöhten. Die thermomagnetischen Generatoren erreichten eine maximale elektrische Leistung von 50 Mikrowatt pro Quadratzentimeter bei einer Temperaturänderung von nur drei Grad Celsius. „Diese Ergebnisse ebnen den Weg zur Entwicklung maßgeschneiderter parallel geschalteter thermomagnetischer Generatoren, die das Potenzial zur Abwärmenutzung nahe Raumtemperatur besitzen“, erklärt Kohl. (or)

Originalpublikation
Joel Joseph, Makoto Ohtsuka, Hiroyuki Miki, and Manfred Kohl: Upscaling of Thermomagnetic Generators Based on Heusler Alloy Films. Joule, 2020. DOI: 10.1016/j.joule.2020.10.019

Zur Veröffentlichung in Joule (Abstract): https://www.cell.com/joule/fulltext/S2542-4351(20)30508-0

Details zum KIT-Zentrum Energie: http://www.energie.kit.edu

Kontakt für diese Presseinformation:
Martin Heidelberger, Pressereferent, Tel.: +49 721 608-41169, E-Mail: martin.heidelberger@kit.edu

Als „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ schafft und vermittelt das KIT Wissen für Gesellschaft und Umwelt. Ziel ist es, zu den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information zu leisten. Dazu arbeiten rund 9.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer breiten disziplinären Basis in Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Seine 24.400 Studierenden bereitet das KIT durch ein forschungsorientiertes universitäres Studium auf verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft vor. Die Innovationstätigkeit am KIT schlägt die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das KIT ist eine der deutschen Exzellenzuniversitäten.

Diese Presseinformation ist im Internet abrufbar unter: https://www.kit.edu/kit/presseinformationen.php

Originalpublikation:
Zur Veröffentlichung in Joule (Abstract): https://www.cell.com/joule/fulltext/S2542-4351(20)30508-0

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Kommt Trinkwasser bald aus dem Meeresboden?

Dr. Andreas Villwock Kommunikation und Medien
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Es klingt paradox – in vielen Regionen unseres blauen Planeten könnte die Trinkwasserversorgung in naher Zukunft problematisch werden. Meerwasser ist salzhaltig und daher nicht trinkbar. Doch unter dem Meeresboden gibt es bislang ungenutzte Frischwasserreserven, auf die die Geowissenschaften erst seit Kurzem ihre Aufmerksamkeit richten. Eine neue Übersichtsstudie, die in der internationalen Fachzeitschrift Reviews of Geophysics veröffentlicht wurde, zeigt Möglichkeiten, die mit diesen Wasserressourcen verbunden sind, aber auch bestehende Wissenslücken.

Trinkwasser ist eine lebenswichtige Ressource. Obwohl 70 Prozent der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind, ist der Großteil davon – etwa 97 Prozent – salzhaltig und damit ungenießbar. Der Klimawandel, das globale Bevölkerungswachstum, die veränderte Landnutzung und andere Faktoren setzen die vorhandenen Trinkwasservorräte unter Druck. Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen eine sichere Wasserversorgung in die Liste ihrer nachhaltigen Entwicklungsziele aufgenommen.

In den 1960er Jahren wurden erstmals Frischwasservorkommen unter dem Meeresboden nachgewiesen. Wissenschaftler*innen aus sechs Ländern unter der Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der Universität Malta haben nun in der internationalen Fachzeitschrift Reviews of Geophysics die erste globale Bestandsaufnahme solcher Offshore- Grundwasservorkommen (Offshore Freshened Groundwater, OFG) veröffentlicht. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass OFG definitiv kein lokales Phänomen ist. Es ist vor den meisten Kontinentalrändern rund um den Globus dokumentiert worden“, sagt Dr. Aaron Micallef vom GEOMAR, Erstautor der Studie.

Für die Übersichtsstudie wertete das Team insgesamt 300 dokumentierte Aufzeichnungen von OFG aus. Es schätzt das globale Volumen dieser Vorkommen auf eine Million Kubikkilometer. Das ist etwa doppelt so viel wie das Volumen des Schwarzen Meeres und etwa fünf Prozent des geschätzten globalen Grundwasservolumens in den oberen zwei Kilometern der kontinentalen Kruste. Die Vorkommen befinden sich hauptsächlich in Gebieten bis zu 55 Kilometer von den jeweiligen Küsten entfernt und bis zu einer Wassertiefe von 100 Metern. Die OFG entstanden überwiegend während Perioden mit besonders niedrigem Meeresspiegel in den letzten 2,5 Millionen Jahren.

Geochemische Untersuchungen von OFG-Proben haben Aufschluss über die Mechanismen bei der Grundwassereinlagerung gegeben. „Die neueste*n seismischen und elektromagnetischen Methoden der Meeresbodenerkundung sowie verbesserte Grundwassermodelle haben in den letzten Jahren unser Verständnis von Form und Ausdehnung der lange Zeit wenig beachteten Grundwasservorkommen vor den Küsten deutlich verbessert“, betont Aaron Micallef.

Im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat geförderten MARCAN-Projekts wurde der Meeresboden vor Neuseeland und Malta, Dr. Micallefs Heimatland, mit solchen Techniken gezielt untersucht. „Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend, weil wir OFG in sehr unterschiedlichen geologischen Umgebungen kartieren und detaillierte Kenntnisse darüber gewinnen konnten, wie es abgelagert wurde“, sagt Dr. Micallef.

Die Studie zeigt aber auch wichtige Lücken im Verständnis von OFG auf, wie zum Beispiel den genauen Zeitpunkt der jeweiligen Entstehung und ob die Vorkommen derzeit neu befüllt werden. „Diese Informationen sind aber entscheidend, wenn wir die mögliche Nutzung von OFG als unkonventionelle Wasserquelle beurteilen wollen“, schließt Dr. Micallef.

Originalpublikation:
Micallef, A., M. Person, C. Berndt et. al. (2019): Offshore Freshened Groundwater in Continental Margins. Review of Geophysics, https://doi.org/10.1029/2020RG000706

Weitere Informationen:
http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://marcan.eu/ Das MARCAN-Projekt

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Grundwasser beeinflusst die Chemie des Ozeans

Dr. Andreas Villwock Kommunikation und Medien
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Metalle und andere chemische Substanzen, die von den Kontinenten in den Ozean gelangen, beeinflussen dessen Chemie erheblich. Flüsse sind als Transportwege für diese Substanzen schon lange im Fokus der Forschung. Eine neue Studie mit Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, die jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Nature Communications erschienen ist, zeigt aber, dass auch Grundwasseraustritte in Küstengewässern ungefähr ein Zehntel zu diesem Transport beitragen. In globalen Modellen von Stoffflüssen müssen sie daher stärker berücksichtigt werden als bisher.

Flüsse transportieren nicht nur Süßwasser aus dem Inneren der Kontinente bis in den Ozean. Auch Sedimente und gelöste Elemente wie beispielsweise Lithium, Calcium oder Strontium gelangen so ins Meer. Dass dieses Material Einfluss auf die Chemie des Meerwassers ausübt, ist schon lange bekannt und Gegenstand von genauen Untersuchungen. Doch jetzt hat ein internationales Team mit Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel in der Fachzeitschrift Nature Communications eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass auch an den Küsten austretendes Grundwasser die Ozeanchemie erheblich prägt und bei der Modellierung globaler Stoffkreisläufe mit berücksichtigt werden muss. Die Erkenntnisse haben auch Auswirkungen auf die Interpretation von natürlichen Archiven zur Klimageschichte der Erde.

Während Flussmündungen einfach zu finden und zu beproben sind, sind Grundwasseraustritte vor den Küsten deutlich schwerer zu identifizieren und zu charakterisieren. „Daher bildeten sie immer eine Quelle für Unsicherheiten bei der Modellierung globaler Stoffzyklen“, sagt Kimberley Mayfield, die die Studie als Doktorandin an der University of California Santa Cruz (UCSC) leitete. „Forschende auf der ganzen Welt haben jetzt große Anstrengungen unternommen, um genauere Daten zu erhalten.“

Das an der Studie beteiligte Team konzentrierte sich auf fünf Schlüsselelemente – Lithium, Magnesium, Calcium, Strontium und Barium – und hat deren Konzentrationen und Isotopenverhältnisse in Grundwasseraustritten an 20 Standorten auf der ganzen Welt gemessen. Zusätzlich hat es zuvor veröffentlichte Daten in die Studie einfließen lassen.

„Genau diese Elemente sind wichtig, weil sie aus der Verwitterung von Gesteinen stammen. Die Verwitterung von Silikatgesteinen führt über lange Zeiträume zu einer enormen Aufnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre“, erklärte Mayfield. Es handelt sich also um Elemente, die auch für das Verständnis der Klimageschichte der Erde große Bedeutung haben.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Eintrag dieser chemischen Substanzen und Metalle über das Grundwasser in den Ozean aufgrund der schlechten Datenlage immer unterschätzt, der Eintrag über Flüsse dafür überschätzt wurde“, sagt Prof. Dr. Anton Eisenhauer vom GEOMAR, Zweitautor der Studie. „Diese Informationen sind nützlich, um zu verstehen, wie die Verwitterung von Gesteinen nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit mit dem Klima zusammenhängt“, führt Professor Eisenhauer weiter aus.

Der Studie zur Folge beträgt die Menge der genannten Elemente, die mit dem Grundwasser ins Meer gelangen, zwischen fünf und 16 Prozent von dem, was aus Flüssen stammt. Die Ergebnisse zeigen auch, dass sich die Isotopenzusammensetzung der Elemente aus dem Grundwasser von der aus Flüssen unterscheiden kann. Die Eigenschaften des Grundwassers sind stark abhängig von der Geologie der Küsten, während das Flusswasser stärker vom Inneren der Kontinente beeinflusst wird.

„Es ist wichtig zu erkennen, dass das Grundwasser global gesehen einen Unterschied bei den Stoffflüssen macht. Jetzt, da wir über diesen großen Datensatz verfügen, können diese Flüsse auch durch weitere Probenahmen weiter verbessert und präzisere Modelle für die globalen Grundwasseraustritte entwickelt werden“, fasst Professor Eisenhauer zusammen.

Originalpublikation:
Originalarbeit:
Mayfield, K. K., A. Eisenhauer, D. P. Santiago Ramos, J. A. Higgins, T. J. Horner, M. Auro, T. Magna, N. Moosdorf, M. A. Charette, M. E. Gonneea, C. E. Brady, N. Komar, B. Peucker-Ehrenbrink, A. Paytan (2021): Groundwater discharge impacts marine isotopebudgets of Li, Mg, Ca, Sr, and Ba. Nature Communications, https://doi.org/10.1038/s41467-020-20248-3

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Corona-Warn-App auf dem Prüfstand

Petra Giegerich Kommunikation und Presse
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Studie untersucht, wie die Corona-Warn-App genutzt wird, wie sie Überzeugungen und Verhalten beeinflusst und ob sie sich als Instrument für Notfälle eignet – Förderung durch die VolkswagenStiftung

Im Kampf gegen Corona gehört die Corona-Warn-App der Bundesregierung zu den Eckpfeilern, um Ansteckungsrisiken zu erkennen und Infektionsketten zu unterbrechen. Die App wurde Mitte Juni 2020 in Deutschland eingeführt und bisher über 20 Millionen Mal heruntergeladen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) untersuchen in einem aktuellen Forschungsprojekt, wie die Corona-Warn-App mittlerweile beurteilt wird und wie sie das Entscheidungsverhalten der Bevölkerung beeinflusst. Die VolkswagenStiftung unterstützt die Forschungen, die im Arbeitsbereich Technik- und Innovationssoziologie, Simulationsmethoden unter der Leitung von Prof. Dr. Petra Ahrweiler durchgeführt werden, mit knapp 120.000 Euro.

Einfluss der Corona-Warn-App auf Einstellung und Verhalten der Nutzer im Fokus
Die Forschenden untersuchen in ihrer Fallstudie die Bedeutung der Corona-Warn-App aus zwei Perspektiven: aus Sicht von Beteiligten der Regierung, des Robert Koch-Instituts und der Entwickler einerseits und aus Sicht der Nutzer andererseits. „Wir kontaktieren zurzeit die Akteure, die an der Erstellung der Corona-Warn-App beteiligt waren, um sie nach ihren Absichten und ihren Erwartungen über die Verwendung der App zu befragen“, erklärt Maia Janowitz, Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Petra Ahrweiler. Gleichzeitig ermittelt das Forscherteam, wie Nutzer mit der Corona-Warn-App umgehen und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Hierzu werden insbesondere Studierende befragt. Schließlich soll erforscht werden, wie sich die Nutzung der App darauf auswirkt, welche Überzeugungen über die Pandemie vertreten werden und welches Verhalten zur Infektionseindämmung daraus folgt.

Die Erkenntnisse aus der Fallstudie sollen uns eine bessere Vorstellung davon geben, wie sich künstliche Intelligenz – hier in Form der Smartphone-App – auf das menschliche Denken, auf das Notfallmanagement und auf die Covid-19-Pandemie in Deutschland auswirkt. „Der Erfolg der App ist ein Eckpfeiler in der Covid-19-Strategie der Bundesregierung“, so Maia Janowitz. „Die Erkenntnisse über den Einfluss der App auf Überzeugungen und auf das tatsächliche Verhalten, um das Ansteckungsrisiko zu verringern, haben eine große Bedeutung für die Gesellschaft insgesamt.“ Janowitz weist darauf hin, dass die App in nur 50 Tagen entwickelt worden ist und unter anderem aus Datenschutzgründen nicht genau verfolgen kann, wie sich Covid-19 unter der Bevölkerung ausbreitet.

Förderung erfolgt als Zusatzmodul zu AI Navi – Einfluss künstlicher Intelligenz auf Populismus
Die VolkswagenStiftung fördert das Projekt mit dem Titel „Artificial Intelligence Navigation of Complex Social Landscapes (AI Navi) – Coronavirus Module” im Rahmen ihrer Initiative „Corona Crisis and Beyond – Perspectives for Science, Scholarship and Society“. Die Förderung erfolgt als Zusatzmodul zum Hauptprojekt AI Navi, das ebenfalls im Arbeitsbereich von Petra Ahrweiler angesiedelt ist. AI Navi soll erforschen, ob und wie künstliche Intelligenz gesellschaftspolitische Entscheidungen beeinflusst und zu den gegenwärtigen Erscheinungsformen des Populismus weltweit beiträgt. Die VolkswagenStiftung hat hierzu einen „Planning Grant“ gewährt. Die Ergebnisse aus der Fallstudie sollen in diese Vorarbeiten einfließen.

Der Arbeitsbereich Technik- und Innovationssoziologie, Simulationsmethoden setzt sich in verschiedenen Projekten aktiv mit den dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auseinander: Abgesehen von den Untersuchungen über den Einfluss der Corona-Warn-App befasst sich das Team mit Entscheidungshilfen für das Corona-Krisenmanagement und auch mit Ansätzen zur Verbesserung der Situation von Einwanderungsarbeitern in der Krise.

Weiterführende Links:
https://technikundinnovation.soziologie.uni-mainz.de/ – Technik- und Innovationssoziologie, Simulationsmethoden
https://www.volkswagenstiftung.de/unsere-foerderung/unser-foerderangebot-im-uebe… – Förderangebot der VolkswagenStiftung

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Maia Janowitz
Technik- und Innovationssoziologie, Simulationsmethoden
Institut für Soziologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-29240
Fax +49 6131 39-26525
E-Mail: mjanowit@uni-mainz.de
https://technikundinnovation.soziologie.uni-mainz.de/team/maia-janowitz-m-sc/

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Corona-Trend Angeln: Die Artenvielfalt könnte profitieren

Frank Aischmann Kommunikation, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin
Neue Studie belegt, dass von Anglern genutzte Baggerseen mindestens genauso viele Arten beherbergen wie solche mit Fischfangverbot

Seit dem Ausbruch von Corona erlebt der private Fischfang als pandemisch unbedenkliches Frischlufthobby eine Renaissance. Eine neue Studie des Forschungsprojekts BAGGERSEE beschäftigt sich kritisch mit dem Einfluss des Angelns und der anglerischen Gewässerbewirtschaftung auf die Artenvielfalt an Baggerseen. Das Ergebnis: Von Angelvereinen genutzte und bewirtschaftete Baggerseen stehen unbeangelten Seen in ihrer Artenvielfalt in nichts nach.

Zum Forschungsprojekt BAGGERSEE gehören Professor Dr. Robert Arlinghaus von der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), der Universität Bremen, der Technischen Universität Berlin und dem Anglerverband Niedersachsen.

Die Forschenden untersuchen seit 2016 den Einfluss des Angelns auf die Artenvielfalt an insgesamt 26 niedersächsischen Baggerseen. Erste Resultate wurden nun im Fachmagazin Aquatic Conservation veröffentlicht.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Schutz der Artenvielfalt und Nutzung von Fischpopulationen und Gewässern über Angler vereinbar sein können“, fasst Fischereiprofessor Robert Arlinghaus von der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zusammen. „Künstlich entstandene Baggerseen dienen als Ersatzlebensraum für viele ans Wasser gebundene Arten. Diese werden in ihrer Artenvielfalt nicht vom Angeln oder der anglerischen Gewässerhege beschränkt, jedenfalls nicht unter den von uns untersuchten Gewässerbedingungen in Niedersachsen.“, ergänzt Erstautor Robert Nikolaus vom IGB.

Europaweit gibt es einen beträchtlichen Anteil kleiner künstlicher Gewässer wie Baggerseen und Teiche. In Niedersachsen sind sogar 99% aller Seen künstlichen Ursprungs.

Beim Projekt BAGGERSEE testen die Forschenden gemeinsam mit Angelvereinen, wie diese Baggerlöcher ökologisch aufgewertet werden können. Den Anglern kommt dabei als Gewässerpflegern eine Schlüsselrolle zu. Sie bringen in Baggerseen Totholz ein und schaffen Flachwasserzonen, um diese für Tiere und Pflanzen wirtlicher zu gestalten. Das Vorhaben wird gemeinsam gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU).

Für ihre Teilstudie verglichen die Fischereiforschenden die 16 von Angelvereinen genutzte und gepflegte Baggerseen mit zehn Seen ohne angelfischereiliche Nutzung stattfand. Für den Vergleich beider Seetypen fassten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die dort vorkommenden Arten in sieben Artengruppen zusammen: Uferpflanzen, Wasserpflanzen, Groß- und Kleinlibellen, Amphibien, Sing- und Wasservögel.

Anglerinnen und Angler können die Tiere auf mannigfache Weise beeinflussen. Beispielsweise indem sie brütende Vögel aufscheuchen, Trittschäden verursachen oder beim Freischneiden von Angelstellen Uferpflanzen entfernen. Durch das Einsetzen bodenwühlender Fische kann auch das Unterwasserkraut zurückgehen. Abgerissene Angelhaken und Schnüre können insbesondere für Wasservögel zur Falle werden.

Das BAGGERSEE Team schließt nicht aus, dass es im Einzelfall zu solchen Störungen kommen kann. Vergleicht man jedoch die Artengruppen als Ganzes, sind beangelte Baggerseen der Studie zufolge mindestens genauso artenreich wie nicht beangelte. Auch das Vorkommen bedrohter Arten unterschied sich zwischen den unterschiedlich genutzten Seen nicht. Zudem fanden die Forscher in den Angelgewässern sogar mehr Unterwasserpflanzen als in den Vergleichsseen. Möglicherweise begünstigen die mosaikartig angelegten Angelstellen das Wachstum von Wasserpflanzen, da dort mehr Licht einfallen kann.

Die Ergebnisse deuten an, dass naturschutzfachlich begründete Angelverbote nicht zwangsläufig der Artenvielfalt helfen.
„Angelvereine sind zentrale Gewässerpfleger und wesentliche Gewässernutzer. Unsere Studie zeigt, dass Anglerinnen und Angler ihrem Hobby nachgehen können, ohne die biologische Vielfalt an und um die Gewässer herum zu schädigen. Das ist ein wichtiges Signal in der heutigen Zeit, in der das Interesse am Angeln aufgrund der Pandemie so hoch ist wie nie“, resümiert Fischereiprofessor und Communicator Preisträger 2020 Robert Arlinghaus.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Robert Arlinghaus
Fachgebiet für Integratives Fischereimanagement und Integrative Research Institute on Transformations of Human-Environment Systems (IRI THESys)
Lebenswissenschaftliche Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin
Telefon: 030/64181653
E-Mail: arlinghaus@igb-berlin.de

Originalpublikation:
Nikolaus R, Schafft M, Maday A, Klefoth T, Wolter C, Arlinghaus R. Status of aquatic and riparian biodiversity in artificial lake ecosystems with and without management for recreational fisheries: Implications for conservation. Aquatic Conservation: Marine And Freshwater Ecosystems. 2020; https://doi.org/10.1002/aqc.3481

Weitere Informationen:
http://www.baggersee-forschung.de
https://www.ifishman.de/

Anhang
PM HU: Corona-Trend Angeln: Die Artenvielfalt könnte profitieren

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Schlaf für Erholung des Gehirns unersetzlich

Benjamin Waschow Stabsstelle Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Freiburg
Forscher*innen des Universitätsklinikums Freiburg weisen erstmals direkt nach, dass während des Schlafens im Gehirn aktive Erholungsprozesse ablaufen, die sich nicht durch Ruhe ersetzen lassen / Erkenntnisse relevant für optimale Leistung

Schlaf ist im Tierreich allgegenwärtig und lebensnotwendig. Auch seine Bedeutung für die Verstetigung und Verstärkung von Leistungen des Gehirns ist seit langem bekannt. Strittig war bislang allerdings, ob dies vor allem darauf zurückzuführen ist, dass das Gehirn im Schlaf keine neuen Reize verarbeiten muss oder ob aktive neuronale Prozesse unwichtige Informationen und Verbindungen im Gehirn schwächen. Nun ist es Forscher*innen des Universitätsklinikums Freiburg gelungen nachzuweisen, dass Schlaf für die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten mehr ist als die Abwesenheit äußerer Reize. Die Erkenntnisse, die am 6. Januar 2021 im Fachmagazin Sleep erschienen sind, geben wichtige Hinweise für die Planung intensiver Lernphasen wie das Abitur oder Prüfungsabschlüsse.

„Schlaf ist für die Erholung des Gehirns unersetzlich. Er lässt sich für eine Leistungsverbesserung nicht durch Ruhephasen ersetzen. Das zeigen wir in dieser Studie erstmals eindeutig. Der Zustand des Gehirns während des Schlafs ist einmalig“, sagt Prof. Dr. Christoph Nissen, der als Forschungsgruppenleiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg die Studie leitete und mittlerweile an der Universität Bern, Schweiz, tätig ist. Bereits in früheren Studien konnten Nissen und sein Team zeigen, dass Schlaf eine Doppelfunktion für das Gehirn hat: Nicht benötigte Verbindungen werden geschwächt und relevante Verbindungen gestärkt.

In der aktuellen Studie führten die Forscher*innen ein visuelles Lernexperiment mit 66 Proband*innen durch. Zunächst übten alle Teilnehmer*innen, bestimmte Muster zu unterscheiden. Im Anschluss war eine Gruppe wach und sah dabei Videos oder spielte Tischtennis. Eine Gruppe schlief für eine Stunde und die dritte Gruppe blieb wach, war jedoch in einem abgedunkelten Raum ohne äußere Reize und unter kontrollierten Schlaflaborbedingungen. Die Gruppe, die geschlafen hatte, schnitt im Anschluss nicht nur deutlich besser ab als die Gruppe die wach und aktiv war. Auch die passiv-wache Gruppe konnte sie übertreffen. Die Leistungsverbesserung war an typische Tiefschlafaktivität des Gehirns gebunden, die eine wichtige Funktion für die Verknüpfungsstärke von Nervenzellen hat. „Das zeigt, dass es der Schlaf selbst ist, der den Unterschied macht“, sagt Ko-Studienleiter Prof. Dr. Dieter Riemann, Leiter des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. In Kontrollexperimenten stellten die Freiburger Forschenden sicher, dass Müdigkeit und andere allgemeine Faktoren keinen Einfluss auf das Ergebnis hatten.

Die Studie zeigt, dass Schlaf in Phasen von intensiven Leistungsanforderungen in Beruf oder Alltag nicht durch Ruhe ersetzt werden kann.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christoph Nissen
Forschungsgruppenleiter
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Freiburg
Christoph.Nissen@upd.ch

Originalpublikation:
Original-Titel der Studie: Sleep is more than rest for plasticity in the human cortex
DOI: 10.1093/sleep/zsaa216
Link zur Studie: https://academic.oup.com/sleep/advance-article-abstract/doi/10.1093/sleep/zsaa21…

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Das neue Gesicht der Antarktis

Sebastian Grote Kommunikation und Medien
Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Die Antarktis könnte künftig ergrünen und von neuen Arten besiedelt werden. Andererseits dürften Spezies verschwinden.

Diese und viele andere Ergebnisse haben 25 Forscherinnen und Forscher in einem internationalen Großprojekt zusammengetragen, in dem sie Hunderte von Fachartikeln über die Antarktis aus dem letzten Jahrzehnt ausgewertet haben. Damit liefert das Team eine ungewöhnlich umfassende Einschätzung des aktuellen und künftigen Zustands des Kontinents und des ihn umgebenden Südlichen Ozeans.

Noch nie zuvor haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so viele neue Erkenntnisse über die biologischen und biochemischen Vorgänge in der Antarktis gesammelt wie im vergangenen Jahrzehnt. Dieses Wissen haben jetzt 25 Fachleute unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) im Projekt „AnT-ERA“ ausgewertet und zusammengefasst. Alles in allem musste das AnT-ERA-Team dafür mehrere Hundert Fachartikel zur Antarktis durcharbeiten. Die wichtigsten Erkenntnisse hat es jetzt in einem Übersichtsartikel in zehn Kernbotschaften zusammengefasst, die verschiedene Aspekte wie die Ozeanversauerung, die Artenvielfalt oder die Bedeutung des Meereises für die Lebewesen thematisieren. „Betrachtet man den Zeitraum von 1970 bis heute, dann sind allein in den Jahren 2010 bis 2020 rund 80 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen zur Biologie und Biochemie in der Antarktis erschienen. Für uns war das der Grund, dieses enorme Wissen in einem Fachartikel zu kondensieren“, sagt Meeresbiologe und Projektkoordinator Julian Gutt vom AWI. Die Projektergebnisse sind jetzt im Fachjournal Biological Reviews erschienen.

Zunahme der Artenvielfalt
Eine Erkenntnis der Forscher ist, dass die Erwärmung der antarktischen Gewässer im Zuge des Klimawandels sehr wahrscheinlich ist, und dass damit Pflanzen- und Tierarten aus wärmeren Regionen in die Antarktis einwandern dürften. Wobei nicht nur die Temperatur, sondern auch die künftige Eisbedeckung eine Rolle spielen wird. So wird für die kommenden Jahrzehnte unter anderem damit gerechnet, dass sich das Ergrünen eisfreier Küstengebiete während des Südsommers verstärken wird, weil Moose oder Flechten einwandern. Alles in allem dürfte die Artenvielfalt zunächst zunehmen. Bei einer andauernden Erwärmung aber werden die an extrem tiefe Temperaturen angepassten Arten das Nachsehen haben. „Wir rechnen damit, dass sich solche Arten in die letzten verbliebenen sehr kalten Bereiche der Antarktis zurückziehen werden“, sagt Julian Gutt. „Das heißt auch, dass man diese Regionen wird unter Schutz stellen müssen, um diese Arten zu erhalten.“

Mit der Versauerung leben?
Was die Ozeanversauerung angeht, sieht die Zukunft laut Studie düster aus. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts rechnen die Experten mit einer weitgehenden Versauerung der antarktischen Gewässer. „Es steht außer Frage, dass vor allem jene Lebewesen Probleme bekommen, die Kalkschalen bilden“, sagt Gutt. „Ob sie ganz aussterben oder ob einige Arten ihren Stoffwechsel an die veränderten Bedingungen anpassen, können wir aktuell ebenfalls nicht mit Sicherheit sagen.“ Eine überraschende Erkenntnis der letzten zehn Jahre Forschung war auch, dass die scheinbar so trägen Organismen am Meeresboden der Antarktis wie etwa einige Schwämme oder Seescheiden sehr schnell auf gute Lebensbedingungen reagieren – schnell wachsen oder sich stark vermehren. Das Beunruhigende: Bei ungünstigen Umweltbedingungen reagieren sie aber auch besonders empfindlich. Mit den starken Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, könnten diese Arten ebenfalls Probleme bekommen.

Während sich seit längerem vor allem die antarktische Halbinsel erwärmt hat, die in den Südatlantik hineinragt, haben die Erwärmung und damit der Verlust von Meereis in den vergangenen drei Jahren auch auf die Ostantarktis übergegriffen. Ob das ein langfristiger Trend ist oder nur eine kurzfristige Veränderung, können die Experten noch nicht sagen. In jedem Fall aber ist diese Veränderung der physikalischen Umweltparameter beunruhigend, weil sie einen erheblichen Einfluss auf die künftige Entwicklung des Lebens im Südlichen Ozean haben könnte.

Wie viel CO2 kann die Antarktis schlucken?
Unklar ist bislang auch noch, inwieweit ein Verlust von Meereis dazu beiträgt, dass die Gewässer um die Antarktis durch verstärktes Algenwachstum künftig mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen werden oder nicht. Grundsätzlich nehmen Fachleute an, dass das Algenwachstum zunimmt, wenn sich das Meereis zurückzieht, weil die Algen dann beispielsweise stärker vom Licht beschienen werden. Da Algen beim Wachsen über die Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen, kann das dem Klimawandel entgegenwirken. Seit längerem deuten einfache Prognosen darauf hin, dass die Algen in den Gewässern um die Antarktis rund 25 Prozent mehr CO2 schlucken würden, wenn das Gebiet künftig im Südsommer gänzlich frei von Meereis wäre. Doch zeigt die aktuelle Studie, dass solche pauschalen Aussagen schwierig sind. „Die von uns analysierten Publikationen machen klar, dass die Situation geographisch sehr unterschiedlich ist“, sagt Julian Gutt. „Aber immerhin wissen wir jetzt, welche Meeresgebiete und Messgrößen wir uns künftig genauer anschauen müssen, um Antworten zu finden.“

Knackige Kernbotschaften
Dass ausgerechnet in den vergangenen Jahren so viele neue Fakten zusammengetragen worden sind, führen die Autorinnen und Autoren der Studie vor allem auf die technische Entwicklung zurück – etwa von molekularbiologischen Methoden, von neuen Schiffen und Stationen oder auch autonomen Unterwasserfahrzeugen, von denen einige sogar unter dem Eis navigieren können. Neue numerische und konzeptionelle Modelle wiederum helfen dabei, die Zusammenhänge in den Ökosystemen besser zu verstehen. Für Julian Gutt besteht die Leistung dieser Studie vor allem darin, dass es den 25 Autorinnen und Autoren gelungen ist, sich auf zehn Kernbotschaften zu einigen, die recht plakativ die Ergebnisse zusammenfassen und auch einen Blick in die Zukunft werfen.

Hinweise für Redaktionen
Die Studie ist unter folgendem Titel im Online-Portal des Fachjournals Biological Reviews erschienen: Julian Gutt et al.: Antarctic ecosystems in transition – life between stresses and opportunities. DOI: 10.1111/brv.12679

Ihr wissenschaftlicher Ansprechpartner im Alfred-Wegener-Institut ist Prof. Dr. Julian Gutt (E-Mail: Julian.Gutt@awi.de).

Aufgrund der Corona-Arbeitsregelungen kann es sein, dass die beteiligten Wissenschaftler im Home-Office arbeiten. Wir bitten Sie daher, Interviewanfragen per E-Mail zu schicken (die Pressestelle in cc). Die Kollegen rufen Sie dann schnellstmöglich zurück.

Für weitere Rückfragen steht Ihnen die Pressestelle des Alfred-Wegener-Instituts per E-Mail (medien@awi.de) zur Verfügung.

Druckbare Bilder finden Sie in der Online-Version dieser Pressemitteilung: https://www.awi.de/ueber-uns/service/presse.html

Das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der gemäßigten sowie hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 19 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1111/brv.12679

Weitere Informationen:
https://www.awi.de/ueber-uns/service/presse.html Pressemeldungen des Instituts

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Wenn ältere Beschäftigte ihr Wissen nicht mit Jüngeren teilen

Lisa Dittrich Presse, Kommunikation und Marketing
Justus-Liebig-Universität Gießen
Studie aus der Arbeits- und Organisationspsychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen zur Altersdiskriminierung und ihre Folgen für Unternehmen

Ältere Beschäftigte, die sich wegen ihres Alters diskriminiert fühlen und aufgrund negativer Erlebnisse ein zu geringes Zutrauen in die eigene Kompetenz („Selbstwirksamkeit“) haben, teilen ihre Kenntnisse und Erfahrungen zu selten mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Für den Erfolg eines Unternehmens ist der Erfahrungsschatz älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedoch eine wertvolle Ressource, die zum Unternehmenserfolg maßgeblich beitragen kann. In einer aktuellen Publikation „To share or not to share: A social-cognitive internalization model to explain how age discrimination impairs older employees’ knowledge sharing with younger colleagues“ weisen Dr. Ulrike Fasbender und ihr Team aus der Arbeits- und Organisationspsychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) diese Effekte nach und legen dazu die Ergebnisse zweier Untersuchungen mit knapp 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor.

„Bei Diskriminierung gibt es mehr zu verstehen als man zunächst denkt“, erklärt Dr. Fasbender: „Für die Weitergabe von Wissen an jüngere Kolleginnen und Kollegen spielt die soziale Wahrnehmung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine zentrale Rolle. Wir untersuchen wahrgenommene Diskriminierung aufgrund des Alters und argumentieren, dass diese nicht nur ein Problem älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist, sondern vielmehr ein Problem für das gesamte Unternehmen.“ Diskriminierung verändere das Verhalten Betroffener am Arbeitsplatz, erläutert die Psychologin: Ältere Beschäftigte verinnerlichen das negative soziale Urteil anderer kognitiv und fühlen sich daher weniger sicher, ihr Fachwissen mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen zu teilen. Dies bedeute letztendlich, dass wertvolles Wissen verloren gehe und jüngere Beschäftigte sich nicht weiterentwickeln könnten, indem sie von ihren erfahreneren Kolleginnen und Kollegen lernen.

Was können Organisationen und Unternehmen dagegen tun? Eine offensichtliche Folgerung ist, dass sie Diskriminierung mit allen möglichen Mitteln bekämpfen müssen. Das Wissen älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bewahren, sei für den Erfolg von Unternehmen wichtig und gewinne vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem bevorstehenden Eintritt des geburtenstarken Babyboomer-Jahrgangs ins Rentnerleben weiter an Bedeutung, betont Dr. Fasbender, die als Akademische Rätin in der Arbeits- und Organisationspsychologie der JLU forscht und lehrt und zudem Visiting Research Fellow an der Oxford Brookes Universität und Birkbeck, University of London in England ist.

Mit ihrem Team hat sie im Rahmen der Studie auch die Effekte verschiedener altersangepasster Personalentwicklungsmaßnahmen – insbesondere Weiterbildung und Zugeständnisse –
untersucht. Diese sind ein wichtiger Ansatzpunkt für Unternehmen, einen förderlichen Kontext für den Wissenstransfer zu schaffen. Dennoch fiel die Bewertung solcher Maßnahmen insgesamt eher ernüchternd aus: Human Resources- (HR)-Praktiken, die sich gezielt an ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richten, sind aus Sicht des Gießener Forschungsteams zwar nützlich, können den negativen Auswirkungen einer wahrgenommenen Diskriminierung aufgrund des Alters jedoch nicht entgegenwirken.

Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist eine traditionsreiche Forschungsuniversität, die rund 28.000 Studierende anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und Kulturwissen¬schaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist: Human- und Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittelchemie. Unter den großen Persönlichkeiten, die an der JLU geforscht und gelehrt haben, befindet sich eine Reihe von Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit dem Jahr 2006 wird die Forschung an der JLU kontinuierlich in der Exzellenzinitiative bzw. der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern gefördert.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Kontakt
Dr. Ulrike Fasbender
Arbeits- & Organisationspsychologie
Telefon: 0641 99-26234
E-Mail: Ulrike.Fasbender@psychol.uni-giessen.de

Originalpublikation:
Publikation
Ulrike Fasbender, Fabiola H. Gerpott: „To share or not to share: A social-cognitive internalization model to explain how age discrimination impairs older employees’ knowledge sharing with younger colleagues“. European Journal of Work and Organizational Psychology Volume 29, 2020 https://www.tandfonline.com/eprint/E9SX8N9N9NZC9XAHMSHB/full?target=10.1080/1359…
DOI: 10.1080/1359432X.2020.1839421

Weitere Informationen:
https://www.uni-giessen.de/fbz/fb06/psychologie/abt/aop

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Seilbahnen als umweltfreundliche Alternative zum Autoverkehr

Klaus Jongebloed Pressestelle
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
DBU fördert Vorhaben zur Analyse künftiger Mobilitätsformen

Innenstädte leiden vielfach unter stockendem Verkehr und schlechter Luftqualität. Immer mehr Hoffnung ruht auf einer umweltfreundlichen Alternative im Stadtverkehr: Seilschwebebahnen als Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Das Ingenieurbüro „SSP Consult Beratende Ingenieure GmbH“ sowie das Institut für Fördertechnik und Logistik (IFT) der Universität Stuttgart entwickeln deshalb derzeit Methoden und Werkzeuge, um dieses neue Verkehrsmittel im urbanen Raum besser planen und entwerfen zu können. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert das zweijährige Vorhaben fachlich und finanziell mit rund 300.700 Euro.

Teil der Untersuchung ist auch, den Vergleich mit anderen Mobilitätsformen zu erleichtern. In vielen Stadtzentren sind die Verkehrswege ebenso wie öffentliche Verkehrsmittel überlastet. Staus und hohe Umweltbelastung, etwa durch Feinstaub-Stickoxide (NOx) und Lärm, sind die Folgen. „Wir brauchen Alternativen, um den Autoverkehr zu reduzieren und den ÖPNV zu ergänzen“, sagt DBU-Referatsleiterin für Architektur und Bauwesen, Sabine Djahanschah.

Über den Dächern der Stadt
Eine Möglichkeit könnten Seilbahnsysteme sein, wie sie in Berggebieten oder bei großen Gartenbauveranstaltungen zum Einsatz kommen. „Im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln fehlen für deren Anwendung und Bewertung im Stadtraum jedoch bisher praktische Planungshilfen“, sagt Projektleiter Michael Welsch. Dabei hätten Seilschwebebahnen deutliche umweltrelevante Vorteile. Die Bauzeit sei kürzer, es müsse weniger Fläche versiegelt werden und der Material- und Ressourcenbedarf für Stützen und Stationen sei geringer als zum Beispiel bei Stadt- und S-Bahnen. Welsch: „Seilschwebebahnen sind sehr geräuscharm, zerschneiden kaum Natur- oder Bewegungsräume und bieten eine sehr gute CO2-Bilanz sowohl in der Herstellung als auch im Betrieb.“

Planungssicherheit für Kommunen
Mit Hilfe der nun zu entwickelnden Empfehlungen aus dem Förderprojekt soll Planungssicherheit für die kommunale Verwaltung und die lokale Politik entstehen. Das Ziel: möglichst bald Seilbahnsysteme als Ergänzung zum ÖPNV in deutschen Städten zu installieren. Projektleiter Welsch zu dem nun im zweijährigen Vorhaben zu entwickelnden Werkzeug: „Es soll die Bereiche Wirtschaftlichkeit, Umweltaspekte, Bevölkerungsakzeptanz und den gesamten Lebenszyklus betrachten.“ Dabei werden nach Welschs Worten unter anderem Indikatoren zum CO2-Fußabdruck, Lärm, Spiegelung und Schattenwurf und Flächenversiegelung einbezogen. Begleitet wird das DBU-Projekt durch einen Experten-Beirat aus Vertretern von Kommunen, Verbänden, Politik und Wissenschaft.

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Erste Daten des Corona-Impfstoffes zeigen gute Verträglichkeit, aber schwache Immunreaktion

Saskia Lemm Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Start der zweiten Studienphase des Vektor-Impfstoffes gegen COVID-19 wird verschoben.

Die weitere Entwicklung des Vektor-Impfstoffes MVA-SARS-2-S gegen COVID-19 der IDT Biologika GmbH und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) verschiebt sich. Der Vektor-Impfstoff wurde von der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München entwickelt. Ergebnisse der ersten klinischen Prüfung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg auf Sicherheit, Verträglichkeit und die immunologische Wirksamkeit des Impfstoffes liegen jetzt vor. Die Impfungen sind sicher und gut verträglich mit geringem Nebenwirkungsprofil, allerdings liegen die Immunreaktionen in den vorläufigen Ergebnissen unter den Erwartungen. Sobald die Ursachen dafür abgeklärt sind, soll die klinische Erprobung fortgesetzt werden.

Der Vektor-Impfstoff MVA-SARS-2-S wurde 30 Probandinnen und Probanden in zwei unterschiedlich hohen Dosierungen bis Mitte Dezember verabreicht. Hatte er in präklinischen Modellen robuste Immunantworten und eine Schutzwirkung gezeigt, fielen diese in der ersten Phase der klinischen Überprüfung jedoch geringer aus. Die Ursachen dafür werden gegenwärtig untersucht. Die für Anfang des Jahres geplante Phase-II-Studie wird daher bis zur Abklärung verschoben.

„Die bisher ausgewerteten Daten zeigen, dass Immunantworten zwar nachweisbar sind, aber nicht im erwarteten Ausmaß generiert wurden. Da wir uns unserer hohen Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung und eine bestmögliche Schutzwirkung des Impfstoffes bewusst sind, arbeiten wir nun an einer Optimierung des Impfstoffes, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt Prof. Dr. Marylyn Addo, verantwortliche Prüfärztin der klinischen Studie und Leiterin der Infektiologie des UKE, stellvertretend für alle beteiligten Partnerinnen und Partner des Konsortiums.

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Erste Daten des Corona-Impfstoffes zeigen gute Verträglichkeit, aber schwache Immunreaktion

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Stadtlogistik: Wie lässt sich die „Letzte Meile“ möglichst nachhaltig gestalten?

Marylen Reschop Pressestelle
Bergische Universität Wuppertal
Immer mehr Online-Bestellungen sowie kleinteilige Lieferungen bleiben nicht unbemerkt: Das Thema Stadtlogistik gewinnt auch deswegen an Bedeutung, da Auswirkungen wie überfüllte Innenstädte und das Zweite-Reihe-Parken zunehmen – nicht zuletzt auf Kosten der Umwelt. Um darüber genauere Aussagen treffen zu können, beleuchtet der Lehrstuhl für Güterverkehrsplanung und Transportlogistik der Bergischen Universität im Auftrag der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Branche der deutschen Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) sowie aktuelle Trends im Bereich der Belieferung auf der sogenannten „Letzten Meile“.

Damit insbesondere der Letzte-Meile-Verkehr in sensiblen Gebieten wie Fußgängerzonen, Wohngebieten, etc. konfliktarm, nachhaltig und wirtschaftlich durchgeführt werden kann, bedarf es der richtigen Setzung von Rahmenbedingungen. In einer Studie wollen die Wuppertaler Wissenschaftler daher zunächst die geltenden und absehbaren Vorgaben in Deutschland auf nationaler Ebene sowie am Beispiel der Stadt Berlin auf lokaler Ebene herausarbeiten. Zudem werden konkrete Tourenwege analysiert, um Aussagen über Kennwerte wie Emissionen und Fahrleistung zu treffen. Eine vergleichbare Studie in der Stadt Suzhou führt das dem chinesischen Verkehrsministerium angegliederte „Transport Planning and Research Institute“ durch, mit dem das Lehrstuhl-Team in ständigem Austausch steht.

„Anders als in China werden Innovationen in Deutschland häufig durch zuvor definierte Regulierungen erschwert“, erklärt Tim Holthaus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Leerkamp. So seien hierzulande Lastenrädern ohne Kennzeichen auf eine Motorleistung von 250 Watt beschränkt, was wiederum den Transport von schwereren Sendungen insbesondere in topografisch anspruchsvolleren Regionen oder bei einer stadtüblichen Belieferung über eine Rampe in der Tiefgarage erschweren oder verhindern würde. Generell sei die KEP-Branche in jedem Land anderen Rahmenbedingungen ausgesetzt, an die sie sich anpassen müsse. „Das erschwert eine einfache Übertragung von Konzepten zur Organisation der KEP-Verkehre von Land zu Land sowie die Einführung von Innovationen und ist problematisch, da die KEP-Unternehmen international agieren“, so Holthaus.

Nach Abschluss der Studie sollen die Ergebnisse gemeinsam mit den Erkenntnissen aus China in eine Vergleichsstudie münden. „Neben dem Aufzeigen eines Status quo kann eine solche Gegenüberstellung wertvolle Lösungsansätze für die zukünftige Gestaltung des Letzte-Meile-Verkehrs liefern“, so Holthaus.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Tim Holthaus, M.Sc.
Lehr- und Forschungsgebiet Güterverkehrsplanung und Transportlogistik
Telefon 0202/439-4016
E-Mail holthaus@uni-wuppertal.de

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Menschen hören das, was sie zu hören erwarten

Konrad Kästner Pressestelle
Technische Universität Dresden
Dresdner Neurowissenschaftler:innen zeigen, dass die menschliche Hörbahn Geräusche entsprechend vorheriger Erwartungen widergibt. Die Ergebnisse sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift eLife veröffentlicht worden.

Der Mensch ist auf seine Sinne angewiesen, um die Welt, sich selbst und andere wahrzunehmen. Obwohl die Sinne das einzige Fenster zur Außenwelt sind, hinterfragen Menschen nur selten, wie wahrheitsgetreu sie die Außenwelt tatsächlich wahrnehmen. In den letzten 20 Jahren hat die neurowissenschaftliche Forschung gezeigt, dass die Großhirnrinde ständig Vorhersagen darüber erstellt, was als nächstes passieren wird. Neuronen, die für die sensorische Verarbeitung zuständig sind, erfassen nur den Unterschied zwischen den Vorhersagen und der Realität.

Ein Team von Neurowissenschaftler:innen der TU Dresden unter der Leitung von Prof. Katharina von Kriegstein stellt in einer aktuellen Publikation neue Erkenntnisse darüber vor, dass nicht nur die Großhirnrinde, sondern die Hörbahn Geräusche entsprechend vorheriger Erwartungen widergibt. Die Hörbahn verbindet das Ohr mit der Großhirnrinde.

Für die Studie nutzte das Team die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), um die Gehirnreaktionen von 19 Teilnehmenden zu messen, während diese Tonfolgen hörten. Die Teilnehmenden wurden angewiesen, herauszufinden, welcher der Klänge in der Reihenfolge von den anderen abweicht. Die Erwartungen der Probanden wurden so verändert, dass sie den abweichenden Ton an bestimmten Stellen der Sequenz erwarten würden. Die Neurowissenschaftler:innen untersuchten die Reaktionen, die die abweichenden Geräusche in zwei wichtigen Kernen der Hörbahn, die für die auditorische Verarbeitung verantwortlich sind, auslösten: dem colliculus inferior (‚unterer Hügel‘) und dem medialen corpus geniculatum mediale (‚mittig-liegender Kniehöcker‘). Obwohl die Teilnehmenden die abweichenden Töne schneller erkannten, wenn sie an Positionen platziert wurden, an denen sie diese erwarteten, verarbeiteten die Kerne der Hörbahn die Töne nur, wenn sie an unerwarteten Positionen platziert wurden.

Diese Ergebnisse lassen sich am besten im Rahmen einer allgemeinen Theorie der sensorischen Verarbeitung interpretieren, die die Wahrnehmung als einen Prozess der Hypothesenprüfung beschreibt. Man nennt diese Theorie ‚prädiktive Kodierung‘. Die prädiktive Kodierung geht davon aus, dass das Gehirn ständig Vorhersagen darüber generiert, wie die physische Welt im nächsten Moment aussehen, klingen, sich anfühlen und riechen wird, und dass die Neuronen, die für die Verarbeitung der Sinne zuständig sind, Ressourcen sparen, indem sie nur die Unterschiede zwischen diesen Vorhersagen und der tatsächlichen physischen Welt darstellen.

Dr. Alejandro Tabas, Erstautor der Veröffentlichung, erklärt die Ergebnisse folgendermaßen: „Unsere Überzeugungen haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie wir die Realität wahrnehmen. Jahrzehntelange Forschung in den Neurowissenschaften hatte bereits gezeigt, dass die Großhirnrinde, der Teil des Gehirns, der bei Menschen und Affen am weitesten entwickelt ist, Überzeugungen mit sensorischen Informationen abgleicht. Wir haben nun gezeigt, dass dieser Prozess auch in den einfachsten und evolutionär ältesten Teilen des Gehirns vorherrscht. Alles, was wir wahrnehmen, könnte zutiefst durch unsere subjektiven Überzeugungen über die Welt geprägt sein.“

Diese Ergebnisse ermöglichen der neurowissenschaftlichen Forschung, einen neuen Blick auf die Hörbahn und auch auf andere sensorische Bahnen, wie der Sehbahn. Bisher wurde der Rolle, die subjektive Überzeugungen auf Repräsentationen in den sensorischen Bahnen haben könnten, wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vielleicht ist dies der festen Annahme geschuldet, dass Subjektivität ein Merkmal des Menschen ist und die Großhirnrinde der Hauptunterscheidungspunkt zwischen den Gehirnen von Menschen und anderen Säugetieren ist.

Angesichts der Bedeutung, die Vorhersagen für das tägliche Leben haben, könnten Beeinträchtigungen der Art und Weise, wie Erwartungen an die sensorischen Bahnen übermittelt werden, tiefgreifende Auswirkungen auf die Kognition haben. Lese-Rechtschreib-Schwäche, die am weitesten verbreitete Lernstörung, wurde bereits mit veränderter Verarbeitung in der Hörbahn und mit Schwierigkeiten in der auditorischen Wahrnehmung in Verbindung gebracht. Die neuen Ergebnisse könnten eine einheitliche Erklärung dafür liefern, warum Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung von Sprache haben. Weiterhin liefern sie klinischen Neurowissenschaftler:innen neue Hypothesen über den Ursprung auch anderer neuronaler Störungen, die mit der sensorischen Verarbeitung in Verbindung stehen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Alejandro Tabas (englisch)
Tel.: +49 351 463-43894
Email: alejandro.tabas@tu-dresden.de

Prof. Katharina von Kriegstein (deutsch)
Tel.: +49 351 463-43901
Email: katharina.von_kriegstein@tu-dresden.de

Originalpublikation:
Alejandro Tabas, Glad Mihai, Stefan Kiebel, Robert Trampel, Katharina von Kriegstein: Abstract rules drive adaptation in the subcortical sensory pathway. eLife 2020;9:e64501
DOI: 10.7554/eLife.64501

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Verzicht auf Silvesterfeuerwerk erspart der Umwelt Tausende Tonnen Kunststoffe

Axel Grehl Pressestelle
Hochschule Pforzheim
Pforzheimer Wirtschaftsingenieure präsentieren Forschungsergebnisse auf internationalem Abfallwirtschaftskongress

Das Verbot, für den Silvesterabend 2020 Feuerwerk zu kaufen und abzufeuern, hat Krankenhäuser vor zusätzlicher Überlastung durch Verletzungen in Zusammenhang mit Raketen & Co. geschützt. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Die Umwelt wurde erheblich geschont – wie genau, das wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hochschule Pforzheim untersucht. Lukas Deuschle, Student im Bachelorstudiengang „Wirtschaftsingenieurwesen“ analysierte gemeinsam mit Jörg Woidasky, Professor für Nachhaltige Produktentwicklung an der Fakultät für Technik, die Frage „Wieviel Kunststoff gelangt durch Silvesterfeuerwerk in die Umwelt?“.

„Auch, wenn man den diesjährigen Verzicht aus kulturellen Aspekten bedauern mag, so war er für die Umwelt sehr vorteilhaft: Ohne Silvesterfeuerwerk bleibt der Umwelt in Deutschland die Freisetzung von etwa 3 500 Tonnen Kunststoff erspart – neben der Vermeidung von Lärm, Luftverunreinigungen und Verletzungen“, fasst Professor Dr.-Ing. Jörg Woidasky die Arbeitsergebnisse zusammen. Diese präsentierte das Pforzheimer Duo, gemeinsam mit weiteren Partnern, Ende 2020 auf dem internationalen Abfallwirtschaftskongress „Recy & DepoTech“ in Leoben/Österreich online.

Die Arbeitsergebnisse basieren auf einer umfangreichen Sortier- und Werkstoffanalyse von Feuerwerkskörpern an der Hochschule Pforzheim, die durch Kundenbefragungen und Zulassungsanalysen im Rahmen von Lukas Deuschles Bachelorarbeit ergänzt wurden. „Wir haben in der Literatur keine genauen Angaben zu Kunststoff-Emissionen aus Feuerwerken finden können“, so Jörg Woidasky, „also haben wir ein eigenes Forschungskonzept zur Kunststoffemission aus Feuerwerken entwickelt und umgesetzt.“

Das Ergebnis dieser Forschungen wurde in Kooperation mit Professor Dr. Kai Oßwald von der Fakultät für Technik der Hochschule Pforzheim und dem Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal (ICT) als Buchbeitrag publiziert.

Vor Beginn der Corona-Epidemie wurden in Deutschland jährlich über 130 Millionen Euro für etwa 40 000 Tonnen Feuerwerkskörper ausgegeben. Die bisher vor allem diskutierten Umweltauswirkungen der Silvesternacht sind Luftverunreinigungen: „In Deutschland werden durch das Silvesterfeuerwerk nach Aussagen des Umweltbundesamtes jährlich bundesweit etwa 4 500 Mg Feinstaubpartikel innerhalb weniger Stunden freigesetzt, die Schwermetalle enthalten können“, so Jörg Woidasky. Neben den Staub- und Lärmemissionen führen Silvesterfeuerwerke aber auch zu einem großen Abfallanfall: „Die Treib- und Effektsätze der pyrotechnischen Artikel machen davon lediglich etwa ein Drittel aus, der Rest sind feste Abfälle aus Pappe, Papier, Holz, Ton und Kunststoffen. Sie werden für Hüllen, Kappen und Verpackungen eingesetzt.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr.-Ing. Jörg Woidasky
joerg.woidasky@hs-pforzheim.de

Weitere Informationen:
http://www.hs-pforzheim.de/profile/joergwoidasky

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Stellungnahme des KKNMS zur Methode der mRNA Vakzinierung

Lena Forster Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose
Neue Technik der mRNA Vakzinierung, die gegenwärtig so erfolgreich als COVID Impfung eingesetzt wird, ist nicht ohne weiteres auf Erkrankungen wie die Multiple Sklerose übertragbar

In einer bemerkenswerten Studie ist es gelungen, die Entstehung von experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis bei Mäusen durch einen entzündungshemmenden Impfstoff zu unterdrücken (Krienke et al., Science 2020). Bei bereits erkrankten Tieren konnte der Krankheitsverlauf durch die Gabe des mRNA Impfstoffes abgemildert bzw. rückgängig gemacht werden. Die Ergebnisse von Christina Krienke und Kollegen, unter der Studienleitung von Prof. Sahin, dem Mitbegründer von Biontech, wecken Hoffnungen bei MS-Betroffenen. Die Resonanz in den Medien ist hoch, es wird teilweise von der Möglichkeit gesprochen hier eine Impfung gegen die Multiple Sklerose generieren zu können.
Die Technik der mRNA Vakzinierung wird derzeit intensiv diskutiert. Zumal sie erstmals erfolgreich als Strategie zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das SARS-COV2 Virus etabliert wurde. Mit Datum vom 08.01.2021 sind gegenwärtig zwei Impfstoffe zugelassen, die beide das gleiche Prinzip verwenden. Das Kompetenznetzwerk hatte in einer Stellungnahme vom 18.12.2020 hierzu informiert und Empfehlungen für MS Patienten herausgegeben.
Nun wurde die mRNA Vakzinierung im Tierexperiment und an einem Modell, welches Aspekte der MS nachstellt, verwendet. Die Studie ist höchstwertig und wissenschaftlich von größter Bedeutung und dokumentiert erneut auch das Potential der mRNA Vakzinierungsstrategie insgesamt. Allerdings: was in Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis als Impfstrategie funktioniert, ist als Strategie für eine Autoimmunerkrankung beim Menschen nicht so einfach zu übersetzen. Hauptproblem beim Menschen – im Gegensatz zum Tiermodell – ist, dass die Zielantigene bei der MS nicht bekannt sind. Über Jahrzehnte haben Wissenschaftler bereits versucht, die für Multiple Sklerose relevanten Antigene zu identifizieren, dies gelang jedoch nicht.
Ganz im Gegenteil: In den 90er Jahren haben Antigen-spezifische Therapieansätze bei der Übertragung aus Laborbedingungen auf den Menschen sogar teilweise unerwartet zu einer Verstärkung der Entzündung im Gehirn geführt, indem Immunantworten gegen das ZNS sogar befördert und nicht unterdrückt wurden. Die MS gilt heute als komplexe Störung immunregulatorischer Netzwerke. Nach der Gabe einer Selektion von Antigenen zur Therapie einer Autoimmunerkrankung, kann es sogar zu einer fehlgesteuerten Aktivierung von Ab-wehrzellen kommen. Denn im Verlauf der Erkrankung gibt es offensichtlich sehr viele Antigene sowie HLA Moleküle, welche den T Zellen helfen anhand der zellulären Oberflächenstruktur kranke von gesunden Zellen zu unterscheiden, und diese sind individuell unterschiedlich. Weiterhin beruht das Phänomen der Verstärkung der Entzündung wohl auf speziellen Bindungsstärken der gegen den eigenen Körper gerichteten Immunabwehr. Somit ist es nicht verwunderlich, dass bislang kein Antigen-spezifischer Therapieansatz in der Multiplen Sklerose (und auch nicht bei anderen Autoimmunerkrankungen) erfolgreich war.
Eine Autoimmunkrankheit wie die Multiple Sklerose ist im Kontext der entwickelten Impfung damit nicht gleichzusetzen mit einer Infektion, die ja eine sehr gerichtete Antwort auf sehr definierte (Virus)Antigene darstellt. Die Strategie eine „Impfung gegen MS“ zu entwickeln ist zwar charmant und wissenschaftlich ein hochwertvolles Ziel. Es fehlt aber beim Menschen nicht die richtige Labortechnik, sondern die Biologie der Entzündungsprozesse bei der MS ist ganz anders zu bewerten als bei einer Infektion.

Quellen
[1] Krienke et al., Science 371, 145–153 (2021)

Autorinnen und Autoren:
Prof. Dr. Frauke Zipp, Klinik für Neurologie, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Prof. Dr. Heinz Wiendl, Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie, Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Ralf Linker, Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Erlangen
Prof. Dr. Martin Kerschensteiner, Institut für Klinische Neuroimmunologie der LMU München

Originalpublikation:
Krienke et al., Science 371, 145–153 (2021)

Anhang
KKNMS Pressemitteilung

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Ein unbehandelter Bluthochdruck erhöht das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe

Dr. Bettina Albers Pressestelle Deutsche Hochdruckliga
Deutsche Hochdruckliga
Bereits in der ersten Welle der SARS-CoV-2-Pandemie wurde Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) als Risikofaktor für schwere COVID-19-Kranklheitsverläufe vermutet. Eine aktuelle Publikation [1] verbessert die Datenlage und zeigt, dass eine unbehandelte Bluthochdruckerkrankung mit einem höheren Risiko für schwere COVID-19-Verläufe einhergeht. Die medikamentöse Bluthochdrucktherapie mit sogenannten ACE-Hemmern schien hingegen das Risiko für schwere entzündliche Verläufe der Viruserkrankung zu senken.

Bluthochdruck gilt als Risikofaktor für einen schweren COVID-19-Verlauf, ebenso ein höheres Alter – und oft kommt beides zusammen: In Deutschland hat fast jeder dritte Erwachsene zu hohe Blutdruckwerte, bei den über 60-Jährigen ist im Durchschnitt sogar jeder Zweite von Bluthochdruck betroffen. Daher liegt es auf der Hand, dass viele schwerkranke COVID-19-Patienten, unter denen prozentual viel mehr ältere Menschen sind, auch häufiger Bluthochdruck aufweisen. Mit diesem Argument wurde Bluthochdruck als COVID-19-Risikofaktor häufig vom Tisch gewischt und unterschätzt. Doch eine aktuell in „Nature Biotechnology“ publizierte, experimentelle Studie deutet darauf, dass Bluthochdruck durchaus ein eigenständiger Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe sein könnte, vor allem, wenn er nicht medikamentös behandelt wird.

Die Autoren haben die klinischen Daten von 144 Patienten und Daten von sogenannten „single cell sequencing“-Analysen von Zellen aus nasopharyngalen Abstrichen von 48 Patienten mit und ohne COVID-19-Infektion untersucht. Wie sich zeigte, waren in den Immunzellen der Studienteilnehmer mit arterieller Hypertonie ausgeprägtere Entzündungsreaktionen nach COVID-19-Infektion zu beobachten als bei jenen mit normalen Blutdruckwerten. Diese verstärkte Entzündungsreaktion korreliert mit schlechterem Outcome: Patienten mit arterieller Hypertonie wiesen eine verlängerte Dauer bis zur Virusfreiheit (sogenannte virale Clearance) und eine höhere Anfälligkeit für schwerere Atemwegsinfektionen auf.

„Es bekannt, dass die arterielle Hypertonie entzündliche Prozesse im Körper aktiviert und daher auch naheliegend, dass sie eine COVID-19-Erkrankung aggravieren kann. Die verstärkte Entzündungsreaktion bei hypertensiven Covid-19-Patienten könnte eine mögliche Erklärung sein,“ erklärt Professor Dr. Ulrich Wenzel vom UKE Hamburg, Vorstandsvorsitzender der DHL® │ Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention. „Die vorliegende Studie bestätigt diese Hypothese: Die untersuchten Bluthochdruck-Patientinnen und -Patienten hatten ein höheres Risiko für kritische COVID-19-Verläufe. Die Studie zeigte aber auch, dass eine medikamentöse Blutdrucktherapie einen positiven Effekt hatte. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, Bluthochdruck in den Griff zu bekommen!“

Die Studienautoren zeigten, dass sogenannte ACE-Hemmer (ACEi) das erhöhte Risiko für schwere COVID-19-Erkrankungen nahezu auf das Risikoniveau von Menschen ohne Bluthochdruck senken konnten. Eine Risikoabsenkung wurde unter Therapie mit Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) auch beobachtet, sie war aber weniger stark ausgeprägt. Darüber hinaus hatten ARB im Gegensatz zu ACEi keinen Effekt auf die virale Clearance. Die Forscher führen daher an, dass ACEi während der Corona-Pandemie die bessere Bluthochdrucktherapie darstellen könnte.

„Dieser Hypothese möchten wir uns aber nicht anschließen. Die Zahl der Studienteilnehmer war zu klein und die Studie auch gar nicht dafür ausgelegt, um verschiedene blutdrucksenkende Therapien im Hinblick auf ihr ‚Anti-COVID-19-Potenzial‘ vergleichen zu können. Die wesentliche Erkenntnis dieser Untersuchung ist für uns: Bluthochdruck ist ein eigenständiger Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe, wenn er nicht behandelt wird. Die gefundene verstärkte Entzündungsreaktion könnte dafür verantwortlich sein. Wir hoffen, dass diese zentrale Botschaft Patientinnen und Patienten motiviert, ihre Blutdruckmedikamente konsequent zu einzunehmen“, erklärt der Hamburger Experte.

Sein Vorstandskollege, Professor Dr. Florian Limbourg, Hannover, ergänzt: „Leider ignorieren viele Menschen ihre erhöhten Blutdruckwerte und einige ahnen auch nicht, dass sie überhaupt einen zu hohen Blutdruck haben Umso wichtiger ist es, die Bevölkerung für Bluthochdruck zu sensibilisieren, um gefährlichen Folgeschäden, darunter Herzinfarkte, Schlaganfälle, Nierenversagen – und, wie nun gezeigt wurde, auch eine erhöhte Anfälligkeit für schwere COVID-19-Verläufe –, durch Blutdrucksenker entgegenzuwirken.“

Literatur:
[1] Trump S, Lukassen S, Anker MS et al. Hypertension delays viral clearance and exacerbates airway hyperinflammation in patients with COVID-19. Nature Biotechnology. Published 24 December, 2020. https://www.nature.com/articles/s41587-020-00796-1

Kontakt/Pressestelle
Dr. Bettina Albers
albers@albersconcept.de
Telefon: 03643/ 776423

Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41587-020-00796-1

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TU Berlin: Klärschlämme und Plastikfolien kontaminieren die Felder

Stefanie Terp Stabsstelle Kommunikation, Events und Alumni
Technische Universität Berlin
Auswertung von 23 Studien zum Thema „Globale Mikroplastik-Konzentrationen in Böden“ bestärkt Vermutungen über die schädigenden Auswirkungen auf Bodenorganismen

Erstens: Ackerböden und Böden des Obst- und Gemüseanbaus zeigen weltweit eine hohe Kontamination mit Mikroplastik-Partikeln. Klärschlämme und der Einsatz großflächiger Plastikfolien (Mulchfolien), die die Felder vor Verdunstung schützen und der Unkrautbekämpfung dienen, sind eine bedeutende Ursache für diese Einträge. Dabei ist die Kontamination der landwirtschaftlich genutzten Böden durch Klärschlämme bis zu zehnmal so hoch wie durch Mulchfolien.

Zweitens: Städte und stadtnahe Siedlungsgebiete sind ein Hotspot für Mikroplastik-Kontamination. Die Konzentration von Mikroplastik in diesem Umfeld ist im Vergleich zu ländlichen Gebieten bis zu zehnmal höher.

Drittens: In den Ländern des globalen Nordens und den sich industriell entwickelnden Ländern sind die Mengen an Mikroplastik im Boden ähnlich: Gemessen wurden übliche Konzentrationen von bis zu 13.000 Partikeln beziehungsweise 4,5 Milligramm an Mikroplastik in einem Kilogramm Boden.

Das sind drei der Ergebnisse des aktuellen Reviews „Globale Mikroplastik-Konzentrationen in Böden“, das jüngst im SOIL Journal publiziert wurde. Die Autoren des Reviews sind Dr. Frederick Büks, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Bodenkunde, und Prof. Dr. Martin Kaupenjohann, Leiter des Fachgebietes. Das SOIL Journal ist eine bodenkundliche Fachzeitschrift der European Geosciences Union (EGU), deren Artikel durch unabhängige Gutachter beurteilt (Peer-Review-Verfahren) und unter einer Creative Commons Licence veröffentlicht werden.

Die meisten Untersuchungen in China
In dem Paper, das den aktuellen Forschungsstand zur Thematik „Globale Mikroplastik-Konzentration in Böden“ darstellt, werteten die Bodenkundler 23 Studien aus, in denen 230 Standorte untersucht worden waren. „Die meisten Untersuchungen wurden in den vergangenen Jahren in China durchgeführt – von den 23 Studien sind es immerhin elf mit 155 Standorten. Und in Asien ist es das einzige Land, in dem Forschungen zu der Problematik in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden“, sagt Dr. Frederick Büks. Sechs Studien stammten aus Europa, die anderen aus dem Nahen Osten, Australien sowie Nord- und Südamerika. Aus Afrika gibt es keine Daten.

Schlecht für Regenwurm und Käfer
Diesem Review vorausgegangen war 2019 ein Review unter Leitung der beiden TU-Wissenschaftler zu Auswirkungen von Mikroplastik auf Bodenorganismen wie Regen-, Watt- und Fadenwürmer, Käfer, Spinnen, Milben und kleinste Mehrzeller. In dieser Übersichtsstudie hatten sie Laborstudien ausgewertet, die mit einem weiten Spektrum an Mikroplastik-Konzentrationen arbeiteten. Es hatte sich gezeigt, dass besonders die kleinsten Plastikpartikel – kleiner als 100 Mikrometer, das sind 0,1 Millimeter – schon bei Konzentrationen unter zehn Milligramm pro Kilogramm Boden den Stoffwechsel, die Fortpflanzung und das Wachstum der Bodenorganismen schädigen. Diesen angenommenen Laborwerten wollten die TU-Wissenschaftler nun tatsächlich im Feld gemessene Werte gegenüberstellen. „Unsere aktuelle Überblicksstudie zeigt übliche Konzentrationen von bis zu 4,5 Milligramm pro Kilogramm Boden. Das heißt, dass die Konzentrationen, die tatsächlich in den Böden gemessen wurden, im Bereich der Werte liegen, die in den Laborstudien schädliche Effekte auf die im Boden lebenden Organismen bewirkt hatten. Da Studien zeigen, dass ein größerer Teil dieses Bodenmikroplastiks aus kleineren Partikeln besteht, müssen wir Schädigungen des Bodenlebens befürchten“, sagt Büks und fügt an, „für die Wissenschaft ist das zwar ein ‚gutes‘ Ergebnis, weil vorherige Studien bestätigt werden, aber leider nicht für Regenwurm und Käfer.“

Drei Einflussfaktoren
Frederick Büks analysierte die 23 Studien nach drei Einflussfaktoren: Landnutzung, Eintragspfad und Umfeld. Landnutzung meint, ob es landwirtschaftlich genutzte Flächen, Wälder, Naturschutzgebiete oder Brachflächen sind, auf denen gemessen wurde. Der Eintragspfad beschreibt, wodurch Mikroplastik in den Boden gelangt. Das kann unter anderem über Klärschlamm, Plastikfolien, Reifenabrieb, in die Landschaft geworfener Müll und Bewässerungswasser geschehen. Beim Umfeld unterschieden die Wissenschaftler zwischen ländlichen, städtischen oder industriellen Gebieten.

Belastbare Aussagen machen die 23 Studien nur zu den landwirtschaftlich genutzten Flächen, zu den Eintragspfaden Klärschlamm und Mulchfolien sowie zu ländlichen und städtischen Gebieten. Nur zwei Studien beschäftigten sich hingegen mit Mikroplastik in Industriegebieten. Die Messungen ergaben zwar eine tausendfach höhere Kontamination als in städtischen Gebieten. „Aber bei nur zwei Studien müssen solche Standorte noch intensiv insbesondere auf ihr Potenzial zur Kontamination der Umgebung untersucht werden“, sagt Dr. Frederick Büks.

Großer Forschungsbedarf
Insgesamt konstatieren die Bodenkundler nach der Auswertung der 23 Studien einen großen Forschungsbedarf. So liegen weder zu Wäldern, Naturschutzgebieten und Brachflächen Daten vor noch zu den Eintragspfaden Reifenabrieb, in die Landschaft geworfener Müll und Bewässerungswasser. „Aber selbst da, wo die Datenlage gut ist, registrierten wir Defizite in der Datenerfassung. In fast allen der 23 Studien fehlen Angaben zur Bodenart, ob es also ein sandiger oder ein toniger Boden war, der untersucht wurde. Auch Aussagen zur Historie des Standortes, ob sich die Nutzung oder die Eintragspfade über die Jahre veränderten, waren nicht zu finden“, resümiert Dr. Frederick Büks.

Besonders die Angaben zum Bodentyp und zu deren biologischen, physikalischen und chemischen Parametern seien wichtig, da davon auszugehen sei, dass unterschiedliche Böden unterschiedliches Mikroplastik auch unterschiedlich speicherten beziehungsweise transportierten. Diese sogenannte Grundkennzeichnung des Bodens sei notwendig, um weitere Schlüsse ziehen zu können über die schädigende Wirkung von Mikroplastik auf das Bodenökosystem.

Das Review entstand im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projektes „Entwicklung Neuer Kunststoffe für eine Saubere Umwelt unter Bestimmung Relevanter Eintragspfade (ENSURE)“

Zum aktuellen Review-Artikel “Global concentrations of microplastics in soil”:
https://soil.copernicus.org/articles/6/649/2020/

Zum Review-Artikel “What do we know about how the terrestrial multicellular soil fauna reacts to microplastic?”
https://soil.copernicus.org/articles/6/245/2020/

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Frederick Büks
TU Berlin
Fachgebiet Bodenkunde
E-Mail: frederick.bueks@tu-berlin.de

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Studie: Wie (un)beliebt ist die „Corona-Warn-App“?

Frank Aischmann Kommunikation, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin
Forscher*innen aus Berlin und Bochum untersuchten, welche Personen die „Corona-Warn-App“ in Deutschland nutzen, welche nicht und wie sie ihre Entscheidung begründeten.

In ihrer Studie setzen vor allem Angehörige einer Risikogruppe sowie jüngere Personen die App zur Kontaktverfolgung ein. Männer nutzen sie häufiger als Frauen, Vollzeit-Beschäftigte eher als Personen in Ausbildung. Personen, die die „Corona-Warn-App“ nicht nutzen, sind in dieser Studie im Durchschnitt älter, weiblich und gesünder. Sie vertrauen anderen im Allgemeinen weniger und befinden sich eher in Ausbildung oder Studium.
Dagegen hängen weder Bildungsjahre noch Elternschaft signifikant mit der Nutzung der Kontaktverfolgungs-App zusammen.

Dies fand ein Forschungsteam um Dr. Susanne Bücker von der Ruhr-Universität Bochum und Prof. Dr. Kai Horstmann von der Humboldt-Universität zu Berlin heraus. Die Expert*innen für Persönlichkeitspsychologie befragten im Rahmen der Bochum Berlin Covid-19 Längsschnitt-Studie online 1.972 Deutschen im Alter von 18 bis 88 Jahren, ob diese die App nutzen und warum, beziehungsweise warum nicht. Die Studie ist im European Journal of Public Health erschienen.

Unter den 1.972 Studienteilnehmer*innen nutzten 1.291 die „Corona-Warn-App“. Als Begründung nannten sie vor allem, dass es keinen Grund gäbe, sie nicht einzusetzen. Außerdem würden die Vorteile der App ihre Risiken aufwiegen und sie helfe dabei, die Pandemie zu verlangsamen. Die 681 Studienteilnehmer*innen, die die „Corona-Warn-App“ nicht nutzen, hegen vor allem Bedenken in Bezug auf den Datenschutz, die Effektivität der App zur Eindämmung der Pandemie oder sie verfügen über unzureichende technische Möglichkeiten.

Die „Corona-Warn-App“ wurde von der Bundesregierung und dem Robert-Koch-Institut entwickelt, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen. Sie erfasst Begegnungen per Bluetooth-Funktion und warnt die Nutzer*innen, wenn sie mit einer Person in Kontakt waren, die kürzlich positiv auf das Corona-Virus getestet wurde – sofern diese den positiven Befunde selbst in die „Corona-Warn-App“ eingetragen hat. Kontaktverfolgungs-Apps wie die deutsche „Corona-Warn-App“ sind allerdings erst dann besonders effektiv, wenn sie von vielen Personen aktiviert werden.

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Warn-App-Kampagnen vor Veröffentlichung der App die Bedenken von App-Ablehner*innen zum Datenschutz und zur Effektivität nicht vollständig ausräumen konnten. Das Forschungsteam schlägt vor, dass Personengruppen, die die App durchschnittlich seltener nutzten, Zielgruppe zukünftiger Kampagnen des Gesundheitswesens in der Bekämpfung der COVID-19 Pandemie sein könnten. Jedoch ist weitere Forschung zur Infektionsprävention (inkl. Nutzung von Kontaktverfolgungs-Apps) notwendig, die repräsentative Stichproben nutzt.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Kai Tobias Horstmann
Humboldt-Universität zu Berlin
Psychological Assessment of Person-Situation-Dynamics
mail: kai.horstmann@hu-berlin.de

Originalpublikation:
“Short report: Who does or does not use the “Corona-Warn-App” and why?” European Journal of Public Health, ckaa239, https://doi.org/10.1093/eurpub/ckaa239

Anhang
PM HU: Wer nutzt die Corona-Warn-App – und wer nicht?

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Neuer Forschungsverbund als „Turbo für Atmosphären- und Klimaforschung sowie Meteorologie“

Alexandra Frey Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
Mit Jänner 2021 gründen die Universität Wien und die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) gemeinsam das Wiener Netzwerk für Atmosphärenforschung, um die Forschung zu bündeln und zu intensivieren. „Auch angesichts der Klimakrise drängt die Zeit, um unser Prozessverständnis des Klimasystems zu verbessern“, erklärt Andreas Stohl vom Institut für Meteorologie und Geophysik, der das neue Netzwerk gemeinsam mit Gerhard Wotawa von der ZAMG leitet. Ziel sei es, Wien zu einem führenden Forschungsstandort im Bereich der Atmosphären- und Klimaforschung zu machen.

Treibhausgase, Aerosole und neue meteorologische Modelle: Die Klima- und Atmosphärenforschung hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Doch dabei tun sich auch immer neue Fragen auf – und gerade was die Klimaerwärmung betrifft, drängt die Zeit, diese zu beantworten. Vor diesem Hintergrund wurde nun von der Universität Wien und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ein neuer Forschungsverbund gegründet: Im Vienna Network for Atmospheric Research (VINAR) wird künftig die Meteorologie, Atmosphären- und Klimaforschung in Wien thematisch fokussiert und verstärkt.

„Im Jahr 1851 wurde die ZAMG als einer der ältesten staatlichen Wetterdienste der Welt gegründet, deren erster Leiter Karl Kreil auch gleichzeitig zum Professor für Physik an der Universität Wien ernannt wurde. Daraus entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit der beiden Institutionen, die Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem weltweit führenden Standort für Meteorologie machte. Mit VINAR wollen wir an diese erfolgreiche Zeit anschließen und Wien wieder zu einem Leuchtturm der Atmosphärenforschung machen“, erklärt Andreas Stohl vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien. Der Meteorologe, der heuer auch den Gottfried und Vera Weiss-Preis erhielt, leitet künftig gemeinsam mit Gerhard Wotawa, dem Bereichsleiter für Daten, Methoden und Modelle an der ZAMG, das Netzwerk.

In den nächsten Jahren soll über VINAR die Grundlagenforschung zur Verbesserung der gemeinsam verwendeten Wettervorhersage-, Klima- und Ausbreitungsmodelle vorangetrieben werden: „Wir wollen eine Art Turbo für Atmosphären- und Klimaforschung sowie Meteorologie sein“, so Stohl.

Forschungsinfrastruktur und Wissensgenerierung
„Angesichts der bestehenden Herausforderungen ist es wichtiger denn je, dass Produkte und Dienstleistungen, die der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger und der Infrastruktur dienen, am neuesten Stand der Forschung und maßgeschneidert auf den Bedarf von Gemeinden, Ländern und Bund und der Wirtschaft entwickelt werden. Die durch VINAR vorangetriebene gemeinsame Nutzung von Forschungs-Infrastrukturen und die gemeinsame Wissensgenerierung nutzt auch der gesamten Atmosphären- und Klimaforschung in Österreich“, sagt Gerhard Wotawa, an der ZAMG als Bereichsleiter zuständig für Forschung und Entwicklung.

Zusammenarbeiten will man beispielsweise bei der Entwicklung von Methoden für die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen aufgrund atmosphärischer Messungen sowie beim Aufbau einer in-situ Messinfrastruktur für Aerosol- und Wolkeneigenschaften am Sonnblickobservatorium der ZAMG und an der städtischen Hintergrundstation der Universität Wien. Vonseiten der Universität Wien ist neben dem Institut für Meteorologie auch Bernadett Weinzierl, Leiterin der Forschungsgruppe Aerosolphysik und Umweltphysik an der Fakultät für Physik, Teil des VINAR-Teams.

VINAR-Leiter erhielt Gottfried und Vera Weiss-Preis
Auf der Weiterentwicklung von atmosphärischen Ausbreitungsmodellen liegt auch ein Schwerpunkt des VINAR-Leiters Andreas Stohl, der für ein Projekt in diesem Bereich im Jahr 2020 den mit 200.000 Euro dotierten Gottfried und Vera Weiss-Preis des Wissenschaftsfonds FWF für eine Lagrange‘sche Re-Analyse zuerkannt bekommen hat: Während herkömmliche Modelle meteorologische Parameter wie Luftfeuchtigkeit oder Temperatur an fixen Punkten erfassen, folgen die so genannten Lagrange‘schen Modelle den einzelnen Partikeln und erfassen, wie sich die meteorologischen Parameter entlang deren Weges ändern. Für Fragen wie den Transport von Schadstoffen und Treibhausgasen oder den Ursprung eines Starkregenereignisses habe diese Analysemethode klare Vorteile, so Stohl.

Auch im Rahmen des neuen Forschungsverbundes sind diese Modelle ein wichtiger Baustein, immerhin wird an der ZAMG das von Andreas Stohl entwickelte Modell auch zur Krisenfallvorsorge etwa nach Kernkraftwerksunfällen oder Vulkanausbrüchen verwendet. Darüber hinaus werden in VINAR aber auch Wettervorhersage- und Klimamodelle verbessert und Data Science-Methoden zur Analyse großer Datensätze (sog. „Big Data“) weiterentwickelt.

Kooperieren werden die Universität Wien und die ZAMG auch in der Lehre – geplant ist beispielsweise die Einrichtung eines übergreifenden Seminarprogramms sowie die gemeinsame Betreuung von Doktorand*innen, unter anderem auch über die Vienna International School of Earth and Space Sciences (VISESS) an der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie der Universität Wien.

Zusammenarbeit gebündelt und verstärkt
„Ich freue mich sehr, dass über den neuen Forschungsverbund die Klima- und Atmosphärenforschung generell und auch an unserer Fakultät noch weiter gestärkt wird“, so Petra Heinz, Dekanin der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie: „Die Zusammenarbeit mit der ZAMG, die ja auch schon bisher ausgezeichnet war, wird so gebündelt und auch organisatorisch auf neue Beine gestellt.“

Das Instrument der Forschungsverbünde hat sich an der Universität Wien bewährt, um – insbesondere in gesellschaftlich relevanten Themenbereichen – Wissenschafter*innen zusammenzuführen, um die Forschung in diesem Bereich zu intensivieren. Mit dem Vienna Network for Atmospheric Research (VINAR) gibt es derzeit an der Universität Wien elf Forschungsverbünde – von der Umweltforschung bis hin zur Geschlechter- oder Biographieforschung. Forschungsverbünde an der Universität Wien

Link zur Webseite des Forschungsverbundes: https://vinar.univie.ac.at/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Univ.-Prof. Mag. Dr. Andreas Stohl
Co-Leiter Vienna Network for Atmospheric Research (VINAR)
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-53730
T +49 8141 5291926
andreas.stohl@univie.ac.at

Dr. Gerhard Wotawa
Bereichsleiter Daten, Methoden, Modelle
Co-Leiter Vienna Network for Atmospheric Research (VINAR)
Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG)
T +43-1-36026-2002
gerhard.wotawa@zamg.ac.at

Weitere Informationen:
https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/…

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Generation 80+: Impfbereitschaft gut, Erreichbarkeit der Impfzentren schlecht

Nina Meckel, Pressesprecherin der DGG Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
Mehr als 71 Prozent der Hochbetagten möchte sich gerne gegen COVID-19 impfen lassen. Jedoch fühlt sich nur ein Viertel der Impfwilligen in der Lage, die Impfzentren auch eigenständig aufzusuchen und sich dort impfen zu lassen. Das ist das Ergebnis einer ad hoc Befragung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) unter geriatrischen Klinikpatienten. „Die Logistik ist für die Hauptzielgruppe der hochaltrigen Patienten der ersten Impfkohorte nicht durchdacht!“, prangert deshalb DGG-Präsident Prof. Hans Jürgen Heppner, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am HELIOS Klinikum Schwelm und Lehrstuhlinhaber für Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke, an.

„Die Anmeldung für die Impfung, die Erreichbarkeit der Impfzentren sowie die erforderliche Mobilität, stellt viele in der derzeit wichtigsten Zielgruppe der Impfstrategie vor eine nahezu unlösbare Aufgabe.“

Es gelte jetzt zügig effektive Möglichkeiten zu schaffen, die alten Menschen bei der Terminvereinbarung und dem Transport in die Impfzentren zu unterstützen, fordert deshalb die Koordinatorin der Umfrage, Frau Prof. Petra Benzinger von der Universität Heidelberg. „Die hohe Impfmotivation in der Höchstrisikogruppe ist wirklich sehr ermutigend!“, so Benzinger. „Viele Studienteilnehmer, die sich während der Befragung ja in klinischer Behandlung befanden, baten um einen umgehenden Impftermin und einige erklärten sogar den Wunsch, länger in der Klinik bleiben zu wollen, wenn dies zu einer Impfung führen würde.“

Arzt und Patient zusammenbringen!
Es gilt jetzt Patient und Arzt zusammen zu bringen! „Denn während die Bewohner von Pflegeheimen bereits geimpft werden, überlegt der Großteil der Zielgruppe 80+ zuhause, wie sie die Impfung wohl bekommen kann“, erklärt Prof. Clemens Becker, Chefarzt der Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und Experte für Mobilität im Alter. „Viele der Impfzentren scheinen noch nicht einmal barrierefrei gestaltet zu sein. Das ist ein echtes Problem!“

Hausärzte impfen derzeit noch nicht gegen SARS-CoV-2. Transport und Mischung des Impfstoffes ist zu kompliziert, als das gegenwärtig kleinere Mengen in die Hausarztpraxen abgegeben werden können. Daher wird es vor allem auf familiäre und nachbarschaftliche Hilfe ankommen. „Auch die Unterstützung durch Wohlfahrtsverbände, Kirchen und ehrenamtliche Begleiter ist denkbar und wäre wichtig für das Gelingen der Impfstrategie in Deutschland“, so Petra Benzinger. Ferner sollten auf kommunaler Ebene ergänzende Impfangebote für die Gruppe der noch selbstständig lebenden, hochbetagten Menschen entwickelt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie bietet den Verantwortlichen auf Bundes- und Länderebene gerne ihre Unterstützung bei der Entwicklung entsprechender Konzepte an.

Mobile Impfteams von Tür zu Tür?
Derzeit fahren hunderte mobiler Impfteams in Pflegeheime, um dort die Bewohner sowie Mitarbeiter zu impfen. „Warum sollten diese Teams nicht auch in den nächsten Wochen am Morgen zentral ihre Spritzen aufziehen und dann Hausbesuche durchführen?“, überlegt DGG-Präsident Heppner laut. Eine Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen könne ja bereits im Vorfeld schriftlich oder auch mit Hilfe eines kurzen Films erfolgen. „Wer dann noch Fragen hat, kann diese dann ja direkt stellen – aber nicht jeder Impfwillige muss noch einmal einzeln lang und breit aufgeklärt werden!“, ist Heppner überzeugt. Selbstverständlich seien die Geriater bereit, dass Mammutprojekt „Impfungen gegen Corona“ aktiv zu unterstützen, um möglichst rasch die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu impfen. Dafür müssen jetzt aber zügig Fakten geschaffen werden!

Konkrete Zahlen der Befragung:
• Gesamtzahl der Befragten: 118 Personen
• Männlich: 28%
• Weiblich: 72%
• schnellstmögliche Impfung (% aller Teilnehmenden): 53,4
• Impfwillig = schnellstmöglich plus später (% aller Teilnehmenden): 71,2
• Unentschiedene (% aller Teilnehmenden): 20,3
• Impfskeptiker = wünschen keine Impfung (% aller Teilnehmenden): 8,5
• Organisation des Transportes selbst möglich (% aller TN): 26,3
• Organisation des Transportes nicht selbst möglich (% aller TN): 50,0
• Weiß nicht, ob Impfzentrum aufgesucht werden kann (% TN): 14,4
• lebt in Pflegeheim / Betreuten Wohnen (% der TN): 5,1
• Fehlende Angabe (% aller TN): 4,2
• Die Befragung fand vom 18.12.2020 bis zum 22.12.2020 statt.

Teilnehmende Kliniken und Personen:
1. Geriatrisches Zentrum der Universität Heidelberg und AGAPLESION BETHANIEN KRANKENHAUS, Heidelberg; Frau Prof. Petra Benzinger und Prof. Jürgen M. Bauer
2. Robert-Bosch Krankenhaus, Stuttgart; Prof. Clemens Becker
3. AGAPLESION BETHESDA KLINIK, Ulm; Prof. Michael Denkinger
4. Marienhospital Herne, Ruhr-Universität Bochum, Prof. Rainer Wirth
5. Charité Berlin, Herr Dr. Adrian Rosada und Frau Prof. Ursula Müller-Werdan

Originalpublikation:
https://www.dggeriatrie.de/presse/pressemeldungen/1755-pm-generation-80-impfbere…

Anhang
Generation 80+: Impfbereitschaft gut, Erreichbarkeit der Impfzentren schlecht

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Immunüberreaktion erklärt schweren COVID-19 Verlauf bei Patient*innen mit Bluthochdruck – Können ACE-Hemmer helfen?

Dr. Stefanie Seltmann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Berlin Institute of Health (BIH)
COVID-19-Patient*innen, die an Bluthochdruck leiden, erkranken häufiger schwer und haben dann sogar ein erhöhtes Sterberisiko. Wissenschaftler*innen vom Berlin Institute of Health (BIH) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin fanden nun in Zusammenarbeit mit ihren Partnern in Heidelberg und Leipzig heraus, dass die Immunzellen von Patient*innen mit Bluthochdruck bereits voraktiviert sind, was unter COVID-19 massiv verstärkt wird. Dies erklärt sehr wahrscheinlich die Überreaktion des Immunsystems und den schweren Krankheitsverlauf. Bestimmte Medikamente können einen günstigen Einfluss ausüben. Sie senken nicht nur den Blutdruck, sie wirken auch der Immunhyperaktivierung entgegen.

Über eine Milliarde Menschen weltweit leiden unter Bluthochdruck. Von den mehr als 75 Millionen Menschen, die sich weltweit mit SARS-CoV-2 angesteckt haben, litten mehr als 16 Millionen gleichzeitig an Bluthochdruck. Diese Patienten erkrankten häufiger besonders schwer und hatten dann sogar ein erhöhtes Sterberisiko. Es war unklar, inwieweit bluthochdrucksenkende Medikamente unter einer SARS-CoV-2 Infektion weiter verabreicht werden können und ob sie den Patient*innen eher nutzen oder schaden. Denn Bluthochdruckmedikamente greifen in genau denselben Regelmechanismus ein, über den das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 in die Wirtszelle gelangt und COVID-19 auslöst.

Professor Ulf Landmesser ist Ärztlicher Leiter des Charité Centrums für Herz-, Kreislauf- und Gefäßmedizin, Direktor der Medizinischen Klinik für Kardiologie und BIH Professor für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er hatte schon früh festgestellt, dass Patient*innen mit Bluthochdruck oder Herzkrankheiten oft besonders schwer an COVID-19 erkranken. „Das Virus benutzt als Eintrittspforte in die Zellen den Rezeptor ACE2, dessen Bildung durch die Gabe von blutdrucksenkenden Medikamenten beeinflusst werden könnte. Wir hatten deshalb zunächst befürchtet, dass Patient*innen, die ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker erhalten, womöglich mehr ACE2-Rezeptoren auf ihren Zelloberflächen aufweisen und sich dadurch leichter infizieren könnten.“

Bestimmte Medikamente gegen Bluthochdruck könnten bei COVID-19 helfen
Um diesen Verdacht zu klären, analysierten die Wissenschaftler*innen einzelne Zellen aus den Atemwegen von COVID-19-Patient*innen, die Medikamente gegen ihren Bluthochdruck einnahmen. Und konnten anschließend Entwarnung geben, erklärt Dr. Sören Lukassen, Wissenschaftler bei Professor Christian Conrad im BIH-Digital Health Center. „Wir haben festgestellt, dass die Medikamente offensichtlich nicht bewirken, dass mehr Rezeptoren auf den Zellen erscheinen. Wir gehen somit nicht davon aus, dass sie dem Virus den Eintritt in die Zellen auf diese Weise erleichtern und so den schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung verursachen.“ Ganz im Gegenteil war die Behandlung von Herzkreislaufpatient*innen mit ACE-Hemmern mit einem geringeren Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 verbunden. Herzkreislaufpatient*innen, die ACE-Hemmer erhielten, hatten sogar fast das gleiche Risiko wie die COVID-19-Patient*innen ohne Herzkreislaufprobleme.

Schwerer COVID-19 Verlauf durch Voraktivierung des Immunsystems
Bluthochdruckpatient*innen zeigen in der Regel erhöhte Entzündungswerte im Blut, was im Fall einer SARS-CoV-2-Infektion fatale Folgen haben kann. „Erhöhte Entzündungswerte sind unabhängig vom Herzkreislaufstatus immer ein Warnsignal, dass die COVID-19-Erkrankung schwer verlaufen wird“, erklärt Klinikdirektor Landmesser. Die Wissenschaftler*innen untersuchten daher per Einzelzellsequenzierung die Immunantwort von Bluthochdruckpatienten unter COVID-19.

„Wir haben insgesamt 114,761 Zellen aus dem Nasen-Rachenraum von 32 COVID-19-Patientinnen und -Patienten sowie von 16 nicht-infizierten Kontrollpersonen analysiert, beide Gruppe schlossen sowohl Herzkreislaufpatient*innen als auch Menschen ohne Herzkreislaufprobleme ein“, berichtet Dr. Saskia Trump, Arbeitsgruppenleiterin im Labor von Irina Lehmann, BIH Professorin für Umweltepigenetik und Lungenforschung. „Dabei stellten wir fest, dass die Immunzellen der Herzkreislaufpatientinnen und -patienten schon vor der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus eine auffällige Voraktivierung zeigten. Nach Kontakt mit dem Virus entwickelten diese Patienten häufiger eine überschießende Immunreaktion, die mit einem schweren COVID-19 Krankheitsverlauf verbunden war.“ „Unsere Ergebnisse zeigen aber auch, dass eine Behandlung mit ACE-Hemmern, nicht aber mit Angiotensin-Rezeptorblockern, diese überschießende Immunantwort nach Infektion mit dem Corona-Virus verhindern könnte. ACE-Hemmer könnten damit das Risiko von Patienten mit Bluthochdruck für einen schweren Krankheitsverlauf verringern“, ergänzt Irina Lehmann.

Abbau des Virus verzögert
Weiterhin stellten die Wissenschaftler*innen fest, dass die blutdrucksenkenden Medikamente auch einen Einfluss darauf haben könnte, wie schnell das Immunsystem die Viruslast, also die Konzentration des Virus im Körper, abbauen kann. „Hier sahen wir einen deutlichen Unterschied zwischen den verschiedenen Behandlungsformen gegen Bluthochdruck“, berichtet Roland Eils, Direktor des BIH Zentrums für Digitale Gesundheit. „Bei den mit Angiotensin-II-Rezeptorblockern behandelten Patienten war der Abbau der Viruslast deutlich verzögert, was ebenfalls zu einem schwereren Verlauf der COVID-19-Erkrankung beitragen könnte. Diese Verzögerung sahen wir nicht bei den Patientinnen und Patienten, die ACE-Hemmer zur Behandlung ihres Bluthochdrucks erhalten hatten.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit beschleunigt die Forschung
Mehr als 40 Wissenschaftler*innen haben unter Hochdruck an dieser umfangreichen Studie mitgearbeitet. „Um in der laufenden Pandemie schnell Antworten auf dringende Fragen geben zu können, bedarf es einer interdisziplinären Zusammenarbeit vieler engagierter Akteure “, erklärt Roland Eils. „COVID-19 ist eine so komplexe Erkrankung, dass wir Expert*innen aus der Virologie, der Immunologie, der Kardiologie, der Lungenheilkunde, der Intensivmedizin und der Informatik für diese Studie zusammengebracht haben. Unser Ziel war es, möglichst schnell wissenschaftlich-fundiert die Frage zu beantworten, ob eine Therapie mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor Blockern während der COVID-19 Pandemie nützlich oder gar schädlich sein könnte.“

Keine Hinweise auf erhöhtes Infektionsrisiko
Im Ergebnis können die Teams von BIH, Charité und den kooperierenden Einrichtungen in Leipzig und in Heidelberg nun die Patient*innen und ihre behandelnden Ärzt*innen beruhigen: „Unsere Studie gibt keine Hinweise darauf, dass die Behandlung mit bluthochdrucksenkenden Medikamenten das Infektionsrisiko für das neuartige Coronavirus erhöht. Eine Behandlung des Bluthochdrucks mit ACE-Hemmern könnte für die Patienten, die an COVID-19 erkranken, allerdings günstiger sein als die Therapie mit Angiotensin-II-Rezeptor Blockern, was in randomisierten Studien aktuell weiter untersucht wird“, fasst Ulf Landmesser die Ergebnisse zusammen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Professor Ulf Landmesser
Professor Irina Lehmann
Professor Roland Eils
Professor Christian Conrad

Originalpublikation:
Saskia Trump#, Soeren Lukassen#, Markus S. Anker#, Robert Lorenz Chua#, Johannes Liebig#, Loreen Thürmann#, …….Christine Goffinet, Florian Kurth, Martin Witzenrath, Maria Theresa V.lker, Sarah Dorothea Müller, Uwe Gerd Liebert, Naveed Ishaque, Lars Kaderali, Leif- Erik Sander, Sven Laudi, Christian Drosten, Roland Eils*, Christian Conrad*, Ulf Landmesser*, Irina Lehmann*, Delayed viral clearance and exacerbated airway 1 hyperinflammation in hypertensive COVID-19 patients, Nat. Biotechnology DOI: 10.1038/s41587-020-00796-1

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Speicherung erneuerbarer Energien und CO2-Verwertung

Ralf-Peter Witzmann Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
Die Energiegewinnung aus erneuerbaren Ressourcen liefert häufig keine kontinuierliche Versorgung, sondern sie verläuft in Peaks und Tälern. Speichermöglichkeiten würden diese Kurve abflachen. An einer solchen arbeitet das Fachgebiet Abfallwirtschaft der BTU gemeinsam mit der Hochschule Flensburg im Projekt WeMetBio.

Für das Gelingen der Energiewende stellt die Systemintegration und Kopplung der verschiedenen erneuerbaren Energiequellen inklusive deren Speicherung und des Transportes eine entscheidende Herausforderung dar. Gleichzeitig stehen Windkraft-, Solar- und Biogasanlagenbetreiber vor der Herausforderung, wirtschaftliche Post-EEG Konzepte für Bestandsanlagen zu entwickeln.

Überschüssige Energie erzeugt Wasserstoff
Vor diesem Hintergrund ist im Fachgebiet Abfallwirtschaft die Nutzbarmachung bislang nicht nutzbarer erneuerbarer Energien (Stichwort: Abschaltung von Windkraftanlagen bei Überangebot) wesentlicher Forschungsgegenstand. Der regenerativ erzeugte Strom soll zur Gewinnung von Wasserstoff eingesetzt werden. Dieser wird unter Reaktion mit CO2 zur Erzeugung von Methan eingesetzt. Mit Methan als gasförmigem Energieträger, Kraftstoff oder chemischem Ausgangsstoff ist die Verknüpfung zu anderen Sektoren und Wirtschaftskreisläufen sehr gut möglich. Dadurch wird die indirekte Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen vorangetrieben und dessen Speicherung bzw. Transportierbarkeit verbessert.

Patentierte Technologie
Mit diesem Ziel kommt ein sogenanntes Rieselbettverfahren zur biologischen Methanisierung zum Einsatz, das im Fachgebiet Abfallwirtschaft entwickelt wurde und bereits patentrechtlich geschützt ist. Wesentliche Vorteile liegen in der hohen Produktgasqualität bei geringem Eigenenergieverbrauch und in der hohen Prozessstabilität, Steuerbarkeit und Flexibilität gegenüber den gegebenen fluktuierenden Randbedingungen. Zugleich ist mit der technologischen Lösung direkt die Verminderung von Treibhausgasemissionen verbunden. Daher ist die Nutzbarmachung von CO2 von hervorzuhebender Bedeutung, da es direkt als C-Quelle zur Gewinnung des Energieträgers Methan dient. Es kann von einer realen CO2-Kreislaufwirtschaft gesprochen werden.

Infolge der technologischen Entwicklungen und Optimierung des Rieselbettverfahrens der vergangenen Jahre am Fachgebiet wird die Integration in den Energieverbund von Windkraftanlagen, emissionsintensiven Industrieprozessen, Biogas-/Biomethananlagen bzw. mechanisch-biologischer Abfallbehandlungsanlagen zur Methaneinspeisung und Weiterleitung im Erdgasnetz angestrebt.

Starke Kooperationen
In Zusammenarbeit mit der GICON GmbH erfolgt momentan die Auslegung und Maßstabsübertragung auf anwendungsnahe Konzepte für verschiedene Standorte.
Konkret erfolgt die Bearbeitung einer Durchführbarkeitsstudie für die „Bedarfsgerechte Speicherung fluktuierender erneuerbarer (Wind-) Energie durch Integration der Biologischen Methanisierung im Rieselbettverfahren im Energieverbund in Schleswig-Holstein“ (WeMetBio-Projekt) zur Ermittlung eines effizienten und wirtschaftlichen Konzeptes unter Einbindung ausgewählter Projektstandorte.
Diese Studie stellt die Vorstufe und Vorbereitung einer Pilotanlage zur Erprobung dieser bioenergiebasierten Lösung als Baustein der ländlichen Energieversorgung dar. Projektpartner ist die Hochschule Flensburg, die neben ihrer lokalen Anbindung im „Windland Schleswig-Holstein“ die notwendige fachliche Kompetenz im Bereich der nachhaltigen Bioenergie- und Systemintegration einbringt.

Pressekontakt:
Kathrin Schlüßler
Stabsstelle Kommunikation und Marketing
T +49 (0) 355 69-2115
kathrin.schluessler@b-tu.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
PD Dr.-Ing. habil. Marko Burkhardt
Abfallwirtschaft
T +49 (0) 355 69-4328
burkhardt@b-tu.de

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IAB-Arbeitsmarktbarometer: Arbeitsmarktentwicklung bleibt stabil

Marie-Christine Nedoma, Jana Bart und Pia Kastl Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)
Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist im Dezember um 0,5 Punkte auf 101,0 Punkte gestiegen. Damit signalisiert der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine leichte Aufwärtsentwicklung am Arbeitsmarkt über die ersten Monate des Jahres 2021.

„Die Arbeitsagenturen erwarten im zweiten Lockdown keinen erneuten Einbruch des Arbeitsmarkts“, sagt Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“. Viele Betriebe würden ihre Beschäftigten halten, unterstützt durch Kurzarbeit und Stützungsmaßnahmen. „Inzwischen wissen wir, woran wir mit einem Lockdown sind. Und heute können wir damit rechnen, mit den Impfungen die Pandemie in den Griff zu bekommen“, erklärt Weber die robuste Arbeitsmarktentwicklung. Zu beachten sei allerdings, dass der Befragungszeitraum in der ersten Dezemberhälfte endete, bevor die Verschärfung des Lockdowns beschlossen wurde.
Die Komponente des IAB-Arbeitsmarktbarometers zur Vorhersage der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit konnte im Dezember um 0,7 auf 102,4 Punkte zulegen. Der Trend fallender Arbeitslosigkeit dürfte sich fortsetzen. Die Beschäftigungskomponente des IAB Arbeitsmarktbarometers stieg im Dezember im Vergleich zum Vormonat um 0,3 auf 99,5 Punkte. Damit liegt sie nur noch leicht unter der neutralen Marke von 100 Punkten. Vor der Krise waren allerdings Werte weit über 100 erreicht worden. „Die Corona-Einschränkungen und die tiefgreifende wirtschaftliche Transformation in Bereichen wie Automobil oder Handel stellen den Arbeitsmarkt 2021 weiter vor Herausforderungen“, so Weber.
Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist ein seit November 2008 bestehender Frühindikator, der auf einer monatlichen Umfrage der Bundesagentur für Arbeit unter allen lokalen Arbeitsagenturen basiert. Während Komponente A des Barometers die Entwicklung der saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen für die nächsten drei Monate prognostiziert, dient Komponente B der Vorhersage der Beschäftigungsentwicklung. Der Mittelwert aus den Komponenten „Arbeitslosigkeit“ und „Beschäftigung“ bildet den Gesamtwert des IAB-Arbeitsmarktbarometers. Dieser Indikator gibt damit einen Ausblick auf die Gesamtentwicklung des Arbeitsmarkts. Da das Saisonbereinigungsverfahren laufend aus den Entwicklungen der Vergangenheit lernt, kann es zu nachträglichen Revisionen kommen. Die Skala des IAB-Arbeitsmarktbarometers reicht von 90 (sehr schlechte Entwicklung) bis 110 (sehr gute Entwicklung).

Weitere Informationen:
http://www.iab.de/presse/abzeitreihe
http://www.iab.de/presse/abgrafik

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