Mittwoch, Oktober 21, 2020
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Newsticker September 2007

Newsticker vom September 2007

Die Themen im Überblick:

25 Schimmelpilz-Giften auf der Spur:
24 Katastrophenvorsorge im Klimawandel
23 „Niederschlagsmessung und -vorhersage für die Hochwasserwarnung“
22 Arbeitslosigkeit vermeiden, aber nicht um jeden Preis
21 Genveränderung setzt Pflanzenschutzmittel außer Kraft
20 Kontrollen der Länder decken Verstöße gegen das Pflanzenschutzrecht auf
19 Gewerkschaften stellen Index „Gute Arbeit
18 Lebensspendende Gesteine sorgen dafür, dass die Erde nicht zur Wüste wird
17 Nettolöhne – wo ist der Skandal?
16 Vögel können vermutlich das Erdmagnetfeld „sehen“
15 Kommen Sie der Grippe zuvor. Ab sofort und jedes Jahr
14 Die Zunahme von Schmerzen wird stärker als eine Abnahme registriert
13 Wie steht es um die Umwelt in Deutschland?
12 Auch Fledermäuse haben Herpes
11 Chemikalien in der Umwelt – Gefährdungen unseres Trinkwassers und der arktischen Tierwelt
10 Hauptakteur bei Allergien bekämpft auch Bakterien
9 Kein Konkurrent für Brot und Milch
8 Neuste Eisbeobachtungen aus der Arktis im Internet
Speichel – Diagnostisches Medium der Zukunft
6 Seehofer und Gabriel starten Bundeswettbewerb „Naturschutzgroßpro-jekte und ländliche Entwicklung“
5 Dick oder dünn – das Gehirn entscheidet mit
4 Deutsch-chinesische Co-Produktion gegen Treibhausgase
3 Biosprit aus der Region
2
Klare Wässer sind tief
Neue Methode erlaubt Prognose der Qualitätsentwicklung

1
Biologische Vielfalt im Dorf – Artenreichtum ist durch Nutzungswandel bedroht

 


Auch Fledermäuse haben Herpes

Josef Zens, Pressestelle des Forschungsverbundes Berlin e.V.
Forschungsverbund Berlin e.V.
24.09.2007

Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und Kollegen weisen acht neue Herpesviren bei den Flattertieren nach.
Weltweit sind Fledermäuse in den letzten Jahren zunehmend in das Interesse der Wissenschaft gerückt, unter anderem um ihre Rolle als Reservoirwirt potenzieller Krankheitserreger besser einschätzen zu können. In Europa gilt die Aufmerksamkeit bisher ausschließlich der Fledermaus-Tollwut. Das Vorkommen anderer Erkrankungen beziehungsweise infektiöser Erreger in diesen Tierspezies ist kaum bekannt.

Um den Einfluss von Fledermäusen auf die Verbreitung oder die mögliche Übertragung von Krankheitserregern auf andere Tierarten einschließlich des Menschen untersuchen zu können, hat das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) eine Projekt-Studie initiiert (Dr. Gudrun Wibbelt, Pathologie; Dr. Stephanie Speck, Bakteriologie). Die Studie soll das Auftreten möglicher Krankheiten und Krankheitserreger bei einheimischen Fledermäusen klären. Im Rahmen dieser Studie wurden in Kooperation mit Wissenschaftlern des Robert-Koch-Instituts (RKI) acht neue Herpesvirusstämme bei den untersuchten Fledermäusen entdeckt. Es handelt sich bei den neu beschriebenen Viren um die ersten Herpesviren, die jemals in Fledermäusen beschrieben wurden. Das Journal of General Virology veröffentlicht die Arbeit (J Gen Virol 2007; 88: 2651-2655).

Die Studie habe eine grundsätzliche Bedeutung, erläutert Gudrun Wibbelt: „Herpesviren wurden in vielen Säugetierarten sowie in Vögeln, Reptilien, Amphibien, Fischen und sogar in Weichtieren nachgewiesen. Aber ausgerechnet die Wirbeltierfamilie der Fledermäuse, die mit mehr als tausend Arten, nach der Gruppe der Nager, den zweitgrößten Artenreichtum aufweist, wurden bislang nicht untersucht.“ In ihrem Pilotprojekt untersuchten Wibbelt und Kollegen Tiere von acht europäischen Fledermausarten, die tot aufgefunden worden waren.

Lungengewebe von 25 dieser Tiere wurde mittels molekularbiologischer Methoden auf Herpesviren (Dr. B. Ehlers und Dr. A. Kurth, RKI) untersucht; 21 dieser Individuen stammten aus dem Großraum Berlin, 4 aus der Gegend um Freiburg. Mehr als die Hälfte der toten Tiere wiesen Anzeichen einer Lungenentzündung auf.
Die Untersuchungen zeigten bei 15 Tieren eine Infektion mit bislang unbekannten Herpesviren, sieben davon Gamma-Herpesviren, eines ein Beta-Herpes-Virus.

Weitere Analysen befassten sich mit den Verwandtschaftsverhältnissen der Viren. Es zeigte sich, dass das Beta-Herpesvirus entfernt mit jenen Erregern verwandt ist, die auch den Menschen befallen können. „Im Moment wissen wir nicht, ob die Viren bei den Tieren Erkrankungen hervorriefen“, sagt Wibbelt. Herpesviren können nach der Ursprungsinfektion in ein latentes Infektionsstadium übergehen; das weiß jeder, der unter Lippenbläschen leidet. Wibbelt: „Es könnte sein, dass auch bei den Fledermäusen eine latente Infektion im Körper vorhanden war.“

Andererseits könne man auch nicht ausschließen, dass die Befunde einer Lungenerkrankung mit den Viren zusammenhängen. Das sollen nun weitere Studien klären. Generell rät Gudrun Wibbelt zur Vorsicht, weil Fledermäuse auch Tollwut übertragen können. Zugleich jedoch warnt sie vor Panik vor diesen nützlichen Tieren, von denen eines in einer einzigen Nacht bis zu viertausend Mücken verschlingen kann. „Es ist außerordentlich selten, dass sich jemand durch den Kontakt mit einer Fledermaus mit Tollwut ansteckt, für ganz Europa sind in den letzten Jahrzehnten nur vier Einzelfälle dokumentiert.“

Sie urteilt über die Gefährlichkeit der neuen Herpesvirusstämme für Menschen: „Herpesviren sind äußerst wirtsspezifisch. Sie haben sich in ihrer Evolution jeweils an eine bestimmte Tierart oder den Menschen streng angepasst, daher ist es unwahrscheinlich, dass diese Viren beim Menschen eine Erkrankung auslösen.“

Quelle: Gudrun Wibbelt et al.: Discovery of herpesviruses in bats (in J Gen Virol 2007; 88: 2651-2655).

Kontakt: Dr. Gudrun Wibbelt, IZW, 030 / 5168-211, Mail: wibbelt@izw-berlin.de

Medienvertreter, die Bilder wünschen, wenden sich bitte an Steven Seet vom IZW, 030 / 5168-108 (seet@izw-berlin.de)

URL dieser Pressemitteilung: http://idw-online.de/pages/de/news226878

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Chemikalien in der Umwelt – Gefährdungen unseres Trinkwassers und der arktischen Tierwelt

Dr. Renate Hoer, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.
24.09.2007

Einen Bogen von Stoffumwandlungen in einzelnen Umweltkompartimenten bis hin zur Stoffbewertung und von lokalen bis hin zu globalen Problematiken spannt die Jahrestagung der Fachgruppe Umweltchemie und Ökotoxikologie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) vom 26. bis 28. September 2007 in Osnabrück. In rund 70 Vorträgen und über 50 Posterbeiträgen werden von den erwarteten 200 Teilnehmern Methoden, Konzepte und Bewertungen vorgestellt und diskutiert. Für das Programm zeichnet das wissenschaftliche Komitee unter Vorsitz von Professor Dr. Michael Matthies, Institut für Umweltsystemforschung der Universität Osnabrück, verantwortlich.

In den beiden Plenarvorträgen werden umweltchemische und ökotoxikologische Aspekte jeweils aktueller Problemfelder aufgegriffen, vor unserer Haustür und – bedingt durch den Ferntransport von Chemikalien in der Atmosphäre – weit entfernt, nämlich in der Arktis: Privatdozent Dr. Thomas Heberer vom Bundesinstitut für Risikobewertung, Fachgruppe „Rückstände von Arzneimitteln“, Berlin, spricht zu Vorkommen, Verbleib und Bewertung von Human- und Veterinärarzneimittelrückständen in der Umwelt, und Professor Dr. Roland Kallenborn, Universitätszentrum auf Spitzbergen, Norwegen, erläutert Ursachen und Konsequenzen der Verschmutzung der Arktis mit Chemikalien, jeweils mit anschließenden Diskussionsforen.
In beiden Vorträgen werden schleichende Risiken thematisiert: Weil geringste Stoffmengen aus vielen Quellen sich zu signifikanten Mengen addieren und über lange Zeit in der Umwelt anreichern können, besteht Handlungsbedarf; denn zukünftige Generationen könnten vor unlösbare Probleme gestellt werden. Über Emissionen in die Umwelt können nicht nur die Ökosysteme, sondern auch die menschliche Gesundheit gefährdet werden.
Entsprechend wurde von den Vereinten Nationen 1992 anlässlich der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro das Vorsorgeprinzip für Umweltchemikalien zur Umsetzung in nationales und internationales Recht empfohlen (Kapitel 19 der Agenda 21, der Blaupause für eine global nachhaltige und zukunftsverträgliche Entwicklung). Diesen Kontext thematisiert in einem Abendvortrag mit dem Titel „Umweltchemie und Nachhaltigkeit im Spannungsfeld von Politik und weltweitem Wettbewerb“ Ernst Schwanhold, Leiter des Kompetenzzentrums Umwelt, Sicherheit und Energie der BASF, ehem. MdB und Vorsitzender der Enquête-Kommission des Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“.

Anlässlich der Tagung verleiht der Vorsitzende der Fachgruppe Umweltchemie und Ökotoxikologie, Professor Dr. Gerhard Lammel, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg, und Masaryk-Universität Brno (Tschechien), den Förderpreis für junge Wissenschaftler an Dr. Doris Völker, Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle. Sie hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit ein Verfahren entwickelt, das hilft, die bislang notwendigen Fischtests für die Umweltrisikoprüfung in Zulassungsverfahren von Industriechemikalien, Pestiziden, Bioziden und Pharmaka deutlich zu verringern. Dies könnte für das europäische Verfahren zur Zulassung von Chemikalien, REACh, von Bedeutung werden.

In Vortragsblöcken und Postersitzungen werden auf der Tagung die Schwerpunkte chemische Umwandlungen und Verfrachtungen in Luft, Wasser und Boden, biologische Wirkungen in terrestrischen und aquatischen Ökosystemen, Bioindikation, Risikobewertung, Umweltgesetzgebung und nachhaltig zukunftsverträgliche Konzepte der Chemiewirtschaft (sog. Nachhaltige Chemie) bearbeitet. Untersuchungen zu Umwandlung und Verfrachtung von Chemikalien in und zwischen Umweltkompartimenten umfassen Experimente im Labor, Probenahme während Messkampagnen oder im Rahmen von Messnetzen (sog. Monitoring) an Hotspots (z.B. Altlastenstandorten) oder an weniger belasteten Orten, Analytik im Labor oder auch im Feld und numerische Simulationen (d.h. Modellentwicklung und -anwendung). Unter Risikobewertung wird die Zusammenführung von Umweltexposition, biologischen Wirkungen und Schutzzielen verstanden. Die Tagung schließt mit der Prämierung der besten ausgestellten Poster.

Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) gehört mit über 27.000 Mitgliedern zu den größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Sie hat 25 Fachgruppen und Sektionen, darunter die Fachgruppe Umweltchemie und Ökotoxikologie mit knapp 900 Mitgliedern. Anliegen dieser Fachgruppe ist u.a., alle an Umweltchemie und Ökotoxikologie interessierten Wissenschaftler und Praktiker zusammenzuführen und somit das gesamte Wissensgebiet voranzubringen. Die Fachgruppe will helfen, Kenntnislücken auszufüllen über Eintrag, Verteilung, Umwandlung und Verbleib von chemischen Stoffen in der Umwelt und über die Einwirkungen von Stoffen auf Lebewesen und Lebensräume.
Weitere Informationen:
http://www.gdch.de

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Hauptakteur bei Allergien bekämpft auch Bakterien

Hannes Schlender (Pressesprecher), Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
24.09.2007

Mastzellen spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Infektionen

Bestimmte Zellen des Immunsystems – die sogenannten Mastzellen – spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Allergien. Wissenschaftler am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) konnten jetzt erstmals nachweisen, dass Mastzellen aber auch eine wichtige Funktion bei der Abwehr bakterieller Infektionserreger haben: Sie locken mit Hilfe chemischer Botenstoffe weitere Zellen an den Infektionsherd, die die Eindringlinge zerstören und unschädlich machen.
In den Industrienationen leiden immer mehr Menschen unter Allergien. Bei dieser Fehlfunktion des Immunsystems reagiert der Körper auf harmlose Stoffe wie Blütenpollen oder Bestandteile der Nahrung, als würden Bakterien oder Viren einen Angriff starten: Mastzellen werden fälschlicherweise alarmiert. Sie schütten Substanzen aus, die weitere Teile der körpereigenen Krankheitsabwehr mobilisieren. Die Blutgefäße erweitern sich; es kommt zu Entzündungsreaktionen und Atemnot – den klassischen Symptomen eines allergischen Schocks.

Bisher wussten Forscher nur von dieser unrühmlichen Funktion der Mastzellen. „Uns war zwar klar, dass dieser Zelltyp bei der bakteriellen Infektabwehr irgendeine Rolle spielen muss“, erklärt der Projektleiter am HZI, Dr. Siegfried Weiß. „Aber welche das ist – da tappte die Wissenschaft bisher im Dunkeln.“ Für den wissenschaftlichen Durchbruch untersuchten Weiß und seine Mitarbeiter Labormäuse. „Die Tiere haben genauso wie wir Menschen im Grunde zwei Immunsysteme, ein angeborenes und ein durch die Abwehr von Infektionserregern antrainiertes“, so Weiß: „Die Mastzellen gehören zum angeborenen Immunsystem, das besonders schnell aber dafür auch unspezifisch auf Krankheitserreger reagiert.“

Um dem Geheimnis der Mastzellen auf die Spur zu kommen, entfernte Dr. Nelson Gekara, Wissenschaftler in Weiß? Abteilung, bei Versuchstieren die Mastzellen. Danach infizierte er die Mäuse mit Listeria-Bakterien. Die Tiere konnten die Mikroorganismen bei weitem nicht so gut bekämpfen wie eine Vergleichsgruppe, die noch Mastzellen besaßen. „Bei diesen Mäusen haben wir uns dann die Mastzellen mal im Detail angesehen“, erläutert Gekara seine weitere Arbeit: „Sie hatten selbst gar keine Listerien zerstört.“ Die Mastzellen machten vielmehr denselben Job wie bei einer Allergie – sie sonderten Botenstoffe ab: Damit lockten sie andere Bestandteile des Immunsystems an – wie beispielsweise Fresszellen – und aktivierten sie. „Und diese Immunzellen haben dann die Listerien aufgenommen, zerkleinert und unschädlich gemacht“ beschreibt Gekara die Wirkung.

Zwar hat die Wissenschaft Mastzellen bisher nur mit dem Krankheitsbild Allergie in Verbindung gebracht. „Aber uns war klar, dass der Körper normalerweise keine Waffen auf sich selbst richtet“, erläutert Siegfried Weiß: „Allergien und damit die Fehlfunktion der Mastzellen sind eine Folge unserer Hygiene. In einer Umgebung mit höherer Keimbelastung haben die Mastzellen genug Infektionen zu bekämpfen, so dass sie sich nicht auf harmlose Stoffe einschießen. Bei einem `zivilisierten? Menschen langweilen sie sich gewissermaßen – und bekämpfen dann auch mal Pollen oder Nahrungsbestandteile.“

Bildmaterial finden Sie unter
http://www.helmholtz-hzi.de/de/presse_und_oeffentlichkeit/pressemitteilungen/ansicht/article/complete/hauptakteur_bei_allergien_bekaempft_auch_bakterien/

Originalartikel:
Nelson O. Gekara and Siegfried Weiss: Mast cells initiate early anti-Listeria host defences; Cellular Microbiology, Online Early Articles; doi: 10.1111/j.1462-5822.2007.01033.x
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz-hzi.de

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Kein Konkurrent für Brot und Milch

Klaus Rümmele, Kommunikation und Marketing
Karlsruher Institut für Technologie
20.09.2007

Eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie belegt: Der Energieträger Biomasse wird immer wichtiger. Die in gleichem Maße zunehmenden Nutzungskonflikte könnten neuartige Biokraftstoffe entschärfen.
Biomasse wird ihre Stellung als Deutschlands regenerativer Energieträger Nr. 1 weiter ausbauen. Zugleich verschärft sich damit die Konkurrenz zwischen Energieproduzenten und Nahrungsmittelerzeugern um die Nutzung der land- und forstwirtschaftlichen Anbauflächen. Einen Ausweg aus diesem Konflikt eröffnen neuartige Biokraftstoffe, denn sie werden aus Stroh und Waldrestholz gewonnen. Dies sind die Hauptergebnisse einer jetzt veröffentlichten, vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg geförderten Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Das KIT ist die Kooperation von Forschungszentrum Karlsruhe und Universität Karlsruhe.

Biomasse wird ihre Stellung in Deutschland als vielfältig nutzbarer und mengenmäßig wichtigster regenerativer Energieträger in den kommenden Jahrzehnten weiter ausbauen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe durchgeführte Studie. „Damit wird sich jedoch auch die Frage zuspitzen, ob auf unseren Feldern Nahrungs- oder Energiepflanzen angebaut werden sollen“, sagt Dr. Ludwig Leible (ITAS), wissenschaftlicher Leiter der Studie. Diese ethisch, aber auch verbraucherpolitisch brisante Problemlage können Biokraftstoffe der so genannten zweiten Generation entschärfen helfen. Ihr großes Plus: Für Brot und Milch sind sie keine Konkurrenten.

Die neuartigen, vollsynthetischen Biokraftstoffe werden – im Gegensatz zu Biodiesel aus Raps oder Bioethanol aus Mais – aus Stroh und Waldrestholz hergestellt. Diese Stoffe kommen weder als Nahrungs- oder Futtermittel infrage, noch beanspruchen sie zusätzliche Anbauflächen. Darüber hinaus sind Biokraftstoffe der zweiten Generation reiner, umweltverträglicher und anpassungsfähiger (etwa an strengere CO2-Grenzwerte) als Kraftstoffe auf Erdölbasis. Projektleiter Ludwig Leible: „Mit den neuen Biokraftstoffen können wir unabhängiger vom Erdöl werden und die CO2-Emissionen im Straßenverkehr gemäß den Zielvorgaben der EU senken, ohne unsere Äcker zu Tankstellen zu machen.“

Was die Wettbewerbsfähigkeit des Biosprits angeht, so ist der ökonomische „Break even“ den Berechnungen der KIT-Wissenschaftler zufolge noch nicht erreicht, aber in Sichtweite: Eine effiziente Erfassung und Verteilung der Biomasse vorausgesetzt, könnte Diesel aus Stroh und Waldrestholz bereits heute für ca. 1 Euro pro Liter hergestellt werden. Mit herkömmlichem Diesel wäre er damit ab Rohölpreisen von 130 Dollar pro Barrel (derzeit: rund 78 Dollar) konkurrenzfähig, und zwar ohne Subventionen wie die Mineralölsteuerbefreiung.

Als Fazit ihrer Untersuchungen plädieren die KIT-Wissenschaftler dafür, die Entwicklung innovativer Technologien zur Kraftstoffgewinnung aus Biomasse zu forcieren. Dies gilt nicht zuletzt für das am Forschungszentrum Karlsruhe entwickelte bioliq®-Verfahren. „bioliq®“, so Ludwig Leible, „bietet den zusätzlichen Vorteil einer dualen Nutzungsoption: Je nach Bedarf kann die Biomasse zu Kraftstoff oder zu wichtigen chemischen Grundstoffen wie Methanol verarbeitet werden.“ Im Rahmen des KIT-Zentrums Energie wird das bioliq®-Verfahren derzeit zur Marktreife geführt.

In der Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) sind die Arbeiten zur Biomasse dem KIT-Zentrum Energie (Themenfelder „Technologien zu Erneuerbaren Energien“ und „Energie-Systemanalysen“) zugeordnet. Das im Aufbau befindliche KIT-Zentrum Energie bildet mit einem Jahresbudget von rund 160 Mio. Euro den größten Forschungsverbund innerhalb des KIT. Anspruch der KIT-Energieforscher ist es, die Energieforschung in Deutschland und Europa anzuführen und maßgeblich zu gestalten. Dabei gehört es zu den besonderen Stärken der KIT-Forschung, neue Ansätze wie das bioliq®-Verfahren nicht nur technologisch zu entwickeln, sondern auch umfassend zu bewerten. Derartige Analysen des Innovationspotenzials und der Risiken einer Entwicklung, aber auch die Einordnung in das technische und gesellschaftliche Umfeld sind ein spezifischer Kompetenzbereich des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse.

Die Studie „Kraftstoff, Strom und Wärme aus Stroh und Waldrestholz – eine systemanalytische Untersuchung“ (Verlag Forschungszentrum Karlsruhe, Reihe „Wissenschaftliche Berichte“, Nr. 7170) kann beim Forschungszentrum Karlsruhe angefordert werden. Unter http://www.itas.fzk.de/deu/lit/2007/leua07a.pdf ist sie auch online verfügbar.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist der Zusammenschluss zwischen der Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe. Gemeinsam arbeiten hier 8000 Beschäftigte mit einem jährlichen Budget von 600 Millionen Euro. Im KIT bündeln beide Partner ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten und Kapazitäten, richten die dafür optimalen Forschungsstrukturen ein und entwickeln gemeinsame Strategien und Visionen.

Mit KIT entsteht eine Institution international herausragender Forschung und Lehre in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. KIT soll Attraktionspunkt für die besten Köpfe aus der ganzen Welt werden, neue Maßstäbe in Lehre und Nachwuchsförderung setzen und das führende europäische Zentrum in der Energieforschung bilden. Im Bereich der Nanowissenschaften will KIT eine weltweit führende Rolle einnehmen. Ziel von KIT ist es, einer der wichtigsten Kooperationspartner für die Wirtschaft zu sein.
Justus Hartlieb
Weitere Informationen:
http://www.kit.edu

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Neuste Eisbeobachtungen aus der Arktis im Internet

Eberhard Scholz, Pressestelle
Universität Bremen
19.09.2007

Der 21. September 2007 ist zum ersten internationalen Polartag erklärt worden. Er findet im Rahmen des laufenden internationalen Polarjahres statt. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung des Meereises – und das ist nur allzu berechtigt. Denn die Nachrichten sind dramatisch: Die seit Jahren rückläufige Eisausdehnung in der Arktis hat in diesem Jahr ein neues historisches Minimum erreicht. Eine der Konsequenzen ist, dass die Nordwestpassage, der Seeweg vom Atlantik in den Pazifik durch das kanadische Inselarchipel, seit Mitte August eisfrei ist und von Handelsschiffen befahren werden kann. Bislang kam das im Sommer höchstens für einen oder wenige Tage vor, jedoch noch nie über einen so langen Zeitraum wie in diesem Jahr.

Das Institut für Umweltphysik (IUP) der Universität Bremen beschäftigt sich seit langem mit der Beobachtung der Atmosphäre und des Meereises in beiden Polargebieten. In der Abteilung Erdfernerkundung unter der Leitung von Professor Justus Notholt werden in der Arbeitsgruppe von Dr. Georg Heygster seit 2003 täglich aktuelle Meereiskarten erstellt. Jeder Interessierte kann diese im Internet unter www.iup.uni-bremen.de:8084/amsr/amsre.html ansehen und die Entwicklung aktuell verfolgen. Zusätzlich ist das komplette Archiv online, so dass jeder die historischen Karten seit 2003 verfolgen kann. Grundlage der Karten sind Messungen des japanischen Mikrowellensensors AMSR-E auf dem NASA-Satelliten AQUA. Die Karten werden von einer weltweiten Nutzergemeinschaft geschätzt. Darunter sind Forschungsinstitute, und Wetter- und Eisdienste und Reedereien. Die Karten des IUP sind seit kurzem Bestandteil des ESA-Projekts Polar View, einem integrierten Dienst zur Überwachung und Vorhersage in den Polargebieten auf der Grundlagen von Erdbeobachtungsdaten von Satelliten. Polar View unterstützt Entscheidungsfindung und Planung, etwa zur Navigation, und zur Anpassung an den Klimawandel, der in der Arktis besonders ausgeprägt ist.

Zusätzlich zu den globalen Karten von Arktis und Antarktis unterstützt das IUP mit zahlreichen Spezialkarten verschiedenen Expeditionen. So gibt es zum Beispiel täglich eine Karte, die um die aktuelle Position des Forschungsschiffes Polarstern des AWI zentriert ist, zur Zeit bei 84°N, also etwa 700 km vom Nordpol entfernt.

Mehr Informationen zum „Polar Day“ gibt es unter http://www.ipy.org/index.php?/ipy/detail/sea_ice

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Physik/Elektrotechnik
Institut für Umweltphysik
Prof. Dr. Justus Notholt
Tel. 0421 218 8982
E-Mail: notholt@uni-bremen.de
Dr. Georg Heygster
Tel. 0421 218 3910 oder – 4274
E-Mail: heygster@uni-bremen.de
http://www.iup.uni-bremen.de:8084/amsr/amsre.html

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Speichel – Diagnostisches Medium der Zukunft

Markus Brakel, Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e.V.
18.09.2007

Symposium zum Deutschen Zahnärztetag Düsseldorf 2007
Düsseldorf. Speichel – igitt – wer mag sich mit so einem ekelhaften Schleim überhaupt beschäftigen – Zahnärzte gezwungenermaßen durch ihren von der Öffentlichkeit gleichfalls nicht besonders geliebten Beruf vielleicht? In Wahrheit ist Speichel als Produkt der großen, paarig angelegten Kopfspeicheldrüsen und vieler, in der Mundhöhle verteilten, kleinen Speicheldrüsen, eine in ihrer Bedeutung bisher weithin unterschätzte und bislang nahezu unentdeckte Körperflüssigkeit mit großem diagnostischen Potential. Betrachtet man den derzeitigen Trend, so sieht es so aus, als ob Speichel sogar dem Blut den bevorzugten Rang als diagnostisches Fenster zu den Vorgängen im Körperinneren streitig machen könnte.

Dies kommt vor allem daher, dass Speichel so problemlos und ohne invasive Maßnahmen zu gewinnen ist. Der Patient muss nur spucken. Das ist etwas, was jeder kann und was keine Mühe oder Überwindung kostet – und es ist billig. Kleinste Mengen genügen dafür. In der modernen Kriminalistik beispielsweise kann von der Rückseite einer abgeleckten Briefmarke oder vom Verschluss eines Briefumschlags die gesamte genetische Information einer Person in Form eines untrüglichen genetischen Fingerabdrucks abgelesen werden. In den Medien erfährt man immer häufiger, dass Täter aufgrund einer großangelegten Massenuntersuchung, bei der lediglich eine Speichelprobe abgegeben werden musste, aus vielen Tausenden von Individuen erfolgreich identifiziert und überführt worden konnten.

Speichel wird in der Medizin schon vielfach genutzt, zum Beispiel zur Diagnose von Stoffwechselerkrankungen oder zur Messung von Hormon- und Medikamentenspiegeln, was durch die Sportmedizin in der letzten Zeit leider eine traurige Berühmtheit erlangt hat. In den USA befinden sich sogar bereits kleine handgehaltene mikroelektronische Messgeräte in Entwicklung, die es in Zukunft auch einer Privatperson erlauben sollen, Erkrankungen wie Diabetes oder sogar Krebs frühzeitig zu entdecken. Darüber hinaus wird derzeit von der amerikanischen nationalen Gesundheitsbehörde, gesponsert durch ein Multimillionen Dollar wissenschaftliches Förderprojekt, die vollständige Entschlüsselung der im Speichel vorhandenen Proteine, des sogenannten Speichelproteoms, vorangetrieben. Man erhofft sich dort viel vom Speichel und so ist unsere Spucke plötzlich und unverhofft auch bei uns in Mode gekommen.

Um diesem Trend Rechnung zu tragen, lässt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ein Symposium mit dem Titel „Speichel – Diagnostisches Medium der Zukunft“ ausrichten. Namhafte Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Sparten der Humanwissenschaften möchten dort den neuesten Stand und die künftigen Perspektiven der Speichelforschung einem breiteren, interessierten Publikum zugänglich machen. Dabei geht es um die für die Mundhöhle und die Zähne so wichtige schützende Wirkung des Speichels, der die oralen Hart- und Weichgewebsoberflächen mit einem dünnen Film, der sogenannten Pellikel überzieht. Es wird eingegangen auf die vielfältigen Inhaltsstoffe der Mundflüssigkeit, auf die Bedeutung des Speichelproteoms, und mögliche Bedeutung für die Diagnostik allgemeinmedizinischer Erkrankungen aber natürlich auch auf die für den Zahnarzt so wichtige Früherkennung eines Karies- oder Parodontitisrisikos. Auch pharmakologische und toxikologische Aspekte der Speicheldiagnostik werden erörtert und der umstrittene Nachweis von Quecksilber aus Amalgamfüllungen wird wissenschaftlich hinterfragt. Besonders spannend wird es beim Einsatz von Speichelanalytik in der Anthropologie, wo es darum geht, unsere Verwandtschaftsbeziehungen zu Höhlenmenschen zu erforschen. Schließlich werden die Erkrankungen der Speicheldrüsen aus der Sicht des Pathologen dargestellt wobei ein besonderer zusätzlicher Schwerpunkt auf das für viele Patienten so lästige Symptom der Mundtrockenheit und besonders auf das zum rheumatischen Formenkreis gehörige Sjögren-Syndrom gelegt wird.

Das Symposium will dazu beitragen, die Wahrnehmung und die große Bedeutung dieser gerade für den Zahnarzt so wichtigen Körperflüssigkeit in Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zu fördern.

Verfasser: Prof. Dr. Stefan Ruhl

Nähere Informationen: http://www.dzaet07.de

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Seehofer und Gabriel starten Bundeswettbewerb „Naturschutzgroßpro-jekte und ländliche Entwicklung“

Franz August Emde, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesamt für Naturschutz
20.09.2007

Gemeinsame Presseinformation von Bundeslandwirtschaftsministerium,
Bundesumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz:

Berlin/Bonn 19. September 2007: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Bundesland-wirtschaftsminister Horst Seehofer haben heute gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Naturschutz, Hartmut Vogtmann, in Berlin den Bundeswettbewerb „Idee.natur – Naturschutzgroßprojekte und ländliche Entwicklung“ gestartet. Naturschutz-verbände, Stiftungen, Landkreise, Zweckverbände und andere regionale Interessensgrup-pen oder Partnerschaften sind dazu aufgerufen, für diesen Ideenwettbewerb neue Konzepte für Naturschutzgroßprojekte zu erarbeiten, die zugleich den Regionen auch Perspektiven für eine wirtschaftliche Entwicklung eröffnen.

Themenschwerpunkte des Wettbewerbs sind „Wälder“, „Moore“ und „Urbane/industrielle Land-schaften“. Die zehn besten Ideenskizzen werden im Mai 2008 von einer interdisziplinär besetzten Jury ausgewählt und mit je 10.000 Euro prämiert; fünf davon sollen nach einer weiteren Ausarbei-tung bereits ab Mitte 2009 umgesetzt werden. Dafür stellt das Bundesumweltministerium mehrere Millionen Euro pro Naturschutzgroßprojekt über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren bereit. Hinzu kommen Fördermittel des Bundeslandwirtschaftsministeriums für flankierende Vorhaben der ländlichen und regionalen Entwicklung in Höhe von insgesamt bis zu 5 Millionen Euro über eine Laufzeit von fünf Jahren.

„Wir wollen ein Zeichen setzen. Langfristig erfolgreicher Naturschutz ist integrativ. Wenn sich Naturschützer und Naturnutzer an einen Tisch setzen und von Anfang an gemeinsame Sache machen, können am Ende alle davon profitieren“, sagte Gabriel bei der Präsentation des Wettbewerbs. „Unsere Strategie ist seit Jahren darauf ausgerichtet, die Lebens- und Arbeitsbedin-gungen im ländlichen Raum zu verbessern. Eine intakte Natur ist da in jeder Hinsicht ein Pfund, mit dem man wuchern kann“, sagte Seehofer. Der Wettbewerb stellt eine bislang einmalige Form der Zusammenarbeit der beiden Ministerien dar. Die Umsetzung und fachliche Betreuung des Programms liegt in den Händen des Bundesamtes für Naturschutz.

Mit dem „Förderprogramm zur Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung“ unterstützt der Bund seit 1979 ausgewählte Regionen bei ihren Bemühungen, national besonders schützenswerte Naturräume und historisch gewachsene Kulturlandschaften großräumig zu sichern. Bundesweit gibt es derzeit 27 laufende und 36 erfolgreich abgeschlossene Naturschutzgroßprojekte mit einer Gesamtfläche von 216.000 Hektar. Bisher stellte der Bund dafür über 350 Millionen Euro an Fördermitteln bereit.

Ziel des Bundeswettbewerbs ist es, neue Naturschutzgroßprojekte zu den oben genannten Themenschwerpunkten einzuwerben, die bislang im BMU-Förderprogramm unterrepräsentiert bzw. neu sind. Wettbewerbsbeiträge, die die Integration von anspruchsvollen Naturschutzzielen und ländlicher Entwicklung beispielhaft und besonders überzeugend darstellen, haben dabei die größten Chancen auf eine Förderung. Abgabeschluss für die in der ersten Stufe geforderten Ideenskizzen ist der 31. Januar 2008.

Der Wettbewerb steht im zeitlichen Zusammenhang mit der 9. UN-Naturschutzkonferenz im Mai 2008 in Bonn. Als Gastgeber möchte Deutschland die internationalen Anstrengungen zum Schutz der Biodiversität unterstützen und national wesentliche Beiträge zum Naturschutz liefern.

Weitere Informationen und Bewerbungsunterlagen zum Bundeswettbewerb idee.natur – Zukunfts-preis Naturschutz sind auf der Website www.idee-natur.de erhältlich oder bei der Geschäftsstelle unter:
Tel.: 02233 / 4814 40
E-Mail: info@idee-natur.de

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Dick oder dünn – das Gehirn entscheidet mit

Dr. Gisela Olias, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke
20.09.2007

Regelkreis im Gehirn kontrolliert den Fettstoffwechsel direkt und unabhängig von der Nahrungsaufnahme

Potsdam-Rehbrücke – Das Gehirn kontrolliert die Fettspeicherung nicht nur über die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung, sondern auch direkt und unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Dies ist das Ergebnis einer neuen internationalen Studie, an der Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) federführend beteiligt sind. Wie die Forscher erstmals auf molekularer Ebene an Nagern nachwiesen, reguliert das Melanocortin-System, ein neuroendokriner Regelkreis im Gehirn, wie viel Zucker in Fett umgewandelt, in Fettzellen gespeichert oder im Muskel verbrannt wird. Das System tut dies direkt, schnell und unbeeinflusst von der Nahrungsaufnahme. Nach Aussage von Matthias Tschöp, Leiter der Studie, könnte eine genaue Kenntnis der molekularen Zusammenhänge neue Pharmakotherapien zur Behandlung von krankhaftem Übergewicht ermöglichen. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse nun in der aktuellen Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Clinical Investigation (Nogueiras and Wiedmer et al.,2007).
In Staaten mit „westlichem“ Lebensstil nimmt die Zahl übergewichtiger Menschen rapide zu. Hierdurch steigt auch die Zahl der Menschen, die an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmten Krebsformen leiden. Bislang gibt es jedoch noch keine sicheren Medikamente, die Übergewicht dauerhaft verhindern und so den damit verbundenen Erkrankungen wirksam vorbeugen. „Das Melanocortin-System ist ein naheliegender Angriffspunkt für Pharmakotherapien“, erklärt Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE. Seit langem wisse man, dass das Gehirn als übergeordnetes Organ das Energiegleichgewicht des Körpers kontrolliert, also die Balance zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch bestimmt. Bislang sei aber nicht bekannt gewesen, dass es auch darüber entscheidet, ob Fett oder Zucker zur Energiegewinnung genutzt wird.

Wie die vorliegende Studie nun erstmals auf molekularer Ebene zeigt, reguliert das Melanocortin-System das Gleichgewicht zwischen der zellulären Zuckeraufnahme, der Fettsynthese, der Fettspeicherung und dem Fettabbau in der Leber, im Muskel und im Fettgewebe. Eine erhöhte Aktivität des Systems stimulierte bei Versuchstieren die Fettverbrennung. Dagegen führte eine auf pharmakologischem oder genetischem Weg erzeugte verringerte Aktivität zu einer verstärkten Fettspeicherung. Dabei war die Zunahme der Fettmasse unabhängig von der Nahrungsaufnahme und ließ sich auf folgende Stoffwechseländerungen zurückführen:

1. eine verstärkte Fettsynthese in der Leber,
2. einen verminderten Energieverbrauch in den Muskeln (es wurde weniger Zucker/Glucose aufgenommen),
3. eine erhöhte Insulinsensitivität des weißen Fettgewebes,
4. eine erhöhte Fett- und Zuckeraufnahme ins weiße Fettgewebe, wodurch die Fettsynthese in diesem Gewebe stimuliert wurde

Zusätzlich untersuchte Tschöps Team den Energiestoffwechsel von Menschen, die aufgrund einer genetisch bedingten Störung des Melanocortin-Systems an massivem Übergewicht leiden. Das Ergebnis dieser Untersuchung lässt annehmen, dass die Gewichtszunahme der Betroffenen auf den gleichen oder ähnlichen Mechanismen beruht, die die Forscher bereits bei den Nagern beobachteten.

„Unsere Resultate erklären damit nicht nur, warum eine verminderte Melanocortin-System-Aktivität sogar ohne eine erhöhte Nahrungsaufnahme zu Übergewicht führen kann, sondern sie zeigen auch neue Ansatzpunkte für die Entwicklung wirksamerer Medikamente zur Kontrolle von Übergewicht auf. Diese werden dringend benötigt, um dem weltweit zunehmenden Problem Übergewicht Herr zu werden“, so Tschöp.

Hintergrundinformation:

Spezielle Nervensysteme in Regionen des Hirnstamms und im Hypothalamus* überprüfen beständig den Energiezustand des Körpers. Gleichzeitig senden sie in Abhängigkeit von den gemessenen Werten Signale aus, um Schwankungen in der Nährstoffversorgung auszugleichen. Diese Signale können zu Verhaltens- und/oder Stoffwechseländerungen führen.
Das Melanocortin-System ist eines der wichtigsten Nervensysteme im Gehirn, das die Nahrungsaufnahme und den Energiestoffwechsel kontrolliert. Melanocortin-Nervenzellen produzieren ein Protein, das Bindungspartner (Ligand) des Melanocortin-Rezeptors ist. Bei Menschen führen loss-of-function Mutationen im Gen des Melanocortin-4-Rezeptors (MC4R), bereits in jungen Jahren zu massivem Übergewicht, einer erhöhten Magermasse (Körpermasse minus Körperfett), Hyperphagie (Übermäßige Nahrungsaufnahme) und einer Hyperinsulinämie (Insulinkonzentration im Blut ist über das normale Maß hinaus erhöht).
Die Melanocortin-Nervenzellen selbst erhalten direkte Informationen vom afferenten Vagus Nerv, der Signale von den inneren Organen ans Gehirn sendet. Zudem empfangen sie endokrine** Signale (Leptin, Insulin, Cholecystokinin und Ghrelin), die über die verfügbare Energiemenge im Körper informieren.

*Der Hypothalamus ist eine kleine Hirnregion die im Zwischenhirn lokalisiert ist. Sie ist vermutlich das wichtigste Steuerzentrum des vegetativen Systems.

**endokrin: nach innen, ins Blut absondernd, Gegensatz: exokrin

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sind in Deutschland mittlerweile ca. 37 Millionen Erwachsene und rund 2 Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder adipös. Ein Viertel der Erwachsenen leidet an Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Bluthochdruck.
Bei knapp 5 Millionen Menschen in Deutschland ist derzeit ein Typ-2-Diabetes bekannt. Daneben ist mit einer Dunkelziffer in Millionenhöhe zu rechnen, da die Krankheit zu Beginn häufig ohne Anzeichen verläuft und erst mit jahrelanger Verzögerung erkannt wird. Der Typ-2-Diabetes führt häufig zu schwerwiegenden Komplikationen, wie Erblinden, Nierenversagen und Amputation von Gliedmaßen. Zudem sterben Diabetiker früher, vor allem an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören 83 außeruniversitäre Forschungsinstitute und forschungsnahe Serviceeinrichtungen. Diese beschäftigen etwa 13.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Stand 12/2006). Davon sind ca. 5.400 Wissenschaftler (inkl. 2.000 Nachwuchswissenschaftler). Leibniz-Institute arbeiten interdisziplinär und verbinden Grundlagenforschung mit Anwendungsnähe. Sie sind von überregionaler Bedeutung und werden von Bund und Ländern gemeinsam gefördert. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,1 Mrd. Euro pro Jahr. Die Drittmittel betragen etwa 225 Mio. Euro pro Jahr.

Näheres unter http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Kontakt:

Prof. Dr. Matthias H. Tschöp
Obesity Research Center
Department of Psychiatry
University of Cincinnati
Genome Research Institute
2170 East Galbraith Road
Cincinnati, Ohio 45237, USA
Phone: (513) 558 8648
E-mail: tschoemh@ucmail.uc.edu

Prof. Dr. Annette Schürmann
(Koautorin der Studie)
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Abteilung Pharmakologie
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
D-14558 Nuthetal
Tel.: ++49 (0)33200 88 368
E-Mail: schuermann@dife.de

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Deutsch-chinesische Co-Produktion gegen Treibhausgase

Christian Ernst, Pressestelle
Technische Universität Clausthal
20.09.2007

Hoher Besuch: Der chinesische Botschafter in Deutschland, Canrong Ma, und der Clausthaler Universitätspräsident Professor Edmund Brandt.

Goslar/Clausthal-Zellerfeld. Wohin mit dem Klimakiller Kohlendioxid? – unter die Erde anstatt in die Luft. Zu diesem Ergebnis kamen rund 100 chinesische und deutsche Wissenschaftler auf der Konferenz „Relevante Aspekte bei der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid und Erdgas“, die am heutigen Donnerstag in Goslar zu Ende geht. Veranstaltet wurde der Workshop von der TU Clausthal und der befreundeten Sichuan Universität. Das Seminar war zu diesem Themenbereich das erste, das außerhalb von China von der chinesischen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde. Es sollte ein Zeichen setzen für mehr Klimaschutz.
Chinas Botschafter in Deutschland, Canrong Ma, hob in seiner Eröffnungsrede den Umweltschutz als ein zentrales Anliegen der Regierung in Peking hervor. Sein Land, erklärte Ma, stellt mit 1,3 Milliarden Einwohnern etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung, der Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlendioxid liege derzeit bei einem Drittel des Durchschnittswertes westlicher Nationen. Da die Wirtschaft in China pro Jahr um etwa 10 Prozent und der Energieverbrauch um rund 5,5 Prozent wachse, „ist die unterirdische Lagerung der zunehmenden Treibhausgase ein sehr wichtiges Thema“, unterstrich der Botschafter. Von der Wissenschaft wünschte er sich Konzepte.

Der weltweit größte Verursacher von energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen sind noch die USA, gefolgt von China, Russland, Japan und Indien. Auf Platz sechs steht Deutschland, das damit in Europa am meisten Treibhausgase produziert. Mittel- bis langfristig sollen hierzulande fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Steinkohle, die in der Stromerzeugung Kohlendioxid freisetzen, mehr und mehr durch alternative Energieträger ausgetauscht werden. Eine kurzfristigere Möglichkeit, das Kohlendioxid von der Atmosphäre fern zu halten, wäre, es nach der Verbrennung aufzufangen und im Untergrund einzulagern. Als Lagerstätten bieten sich leere Salzstollen oder erschöpfte Öl- und Gasfelder an.

Beispielsweise in Norwegen wird seit Jahren nach modernen Entsorgungstechnologien geforscht. In Deutschland widmet sich unter anderem das europäische Projekt „CO2Sink“, das die Workshop-Teilnehmer in den nächsten Tagen in Ketzin bei Potsdam besuchen werden, der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid. „Noch ist allerdings keines der Verfahren industriereif“, sagte der Clausthaler Privatdozent Dr. Michael Z. Hou, der die Konferenz in Goslar organisierte. Der deutsch-chinesische Gedankenaustausch, an dem vier Universitätspräsidenten aus Fernost mitwirkten, „sollte auf Probleme aufmerksam machen, Anstöße geben und Brücken schlagen“, erläuterte Hou. Passend dazu teilte die Bundesregierung in dieser Woche mit, dass sie Technologien zur langfristigen Einlagerung von Kohlendioxid unterstützt und bis 2020 auf ein marktreifes Verfahren hofft.

Konkretes Ziel des Workshops in Goslar war es, weitere Kooperationsprojekte zwischen beiden Teilnehmer-Ländern anzuschieben. Ein gemeinsames Institut, das Chinesisch-Deutsche Energieforschungszentrum, haben der Clausthaler Universitätspräsident Professor Edmund Brandt und Professor Heping Xie, Chef der Sichuan Universität, bereits 2006 in Chengdu eröffnet. „Auf wissenschaftlicher Ebene läuft die Zusammenarbeit fantastisch, auf politischer Ebene sind festgeschriebene Klimaziele noch ein Problem“, sagte Dr. Hou.

Beleg für den guten Wissenschaftsaustausch war das herzliche Wiedersehen zwischen Zhimin Du, der Präsidentin der Südwest Erdöl Universität, und ihren deutschen Professoren-Kollegen Günter Pusch und Claus Marx. Frau Du hatte zwischen 1985 und 1988 ein Aufbaustudium an der TU Clausthal absolviert. Bewegte sich die Zahl chinesischer Gäste im Oberharz damals in kleinerem Rahmen, kommen heutzutage 20 Prozent der Clausthaler Studierenden aus dem Reich der Mitte, der Spitzenwert unter deutschen Hochschulen.

URL dieser Pressemitteilung: http://idw-online.de/pages/de/news226482

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Biosprit aus der Region

Anke Janssen, Pressestelle
Technologie-Transfer-Zentrum Bremerhaven
20.09.2007

ttz Bremerhaven initiiert mit Rockstedter Brennerei Modellvorhaben zur Herstellung von Bioethanol aus nachwachsenden Rohstoffen

Am ttz Bremerhaven startete in diesem Monat auf Initiative von Dr. Gerhard Schories, technischer Leiter des Bereiches Wasser-, Energie- und Landschaftsmanagement des ttz, ein Modellvorhaben zur Herstellung von Bioethanol im Raum Rothenburg. Gemeinsam mit der Brennerei Rockstedt verfolgt er das Ziel, Bioethanol im regionalen Konzept nachhaltig, kosteneffizient und ohne Entstehung von Abfallprodukten herzustellen. Der Prozess zur Produktion des Biokraftstoffs soll während des Projektzeitraumes von zwei Jahren verbessert werden. Schon jetzt sind Folgeprojekte zum Einsatz des Biosprits in der Region geplant.

Bremerhaven, September 2007. Bioethanol produziert aus nachwachsenden Rohstoffen kann kurzfristig dazu beitragen, den Ausstoß von klimarelevantem CO2 aus Kraftfahrzeugen deutlich zu reduzieren. Der neuartige PKW-Kraftstoff E85 (ein Gemisch von 85 Prozent Bioethanol und 15 Prozent Benzin) kann nach Umrüstung der Motorentechnik von vielen Benzinfahrzeugen als Kraftstoff alternativ zum herkömmlichen Benzin eingesetzt werden. Immer mehr Automobilhersteller bieten bereits E 85-taugliche Neufahrzeuge an, das nun auch im Raum Rothenburg hergestellt wird.

„Das Projekt soll aufzeigen, dass Bioethanol in kleinen und mittelgroßen landwirtschaftlichen Brennereien konkurrenzfähig zu Großanlagen produziert werden kann. Zentrale Aspekte sind dabei die Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsprinzipien und der regionale Charakter“, erläutert Projektleiter Wolfgang Schulz vom ttz Bremerhaven. Für ihn bedeutet Nachhaltigkeit vor allem geschlossene Stoffkreisläufe und Energiebilanzen. Für die Brennerei in Rockstedt hat das zahlreiche Auswirkungen: die nachwachsenden Rohstoffe zur Herstellung des Bioethanols kommen aus der Region. Auch die Energie zum Betrieb der Brennerei wird aus Rohstoffen produziert, die Landwirte in der Region anbauen. Dafür nutzen sie in der Regel Flächen, die normalerweise brach liegen und nicht für die Lebensmittel- oder Futtermittelproduktion verwendet werden. Die sogenannte Schlempe, die Rückstände nach der Destillation, wird von Viehzüchtern in der Landwirtschaft als Futtermittel eingesetzt. Denkbar wäre auch, sie als Düngemittel oder für den Betrieb einer benachbarten Biogasanlage zu nutzen, welche Energielieferant für die Brennerei ist. Das erzeugte Bioethanol soll letztlich direkt in der Region vertrieben werden. Im Rahmen des Projektes wird nun der Brennprozess im Detail bilanziert und hinsichtlich der technischen Konfiguration und Betriebsweise weiter optimiert, so dass die Energiekosten, die derzeit etwa ein Drittel der Produktionskosten ausmachen, weiter reduziert werden können.

Neben dem Ziel bei der Produktion von Bioethanol komplett auf fossile Energieträger zu verzichten und somit den Ausstoß von klimarelevantem CO2 beim Herstellungsprozess zu verringern, geht es auch um das wirtschaftliche Überleben landwirtschaftlicher Brennereien. „Davon gibt es in Deutschland rund achthundert. Mindestens hundert erfüllen die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Einsatz des Rockstedter Modells“, erläutert Schories. So kann dezentral, nachhaltig und kostengünstig Biosprit produziert werden. Dank der Nutzung von Reststoffen aus der Region und den geringen Transportkosten haben die kleinen Anlagen klare Vorteile gegenüber Großanlagen, die ihre Rohstoffe und den Biosprit oft über große Distanzen transportieren müssen. „Auf Ethanolimporte zum Beispiel aus Südamerika kann durch diese Konzeption zukünftig verzichtet werden. Außerdem können so Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen gesichert werden“, so Schories weiter.

Das Projekt wird von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V., dem Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit rund 84 Tausend Euro gefördert. Projektpartner sind neben dem ttz Bremerhaven als Koordinator, die Brennerei Rockstedt GmbH &Co. KG und die JHK Anlagenbau und Service GmbH & Co. KG aus Bremerhaven.

Das ttz Bremerhaven versteht sich als innovativer Forschungsdienstleister und betreibt anwendungsbezogene Forschung und Entwicklung. Unter dem Dach des ttz Bremerhaven arbeitet ein internationales Team ausgewiesener Experten in den Bereichen Lebensmitteltechnologie, Bioverfahrenstechnik, Analytik sowie Wasser-, Energie- und Landschaftsmanagement.

Weitere Informationen:
http://www.ttz-bremerhaven.de

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Klare Wässer sind tief

Neue Methode erlaubt Prognose der Qualitätsentwicklung

Tiefe Grundwässer, die bis zu Tausende Meter unter der Erdoberfläche schlummern, sind die größte und sauberste Süßwasserreserve der Welt. Deswegen sind sie begehrt, zum Beispiel bei Getränkeherstellern. Was es aber für ein tiefes Grundwasserreservoir bedeutet, angezapft zu werden, ist eine schwierige Frage, bei der die Forschung bislang im Trüben fischte. Neue Anlagen, die Geologen der Ruhr-Universität entwickelt haben, erlauben die Qualitätsmessungen in verschiedenen Tiefen und somit Schlüsse auf die künftige Entwicklung tiefer Grundwässer. Das wiederum ermöglicht ihren gezielten Schutz. Darüber tauschten sich die Experten auf dem „Grundwassertag“ aus, zu dem der Lehrstuhl für Hydrogeologie (Prof. Dr. Stefan Wohnlich) einlud.
Anzapfen kann Verunreinigung bedeuten

Oberflächennahe Grundwässer sind häufig durch menschlichen Einfluss verschmutzt. Besonders Nitrat aus den Düngern der Landwirtschaft beeinträchtigt seine Qualität. Außerdem sind die Reserven oft begrenzt, so dass man auf tiefer gelegene Grundwässer ausweicht. Sie liegen meistens schon seit sehr langer Zeit in großer Tiefe und sind daher sehr sauber. „Durch eine Wasserentnahme kann sich aber das hydraulische Strömungsregime ändern, so dass belastetes oberflächennahes Grundwasser rascher in diese größeren Tiefen vordringen kann“, erklärt Dr. Wolfgang Leuchs (Landesamt für Natur-, Umwelt und Verbraucherschutz, NRW). Zusätzlich können sich durch den Eintrag von Sauerstoff oder Nitrat die unter den Bedingungen in großer Tiefe stabilen Mineralphasen auflösen und zu einer weiteren Verschlechterung der Qualität beitragen.

Neue Methoden bringen Erkenntnisse über tiefe Wässer

Abgesehen davon, dass tiefe Grundwässer nach Ansicht von Experten nur im Ausnahmefall genutzt werden sollten, ist es daher wichtig, die Auswirkungen der Nutzung genau zu beobachten und die künftige Qualität des Grundwassers zu berechnen. Dazu haben Hydrogeologen der Ruhr-Universität eine sog. Multi-Level-Technik entwickelt, die verschiedene Messwerte in unterschiedlichen Tiefen ermittelt und so Schlüsse auf den Zustand tiefer Grundwässer zulässt. „Bisher wurde die ausgefeilte Technik bei Wasserwerken und Bergbaubetrieben bis Tiefen von ca. 70 Meter eingesetzt. Ein Projekt mit den Stadtwerken Willich machte es jedoch notwendig eine Multi-Level-Messstelle bis in eine Tiefe von ca. 170 m zu bauen“, so Prof. Dr. Frank Wisotzky vom Lehrstuhl für Hydrogeologie. Auch der Braunkohletagebau förderte Erkenntnisse über tiefe Grundwässer zutage. Da die Abbaugebiete bis in die tiefsten Sohlen entwässert werden müssen, kommt man zwangsläufig auch mit tiefen Grundwässern in Kontakt. „Mit der Entnahme von Grundwasser aus großer Tiefe wurde gleichzeitig das Erkundungs- und Beobachtungsprogramm erweitert, das zur Verdichtung der hydrogeologischen Kenntnisse beigetragen hat“, so Dr. Thomas Oswald (RWE-Power, Braunkohlenbergbau). So gewann man Erkenntnisse über die eigenständige Hydraulik in großer Tiefe und die Wassertemperaturen. In der Tiefe steigen sie normalerweise an. Unregelmäßigkeiten können z. B. auf vertikale Bewegungen des Wassers hindeuten.

Gezielter Schutz, wo er notwendig ist

Mit den neuen Erkenntnissen über das Verhalten von tiefen und oberflächennahen Grundwässern lassen sich auch gezielte Schutzmaßnahmen entwickeln. Im Raum Raesfeld etwa wird das Tiefenwasser mit jungem, oberflächennahem Wasser vermischt, das infolge landwirtschaftlicher Einträge erhöhte Nitratgehalte aufweist. „Daher werden in Kooperation mit der dortigen Landwirtschaft seit 1993 große Anstrengungen unternommen, die Nitrateinträge zu verringern“, erklärt Dipl.-Geol. Angela Herzberg (RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH). Im Raum Dorsten hingegen haben Messungen ergeben, dass solche Maßnahmen nicht nötig sind. Dort ist das Wasser aufgrund von besonderen geologischen Randbedingungen so lange in die tiefen Reservoirs unterwegs, dass keine solche Verunreinigung stattfindet.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Stefan Wohnlich, Institut für Geologie, Mineralogie und Geophysik der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-23294, Fax: 0234/32-14120, E-Mail: stefan.wohnlich@rub.de, Internet: